Wurde die Auswahl der Werke auf das Budapester Publikum zugeschnitten?

Diese Ausstellung ist keine normale Wanderausstellung, oder wie wir auf Ungarisch sagen „Konservenausstellung“, die einfach als Paket von einem Ort zum anderen zieht. Sie wurde bewusst erst für die Tate unter dem Titel „All to Human“ unter der Leitung der Kuratorin Elena Crippa konzipiert und dann von mir als Ko-Kurator für Budapest ganz spezifisch weiterentwickelt. Sie wird danach nicht fortgesetzt und ist in dieser Form folglich nur hier zu sehen. Ich würde schätzen, dass ca. 75 Prozent des Ausstellungsmaterials gleich ist. Es ist eine fantastische und spektakuläre Präsentation vieler Hauptwerke aller beteiligten Künstler, insgesamt werden etwa 90 Werke gezeigt. Darunter sind zahlreiche, die noch nie in Ungarn gezeigt worden sind und teilweise auch in der Tate nicht dabei waren, beispielsweise eines der Hauptwerke von David Hockney. Andere Werke wiederum haben wir aus London nicht mitgenommen. Alles in allem sind beide Ausstellungen auf gleichem Niveau. Natürlich sind die Räumlichkeiten anders und wurden verschieden gestaltet.


Wie ist das Raumkonzept in der Nationalgalerie?

Wir haben die Ausstellung so konzipiert, dass sowohl ein Ausblick auf neue zeitgenössische Tendenzen gegeben wird, die von der Londoner Schule beeinflusst wurden, als auch die Vorläufer der Londoner Schule rezipiert werden können. So haben wir beispielsweise bewusst zeitgenössische Malerinnen wie Cecily Brown oder Jenny Saville an den Anfang gesetzt, sodass der Rundgang mit ihren Werken beginnt und nach der Besichtigung des Obergeschosses wieder bei ihnen endet. Die Hauptsäle sind in zwei Achsen angeordnet, welche die beiden großen Linien der Londoner Schule – angefangen bei den Werken prägender Lehrer wie David Bomberg und William Coldstream bis hin zu den Hauptwerken der Londoner Schule – präsentieren. So versuchen wir, verschiedene Werke in einen Dialog und einen Kontext zu bringen. Ein anderes Beispiel dafür ist eine Giacometti-Skulptur, die wir in Dialog zu den Bildern Bacons gesetzt haben. Obwohl Giacometti nicht zur Londoner Schule zählt und nie in London gelebt hat, war er doch ein prägender Einfluss auf die Darstellung von Körpern in Bacons Werk. Auch bieten wir eine Videosektion mit Dokumentarfilm-Ausschnitten über die Maler und einen Korridor mit Archivmaterial und Fotoaufnahmen der Malerstudios. Denn im Zentrum der Ausstellung steht auch der Arbeitsprozess des Malens selbst.

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Francis Bacon: Portrait of Isabel Rawsthorne, 1966, Oil on canvas, 81,3 Å~ 68,6 cm. (©The Estate of Francis Bacon © Tate, London 2018)


Was ist die Londoner Schule?

Der Begriff „School of London“, also Londoner Schule, ist übrigens an sich gar nicht selbstverständlich, denn es gab keine klassische, in dem Sinne übliche „Schule“. Die Bezeichnung geht auf den britischen Künstler Ron Brooks Kitaj zurück, der sie erstmals im Jahr 1976 in einem Ausstellungskatalog benutzte. Kitaj bezeichnete damit eine Tendenz figurativer Malerei, die sich in London in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hatte. Die Frage ist auch, wer zur Londoner Schule gehört. Die vier großen Namen dieser Richtung sind Francis Bacon, Lucian Freud, Leon Kossoff und Frank Auerbach, aber auch andere Künstler wie R.B. Kitaj, David Hockney oder Michael Andrews kann man dazuzählen. Viele dieser Künstler waren Teil eines Londoner Freundeskreises, und zwar eines sehr multikulturellen. Dazu gehörten der irische Bacon, die zwei jüdischen Flüchtlinge Freud und Auerbach aus Berlin, Kossoff mit russischen Vorfahren und etliche mehr. Diese Multikulturalität der kulturellen Szene Londons war sehr wichtig. Diese Ausstellung präsentiert aber nicht nur die Hauptwerke dieses erweiterten Freundeskreises von Künstlern, sondern auch die Geschichte figurativer Malerei vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.


Welchen kuratorischen Schwerpunkt setzen Sie dabei?

Uns lag auch die Präsentation vieler weiblicher Künstler und ihrer Perspektiven besonders am Herzen, beispielsweise der portugiesischen Künstlerin Paula Rego oder der indischen Malerin Celia Paul, denn in der Kunstgeschichte herrscht meist ein männlich dominanter Blick vor, auch auf die Londoner Schule, die ja in der Tat ein eher männlich geprägter Freundeskreis war. Es gibt aber auch viele wichtige Künstlerinnen, die mit dieser Tendenz in Verbindung gebracht werden können. Gleichermaßen ist es – besonders für die Tate – ein Anliegen, westzentristische Perspektiven in Frage zu stellen: Kunstgeschichte wird generell sehr stark aus einem westeuropäischen oder nordamerikanischen Blickwinkel geschrieben. Marginalisierte, kolonialisierte Gruppen von Künstlern, die bei den Präsentationen oft zu kurz kamen, möchten wir nun verstärkt in die Narrative der Kunstgeschichte aufnehmen. So widmen wir beispielsweise dem in Indien geborenen Künstler F.N. Souza einen Raum. Solche Identitätsfragen ziehen sich durch die gesamte Ausstellung.

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Francis Bacon: Portrait of George Dyer in a Mirror, 1968, Oil on canvas, 198 Å~ 147 cm, Museo nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid. (© The Estate of Francis Bacon. All rights reserved, DACS/Artimage and HUNGART 2018. Photo: Hugo Maertens)


Was haben diese Künstler gemeinsam?

Alle thematisieren und knüpfen an die große Tradition figurativer Malerei an. Dabei steht die Darstellung des Menschlichen im Vordergrund. Nehmen wir beispielsweise eines der existenziellsten humanen Motive: den nackten Körper. Es gibt zwei Arten von malerischem Verständnis des menschlichen Körpers. Auf der einen Seite gibt es das Genre der Aktmalerei, deren Tradition über die Renaissance bis in die Antike zurückreicht. Aktmalerei ist immer etwas Idealisierendes. Es ist kein Zufall, dass viele solcher Aktbilder Allegorien waren. Demgegenüber steht das Malen nackter Körper ohne Idealisierung, wie wir es hier häufig finden. Das ist etwas anderes. Diese Körper scheinen oft ausgeliefert. Die Nacktheit besitzt einen animalischen Charakter und die Frage nach der Beziehung von Mensch und Tier wird im Fall von Francis Bacon und Lucian Freud wirklich wichtig.


Was bestimmt diese Darstellung des Humanen in den Werken der Londoner Schule?

Viele dieser Maler wurden vom Existenzialismus geprägt. Für fast alle dieser Künstler stellte der Zweite Weltkrieg eine prägende Erfahrung dar. Das Trauma der Zerstörung eines kulturellen Europas und die Erschütterung der großen, humanistischen Tradition führt am emblematischsten in Bacons Œuvre zu der Frage: Was können wir mit humaner Darstellung nach einem solchen Trauma tun? Was bedeutet das Menschliche danach noch? Das zeigt sich im Ausgeliefertsein und in der Isolation der Körper in Bacons Bildern. Er ist wirklich ein starker Maler, das hat mich auch zu dieser Ausstellung motiviert.


Was kann der Besucher von Francis Bacon in der Ausstellung sehen?

Seinem Werk haben wir zwei Säle gewidmet. Im ersten findet man das Frühwerk, insbesondere in Verbindung zu diesen Fragen des Existenzialismus. Im zweiten Saal konzentrieren wir uns auf seine späteren Werke mit einem Fokus auf die Beziehung Bacons zu einem seiner wichtigsten Geliebten und Modells George Dyer. Hier erblicken wir beispielsweise eines der legendären, schwarzen Triptychen, in denen Bacon vermutlich sein Trauma durch den plötzlichen, bis heute noch nicht ganz aufgeklärten, Tod Dyers verarbeitet. Daneben beleuchten wir auch die Beziehung von Bacons Malerei zu Fotografien von John Deakin, die er oft bearbeitete. Bacon ist übrigens einer der wenigen aus diesem Künstlerkreis, der für seine Arbeit Fotovorlagen verwendete und keine lebenden Modelle. Außerdem war er ein völliger Autodidakt in der Malerei. Er fiel aus dem Rahmen, aber das gilt ja für die meisten wirklich großen Künstler. Wie gesagt, die Londoner Schule insgesamt zeichnet sich durch ihre Sinnlichkeit und ihre Materialität aus. Francis Bacon ist auch hier ein besonderes Beispiel, denn er benutzte – anders als ein „normaler Künstler“ – ganz unkonventionell die Rückseite der grundierten Leinwand, sodass die Farbe aufgesogen wird. Dadurch erzielt er bei seinen menschlichen Abbildungen diese für ihn typischen und faszinierenden Effekte, bei denen es scheint, als ob mehrere Hautschichten übereinander liegen, ineinander verschwimmen oder sich abschälen. Dieser Umgang mit Material, das Experimentieren mit der Farbe als Oberfläche, als Struktur ist ebenfalls bezeichnend für die Londoner Schule.

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Lucian Freud: Girl with a Kitten, 1947, 41 Å~ 30,7 cm. (Tate, London 2018 ©The Lucian Freud Archive/Bridgeman Images)


Was kann man von Lucian Freud in der Ausstellung sehen?

Zu Freud haben wir einen großen Retrospektive-Saal, in dem wir Hauptwerke aus seinem frühen Schaffen seinen späten Arbeiten gegenüberstellen, sodass die Entwicklung der Freudschen Malerei nachvollziehbar wird. Die Dualität von Mensch und Tier ist ein großes Thema seines Schaffens. Er versuchte, laut eigenen Aussagen, Menschen wie Tiere darzustellen, und Tiere wie Menschen. Die Nacktheit der Menschen ist eine animalische Nacktheit. Die Menschen existieren auf den Bildern so wie Tiere. Das ist ein sehr radikaler Aspekt seiner Bilder. Ein weiterer interessanter Fakt ist, dass er das Atelier, in dem fast alle seine Werke entstanden, auch als Motiv und Thema verarbeitet. Große Fragen der menschlichen Existenz spiegeln sich in der Abbildung dieser präzisen Mikrokosmen des alltäglichen Arbeitsumfelds wider.



Warum ist die Rezeption solcher Malerei heute wichtig?

Eine meiner größten persönlichen Erfahrungen war der Besuch einer Ausstellung von Lucian Freud im Museo Correr in Venedig im Jahr 2005. Es war ein Schock. Sie fand parallel zur Biennale in Venedig statt, wo Werke die angeblich zeitgenössisch oder vermeintlich aktuell sind, ausgestellt werden. Aber daneben sah ich diesen Lucian Freud, dessen künstlerisches Schaffen so gar nichts mit diesen zeitgenössischen Trends zu tun hat, aber wirklich stark und aktuell in einem anderen Sinn ist. Natürlich sind diese Bilder nicht in dem Sinne aktuell, dass man Fragen der heutigen Gesellschaft darin genau kartografieren kann. Vielmehr werden die wirklich grundsätzlichen Fragen der menschlichen Existenz präsentiert, die nie an Bedeutung verlieren und zu denen jeder Mensch ein Verhältnis hat. Was mich am Schaffen von Freud und Bacon interessiert, ist diese Dialektik und Ambivalenz von Zeitlosigkeit auf der einen und Aktualität auf der anderen Seite. Das ist eine wirklich wichtige Frage von Malerei. Auch heutzutage, wo Malerei immer in Frage gestellt wird; ist sie wirklich noch aktuell oder sind wir am Ende der Malerei? Ist es überhaupt noch möglich Malerei zu betreiben? Diese Künstler haben Wege gezeigt, wie Malerei in diesem Zeitalter noch möglich ist. Es gibt natürlich auch andere Ansätze dafür; bestes Beispiel ist Gerhard Richter, der eine Art „Meta-Malerei“ macht, d.h. er thematisiert, wie man malen kann, aber ich würde sagen, dass er Malerei eher konzeptualisiert. Diese Künstler hier hingegen haben ein sehr sensuelles Verständnis von Malerei. Einfach ausgedrückt kann man sagen, dass es eine sehr „malerische Malerei“ ist. Sie ist geprägt durch den Bezug auf die Materialität selbst.

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R. B. Kitaj: Cecil Court, London W.C.2. (The Refugees), 1983–1984, Oil on canvas, 183 Å~ 183 cm. (© Tate, London 2018)


Was sind die nächsten bevorstehenden Veranstaltungen?

Am 7. Dezember eröffnen wir die neue Sammlungspräsentation der Nationalgalerie mit Hauptwerken aus der Internationalen Sammlung der Kunst nach 1800, bei der ich die Werke des 20. und 21. Jahrhunderts kuratiert habe. Kurz darauf steht am 13. Dezember die Vernissage der von mir kuratierten kleinen, neuen Kabinettausstellung mit dem Titel „Schwebende Endlosigkeit“ auf dem Programm, bei der Werke von Žilvinas Kempinas, Attila Csörgő und Miklós Erdély zu sehen sein werden.


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Ausstellung, Freud-Saal. (Foto: Szépművészeti Múzeum – Magyar Nemzeti Galéria)


Noch ein Extra-Tipp: Am 13. Dezember tritt die Sängerin Kati Wolf im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Museum+ Licht“ in der Nationalgalerie auf. Weitere Informationen über die Ausstellungen und das aktuelle Programm der Ungarischen Nationalgalerie findet man unter mng.hu. Es werden auch fremdsprachige Führungen angeboten.

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