Als größte Herausforderung für die ungarische Wirtschaftspolitik bezeichnete es der Unterstaatssekretär des Finanzministeriums, László Turóczy, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der einheimischen Unternehmen zu erhöhen. Die Fachpolitik müsse abseits der herkömmlichen Finanzgebaren für ein dynamisiertes Wirtschaftswachstum sorgen, ohne deshalb das fiskalische Defizit auszureizen oder sich Instrumenten der monetären Politik zu bedienen. Dabei müsste in erster Linie die Produktivität stimuliert werden, denn deren schwache Entwicklung erweise sich zunehmend als Wachstumsbremse.

Nachdem das Beschäftigungsniveau den europäischen Durchschnitt erreicht hat und die Erwerbslosenquote auf ein Rekordtief gefallen ist, mangelt es an allen Ecken und Enden an Arbeitskräften. Neben der ausgedünnten Arbeitsmarktreserve stellt die fehlende Mobilität der Arbeitskräfte eine weitere Barriere dar. Die eher bescheidene Innovationstätigkeit konzentriere sich auf wenige Unternehmen, beklagte der Unterstaatssekretär, zumal der Wissenstransfer von den Großunternehmen in Richtung der Klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) schwerfällig vorankommt. Als drittes Problemfeld benannte er den noch immer relativ großen Staatssektor, die ungeachtet der positiven Entwicklung weiterhin recht hohe Steuer- und Abgabenbelastung, die hohen administrativen Lasten und die ungleiche Qualität von Leistungen der öffentlichen Hand.

Nur Mittelmaß

Der Wirtschaftsminister der ersten Orbán-Regierung, Professor Attila Chikán, verwies auf den Umstand, dass die ungarische Wirtschaft vom günstigen internationalen Umfeld der jüngsten Jahre durchaus profitieren konnte, ohne jedoch den Entwicklungsrückstand zu Westeuropa zu verkleinern. Obendrein schneidet das Land mit dieser Leistung selbst im Kreis der Mittelosteuropäer schlecht ab. Ungarn ist in der Region in Bezug auf das Pro-Kopf-BIP nur Mittelmaß, gleich ob man die Zahlen zur Jahrtausendwende oder aus dem Vorjahr bemüht. Beim jährlichen Wachstum gehörte das Land bereits seit 2004 zu den Schlusslichtern der Region, kaum ein anderes Land stürzte in der Weltwirtschaftskrise so dramatisch in die Tiefe. In der Haushaltspolitik galt Ungarn bis zum Ausbruch der Krise und dem IWF-Rettungspaket als das schwarze Schaf, in Sachen Staatsschulden konnte es die rote Laterne erst Ende 2015 abgeben.

Doch selbst in den jüngsten Jahren sieht der Wirtschaftsprofessor keine Effizienzsprünge: Das BIP je erbrachte Arbeitsstunde legte zwischen 2010 und 2017 um weniger als fünf Prozent zu. Laut OECD-Vergleichsdaten für 2014 wurden hierzulande je Arbeitsstunde gerade einmal 44 Prozent der Werte geschaffen, die unter gleichem Arbeitseinsatz in den Vereinigten Staaten zustande kamen. In der Slowakei waren es zehn Prozentpunkte mehr, in Slowenien mehr als 60 Prozent des US-Niveaus; Österreich produzierte in jenem Jahr beinahe doppelt so viele Werte je Arbeitseinheit, wie es die Ungarn vermochten. Da wundert die Erkenntnis kaum, dass Ungarn in internationalen Ranglisten zur Wettbewerbsfähigkeit in einer anderen Liga als Tschechien und Polen, Slowakei und Slowenien spielt. Gemessen an den unmittelbaren Konkurrenten steht es besonders schlecht um die Institutionen, Hochschulwesen und Schulbildung sowie das makroökonomische Umfeld.

Chikán sieht aber auch die wachsenden gesellschaftlichen Unterschiede als kritischen Punkt. Seit 2010 steigerte die oberste Schicht ihren Anteil an den Gesamteinkommen um rund zweieinhalb Prozentpunkte und steuert auf ein Viertel zu, wohingegen die ärmsten zehn Prozent der Gesellschaft um einen weiteren Prozentpunkt „erleichtert“ wurden und kaum mehr als drei Prozent der Gesamteinkommen ihr eigen nennen dürfen. Regional abgehängt ist der komplette Nordosten des Landes. Wie andere Forscher auch lehnte der Professor der Corvinus-Universität ab, die Visegrád-Gruppe als homogene Einheit zu betrachten (wie es beispielsweise Notenbankpräsident György Matolcsy tut), zumal Ungarn in diesem Klub ausgesprochen schlecht abschneidet.

Im illustren Klub

Die Hauptabteilungsleiterin des Außenwirtschaftsministeriums, Rita Szép-Tüske, befasste sich mit der Frage, wie sich die ungarischen Exporte intensivieren lassen. Bekanntlich ist die EU der größte Handelspartner ihrer Mitgliedstaaten, der in Ungarn besonders hohe Anteil von nahezu 80 Prozent hat geographische ebenso wie historische Gründe. Eine Diversifizierung der Außenmärkte würde zum einen die Abhängigkeit von den Konjunkturzyklen der EU schwächen, zum anderen die Möglichkeit eröffnen, auf neuen Märkten mit höherem Wachstumspotenzial von deren Boom zu profitieren. Dem dient die 2011 verkündete „Ostöffnung“, der 2015 die Öffnung nach Süden folgte. Als Branchen mit Perspektive wurden die Nahrungsmittelindustrie, Landwirtschaft, Infokommunikation, Wasserwirtschaft und Abfallaufbereitung, Dienstleistungen, Fahrzeugindustrie, Pharma- und Gesundheitsindustrie definiert.

Im Vorjahr meisterte die Exportleistung die Traumgrenze von 100 Mrd. Euro, womit sich Ungarn in einem illustren Klub von global 33 Ländern befindet, die zu einem solchen Ausfuhrvolumen in der Lage sind. Hierzulande erwiesen sich in den jüngsten Jahren insgesamt rund 60.000 KMU als exportfähig. Eine Schätzung von EXIM beziffert jene Unternehmen mit Umsatzerlösen ab 200 Mio. Forint aufwärts auf 13.700, die mindestens ein Zehntel ihrer Jahresumsätze im Exportgeschäft realisieren. Als Rückgrat der Exportförderung werden aus diesem Kreis rund 300 kapitalkräftige Mittelstandsunternehmen betrachtet.

Bessere Rezepte, nicht bloß mehr kochen

Der frühere EU-Kommissar László Andor setzte sich in seinem Vortrag mit verschiedenen Wachstumstheorien auseinander und zitierte dazu den Chefökonomen der Weltbank, Paul Romer: „Wirtschaftswachstum tritt dann ein, wenn die Menschen die Ressourcen so umschichten, dass sie noch wertvoller werden. Die Menschheitsgeschichte zeigt jedoch, dass Wachstum durch bessere Rezepte zustande kommt, nicht einfach dadurch, dass wir alle immer mehr kochen.“ Andor übersetzte dies nach der endogenen Theorie in technologische Entwicklung, anstelle der neoklassischen (exogenen) Faktoren Arbeit und Kapital. Wenn man sämtliche Arbeitskräfte einer Gesellschaft in ihrer Berufsstruktur betrachtet, würde sich die Wirtschaft dort schneller entwickeln, wo diese Struktur einem rasanteren Wandel unterliegt.

Im Anschluss beleuchtete der Organisator der Konferenz, der Dozent der Károli-Universität, Zsolt Becsey, die Exportaktivitäten aus dem Blickwinkel der Unternehmen mit ungarischem Kapital. Von sämtlichen ungarischen Exporten waren in den letzten Jahren 76-80 Prozent auf die EU gerichtet, im Kreis der KMU beziehungsweise der mehrheitlich einheimischen Unternehmen erreichte diese Relation sogar 80-84 Prozent. Während unter allen Exporten die Leistung der Multis dominiert, zeigt sich im Kreis der einheimischen Unternehmen keine signifikante Differenzierung der Exportvolumen nach Unternehmensgrößen.

Wer sorgt für die Ausfuhren?

Die Regierung versucht, diese Aktivitäten gezielt zu unterstützen. So wurden 25 einheimischen Unternehmen seit 2014 insgesamt gut 60 Mrd. Forint für Projekte zuteil, in deren Ergebnis neue Exportkapazitäten geschaffen werden. Zum Vergleich erhielten 43 deutsche Unternehmen insgesamt über 105 Mrd. Forint und rund 50 Unternehmen aus Japan, den USA, Südkorea und Indien zusammen ähnlich viel wie die Deutschen in Form individueller Regierungsbeschlüsse zugesprochen. Mit diesen Projekten wurden annähernd 30.000 Arbeitsplätze in Exportbranchen geschaffen, die jeweils mit mehr als 8 Mio. Forint dotiert waren. Diese Fördersumme fällt mehr als doppelt so hoch aus, wie noch zu Zeiten der sozialistisch-liberalen Regierungen bis 2009.

Becsey wies mit eigenrecherchierten Zahlen nach, dass die Ausfuhren der ungarisch kontrollierten Unternehmen außerhalb Europas unbeeindruckt der neuen Außenwirtschaftspolitik bestenfalls stagnieren. Verdoppelten sich die ungarischen Gesamtausfuhren nach Amerika von 2008 bis 2017 (vermutlich wegen des Mercedes-Effekts) auf 4,5 Mrd. Euro, verharrten die Exporte einheimischer Firmen in die gleiche Region bei 400 Mio. Euro. Diese Aussage trifft auf einem noch niedrigeren Niveau genauso für Afrika und Ozeanien zu; allein in Asien konnten einheimische Firmen ihr Exportgeschäft um die Hälfte ausweiten, das aber auch so 2017 noch nicht einmal 1 Mrd. Euro erreichte.

Nach Warengruppen gegliedert konnten ungarische Unternehmen seit 2010 insbesondere in den Bereichen Energie und Maschinen punkten, während ihre Anteile bei Nahrungsmitteln, Grundmaterialien und verarbeiteten Produkten zurückfielen. Deutschland bleibt für echt ungarische Produkte (wozu die Premiumautos „Made in Hungary“ wegen ihres Kapitalursprungs also nicht zählen) der mit Abstand größte Aufnahmemarkt. Das deutsch-ungarische Handelsvolumen hatte 2017 ein Volumen von 3,9 Mrd. Forint, auf den beiden Plätzen dahinter liegen Rumänien und Italien.

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