An diesem letzten Sonntagabend im November regnet es unablässig. Die nasskalte Winterluft beißt die Hand, die nach der Klinke der Kirchentür in der Hold utca greift. Doch sobald die schwere Pforte hinter uns ins Schloss fällt, ist die Kälte vergessen. Der Saal der evangelisch-reformierten Kirche ist beheizt und Kerzenschein kleidet alle Dinge in ein andächtiges Licht. Vor dem Altar ist bereits ein Stuhlkreis für das Taizé-Treffen aufgestellt. Gergő Kovács, ein Vikar der Gemeinde, begrüßt jeden Gast persönlich und versorgt alle mit Programmheften; darin die Liedtexte, Noten und Bibelverse für die rund 30-minütige Andacht nach dem Vorbild Taizés.

Die Communauté von Taizé

Der Name Taizé geht auf den gleichnamigen Ort nahe dem ostfranzösischen Cluny zurück. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Wunden, die der Zweite Weltkrieg auch bei gläubigen Menschen hinterlassen hatte, gründete der Protestant Roger Schutz, genannt Frère Roger, hier 1949 die ökumenische Bruderschaft von Taizé. Der Männerorden umfasste als erster in der Geschichte verschiedene Konfessionen und sollte so zur Versöhnung der unterschiedlichen christlichen Weltanschauungen beitragen. Weltweit wurde Taizé zum Symbol der ökumenischen Bewegung.

Mit seinen progressiven Vorstellungen von Glauben und ökumenischem Zusammenleben zog der Orden schon immer viele junge Menschen an. Seit den 70er-Jahren lädt die sogenannte „Communauté de Taizé“ (französisch für „Gemeinschaft von Taizé“) zudem zu jährlichen europäischen und mittlerweile auch zu internationalen Jugendtreffen ein. Diese immer in anderen Metropolen stattfindenden Veranstaltungen verstehen sich als „Zeichen der Hoffnung“ und wollen nach eigenem Verständnis die Begegnung zwischen verschiedenen Nationen und Konfessionen fördern. Im Mittelpunkt stehen dabei das gemeinsame Singen, Meditieren und Beten. Die unvergleichliche Atmosphäre, die während dieser Treffen herrscht, hat Besucher immer wieder auch dazu inspiriert, taizé-ähnliche Gottesdienste in ihren Heimatorten zu organisieren.

Für alle – auch Studierende

„In Ungarn sind Taizé-Andachten bisher aber eher ungewöhnlich“, weiß Vikar Gergő Kovács, der das ökumenische Konzept während seiner Studienzeit in Süddeutschland kennenlernte. Die deutschsprachigen Kirchen in Budapest hätten es bereits vor einigen Jahren einmal ausprobiert, das Angebot sei jedoch eingeschlafen. Diesen Sommer entwickelte Kovács zusammen mit der ebenfalls zur evangelisch-reformierten Kirche gehörenden Vikarin Csenge Szász die Idee, die Andacht wieder ins Leben zu rufen.

Nach eigenen Aussagen wollten sie damit ein Angebot schaffen, in dem sich Gläubige verschiedener Konfessionen wohlfühlen und das auch zum Alltag von Studierenden passt. „Gottesdienste um 10 Uhr sind natürlich etwas früh, wenn man die Nächte durchfeiert“, sagt Kovács schmunzelnd, „und die Bibelstunden finden entweder zu Unterrichtszeiten oder auf Ungarisch statt.“ Der Sonntagabend sei daher der ideale Zeitpunkt. „So können wir die Woche mit Gott beginnen“, so Kovács.

Musikkultur aus Frankreich

Um 18 Uhr sind die knapp 20 Stühle besetzt. Barbara Lötzsch, Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde, zündet eine besonders große Kerze an, die in der Mitte des Stuhlkreises steht. Diese sogenannte Taizé-Kerze soll die Gegenwart Gottes symbolisieren. „Wir wollen singen, hören, beten und Gott loben“, sagt Lötzsch zur Einstimmung.

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Drei Musikerinnen an Querflöte, E-Piano und Geige setzen zum ersten Lied, „Wait for the Lord“, an. Augenblicklich beginnen die Anwesenden mitzusingen. Das Lied besteht aus einer einzigen Strophe, die sich immer und immer wiederholt. Spätestens nach der vierten Wiederholung kennt jeder den Text. Diese Art der Musikkultur ist eine der Besonderheiten, die man sich von der Glaubensgemeinschaft im französischen Taizé abgeschaut hat.

Die schlichte Gestaltung der Lieder und die kurzen Texte sollen dabei helfen, zur Ruhe zu kommen. Auch die Liturgie einer Taizé-Andacht sei einfacher als die eines regulären Gottesdienstes, so Kovács. „Die Besucher können sich mitreißen lassen und die Texte in ihren Herzen bewegen.“

Ermutigende Psalmen und Fürbitten

Viele der Anwesenden sind in das Programm integriert und tragen Textpassagen vor. So wie den Psalm 91: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“ Zwischen den Versgruppen antworten alle anderen mit dem Lied „Alleluia“. Auch die Fürbitten, die etwa die Situation der Kranken, aber auch alltägliche Sorgen thematisieren, werden von der Liedzeile „Kyrie eleison“ unterbrochen – „Herr erbarme dich“.

Einige in der Runde singen mit geschlossenen Augen oder neigen ihre Köpfe. Am Ende jeder Wiederholung hallen die letzten Töne im hohen Saal weiter. Hin und wieder herrscht für ein paar Momente Stille, in denen jeder nachdenken und beten kann. Am Ende entlässt Pfarrer Bernhard Kollmann von der katholischen deutschsprachigen Gemeinde in Budapest die Anwesenden mit einem Segen. Wer möchte, kann noch zum Kirchencafé bleiben. Vikar Kovács ist mit der Veranstaltung zufrieden: „Ich hatte das Gefühl, dass Gott anwesend war“, erzählt er nach der Andacht.

Anknüpfung finden

Mit den bisherigen drei Budapester Taizé-Abenden erreichten die Veranstalter insgesamt etwa 50 Besucher. Viele stammen aus den deutschsprachigen Gemeinden Budapests. Durch das ökumenische Konzept, bei dem die Beziehung zu Gott im Zentrum steht, können sie die Andacht in der Gemeinschaft erleben. Denn es werden die Gemeinsamkeiten, nicht die Unterschiede der Konfessionen betont. In Zukunft sollen die Taizé-Abende inhaltlich stärker an das Kirchenjahr anknüpfen. Laut Kovács könne man so jenen Anschluss bieten, die sonst keine regulären Gottesdienste besuchen.

Draußen in der Hold utca ist der Asphalt von Pfützen übersät. Doch das wohlige Gefühl des gerade Erlebten hält noch eine Weile an. Und so mancher Teilnehmer hat vielleicht das Gefühl, dass er unter seinem Regenschirm auch den Segen für die Woche und die Zusagen aus Psalm 91 mit sich fortträgt: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt …“.

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Frère Roger ist der Begründer der Communauté vonTaizé. Er starb 2005, nachdem eine psychisch kranke Besucherin ihn während der Andacht attackiert hatte.

Die nächste Taizé-Andacht der deutschsprachigen Gemeinden in Budapest findet aufgrund der Feiertage ausnahmsweise nicht am letzten Sonntag des Monats statt. Stattdessen können Sie am 16.12. um 18 Uhr in die Kirche in der Hold utca 18-20 kommen und sich innerlich auf Weihnachten einstimmen.

Über den Jahreswechsel findet in Madrid das Europäische Jugendtreffen statt – letztes Jahr kamen bei der Veranstaltung über 15.000 junge Gläubige in Basel zusammen.

Über die Glaubensgemeinschaft und das Phänomen Taizé wurden mehrere Filme gedreht und Bücher geschrieben. Die Gesänge der Communauté sind auf CD erhältlich. Weitere Informationen finden Sie auf www.taize.fr/de

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