Zugegeben, ganz so mühelos findet man das Geschäft „Leonetta Folklor” zwischen all den Handarbeitsläden auf der oberen Etage der Großen Markthalle an der Freiheitsbrücke nicht. Millimeter um Millimeter rücken sich die kleinen Stände gegenseitig auf die Pelle. Tischdecken und Shirts in den ungarischen Nationalfarben schreien einem durch die Menge entgegen.

Aber genau hier, im Touristentrubel, hat die 61-jährige Ildikó Tarcsa ihre Berufung gefunden. Sie betreibt zwei Geschäfte, „Leonetta Folklor” seit 1991 und direkt nebenan „Gábor Handicraft” seit 1993, benannt nach ihrer Tochter und ihrem Sohn.

Sie verkauft dort allerhand Waren mit traditionellen ungarischen Stickereien: Tischdecken, Jäckchen, Blusen – sogar Pantoffeln. Folklore von Kopf bis Fuß, für Groß und Klein. Die Unternehmerin mit ihren auffallend langen Wimpern, die bei unserem Gespräch selber eine kurze Matyó-Weste über ihrem knallroten Kleid trägt, versteht es, ihre Kunden für die Folklore zu begeistern, schließlich ist sie selbst fasziniert von ihr. „Ich bin in Kispest geboren. Dort hat schon meine Mutter etliche Sachen von Hand gefertigt und ich habe Einiges von ihr gelernt. Ich konnte sogar Richelieu-Tischdecken sticken”, sagt sie mit erhobenem Finger und hochgezogenen Augenbrauen.

Nonstop unterwegs gewesen

Mit Touristen hatte Ildikó Tarcsa schon früh etwas am Hut. Die Hochschule für Außenhandel habe sie mit 21 Jahren beendet und im Anschluss eine Ausbildung als Dolmetscherin absolviert – auch auf Deutsch. 13 Jahre lang habe sie als Fremdenführerin und Dolmetscherin gearbeitet, unter anderem als „private guide“ des Hilton Hotels in Budapest. „Mein Mann und ich haben uns einen kleinen Bus gekauft, da passten sechs Passagiere rein. Die haben wir jeden Tag für Stadtbesichtigungen und Führungen herumchauffiert”, sagt sie.

„Wenn ein Mensch liebt, was er verkauft, dann kann er das auch mit voller Überzeugung tun“, so Ildikó Tarcsa. Sie verkauft seit 27 Jahren Folklorewaren in der Großen Markthalle.

Weil die Touristen so neugierig auf die Markthalle gewesen seien, begleitete sie die gelernte Fremdenführerin auch gerne dorthin. „Ich habe gemerkt, wie sehr die Touristen es liebten, hierher zu kommen. Nach der Geburt meines ersten Kindes, Gábor, fühlte ich mich jedoch unglaublich erschöpft davon, die Arbeit und das Muttersein parallel zu bewältigen. Der Beruf des Reiseführers ist mit sehr viel Stress verbunden – ich war ja nonstop unterwegs“, erklärt Tarcsa. Irgendwann kam ihr die Idee: „Mein Leben würde viel geregelter verlaufen, hätte ich eine sichere Einkommensquelle durch einen Laden in der Markthalle. Dort gehen ohnehin viele Touristen hin.“

Als ihre Tochter Leonetta etwa ein Jahr alt war, eröffnete Tarcsa schließlich ihr erstes Geschäft „Leonetta Folklor“.

Mit Leidenschaft und Überzeugung

Ildikó Tarcsa glaubt, die Eröffnung ihrer Läden sei genau das Richtige für sie gewesen: „Als Dolmetscherin und Fremdenführerin bin ich viel gereist und war schon fast überall auf der Welt. Ich habe immer jedem eine Tischdecke als Geschenk mitgebracht, darüber haben sich die Leute gefreut. Ich liebe die Stickereien einfach. Und wenn ein Mensch liebt, was er verkauft, dann kann er das auch mit voller Überzeugung tun.“

#

Ihre heute 28-jährige Tochter Leonetta Tarcsa lebt derzeit in Dubai und arbeitet dort als Fitnessmodel und -trainerin. Trotzdem kümmert sie sich weiterhin um die Webseiten der beiden Läden, über welche man weltweit Folkloreartikel bestellen kann. Weil sie Marketing an der Corvinus-Universität in Budapest studiert hat, kümmert sie sich außerdem darum, die Marke bekannter zu machen. Doch Leonetta Tarcsa entwirft auch einen Teil der Folkloremode selbst und organisiert die Produktion der Ware. Gábor Tarcsa hingegen hält sich aus dem Geschäft raus. Der Zahnarzt hat erst kürzlich seine eigene Klinik am Corvin köz eröffnet, vorher hat unter anderem schon in Deutschland gearbeitet. „Er ist schon öfter ins Ausland gezogen, kam aber immer wieder nach Budapest zurück“, erzählt die Mutter mit einem Lächeln. Beide Kinder haben übrigens die Deutsche Schule Budapest besucht.

International vernetzt

Neben der Geschäftsführung der beiden Läden ist Ildikó Tarcsa als Vorsitzende der Abteilung für Volkskunst in der ungarischen Handelskammer. Mit der Kammerdelegation reist sie regelmäßig ins Ausland: „Ich war unter anderem schon dreimal in China, außerdem in Japan, in Deutschland und in der Slowakei, um dort die Blusen zu präsentieren.“ Dabei kommt Tarcsa zugute, dass sie gleich mehrere Sprachen fließend beherrscht. Mit acht Jahren habe sie begonnen, Deutsch zu lernen. „Damals war noch Russisch die verpflichtende Sprache, die man in der Schule lernen musste. Aber mein Vater war der Meinung, dass Deutsch sehr bedeutend ist, deshalb habe ich Privatunterricht genommen. Mit elf Jahren habe ich Englisch und Russisch angefangen und Spanisch kam auch noch hinzu“, erklärt Tarcsa.

#

Dieser Sprachenschatz hilft der Unternehmerin auch heute noch, denn: „90 Prozent unserer Kunden kommen aus dem Ausland“, sagt sie. „Die Ungarn mögen diese Art von Kleidung zwar auch, sie kaufen sie aber meist nur, um sie auf Veranstaltungen zu tragen oder um sie den Verwandten im Ausland als Geschenk mitzubringen“.

Die Deutschen kaufen lieber Magnete

Und noch eine interessante Beobachtung macht Tarcsa in ihrem Geschäft: „Die meisten Kunden kommen aus den USA und aus Südamerika, vor allem die Mexikaner mögen es, hier Geld auszugeben. Unser Kundenkreis verändert sich aber jedes Jahr, dieses Jahr sind es beispielsweise besonders viele Inder und Südkoreaner, die bei uns einkaufen.“

Leonetta Tarcsa: Die Tochter von Ildikó Tarcsa kümmert sich um die Webseite und das Marketing des Geschäftes; außerdem modelt sie aktuell in Dubai. (Foto: Leonetta Folklor)

Die Deutschen hingegen hätten an Kaufkraft eingebüßt. „Vor zehn Jahren haben sie noch alle die 90 mal 90 Zentimeter großen Tischdecken gekauft. Heute kauft sich der deutsche Tourist ein T-Shirt, einen Magneten oder Puppen für die Enkelkinder.“ Dabei hat sich Ildikó Tarcsa lange gegen den Verkauf eben dieser Waren gesträubt, doch seit fünf Jahren verkauft sie auch T-Shirts mit Prints und Magneten – obwohl sie die eigentlich überhaupt nicht mag. „Aber da muss man eben mitziehen, weil die Touristen nun einmal auf diese Mitbringsel stehen“, sagt sie seufzend und fügt hinzu: „Wir leben aber immer noch vor allem vom Verkauf der großen, bis zu sechs Meter langen Tischdecken.“

Nur eine Sache irritiert die Inhaberin etwas: „Heute feilschen die Kunden alle. In allen Reiseführern steht, dass man regelrecht feilschen muss! Somit glauben die Touristen, sie müssten die angegebenen Preise kräftig herunterhandeln. Wir geben da aber nicht sehr viel Verhandlungsspielraum, denn Handarbeit hat ihren Preis.“

Handarbeit braucht ihre Zeit

Und nicht nur das: Weil alle Artikel handgestickt werden, beansprucht die Fertigung auch ihre Zeit. „Diese Tischdecke, das ist momentan unsere Größte“, sagt die Geschäftsführerin, springt auf und zeigt auf eine kreisrunde, weiße Tischdecke mit bunten Blumenmotiven, die an der Tür hängt. „Für diese haben unsere Mitarbeiter drei Monate gebraucht, sie ist 1,5 Meter im Durchmesser.“ Dass die Waren per Handarbeit gefertigt sind, erkenne man an den kleinen Knoten und Nähten auf der Rückseite der Produkte.

Die Stoffe würden von Großhändlern aus Ungarn bezogen. Genäht und gestickt werden die Waren laut der Unternehmerin in Kalocsa oder Mezőkövesd, entweder mit Matyó-, Kalocsai- oder Kalotaszegi-Motiv. „Früher haben wir Baumwolle und Polyestergemische verwendet. Der Kunde kauft heute aber interessanterweise nur noch solche Tischdecken, die man nicht bügeln muss, das bedeutet 100 Prozent Polyester. Wir haben noch unsere Leinentischdecken, aber die knittern leicht, deshalb kaufen sie die jungen Kunden nicht, ältere Ehepaare kaufen sie dagegen aus Nostalgie“, erklärt Tarcsa. Sommer- und Wintermode gibt es bei „Leonetta Folklor“ zwar nicht, doch trotzdem gibt es zweimal jährlich neue Kollektionen: „Leonetta plant und entwirft die Blusen. Letztendlich bleiben die Muster die Gleichen, aber die Designs verändern sich. Interessanterweise sind auf unserer Webseite aber die altmodischen Stile unsere Verkaufsschlager, nicht die modernen Stücke“, erklärt Ildikó Tarcsa schmunzelnd. Je zwei Mitarbeiter pro Laden sind aktuell angestellt, die Geschäftsführerin eingeschlossen. Sie selbst sei jeden Tag mit dabei, außer am Sonntag, da hat die Markthalle geschlossen.

Internationale Presse und Promis

Nicht nur normale Touristen besuchen gerne den außergewöhnlichen Laden in der Markthalle, sondern sogar einige Prominente. „Ich möchte uns nun wirklich nicht selber so hoch loben“, sagt Ildikó Tarcsa, „aber uns finden tatsächlich viele bekannte Gesichter, besonders durch unsere Webseite. Gok Wan, ein berühmter englischer Designer, war sogar bei uns einkaufen und ließ sich das Sticken beibringen. Der hat sich riesig darüber gefreut!“ Auch das italienische, russische und ungarische Fernsehen sei schon zu Besuch gewesen. Erst vor Kurzem sei ein russischer Kunde bei „Leonetta Folklor“ gewesen und hätte gesagt: „Gute Frau, ich habe Sie im Fernsehen gesehen!“ Und weil die ungarisch-japanischen Wirtschaftsbeziehungen im Oktober ihr 150-jähriges Bestehen feiern, hätte auch ein japanischer Journalist das Geschäft besucht. „Ich werde also bald in den japanischen Nachrichten erscheinen“, sagt Ildikó Tarcsa, gefolgt von einem herzhaften Lachen.

In der Promiwelt scheinen die ungarischen Stickereien durchaus beliebt zu sein: Die britische Schauspielerin Emma Watson beispielsweise tauchte auf dem Musikfestival Coachella im Jahr 2012 in einer traditionellen ungarischen Matyó-Bluse auf, wie das Onlineportal Origo berichtete.

Aufgrund ihrer großen Leidenschaft hat Ildikó Tarcsa selbstverständlich auch einen Favoriten unter den Stickereistilen: „Mein Lieblingsmotiv ist das Kalocsai-Muster, wegen der Paprikas. Wenn ich ins Ausland gehe, bringe ich immer Tischdecken mit Paprikamuster mit. Leonetta und ich, wir mögen die Paprika schlichtweg am liebsten.“


Leonetta Folklor

Budapest, IX. Bezirk, Vámház körút 1-3

Öffnungszeiten: montags 6 bis 17 Uhr, Dienstag bis Freitag 6 bis 18 Uhr, samstags 6 bis 15 Uhr

Weitere Informationen finden Sie unter www.leonettafolklor.hu/de/

#

Stickmuster ist nicht gleich Stickmuster

Die ungarische Volkskunst kennt nicht nur ein Stickereimotiv. Und auch bei „Leonetta Folklor“ gibt es Waren mit drei verschiedenen Motivarten zu kaufen, die wir hier knapp vorstellen.


Kalocsai-Muster:

Das Kalocsai-Muster (aus der Stadt Kalocsa) wurde in den 1860er-Jahren entwickelt. Es ist einfach und geordnet und beinhaltete anfangs Motive aus der Natur, wie Trauben, Maiglöckchen, Vergissmeinnicht und Veilchen. Später kamen unter anderem Tulpen, Paprikaschoten und Kornblumen hinzu. Der traditionell weißen Stickerei folgten der schwarze, blau-schwarze und blau-rote Stil. Erst ab Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Motive bunter. Ein sehr wichtiges Detail des Kalocsai-Musters bildet die herzförmige Blume, die das Symbol für das Leben und die Liebe wurde.


Matyó-Muster:

Die Matyó-Stickerei entstand im Nordosten Ungarns (Mezőkövesd, Szentistván und Tard) und ist eine der ältesten Stickereien des Landes. Die Motive sind auch hier überwiegend floral mit Rosen, Margeriten, Tulpen, Kornblumen und Maiglöckchen. Anlässlich traditioneller Feiertage werden noch heute Trachten bei der Aufführung volkstümlicher Tänze getragen. Eine Legende besagt, dass die Matyó-Stickerei entstand, weil einst der Teufel einen Bräutigam entführte. Als die Braut ihn zurückforderte, verlangte der Teufel eine Schürze voller Blumen von der Braut – zur Winterzeit. Weil dies nicht möglich war, bestickte die Braut die ganze Schürze kurzerhand mit Blumenmotiven und bekam ihren Bräutigam auf diesem Wege zurück. Der größte optische Unterschied zur Kalocsai-Stickerei ist, dass beim Matyó-Muster die Rose nur rot sein darf; beim Kalocsai hingegen zum Beispiel auch rosa.


Kalotaszegi-Muster:

Die Kalotaszegi-Stickerei wird auf Hanfleinen gefertigt und ist daher vergleichsweise derb. Charakteristisch ist der Kreuzstich, der für das vergitterte Muster verantwortlich ist. Unter ihren Motiven findet man neben Pflanzen und Himmelskörpern vor allem zahlreiche Variationen des Reichsapfels mit tropfenförmigem, ovalem oder kreisförmigem Kern und mit Blütenblättern verziertem Rand. Ein sehr häufiges Motiv sind außerdem der Lebensbaum sowie Rosen, Halbkranzmotive und Tulpenvariationen. Die „geschriebenen“, also vorgezeichneten Nähte von Kalotaszeg finden sich oft auf Kissenbezügen, Laken, Tischdecken und Handtüchern. Die Hanfleinen werden am häufigsten mit rotem Garn bestickt, aber auch schwarzes und dunkelblaues Garn sind üblich. Die Kalotaszegi-Stickerei ist eine der bekanntesten siebenbürgischen Arten dieser Kunst.


Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
Handgemachte Schokoladen in Budapest

Fünf Orte, an denen die zartschmelzende Versuchung wartet

Geschrieben von Katrin Holtz

Bald schon ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit – und während die Wünsche für den Gabentisch so…

Mercedes-Benz Schule

„Fit zu machen fürs 21. Jahrhundert“

Geschrieben von MBMH/BZ

Das Mercedes-Benz-Werk Kecskemét hat mit staatlicher Unterstützung und mit Hilfe der Stadt Kecskemét…

Steigendes Lebensniveau

58 Prozent der Ungarn sind glücklich

Geschrieben von Rainer Ackermann

Das Nettoeinkommen pro Kopf der Bevölkerung hat 1,3 Millionen Forint (umgerechnet 4.000 Euro)…