Den Ungarn konnte man schon immer leicht die Schuld in die Schuhe schieben. Das wissen die Großmächte nur allzu gut, vor allem die Franzosen. Jetzt haben sie der Abgeordneten Sargentini die Anklageschrift in die Hand gegeben, aber wir, die Ungarn, die sich auf den hundertsten Jahrestag von Trianon vorbereiten, haben die Bestrafung durch die Großmächte schon in einer solchen Intensität erfahren, dass es unwahrscheinlich ist, dass wir vor einer eitlen Liberalen erschaudern, egal welchem schnöden Mammon sie dient.

Unsere Vorfahren kämpften so gegen Türken und Labanzen, wie Ministerpräsident Viktor Orbán es im Europäischen Parlament mit den Worten von Ferenc Deák formulierte: „ohne Hoffnung“. Das ist keine Neuheit für uns, genauso wenig ist es der Verrat.

Heute nimmt Europa die halbe Welt auf und verstößt Ungarn. Das machen sie nicht zum ersten Mal. Unser Szekler Autonomiebestreben bedeutet ihnen nichts; sie sind für jede Ungerechtigkeit in der Welt empfänglich, aber wir sind in ihren Augen ein Nichts. Die Kette, der an uns verübten Ungerechtigkeiten, können sie immer weiter fortführen.

Anderssein ist heute schon ein europäischer Trend, 'etwas zu sein' ist jedoch vorsintflutlich, aber das ungarische Anderssein kann Europa schon seit Jahrhunderten nicht wirklich aufnehmen, sondern wehrt es eher reflexartig ab.

Unsere Glocke klingt zur Mittagszeit für eine Minute (das sog. Türkenläuten ist eine Erinnerung an einen entscheidenden Sieg der ungarischen Truppen über eine erdrückende türkische Übermacht im Jahr 1456 vor Belgrad, Red.) und verkündet, dass wir existieren. Aber in den restlichen 23 Stunden und 59 Minuten befasst sich niemand mit uns. Ich bin der Überzeugung, dass es dabei auch nicht hilft, wenn wir uns nach ihnen richten. Denken wir nur an die Zeit der Gyurcsány-Regierung zurück, als multinationale Interessengruppen unser Land so ausgepressten, dass wir kurz vor dem Ruin standen.

Die europäische Menschlichkeit und Solidarität gilt nicht für uns. Unsere Szekler Landsleute kommen ins Gefängnis, worüber die Elite der europäischen Meinungsmacher keine Träne vergießt. Ist in Ungarn auch nur ein Mensch im Gefängnis, weil er „anders“ ist? Oder weil er eine liberale Ideologie vertritt? Oder weil er die CEU besucht? Nein! Sie leben und gedeihen, sie können intellektuell und frei sein, sie dürfen sich öffentlich äußern und andere ausgrenzen.

Es ist wichtig zu entscheiden, wofür wir „unser Leben und unser Blut“ opfern. Opfern wir unsere Lebenskraft für jemanden, wie es zum Beispiel am 11. September 1741 die ungarischen Stände dies Maria Theresa anboten und damit dem stets undankbaren Bruder [Österreich] halfen, oder wenden wir unsere geistigen und finanziellen Ressourcen lieber der Bewahrung und dem Wachstum des Ungarntums zu?

Als ungarische Mutter wählte ich letzteres, als ich vor fünf Monaten für den Fidesz-KDNP stimmte. Wir sind nicht verpflichtet, den bedeutend wohlhabenderen Staaten, die sich nun in Einwanderungsländer verwandelt haben, bei ihren missratenen Entscheidungen zu helfen.

Ihre kleinliche Rache ist weder christlich noch europäisch. Der Charakter unseres Ringens wird sich nie ändern.

Genauso wie Franz II. Rákóczi haben wir keine andere Wahl als den hoffnungslosen Kampf, der auf uns wartet - gemäß dem Motto: „cum Deo pro patria et libertate!“ Die Aufnahme selbst hoffnungsloser Kämpfe ist jedoch das einzige Unterpfand unseres Überdauerns.

Die Autorin ist Klinikärztin. Der Artikel erschien am 16. September auf dem Portal der Regierungszeitung Magyar Idők.

Aus dem Ungarischen von Anita Weber.

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