Die politische Wende vor bald 30 Jahren sei für ihn das Signal gewesen, in den Ländern des ehemaligen Ostblocks wirtschaftlich aktiv zu werden. Ungarn habe ihm dabei besonders am Herzen gelegen. Zum einen wegen der Rolle, die das Land für die deutsche Wiedervereinigung gespielt habe, zum anderen aber auch, weil sein Sohn Christoph zur damaligen Zeit im Budapester Pető-Institut erfolgreich behandelt wurde.

Nach wie vor sei er sehr zufrieden mit seiner damaligen Wahl. „Ungarn hat unter Ministerpräsident Orbán eine hervorragende Entwicklung genommen“, stellte Bettermann fest. Er sei stolz darauf, dass er diese Entwicklung mit guten Ideen begleiten durfte. Unter anderen habe er Orbán von der Einführung des Euro abgeraten. „Heute sind wir froh, eine eigene Währung zu haben“, merkte er bewusst in der ersten Person an.

Sehr zufrieden sei er auch mit der Halbierung der Körperschaftsteuer auf 9 Prozent, wodurch das Steueraufkommen nicht eingebrochen, sondern sich im Gegenteil noch erhöht habe. Mit Blick auf den anwesenden Finanzminister Mihály Varga bat er das Publikum um einen extra Applaus „für die Finanzverwaltung Ungarns“.

Sehr zufrieden sei er aber auch mit weiteren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ganz speziell würdigte er die „richtigen Energiepreise“ Ungarns. Nicht zuletzt mit Verweis auf die höheren deutschen Energiepreise, die seiner Meinung nach Deutschland ins Hintertreffen bringen würden. „Ungarn ist auf dem richtigen Weg“, schloss der Firmeninhaber seine Rede.

Der anschließend ans Mikrofon tretende Finanzminister Mihály Varga nutzte seine Rede vor allem dazu, um auf die guten Standortbedingungen für deutsche Investoren im Allgemeinen hinzuweisen. Als Beleg dafür zitierte er sowohl die jüngste Konjunkturumfrage der DUIHK als auch Kanzlerin Merkel. Die deutsch-ungarische Zusammenarbeit müsse mit Blick auf die, vor der europäischen Wirtschaft stehenden größeren Herausforderungen wie Digitalisierung, Einführung alternativer Antriebsmethoden im Fahrzeugbau oder künstliche Intelligenz noch weiter gestärkt werden. Seit 2013 befindet sich die ungarische Wirtschaft auf einer stabilen Wachstumsbahn. Im I. Halbjahr 2018 ist sie um 4,5% gewachsen. Ziel der ungarischen Regierung sei es, eine wettbewerbsfähige Wirtschaft aufzubauen, mit innovativen, entwicklungsfähigen Unternehmen und höheren Löhnen.

Die OBO Bettermann Hungary Kft. würdigte Varga als eines der Unternehmen, die nach der Wende zur erfolgreichen Umgestaltung der ungarischen Wirtschaft beigetragen haben. Nach seiner Rede besichtigte Varga in Begleitung von Levente Magyar, Staatssekretär im Außenwirtschaftsministerium, die Fertigung der Firma, bei der um diese Zeit noch kräftig gearbeitet wurde, und nahm anschließend noch eine gute Zeit lang am Galaempfang teil.

#

Lajos Hernádi, Gesch.ftsführer der OBO Bettermann Hungary Kft., zusammen mit Christoph Bettermann, Junior-Präsident der OBO Bettermann Hungary Kft.: „Ohne Christoph gäbe es keine OBO Bettermann Hungary Kft.“ (Fotos: OBO Bettermann)

Gespräch mit Ulrich Bettermann, dem Präsidenten der OBO Bettermann-Gruppe

„Wir sind in Ungarn sehr gut unterwegs“

Kurz vor der großen Jubiläumsfeier lud Ulrich Bettermann, der Präsident der OBO Bettermann-Gruppe, die Budapester Zeitung zu einen etwa halbstündigen Interview in sein neues Arbeitszimmer im Gebäude des frisch fertiggestellten OBO-Forums.

Der Unternehmer Ulrich Bettermann ist auch ein leidenschaftlicher Jäger. Das verrät sofort ein flüchtiger Blick über den Wandschmuck in seinem Büro. Seine zweite große Leidenschaft neben seiner Firma gehört der Politik. Allerdings nicht als vordergründiger Akteur, sondern im Hintergrund, als Netzwerker und Kommentator. Mit vielen großen Politikern, die die Bundesrepublik wesentlich mitgeprägt haben, war und ist er eng befreundet, so unter anderem mit Strauß, Genscher und Schröder. Die Fotogalerie in seinem geräumigen Arbeitszimmer kündet von einigen dieser Freunde. Kurz nach der Wende initiierte er das sogenannte Mendener Forum, bei dem seitdem unter anderem so namhafte Politiker wie Gorbatschow und Kissinger zu Gast waren. Gemeinsam mit Klaus Schwab war Bettermann zudem ein Mitbegründer des World Economics Forum in Davos.

Bei diesem intensiven Interesse für die Politik verwundert es nicht, dass es zu Beginn des Interviews nach kurzen Worten der Begrüßung erst einmal nicht um OBO Bettermann, sondern um Politik ging. Konkret drehte sich die Unterhaltung um einige in den letzten Wochen veröffentlichte Kommentare von ihm, in denen er sich kritisch mit den Vorgängen in der Bundesrepublik auseinandersetzt. Einer der Kommentare erschien im deutschen Wirtschaftsmagazin Bilanz, das zum Springer-Konzern gehört. Er trägt den deutlichen Titel „Mit Banalitäten kommt Merkel nicht mehr weiter“ und zieht unter anderem einen Vergleich mit dem nach Meinung von Bettermann inzwischen glücklicheren, weil besser regierten Österreich. „Wer gedacht hat, allmählich müsste der Wahnsinn ein Ende nehmen, wird täglich eines Schlechteren belehrt“, urteilt er darin über die deutschen Verhältnisse.


Haben Sie durch Ihre kritischen öffentlichen Meinungsäußerungen eigentlich geschäftlich oder privat irgendwelche Nachteile zu erleiden?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich bekomme sehr viel Zuspruch. Ich kann freilich nicht verifizieren, ob ich hier oder da auch ein paar Nachteile einstecken muss.


Wenn dem so ist, warum äußern sich dann so wenig Geschäftsleute so kritisch wie Sie öffentlich zu den Zuständen in der Bundesrepublik?

Sie haben einfach Angst vor Frau Merkel. Beispielsweise die ganzen Leute von DAX-Konzernen. Schließlich hat Frau Merkel etwa in Besetzungsfragen bei vielen dieser Firmen ein Wörtchen mitzureden. Die Initiative zu dem erwähnten Kommentar kam übrigens direkt von Frau Springer. Zuvor hatte sie vergeblich bei einigen Vertretern von DAX-Konzernen nachgefragt. Ich habe kein Problem damit, mich öffentlich kritisch zu äußern. Es ist mir sogar ein regelrechtes Bedürfnis. Deutschland könnte ganz anders reagiert werden. Ohne Frau Merkel hätten wir auch keinen Brexit.


Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Die Engländer, das habe ich mehrfach in London erfahren, hatten Angst davor, dass sie in Sachen Asylanten ein ähnliches Schicksal ereilt wie Deutschland. Diese Sorgen spielten bei der Brexit-Abstimmung eine wesentliche Rolle. Insgesamt hat Merkel Deutschland bisher übrigens einen Gesamtschaden von rund 230 Milliarden Euro zugefügt. Das haben wir einmal beim World Economic Forum eruiert.


Trotzdem darf die von Merkel geführte Groko nach dem Wählervotum weitermachen!

Merkel sitzt deshalb so fest im Sattel, weil es die CDU als solche nicht mehr gibt. Heute gibt es nur noch eine Merkel-CDU. Viele ehemalige CDU-Wähler sind inzwischen bei der AfD oder der FDP. Aktuell steht die CDU bei 28 Prozent. Wann hat es das schon einmal gegeben! Merkel macht Politik nach dem Winde. Das Einzige, was sie interessiert, ist, möglichst lange Kanzlerin zu bleiben. Hätten wir nicht die Agenda 2010 von Schröder gehabt, dann wäre sie jedoch schon lange keine Kanzlerin mehr. Schröder wurde abgewählt, weil er ehrlich war. Als Sozialist hatte er sogar die Steuern für die Unternehmen gesenkt. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Merkel profitiert jetzt davon, ohne selber groß aktiv zu werden.

Ihre Inaktivität hat teilweise auch damit etwas zu tun, dass sie wenig Ahnung hat. Schröder hatte noch eine Klasse Mannschaft im Kanzleramt. Ich denke hier nur an den hervorragenden Wirtschaftspolitiker Dr. Alfred Tacke. Den kennt kaum einer. Im Hintergrund hatte er aber hervorragende Arbeit geleistet und Schröders Arbeit bestmöglich mit Informationen und Einschätzungen unterstützt. Jetzt sieht es im Kanzleramt leider ein wenig anders aus.

#

„Dass mein Herz für Ungarn schlägt, ist ein offenes Geheimnis.“ (Foto: OBO Bettermann)


Wie sehen Sie die Zukunft von Deutschland?

Wir haben ja gerade aktuell die Geschehnisse in Chemnitz. Dieses Thema ist noch nicht vom Tisch. Wenn sich Frauen abends nicht mehr auf die Straße trauen und ähnliche Dinge, dann wird das seine Spuren hinterlassen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Proteste eines Tages aufs ganze Land übergreifen. Die meisten Menschen, teilweise auch die Politiker reden hinter vorgehaltener Hand ganz anders als öffentlich. Wenn ich mich, wie schon seit Jahren, für ein realistisches Ungarn-Bild einsetzen, wenn ich mich gegen all die Märchen, wir hätten in Ungarn eine Diktatur und keine Meinungsfreiheit ausspreche, dann stimmen mir die meisten Zuhörer nach einer gewissen Zeit zu. Aber nur hinter vorgehaltener Hand. Es kommt nur höchst selten vor, dass sie das einmal öffentlich wiederholen. Erst recht bei den Kollegen von Ihnen bei den Medien. Aber egal, jeder Tropfen höhlt den Stein. Ich bin mal gespannt, wie die Landtagswahlen in Bayern und Hessen ausgehen werden.


Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer ungarischen Tochter im Jubiläumsjahr?

Wir sind in Ungarn sehr gut unterwegs. Mittlerweile gibt es sogar schon Neider im Konzern, die sich für weniger Investitionen in Ungarn und mehr an anderen Standorten von uns, etwa in Russland oder in Indien starkmachen. Vor diesem Hintergrund werden jetzt bei uns Investitionen konzernweit ausgeschrieben. Erst danach wird dann entschieden, in welchem Land die jeweilige Investition stattfinden wird. Dazu kommt aber auch, dass wir in Ungarn ein immer größeres Problem mit dem Arbeitskräfteangebot haben. Ingenieure bekommen wir noch. Aber Mitarbeiter für die Fertigung zu finden, ist schon deutlich schwieriger.


Wie versuchen Sie dieser Situation Herr zu werden?

Etwa durch zusätzliche Anreize. So haben wir beispielsweise bereits Land gekauft, auf dem Häuser für Mitarbeiter entstehen werden. Die Grundstücke geben wir verbilligt an unsere Mitarbeiter weiter oder errichten darauf in Eigenregie Häuser für unsere Mitarbeiter. Auf diese Weise wollen wir neue Mitarbeiter aus anderen Regionen des Landes zu uns nach Bugyi holen. Natürlich mit der Auflage, längerfristig bei uns zu arbeiten.


Wie sieht es mit der Fluktuation bei Ihnen aus?

Diese ist bisher glücklicherweise relativ gering. Das hat sicherlich auch mit unseren vielen Aktivitäten zur Mitarbeiterbindung zu tun. So gibt es beispielsweise immer im Sommer einen Familientag und zum Jahresende eine schöne Weihnachtsfeier. Wir versuchen, den Familiengedanken auf verschiedene Weise rüberzubringen.


Mussten Sie wegen der Arbeitskräftesituation schon einmal geplante Projekte auf Eis legen oder auf die lange Bank schieben?

Nein. Bisher konnten wir mit der Situation etwa mittels Bustransfers aus verschiedenen Regionen noch zurechtkommen.


Welche Investitionen sind in der nahen Zukunft geplant?

Weitere Investitionen auch auf dem Gebiet von Forschung und Entwicklung sind am Standort Bugyi durchaus möglich. Diese Projekte werden aber konzernintern ausgeschrieben, und ich weiß zum jetzigen Zeitpunkt ganz ehrlich nicht, ob sie nun nach Ungarn, Indien, Russland oder in ein anderes Land gehen, in dem wir aktiv sind. Deutschland bewirbt sich natürlich auch.


Werden Sie sich den Standortentscheidungen beugen, auch wenn Sie sich anders entschieden hätten?

Ja natürlich, man muss auch fair sein. Dass mein Herz für Ungarn schlägt, ist ein offenes Geheimnis. Ich möchte aber dennoch keine OBO-Tochter mit Investitionspotenzial benachteiligen. Das gilt übrigens auch für unsere Spendenpolitik, die in der Vergangenheit zu stark auf Menden, die Stadt unseres Konzernsitzes konzentriert war. Inzwischen achten wir sehr darauf, dass unsere Spendenaktivitäten international breit aufgestellt sind. Vor kurzem haben wir beispielsweise in Afrika unsere vierte Schule übergeben. Sie tragen übrigens alle den Namen meines Sohnes Christoph Bettermann.


Wie kamen Sie in den 90ern eigentlich ausgerechnet auf den Standort Bugyi?

Wir haben 1993 in der Táncsics utca in Budapest angefangen. Aus verschiedenen Gründen war dieser Standort nach einigen Jahren jedoch nicht mehr optimal für uns und ich machte mich auf die Suche nach einem neuen. Insgesamt kamen dabei 57 Standorte in die nähere Auswahl. Von diesen habe ich mir 25 vor Ort persönlich angeschaut. Die anderen konnte ich bereits ausschließen, ohne sie gesehen zu haben. Als ich den Standort Bugyi zum ersten Mal besucht hatte, war ein leitender Mitarbeiter aus Deutschland strikt gegen diesen. Ich habe jedoch dagegen gehalten und gesagt: „Das ist der richtige Standort.“ Damals stand auf unserem Gelände eine leerstehende militärische Telefon-Fabrik des Warschauer Paktes. Mit meiner Entscheidung von damals sollte ich Recht behalten. Bugyi ist für OBO Bettermann zu einer großen Erfolgsgeschichte geworden. Bugyi ist weiterhin ein optimaler Standort für uns. Nicht zuletzt, wegen der gesunden Distanz zur ungarischen Hauptstadt aber auch der reibungslosen Zusammenarbeit mit den Behörden vor Ort.


Auf welche Leistung sind Sie besonders stolz?

Darauf, dass es mir gelungen ist, hier ein wirkliches Familienunternehmen zu entwickeln. Unsere Mitarbeiter vor Ort haben den Familiengedanken verinnerlicht. Wir haben hier eine ähnliche familiäre Atmosphäre wie in Menden. Dass wir das geschafft haben, darauf bin ich stolz. Das war kein Automatismus. So etwas erreicht man nur, wenn man es persönlich vor Ort vorlebt.


Wie oft sind Sie bei Ihrer ungarischen Tochter?

Etwa alle 14 Tage. Ich fahre dann natürlich, wenn ich in Ungarn bin, auch meistens in mein Jagdgebiet nach Törökkoppány im Komitat Somogy, verbinde also stets das Angenehme mit dem Nützlichen. Häufig lade ich auch Kunden zur Jagd mit ein. Im Winter, wenn wir eine Treibjagd machen, kommen Kunden aus ganz Europa zum Jagen mit mir nach Ungarn. Mein Sohn Christoph, der seit fünf Jahren die ungarische Staatsbürgerschaft hat, lebt permanent in Bugyi.

#

Zum Programm der Jubiläumsgala gehörte auch eine Besichtigung der Fertigung.
Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
PICK Deli und Gourmet im V. Bezirk

Die Gourmetkantine der Wurstfabrik

Geschrieben von Katrin Holtz

Die Salamis und Wurstspezialitäten aus dem Hause Pick lassen nicht nur in Ungarn, sondern in ganz…

Shell Beach

„In Budapest killen sie die Clubs“

Geschrieben von Andrea Ungvari

Post-Hardcore ist grundsätzlich ein Außenseiter, das will es auch sein. Die Musikrichtung, die einst…

Die Oppositionsseite / Kommentar zur Causa CEU

Uns stehen große Veränderungen bevor

Geschrieben von Zoltán Lakner

Schon vor vier Jahren war klar, dass sich die Regierung eher früher als später einmal der CEU…