In den vergangenen Jahren gab es zahlreiche erschreckende Fälle von Gewalt gegen Frauen. Das bekannteste Beispiel ist der Säure-Arzt (Anm.: der im März 2013 seine Freundin mit Säure übergoss). Er wurde 2017 nach vielen Jahren endlich verurteilt. In erster Instanz wurde seine Anklage jedoch fallengelassen. Nur aufgrund des Drucks von Hilfsorganisationen, die dem Opfer beistanden, wurde er letztlich vor Gericht gestellt. (...) Wöchentlich stirbt in Ungarn eine Frau an den Folgen von innerfamiliärer Gewalt, laufend gelangen Fälle von Gruppenvergewaltigungen vor ungarische Gerichte, Täter sind vor allem junge Erwachsene. (...)

Es könnten hier noch zehn bis 20 brutale Morde genannt werden – allein aus diesem Jahr! –, die absolut nichts mit Flüchtlingen zu tun haben und die so gut wie ohne Beachtung geblieben sind.

Es geht nicht um „Migrantengewalt“, sondern um Gewalt gegen Frauen

Doch nachdem nun ein Mann mit Flüchtlingsstatus eine solche Tat verübt hat, setzte die Polizei sofort ein SEK ein und auch der Großteil der ungarischen Medien hat über jedes kleinste Detail des Geschehens berichtet. György Bakondi (Anm.: Regierungsbeauftragter für Fragen der inneren Sicherheit) erklärte, das Geschehene sei Teil der überall in Europa auftretenden „Migrantengewalt“ und ein Beweis dafür, dass das Zusammenleben der Kulturen unmöglich sei. Ein Fidesz-Abgeordneter wollte den Flüchtling gar kastrieren (ob er wohl auch die ungarischen Gewalttäter kastrieren lassen will?).

In Ungarn leben mehr als 10.000 Menschen mit Flüchtlings- oder Duldungsstatus und mehrere 100.000 weitere ausländische Staatsbürger, trotzdem wurde seit Langem keine vergleichbare Straftat von einem Flüchtling verübt. Kann man wirklich behaupten, dass die Tat eines Menschen etwas über das Verhalten von 10.000 Menschen aussagt? (...)

Wenn wir über Gewalt sprechen, dann sollten wir nicht über die von einem Flüchtling verübte Gewalttat, einem Einzelfall in Ungarn, sprechen. Hier geht es nicht um „Migrantengewalt“, sondern es geht um Gewalt gegen Frauen.

Doch dagegen tut die ungarische Regierung nichts und auch die Gesellschaft und die Medien tun kaum etwas, um Gewalt gegen Frauen als ein gesellschaftliches Problem darzustellen. Dabei wäre gerade das wichtig, wenn wir solchen Fällen vorbeugen wollen. (…)

Mehr Aufmerksamkeit als andere Fälle

Sollten wir es nicht als lächerlich empfinden, dass nicht nur die regierungsnahen, sondern auch die unabhängigen Medien diesem Fall in den vergangenen drei Tagen mehr Artikel gewidmet haben, als allen Fällen von häuslicher Gewalt im vergangenen halben Jahr zusammen?

Das Ganze hat nichts mit irgendwelchen politisch korrekten Allüren oder dem Verhältnis zu Flüchtlingen zu tun, sondern damit, wo die Präferenzen der ungarischen Gesellschaft liegen. Will sie solche Fälle in Zukunft verhindern und ungarische Frauen schützen oder sich einfach nur gemütlich eine Runde über die „räudigen Muslime“ aufregen? Denn in Ungarn sind es derzeit nicht Muslime, Paschtunen oder Araber, die ungarische Frauen vergewaltigen, schlagen und ermorden, sondern vor allem Ungarn.

Die Frage zum aktuellen Fall sollte lauten: Was können wir als Gemeinschaft tun, um ungarische Frauen zu schützen? Dann werden wir aber schnell sehen, dass wir so gut wie nichts tun. Wir sprechen nicht darüber – weder in den Schulen noch in den Medien; und auch die Gesetzgebung und die Mitglieder der Regierung befassen sich nicht mit dem Thema. Dabei wäre es unser aller Aufgabe, Gewalt zu verhindern.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 9. September auf dem investigativen Online-Nachrichtenportal merce.hu.

Aus dem Ungarischen von EKG

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