Das Zentralamt für Statistik (KSH) hat eine ausführliche Studie zum Lebensniveau der Privathaushalte im Jahre 2017 vorgelegt. Längs von Einkommenslage, Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung, Privatkonsum und subjektivem Wohlstandsempfinden entspannt sich eine Analyse, die insbesondere bei der Anwendung der Zeitleiste mit dem Ausgangsjahr 2010 eine gravierende Entwicklung belegt. Wenn man so will, hat das KSH allerhand Argumente zusammengetragen, warum die Orbán-Regierung und ihr Fidesz die Parlamentswahlen im Frühjahr erneut mit Zweidrittelmehrheit gewinnen konnten.

Arbeit macht reich

Das Bruttoeinkommen pro Kopf erreichte im vergangenen Jahr 1,644 Mio. Forint, woraus sich ein Nettoeinkommen von nahezu exakt 1,3 Mio. Forint ergibt. Das waren real wieder sechs Prozent mehr als 2016, gegenüber 2013 ergab sich sogar ein Sprung zum Nominalwert von nahezu einem Viertel. Dabei räumen die Statistiker mit Hinweis auf die lang anhaltenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 2008 ein, dass sich die Einkommenslage der ungarischen Privathaushalte tatsächlich erst ab 2013 spürbar bessern konnte. Tatsächlich legte das Nettoeinkommen pro Kopf seither in jedem Jahr um rund 50.000 Forint zu, 2017 sogar um gut 100.000 Forint. Zwar konnte 2011 ein ähnlicher nominaler Zuwachs verzeichnet werden, doch 2012 folgte absolute Stagnation.

Eine sehr relevante Aussage ist jene, dass die Einkommen aus Arbeit überdurchschnittlich zugenommen haben. Ihr Anteil an den Gesamteinkommen erreichte im Vorjahr 72 Prozent, im Vergleich zu 65 Prozent im Jahre 2010. Dahinter steht ein Sprung der nominalen Arbeitseinkommen von 755.000 Forint pro Kopf und Jahr auf 1,185 Mio. Forint, was 57 Prozent binnen sieben Jahren entspricht. Daneben muss sich die Dynamik bei der Zunahme der sogenannten gesellschaftlichen Einkommen, also der Transferleistungen wie Renten und Familienzuschüsse, verstecken: Diese erreichte nur 15 Prozent, was über den besagten Zeitraum betrachtet nicht mehr als einem Inflationsausgleich entspricht. Die „Sonstigen Einkommen“ schafften nicht einmal das: Mit 26.000 Forint im Jahr treten diese seit 2010 weitestgehend auf der Stelle und sind für die Betrachtung der Einkommensverhältnisse marginal.

Der Unterschied zwischen dem untersten und dem obersten Dezil der Gesellschaft belief sich in Bezug auf die Bruttoeinkommen 2017 auf das Zehnfache. Die den Familien gewährten Steuervergünstigungen senkten diese Differenz leicht. Im untersten Einkommensdezil erreichten die Bruttoeinnahmen kaum ein Viertel des Landesdurchschnitts, im obersten Dezil das Zweieinhalbfache. Die ärmsten Familien stützen sich obendrein zu weniger als der Hälfte auf Einkommen aus Arbeit, die nur 46 Prozent ihrer Gesamteinnahmen sichern. Bei den Reichsten erreicht der Anteil an Arbeitseinkommen derweil 80 Prozent.

Alleinerziehende haben es schwerer

Natürlich wirkt sich auf die Einkommensverhältnisse aus, dass die ärmsten Privathaushalte im statistischen Schnitt aus 3,2 Personen bestehen, während es die reichsten Haushalte nur auf 1,9 Personen bringen. Ähnlich wie aus den Lohnstatistiken bekannt weisen nur Haushalte ab dem siebten Dezil Einkommen über dem Landesdurchschnitt auf. Wenig überraschend bringen die alleinstehenden Männer das meiste Geld „nach Hause“: ein Nettoeinkommen von mehr als 1,75 Mio. Forint im Vergleich zu den durchschnittlichen 1,3 Mio. Forint pro Kopf und Jahr. Der Rückstand alleinstehender Frauen beträgt noch acht Prozent (1,62 Mio. Forint); 2016 waren es aber sogar noch dreizehn Prozent. Kinderlose Paare folgen mit 1,55 Mio. Forint pro Kopf an dritter Stelle; sobald ein Kind zur Familie gehört, verfehlt diese den Standardwert von 1,3 Mio. Forint. Kinderreiche Familien mit drei und mehr Kindern bringen es auf 855.000 Forint, das Schlusslicht aber bilden Haushalte Alleinerziehender mit Kindern, für die statistisch 830.000 Forint pro Kopf ermittelt wurden.

Am Arbeitsmarkt driften die Einkommen je nach höchstem Schulabschluss dramatisch auseinander: Akademiker weisen laut KSH mit 1,74 Mio. Forint ein doppelt so hohes Nettoeinkommen wie jene Bürger auf, die über die Grundschule nicht hinauskamen (885.000 Forint). Ein Abitur „garantiert“ demnach durchschnittliche Einkommensverhältnisse. Vier von fünf Ungarn leben in Haushalten, wo das Familienoberhaupt am Arbeitsmarkt aktiv ist und damit ein durchschnittliches Einkommensniveau sichern kann. Wo niemand arbeiten geht, halbiert sich das Einkommen (640.000 Forint pro Kopf).

In Ungarn bleiben zudem die regionalen Einkommensunterschiede eklatant: Liegen Budapester mit brutto 2,13 Mio. Forint dreißig Prozent über dem Landesdurchschnitt, bringen Einwohner der Nördlichen Tiefebene nicht einmal 1,35 Mio. Forint nach Hause. Nordungarn steht nur wenig besser da, zumal die Familien dort ein Drittel ihres Einkommens aus Sozialleistungen beziehen.

Deutsche nicht weniger armutsgefährdet

Zwar ist der Gini-Koeffizient seit 2010 von 26,9 auf 28,7 gestiegen, dennoch sind die Einkommen in Ungarn im Weltmaßstab betrachtet noch am gerechtesten verteilt. Wusste die Orbán-Regierung mit dem Armutsproblem zunächst nichts anzufangen, konnte sie die Quote der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen jedoch vom Tiefpunkt 2012 mit 34,8 Prozent bis auf 19,6 Prozent im Vorjahr senken. Nunmehr gilt noch ein Fünftel der Gesellschaft als armutsgefährdet – das ist im reichen Deutschland nicht anders! Darunter berührt die einkommensbedingte Armutsgefährdung mittlerweile weniger als 13 Prozent und damit dreieinhalb Prozentpunkte weniger Menschen, als im deutschen Sozialstaat. Der Anteil von Haushalten mit sehr geringer Erwerbsintensität ist hierzulande auf ein Rekordtief von 4,1 Prozent gefallen und hat sich in nur vier Jahren mehr als halbiert. Einzig beim Anteil der Personen, die unter erheblichen materiellen Entbehrungen leiden müssen (10,2 Prozent), haben die Ungarn noch einiges zu den Deutschen aufzuholen – dieser Teilaspekt des Armutsindikators wird zwar subjektiv mittels Selbsteinschätzung ermittelt, doch ist Ungarns Entwicklungsrückstand augenscheinlich.

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Die winterlich dekorierten Innenstädte verlocken zu Weihnachtseinkäufen. Dem Einzelhandel winken Rekordumsätze von weit über 1.000 Mrd. Forint. (Foto: MTI/ Balázs Mohai)


Die Armut bedroht vor allem Erwerbslose und inaktive Personen sowie Menschen mit geringem Bildungsstand. Wenngleich die Statistik bei den jüngsten Mitgliedern der Gesellschaft die größten Fortschritte aufzeigt, bleibt doch rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Mit schweren materiellen Entbehrungen muss jeder vierte Haushalt in Nordungarn leben, Einkommensarmut trifft jeden fünften Haushalt im Süden und Osten des Landes. Das Armutsrisiko berührt die Menschen in West-Transdanubien noch weniger als in der Hauptstadt (nur jeden achten Haushalt), während Zentral-Transdanubien weniger als zwei Prozent Haushalte mit geringer Erwerbsintensität (!) aufweist.

Sozialtransfers helfen den Kindern

Ein ungarnspezifisches Problem bleiben die Lebensumstände der Roma: Jeder zweite Angehörige der größten Minderheit im Lande muss mit erheblichen materiellen Entbehrungen leben. Das Risiko der Einkommensarmut liegt bei den Roma dreifach über dem Landesdurchschnitt, wohingegen als Erfolg der öffentlichen Arbeitsprogramme gewertet werden kann, dass 2017 nur noch jeder sechste bis siebte Zigeuner in einem Haushalt mit geringer Erwerbsbeteiligung lebte.

Das KSH berechnete die Armutsgrenze im vergangenen Jahr mit 1 Mio. Forint für Alleinstehende und mit 2,1 Mio. Forint für Familien mit zwei Kindern. Ohne die Sozialtransfers aus dem Staatshaushalt (hier finden Renten keine Berücksichtigung) wäre jeder vierte Ungar einkommensarm, im Kreis der Kinder und Jugendlichen würde es gar 40 Prozent treffen. Die Transfers entfalten tatsächlich ihren größten Effekt unter den Kindern, deren Armutsrisiko durch das Eingreifen des Staates gedrittelt wird.

Es wird kräftiger konsumiert

Ob mit oder ohne Sozialleistungen hat der Privatkonsum seit 2010 im Realwert um ein Viertel zugenommen und im Vorjahr 1,1 Mio. Forint pro Kopf der Bevölkerung erreicht. Dieser Anstieg ist umso bemerkenswerter, weil der Verbrauch bis 2012 im Zuge der Weltwirtschaftskrise real stagnierte und erst seit 2014 markant zulegt. Eine positive Verschiebung der Konsumstruktur zeigt sich darin, dass die grundlegenden Bedürfnisse (Lebensmittel, Wohnen, Verkehr) aktuell noch einen Anteil von 56 Prozent an den Konsumausgaben erreichen, welcher nach der Krise noch 60 Prozent betrug. Pro Kopf gaben die ungarischen Haushalte 2017 nach KSH-Angaben insgesamt 273.000 Forint für Grundnahrungsmittel, 222.000 Forint für Wohnung und Energiekosten sowie 129.000 Forint für den Verkehr (darunter 60 Prozent an der Tankstelle) aus.

Der Durchschnittsungar verspeist über das Jahr hinweg 61 kg Fleisch, 53 kg Gemüse (woran Kartoffeln mehr als die Hälfte stellen), 49 kg Obst, 37 kg Brot und 16 kg Backwaren. Nach den Einkommensdezilen geben die Ärmsten in zwölf Monaten nur 160.000 Forint für Lebensmittel aus, die Reichsten hingegen über 400.000 Forint. Bei den Wohnungsausgaben ergibt sich eine nahezu dreifache Diskrepanz, am gravierendsten ist die Spanne jedoch in Bezug auf den Verkehr, wo 40.000 Forint bei den Ärmsten Ausgaben von 260.000 Forint bei den Reichsten gegenüberstehen.

Glücklich und friedlich

Zu einem Wohlfahrtsbericht gehört schließlich auch die Selbsteinschätzung der Lebenslage, wofür bereits aktuelle Zahlen aus diesem Jahr vorliegen. So ist der Durchschnittswert der Zufriedenheit signifikant auf 6,5 Punkte (auf einer Skala von 0 bis 10) gestiegen und hat sich zwischen Frauen und Männern angeglichen. Die jungen Leute bleiben wie gehabt besonders optimistisch (über 7,3), die Alten zeigen sich wie kein anderer pessimistisch (5,6). Besonders zufrieden mit ihrem Leben sind aber auch Akademiker (7,2) und Personen mit mittlerer Reife (6,8), wohingegen ein Grundschulabschluss für ein Stimmungsniveau wie im Rentenalter sorgt (5,8). Im Vergleich zu den Einkommensunterschieden ergeben sich keine dramatischen Unterschiede in der subjektiven Einschätzung der Lebensqualität nach Regionen: In Nordungarn wurden 6,1 Punkte vergeben, in Zentral-Transdanubien als lebenswertester Region 6,8 Punkte.

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Statistiker erfassen sogar Gemütszustände und fanden dabei heraus, dass 58 Prozent der Ungarn zumeist glücklich sind. Gar zwei von drei Befragten gaben ihren Gemütszustand als ausgeglichen und friedlich an. Jeder Zehnte beschrieb sich als häufig gereizt, was am ehesten auf Geschiedene zutrifft. Von Depressionen werden am häufigsten Witwen heimgesucht – das beste Gegenmittel ist (nun auch statistisch belegt) die Familie.

Was sich Ungarn (nicht) leisten können

Mobiltelefon, Waschmaschine und Farbfernseher sind mittlerweile auch in ungarischen Haushalten Standard, doch weiterhin sechs Prozent können ihre Wohnung nicht richtig beheizen. Jeder achte Haushalt hat mit Zahlungsrückständen bei der Bank oder Versorgungsunternehmen zu kämpfen, auf ein Auto muss aus materiellen Gründen jeder sechste Haushalt verzichten. Unerwartete Ausgaben machen weiterhin einem Drittel der Haushalte zu schaffen, und noch immer 43 Prozent konnten sich 2017 keinen einwöchigen Urlaub gönnen.

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