Seit 45 Jahren arbeitet Beatrix Vertel als Werbegrafikerin. Nach der Wende hat sie ein eigenes Grafikstudio gegründet und in den letzten Jahren bereits dreimal den Preis für das schönste Buch des Jahres in Ungarn verliehen bekommen. Ihr neues Buch „Ungarn in Wien“ stellt den Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens dar und ist an sich schon ein faszinierendes Kunstwerk (und auch ein großartiger Geschenktipp).

Das Buch präsentiert die historischen Spuren Ungarns in Wien aus den letzten 700 Jahren und lädt zu einer Serie von Spaziergängen durch Kirchen, Museen, Paläste und viele andere Schauplätze ungarischer Geschichte in Wien ein.

Im Interview geben uns Csilla Páll, die neben den aufwendigen Recherchearbeiten auch die kunsthistorischen Texte zum Buch beigesteuert hat, und die Grafikerin Beatrix Vertel, unter deren Leitung das Buch verwirklicht wurde, einen Einblick in den Kosmos des Werkes und das künstlerische Schaffen von Beatrix Vertel.

Der Einband des Buches spielt mitden heraldischen rot-silbernen Streifender alten ungarischen Árpádfahneund der rot-weiß-roten österreichischen Nationalflagge.


Frau Vertel, können Sie uns etwas über Ihr Árgyélus Grafikstudio & Verlag erzählen, bei dem die Publikation erschienen ist?

B.V.: Zusammen mit meinem Mann István Püspöky haben wir 1974 die Kunsthochschule in Budapest abgeschlossen, ich als Werbegrafikerin, er im Bereich malerische Grafik. Seitdem arbeite ich im Bereich Grafik und Werbegrafik, also nun fast seit 45 Jahren. Nach der Wende haben wir dann 1991 gemeinsam das Árgyélus-Grafikstudio gegründet. Der Name leitet sich vom Prinzen von Agir ab (im siebenbürgisch-ungarischen Volksmund 'Árgyélus'), denn die Arbeiten meines Mannes bauten auf dem Zeitalter des Prinzen von Agir auf. Bisher hat Árgyélus schon 25 Bücher gestaltet. Fünf davon haben wir selbst herausgegeben, die anderen waren Auftragswerke für verschiedene Verlage. Dieses Buch ist nun der Höhepunkt meines bisherigen Schaffens in der Firma und auch das erste, das in solch einer fantastischen und intensiven Teamarbeit entstanden ist. Sechs Jahre haben wir das Material zusammengetragen und bearbeitet. Dass wir das Buch so gestalten konnten, dazu waren natürlich auch all die Vorarbeiten nötig.



Worum geht es in dem Buch?

B:V.: Das Buch baut auf einem Text des Historikers Dr. Gábor Ujváry auf, der von 2000 bis 2002 am Collegium Hungaricum in Wien tätig war. Es handelt sich um Spaziergänge durch Wien mit ungarischen Augen. Das Buch ist in verschiedene Kapitel gegliedert: Kirchen, Institutionen, Museen, Paläste von Hocharistokraten, verschiedene Gebäude, usw. Im Umschlag finden Sie Vorschläge für drei Spaziergänge, denen Sie während mehrerer Tage folgen können, um die einzelnen Schauplätze zu besuchen.


Cs. P.: Ich habe diesen Text von Dr. Ujváry auf der Homepage des Ungarischen Kulturinstituts in Wien, dem Collegium Hungaricum, entdeckt. Ich dachte, dass es fantastisch wäre, ihn als Buch zu realisieren, als eine Art gehobener Baedeker, ein historischer Kunst- und Kulturführer. Also habe ich mich umgeschaut, wer so eine ungeheure Aufgabe übernehmen könnte. Genau zu dieser Zeit stellte Bea gemeinsam mit ihrem Sohn Apor ihr Buch über Franz Liszt in Wien vor. Ich schaute mir das Buch an; diese üppige Struktur, die wunderbar fotografierten Gegenstände und Originaltexte aus der Zeit, fast wie in einer Collage zusammenführt. Da wusste ich sofort, dass sie meine Vision verwirklichen könnten. Gleich nach der Buchvorstellung habe ich sie gefragt, ob sie Interesse an der Umsetzung meiner Buchidee hätten und wir zusammenarbeiten könnten. Insbesondere brauchten wir viele Bilder. Deswegen begann ich dann in Wien alle Museen und deren Kataloge abzuklappern, um möglichst viele Objekte mit Bezug auf die ungarische Geschichte ausfindig zu machen. Ganz tolle Dinge haben wir dabei entdeckt.



Sie sprechen von einer Teamarbeit, wer war daran beteiligt?

B. V.: Dr. Gábor Ujváry musste seinen Text im Laufe der Jahre mehrmals überarbeiten und ergänzen. Er hat auch die Struktur des Buches, die Folge der Kapitel festgelegt. Dr. István Fazékas arbeitete damals als Leiter der ungarischen Archivdelegation im Haus-, Hof-, und Staatsarchivs in Wien. Er hat uns bei der Quellenbeschaffung geholfen, Originalurkunden zugänglich gemacht und auch später als Lektor die historische Genauigkeit aller Fakten überprüft. Mein Sohn Apor Püspöki, der auch ein Designer ist, hat sämtliche Fotografien aller vorgestellten Fundstücke und Bauwerke gemacht. Und Csilla hat neben der kunsthistorischen Recherchearbeit für die Genehmigungen und Fotorechte bei den Museen gesorgt.


Cs.P: Die Bildbeschreibungen der abgebildeten Kunstgegenstände stammen meistens von mir. Diese Objekte, sowie zahlreiche Gebäude mussten von Apor während zahlreicher Ausflüge nach Wien fotografiert werden. Die Besonderheit und Neuerung des Buches ist, dass die Persönlichkeiten, die im Text vorkommen, noch einmal separat vorgestellt werden. Man findet auf den jeweiligen Seitenrändern kleine Porträts und Texte, also eine kleine Visitenkarte der Personen. Damit jeder die Person kennenlernen kann. Ein Name allein sagt ja oft noch nicht viel aus. Im Anhang des Buches gibt es sehr umfangreiche Literatur-, Orts- und Namensverzeichnisse. Deshalb kann es neben einem kulturellen Reiseführer auch als historisches und wissenschaftliches Dokument bzw. als Lehrbuch verwendet werden. Insbesondere empfehlen wir es für Studierende, die in Wien Historisches recherchieren möchten.



Wenn man das Buch anschaut, kommt einem jede Seite wie eine eigene Komposition vor. Wie machen Sie das?

B.V. Ich mag es, die Gesamtheit des Buches zu überschauen und zu gestalten. Jedes Detail vom Papier bis zum Schrifttyp muss stimmen und wird aufeinander abgestimmt. Und ich glaube, das kommt daher, dass ich auch ziemlich viele Ausstellungen realisiert habe. Dort setzt man die Dinge zueinander in Bezug, präsentiert sie nebeneinander und arbeitet mit Farben, Formen und Proportionen des Raumes.


Cs.P: Genau. Ich hatte immer das Gefühl, dass Bea dreidimensional denkt, obwohl sie Bücherseiten entwirft. Man kann förmlich in die Bilder hineingreifen. Fast wie ein Film mit Standbildern. Das ist wunderbar und ich habe es noch nirgendwo anders so gesehen. Das Buch selbst ist ein Kunstwerk. Heutzutage sind Bücher ja immer mehr auf dem Rückzug, weil die elektronischen Medien alles übernehmen. Ein Buch muss heutzutage sich selbst rechtfertigen können, d.h. nur Bücher, die als Kunstwerk selbst einen Wert haben, werden meiner Meinung nach auf lange Sicht bestehen können. Dieses ist ein schönes Beispiel dafür. Alle ihre Bücher sind eigentlich grafische Kunstwerke. Und hier ist natürlich die Funktionalität mit der Kunst verbunden, eine Symbiose zwischen beiden.


Wer ist der potenzielle Leser des Buches?

Cs.P.: Das Buch ist für das gesamte ungarischsprachige Publikum interessant; für Studenten, Fachleute, alle, die das Schöne lieben, Kunstliebhaber, Patrioten, alle, die zum ungarischen Königreich einen Bezug haben, alle Besucher von Wien. Man kann in dem Buch erkennen, dass Wien lange Zeit quasi (nach Bratislava) eine zweite Hauptstadt Ungarns war. Besonders seit dem 16. Jahrhundert, als Ungarn dreigeteilt war, wurde die Stadt durch viele ungarische Einflüsse geprägt. Und das sollte jedem Ungarn sprichwörtlich vor Augen geführt werden.


Das Buch füllt viele Wissenslücken. Die hauptsächlich in Wien lebenden Ungarn sind begeistert vom Inhalt und den Bildern, die es so in einem Band zusammengestellt bisher noch nie gab. Manche sagten mir, dass sie auf ihren Wegen durch Wien schon oft nach den ungarischen Spuren gesucht und sie vielleicht auch entdeckt haben, aber es kein Nachschlagewerk dazu gab.


Können Sie mit unseren Lesern vielleicht eine interessante Entdeckung teilen?

Cs.P.: Oh ja, zum Beispiel gab es seit Maria Theresa die sog. königlich-ungarische Leibgarde in Wien, die es bis zum Ersten Weltkrieg gab. Das jetzige Justizministerium, ein wunderschönes Palais Trautson, war die Lehranstalt ungarischer Offiziere, die Sicherheits-, Wach- und Repräsentationsaufgaben zu erfüllen hatten. Sie wurden dementsprechend gemustert und galten lange Zeit - in ihren glanzvollen, mit Leopardenfell besetzten Uniformen als die prächtigsten, jungen Männer von Wien. Ich habe nachträglich noch ein Foto vom Graben in Wien aus dem Jahr 1914 gefunden. Es zeigt wie die Leibgardisten auf ihren weißen Pferden durch die Straßen defilieren und alle Zuschauer begeistert sind. Auch eine Karikatur haben wir entdeckt, die einige gealterte Leibgardisten als dickbäuchige und eher unattraktive, ältere Herren, hoch zu Ross zeigt. So stellen wir die Orte und Themen, die man in Wien finden kann, im Buch durch zusätzliches Bildmaterial in einen Kontext.


Gibt es neben schönen Männern auch etwas Wissenswertes über Frauen?

Cs.P.: Natürlich! Über Sisi habe ich da etwas entdeckt. Es gibt das Hofmobiliendepot in Wien, welches ursprünglich ein Möbellager für die Habsburgische Familie war. Alle Möbel aus Schlössern und Palästen wurden dort eingelagert. Jetzt ist es ein großes Möbelmuseum, wo verschiedene Räume authentisch eingerichtet wurden. Auch von Sisi wurde ein Zimmer originalgetreu eingerichtet. Ich stehe dort, schaue mich um und betrachte ihr schön geschnitztes Bett. Am Bettende erblicke ich das mit einer königlichen Krone geschmückte Doppelwappen mit der bayrischen Raute und daneben: das ungarische Wappen! Die Kaiserin von Österreich hat sich also in ihrem intimsten Wohngemach ihr geliebtes bayrisches und ihr geliebtes ungarisches Königswappen auf ihr Bett schnitzen lassen! Keinen Doppeladler, nichts Habsburgisch - Kaiserliches! Ein anderes Detail dazu: Im Schlosspark von Schönbrunn gab es eine Meierei, wo mehrere Kühe weideten, damit Sisi jeden Tag frische Milch trinken konnte. In dieser Meierei hatte man ihr ein Zimmer eingerichtet, wo sie sich nach dem Spaziergang erfrischen konnte. Dieses Zimmer zierten rustikale Möbel mit ungarischen Motiven und ein Speiseservice aus Hollóháza-Porzellan… Dort hat sie sich vermutlich vom Hofzeremoniell etwas zurückziehen können.

Detail von Sisis Bett mit geschnitztem königl. bayerisch-ungarischem Doppelwappen.



Bis wann reicht die Geschichte im Buch?

Cs.P: Eigentlich bis zum Ersten Weltkrieg. Nur mit wenigen Ausnahmen werden Personen – wie der berühmte Kardinal Mindszenty – in ein Kapitel aufgenommen. Die Auflösung der Doppelmonarchie sowie die kommunistische Ära hat das ehemals enge Zusammenleben der beiden Länder leider unterbunden. Bücher wie dieses sollen ein Hilfsmittel für viele Ungarn sein, ihre Geschichte und die noch existierenden Spuren der Vergangenheit wiederentdecken zu können.

Nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahre 1918, wurden zwei Drittel des Territoriums vom Noch-Königreich Ungarn abgetrennt. Historische Regionen, Orte, Güter, Schlösser, Quellen, Archive usw. wurden fortan von den Nachfolgestaaten übernommen. Das zwischen 1949 und 1989 herrschende kommunistische Regime versuchte alles vergessen zu machen, was an die monarchische Vergangenheit erinnern konnte. Reisen nach Wien waren eine Seltenheit, wenn überhaupt möglich. Fachleute, die sich heute mit Themen der ungarischen Geschichte beschäftigen, müssen oft nach verschollenen bzw. in Vergessenheit geratenen Quellen forschen, und dies oftmals außerhalb des ungarischen Staatsgebietes. Gott sei Dank erscheinen immer mehr fachlich exzellente Publikationen und die Bücher von Beatrix mit historischen Inhalten gehören zu den schönsten Kreationen dieser Art.


Ist eine deutsche Version geplant?

Cs.P.: Ja, wir wurden oft danach gefragt und planen eine deutsche Übersetzung, die auf ein deutschsprachiges Publikum zugeschnitten werden soll. Für einen österreichischen bzw. deutschen Leser sollen die historischen und kulturellen Beziehungen mit Ungarn innerhalb des Habsburgerreiches so erzählt werden, dass er auch entsprechende Anknüpfungspunkte zu seinem eigenen Wissen aus dem Geschichtsunterricht hat. Ereignisse, die man zwar kennt, aber aus einem anderen Blickwinkel erfährt. Aha-Effekte haben einen wichtigen und hohen Wiedererkennungswert für die Leser, damit sie sich die Dinge – im Kontext – leichter vorstellen und merken können.



Beatrix, können Sie uns noch etwas zu Ihrem Kontext erzählen und was Ihre bisherige Arbeit beeinflusst hat?

B.V.: Dass ich Grafikerin wurde, habe ich meinem Vater József Vertel zu verdanken, der einer der bedeutendsten Briefmarkengestalter Ungarns war. Er hat meine Beziehung zum Schaffen von Büchern wesentlich beeinflusst. 2002 habe ich ihm auch ein Erinnerungsalbum gewidmet, in dem sein Leben und Schaffen gezeigt wird. Während des Arbeitsprozesses daran habe ich begriffen, dass der erste wichtige Gesichtspunkt bei der Erstellung eines Buches der Blick des Lesers ist. Es geht darum, eine Sicht für den Leser zu erschaffen, seinen Blick durch eine visuelle Anordnung oder Komposition von Bildern und Inhalt auf das Wesentliche zu lenken und dadurch dann auch Werte zu übermitteln. Meine Arbeit ist immer davon bestimmt, den Menschen Werte und Schönheiten zu zeigen. Das versuche ich bei jedem noch so kleinsten Detail. Und ich denke, dass mein Sohn Apor genauso arbeitet. Er fotografiert auch mit dieser Perspektive.


Der nächste wichtige Punkt, der meine Arbeit beeinflusst hat, war die Sammelleidenschaft meines Mannes. Neben der Malerei und der Grafik liebte er vielerlei alte Gegenstände. Die zur Schaustellung gesammelten Objekte und historischen Dokumente verwendete ich auch bei der Zusammenstellung meiner Werke. Diese Sammelstücke bedeuten für mich ein Plus an Wert, eine Ebene mehr, die das Material, das Thema sichtbarer und verständlicher macht. Für das Buch über die Kulturgeschichte der Visitenkarten und deren historischen Kontext – welches das erste dieser Art von Sammelalben war, die ich anfertigte – habe ich von einem Händler eine Sammlung von 3.500 Visitenkarten bekommen. Es gab diesen Stapel Karten und ein paar Seiten über ihre Geschichte, und ich wollte daraus ein Buch machen. Ich erkannte bald, dass es sich um berühmte Personen handelte, die wichtig sein könnten und deren Porträt wir vorstellen sollten. Zum Beispiel haben wir in der Sammlung des Museums für Theatergeschichte Fotos von persönlichen Gegenständen der Künstler gemacht. Ich habe dann die Biografien der Personen mit den Aufnahmen ihrer persönlichen Utensilien verbunden. So ist das Ganze viel spannender und anschaulicher geworden.

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Das Gebäude der Ungarischen Botschaft.


Welche Rolle spielt Kunst für Sie in der Gesellschaft?

B.V. Wenn ich meine Enkel betrachte, dann entdecke ich Kunstfähigkeit in jedem von ihnen. Aber diese wird oft mit Beginn der Schule geradezu aberzogen. Ich habe in den 70er und 80er Jahren manchmal Zeichenunterricht erteilt. In der freien Sommerschule in Zebegény zum Beispiel, und mein Motto ist dabei immer gewesen: Es ist völlig egal, womit sich dieses Kind später einmal beschäftigen wird, wenn ich ihm ein wenig beibringen kann, Dinge wahrzunehmen, sich ein wenig zu befreien und seinen Wissensschatz um den Umgang mit Farben und Stiften bereichern kann, dann wird es später auch glücklicher in seinem Beruf sein. Mir schwebt dabei immer vor, wie furchtbar es ist, mit einem Kunden zu arbeiten, der keine Augen für Ästhetik und auch kein Bedürfnis nach schöner Formgebung hat. Eine Person ist ganz anders, wenn sie der Kunst nähersteht. Kunst ist unverzichtbar, egal ob Musik, Theater oder Bildende Kunst. Die Leute müssen Kunst sehen, damit sie selbst sehen lernen!


Was machen Sie sonst noch? Unterrichten Sie auch?

B.V. Ich illustriere auch Märchenbücher und setze unterschiedlichste Arbeiten im Bereich der Werbegrafik um. 1982 habe ich für eine internationale Agrarmesse das Layout für das erste ungarische Riesenplakat entworfen. Es zeigte eine geflügelte Kuh und hat einen entsprechend großen „Skandal“ ausgelöst. Das Plakat wurde dennoch in Wien in drei Teilen gedruckt und erhielt zwei Preise in Kanada… Daneben entwerfe ich auch Logos und Geschenkartikel, beispielsweise für die Benediktinerabtei in Tihany. Auch dabei ist es mir wichtig, auf die kleinsten Details zu achten und immer zu versuchen, Formate zu finden, die schön und praktisch sind. In Tihany ging es beispielsweise darum, Artikel zu entwerfen, die Kindern das Kirchengebäude näherbringen. Wir haben dann statt einfachen, eher stupiden Ausmalbildchen raffinierte ausklappbare Karten für die Kinder entworfen, die die Architektur viel spielerischer, allein schon durch die dreidimensionale Form, vermitteln konnten.


Worauf bezieht sich die Freiheitsliebe, die als Titel Ihres Lebenslaufs auf der Homepage des Árgyélus-Studios angeführt wird?

B.V. Es geht darum, jedwede Zwänge und Beschränkungen während der Formgestaltung zu hinterfragen. Auch bei der Arbeit an diesem Buch. Es gibt beispielsweise bestimmte formale Regeln in der Kunst- und Geschichtsliteratur, die man einhalten muss. Mein Mann hat sich als Künstler alle Freiheiten in seiner Arbeit nehmen können. Ich war als Werbegrafikerin eher gewohnt, den Wünschen der Kunden zu entsprechen. Als Maler und Grafiker war er da nicht gebunden. Er konnte die sog. „Regeln“, die nicht wichtig für ihn waren, viel mehr außer Kraft setzen. Ich brauche etwas länger, um mich von formalen Zwängen zu befreien.

Aber für mich ist immer die Frage: Wie kann man die zur Verfügung stehende Fläche auf einer Buchseite maximal und optimal nutzen? Welche Regeln sind sinnvoll und wie kann man mit dem Platz so kreativ umgehen, dass der Inhalt optisch am besten zum Tragen kommt? Dass wir die Bilder, die Fotografien und ihre Präsentation bis ins kleinste Detail selber gestalten konnten, gab uns auch ein großes Maß an Freiheit. In akademischen Ausgaben gibt es zum Beispiel sehr dogmatische Regeln, die unbedingt eingehalten werden müssen, damit etwas innerhalb des Faches anerkannt wird. Ein Altar muss zum Beispiel frontal von vorne aufgenommen werden, obwohl Detailaufnahmen oder andere Blickwinkel viel eher Aufschluss über ein Objekt geben oder den Gegenstand dem Betrachter viel näherbringen können. Apor hat sich für seine Fotoaufnahmen von Hochaltären und Kirchenfassaden sogar Drohnen beschafft, um die interessantesten Perspektiven auf Augenhöhe zeigen zu können.


Cs.P.: Dogmatische, starrköpfige, wissenschaftliche Vorgaben stehen manchmal der ästhetisch-ansprechenden und hochwertig-qualitativen Gestaltung von Kunstbänden gegenüber. In diesem Buch sollten die visuellen Eindrücke dominieren, deswegen hatte Beatrix freie Hand, es vornehmlich nach ästhetischen Gesichtspunkten zu gestalten.


Wie wurde dieses Buch finanziert?

B.V.: Dieses Buch ist eine völlige Eigenproduktion. Wir haben gearbeitet, alles gemacht. Sechs Jahre Arbeit stecken dahinter. Die Druckkosten haben wir von der Ungarischen Kulturstiftung bezahlt bekommen, alle weiteren Kosten habe ich mit dem Árgyélus Verlag selbst finanziert.


Welche neuen Projekte können Sie sich vorstellen?

Cs.P. Erst einmal natürlich die deutsche Version des Buches. Wir würden uns sehr über Sponsoren freuen, die eine deutsche Ausgabe ermöglichen. Denn dieser Schatz muss auch mit einem deutschsprachigen Publikum geteilt werden. Wir denken aber auch daran, dass man eine spiegelverkehrte Version über Österreicher in Budapest machen könnte. Besonders aus dem 19. Jahrhundert gibt es da noch viel zu entdecken. Und über dieses Buch könnte man sogar eine kleine Fernsehserie mit Spaziergängen durch Wien drehen.


Wo kann man das Buch bekommen?

B.V. Am besten kann man das Buch bei Buchvorstellungen erwerben, oder übers Internet direkt beim Árgyélus Studio, und demnächst voraussichtlich auch im Anima-Studio und im Buchladen der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.


Weitere Informationen, einen Blick ins Buch, sowie die Bestellmöglichkeit erhalten Sie unter: www.argyelus.hu

Sollten Sie Interesse oder Fragen zum Buch oder auch Angebote für ein Sponsoring der zukünftigen deutschsprachigen Ausgabe haben, dann wenden Sie sich gerne unter pallreisen@gmail.com direkt an Csilla Páll.

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