Es ist Samstagabend 19:40 Uhr und das streng gehütete Geheimnis ist gelüftet: Das heutige Konzert von Garden Wonder findet in einem Gewölbekeller im Untergeschoss des Rézkígyó Coffee House in der Nähe der Andrássy út statt. Die Information darüber ging bereits am Vortag per WhatsApp-Nachricht raus. Doch rein kommt nur, wer auch auf der Gästeliste steht. Alle Teilnehmer haben sich schon Wochen zuvor über Facebook für die Veranstaltung angemeldet.

Mit einem Stempel auf dem Handrücken und Neugier in den Augen betreten wir den Raum, auf dessen einer Seite eine kleine Bühne steht. Sie ist gut ausgestattet mit technischem Equipment und wird von warmem Licht erhellt. In Kombination mit den Steinwänden wirkt es fast so, als würden Dutzende Kerzen brennen.

Einige Gäste scheinen sich bereits zu kennen und umarmen sich zur Begrüßung. Durch den nahezu leeren Raum kommt uns Hanna Gulyás entgegen. Sie ist die Begründerin von Garden Wonder.

Wie im Wohnzimmer bei Freunden

Die sogenannten „Urban House Concerts“, die die 28-Jährige unter dem Namen Garden Wonder organisiert, verzichten bewusst auf die Annehmlichkeiten großer Konzertsäle. „Wir lieben Musik und leben für Gemeinschaft“, heißt es auf der Facebookseite des Veranstalters. Garden Wonder will Momente kreieren, in denen die Musik im Mittelpunkt steht, erzählt Hanna. Gleichzeitig solle eine Gemeinschaft aufgebaut werden, die durch die Liebe zur Musik verbunden ist. Um das zu erreichen, bricht die Veranstalterin mit der gängigen Praxis. So suche sie sich für ihre Veranstaltungen bewusst unkonventionelle Orte aus. Konzerte von Garden Wonder fanden bereits in einem Friseursalon, einem Tattoo-Studio und in privaten Wohnzimmern statt. Dadurch gebe es zwar meist keine Bühne, die die Künstler vom Publikum trennt. Das sei allerdings so gewollt, damit die Leute leichter in Kontakt kommen. Auch der Platz sei begrenzt, je nach Standort könnten nur zwischen 20 und 100 Zuhörer kommen, erzählt Hanna.

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Ähnliche Konzepte gibt es schon länger in Großbritannien, der Schweiz und den USA. In Deutschland heißen solche kleinen Veranstaltungen Wohnzimmerkonzerte, weil sie eben genau dort stattfinden. Dabei steht hinter manchem intimen Event ein großer Organisator: Beispielsweise vernetzt das Startup „Sofar Sounds“ weltweit Musiker, Gastgeber und Zuhörer. Zu den über 400 Städten, in denen der Veranstalter arbeitet, gehört auch Budapest. Hier sei die Fangemeinde für solche Veranstaltungen noch vergleichsweise klein, erzählt Hanna, weshalb „Sofar Sounds“ neben Garden Wonder der einzige weitere Anbieter von solchen Musikevents sei.


Jeder Einzelne zählt

Im Gewölbekeller geht es auf 20 Uhr zu und die Gäste werden aufgefordert, sich auf dem Holzfußboden niederzulassen. Manche ergattern eines der Sitzkissen, andere lehnen sich an die Wände an oder machen es sich auf ihren Mänteln gemütlich. Der Platz reicht bequem für alle und, wie Hanna erklärt, hat im Sitzen, jeder einen freien Blick auf die Musiker. „Jeder Einzelne zählt und jeder soll eine intensive Konzerterfahrung machen können“, so Hanna.

Zu den Veranstaltungen kämen nicht nur Ungarn, sondern auch Musikliebhaber aus der ganzen Welt. Beispielsweise die Studentin Carmen. Sie erfuhr über einen Bekannten von Garden Wonder. Heute Abend ist sie mit zwei Freundinnen da, die wie sie aus Estland kommen. Keine der drei Mittzwanzigerinnen war bisher bei einem vergleichbaren Konzert und sie sind nicht sicher, was sie hier erwartet. „Wir lassen uns überraschen“, sagt Carmen. Getränke werden bei der Veranstaltung nicht verkauft. Die Mädchen haben sich deshalb ihren eigenen Rotwein mitgebracht, den sie nun aus mitgebrachten Keramiktassen trinken. Ihre Sitznachbarn haben Dosenbier dabei, andere Limonade.

Vom Garten ins Stadtzentrum

Wenige Minuten später tritt Garden-Wonder-Gründerin Hanna auf die Bühne und erzählt, dass diese Veranstaltung mit knapp 90 Gästen ihr bisher größtes Event sei. Die Geschichte von Garden Wonder habe vor eineinhalb Jahren begonnen, als ein amerikanischer Musikkünstler Hanna anbot, ein Konzert in Budapest zu geben, wenn sie einen Veranstaltungsort organisieren könne. In Ermangelung einer Konzerthalle lud das Planungstalent den Musiker zum Konzert in ihren Garten ein. Mehr als 70 Leute kamen zu diesem ersten Konzert. Danach hätten viele gefragt, wann das nächste Hauskonzert stattfinde, erzählt Hanna: „Da wurde mir klar, dass diese Art Event auch als Veranstaltungsreihe funktionieren könnte.“ Sie verlegte die Veranstaltung ins Stadtzentrum, behielt aber den Namen „Garden Wonder“ in Erinnerung an den ersten Abend bei.

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Die lokale Band „Seven Seconds In The Future“ improvisiert ihre Songs ganz nach den Wünschen des Publikums.

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Nach der kurzen Ansprache betreten drei Mitglieder der Budapester Band „Seven Seconds In The Future“ die Bühne. Sie fordern die Zuhörer zu einem Spiel auf. Sie sollen den Musikern ein Genre und einen Titel vorschlagen. Diese improvisieren darauf basierend ihren nächsten Song. „Drum’n’Base“ und „Langosch“, schallt es kichernd aus dem Raum. „Seven Seconds In The Future“ nimmt die Herausforderung an und die Drei beginnen mit verschiedenen Sounds herumzuspielen. Beatboxing, E-Gitarre und ein paar Elektrosounds bilden das Gerüst des Musikstücks, Rap und Gesang bauen darauf auf. So basteln die Musiker gemeinsam einen neuen Song, der vom genussvollen Verzehr des typisch ungarischen Snacks handelt. Das Publikum ist lautstark begeistert und zückt die Smartphones, um die Glanzleistung festzuhalten. Auch die nächste Herausforderung, eine Swing-Nummer zu komponieren, meistern „Seven Seconds In The Future“ gekonnt. Im ganzen Raum nicken die Köpfe im Takt, einige tanzen sogar im Sitzen.

Klar strukturiert

Die Regeln der Veranstaltung besagen, dass jeder Band 20 bis 30 Minuten zur freien Gestaltung auf der Bühne zustehen, bevor sie für den nächsten Act Platz machen müssen. So auch „Seven Seconds In The Future“, die sich unter Beifall verabschieden. Zwischen zwei Auftritten gibt es fünf Minuten Umbaupause, die die meisten Besucher dafür nutzen, sich die Beine zu vertreten oder Kontakte zu knüpfen. Die offizielle Veranstaltungssprache ist Englisch, an diesem Abend schwirren allerdings viele verschiedene Sprachen durch den Raum.

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Studentin Carmen nutzt die Zeit und schaut sich am Merchandise-Stand um, wo sie im Handumdrehen mit einem der Musiker von „Seven Seconds In The Future“ ins Gespräch kommt. Er schenkt ihr einen Aufkleber, mit dem sie ihre Rotwein-Tasse dekoriert. „Ich hoffe, dass wir nach dem Konzert noch etwas unternehmen“, sagt sie etwas erhitzt, die Kürze der Pause bedauernd.

Ganz im Moment sein

Um die Musik und Gemeinschaft in den Vordergrund zu rücken, bittet Garden Wonder die Zuhörer um ihre ungeteilte Aufmerksamkeit während der Sets. Das heißt unter anderem: Handys weg. Nur so könne man sich wirklich auf die Erfahrung einlassen. „Wir beobachten, dass viele heutzutage die Welt nur noch durch das Handydisplay erleben“, erzählt Hanna. Natürlich würde sie sich freuen, wenn das Publikum begeistert ist und diese Erfahrung auch teilen möchte. Dafür müsse man aber nicht selbst den ganzen Abend Fotos und Videos machen „Nach unseren Veranstaltungen stellt unser Social-Media-Team Material bereit, das jeder in den sozialen Netzwerken teilen kann“, erklärt Hanna das Konzept, das es den Leuten erleichtern soll, sich wieder ganz auf den Moment einzulassen.

Zum Garden-Wonder-Team gehören Fotografen und Kameraleute, Sound- und Lichttechniker sowie weitere Helfer, die sich regelmäßig treffen. Für sie sind die Hauskonzerte eine Herzensangelegenheit, weshalb alle ehrenamtlich mitarbeiten. Pro Event stehen Hanna, die alle Fäden in der Hand hält und moderiert, fünf bis sechs freiwillige Helfer zur Seite. Das minimale Eintrittsgeld von 2.500 Forint fließt in die Kostendeckung der Veranstaltung – wer Garden Wonder unterstützen will, kann auch mehr geben.

Diversität wird großgeschrieben

Die Konzerte richten sich grundsätzlich an alle, die Musik lieben und diese Leidenschaft in guter Gesellschaft mit anderen teilen wollen. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Heute Abend sind jedoch hauptsächlich junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren gekommen. Einheimische sitzen neben ausländischen Studierenden, Expats und Touristen. Fans der angekündigten Bands mischen sich mit Liebhabern und Kennern des Veranstaltungsformats. Jedoch zeigt eine schnelle Umfrage, dass die Neulinge diesmal deutlich in der Überzahl sind.

Inzwischen fangen die nächsten Musiker zu spielen an. „Isle of Man“, ebenfalls eine lokale Band, bringen mit ihrer experimentellen Instrumentalmusik die Lautsprecher zum Dröhnen. „Wir laden pro Abend drei möglichst unterschiedliche Bands ein. Da ist dann für jeden Geschmack etwas dabei“, erklärt Veranstalterin Hanna. So könnte man als Musikfan nebenbei auch seinen Horizont erweitern.

Qualität geht vor

Bei der Auswahl der Bands gehe es Garden Wonder vor allem um die musikalische Qualität. Die Musiker sollten ihr Handwerk beherrschen, man würde keine blutigen Anfänger auf die Bühne stellen, erklärt Hanna. Natürlich sei es Geschmacksache, ob eine Band als „gut“ empfunden wird. Wichtig sei: „Die Musik muss mich berühren. Wenn sie das tut, will ich diese Erfahrung für unsere Konzertbesucher nach Budapest holen. Dann kann der Funke überspringen“, so Hanna, die hauptberuflich als Musikmanagerin arbeitet.

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Sie hält immer Ausschau nach aufstrebenden Künstlern, die noch nicht bekannt sind, es aber werden könnten. Beruflich ist sie viel auf Reisen und stößt dabei häufig auf neue Talente. So habe sie auch Basciville gefunden. Das irische Singer-Songwriter-Duo tritt heute als letzter Act des Abends auf.

Als sie ihre Musik zum ersten Mal in Dublin hörte, habe sie weinen müssen, erzählt Hanna. „Ich hoffe, dass es den Zuhörern gleich genauso geht“, sagt sie kurz vor dem Auftritt und fügt augenzwinkernd hinzu, „natürlich auf eine gute Art und Weise.“

Basciville spielt zum ersten Mal in Budapest. Künstler in die ungarische Hauptstadt zu holen, die noch nie hier aufgetreten sind, ist eines der erklärten Ziele von Garden Wonder.

Alte und neue Bekanntschaften

Nach Konzertende verlassen einige Besucher direkt den Raum, andere verharren noch ein wenig. Basciville wird von einem Pärchen auf ein Glas ungarischen Wein eingeladen. Auf Nachfrage resümieren die irischen Musiker: „Das Konzert war die Reise nach Budapest wert. Es ist toll, auf eine Gemeinschaft zu treffen, mit der man durch die Musik verbunden ist.“ Sie kennen das Phänomen der Wohnzimmerkonzerte aus Irland, wo sie „home beats“ genannt werden.

Auch Carmen und ihre Freundinnen sind mit dem Abend zufrieden. „Die Veranstaltung war so vielfältig und es dreht sich alles um eine gute Gemeinschaft“, resümiert die Studentin.

Beim Herausgehen können sich die Besucher noch in ausliegende Listen eintragen. So gehören sie das nächste Mal zu den Ersten, die über kommende Events informiert werden. Der Zeitvorsprung lohnt sich, denn die Veranstaltungen sind oft schon mehrere Wochen im voraus ausgebucht. Wer möchte, kann auch selbst zum Gastgeber für eines der Konzerte werden und seine Wohnung, Garage oder einen anderen ungewöhnlichen Ort für Besucher öffnen.

Begehrte Tickets

Das nächste Konzert findet am 21. Dezember statt, ist aber bereits ausgebucht. Es gibt die Möglichkeit, sich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Ein weiteres Konzert findet am 22. Dezember statt. Zum Redaktionsschluss gab es hierfür noch freie Plätze.

Anmelden können Sie sich auf www.facebook.com/wearegardenwonder.

Auf dem Instagram-Account @wearegardenwonder veröffentlicht Hanna Fotos und Videos der Events.

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