„Im Frühling 2016 zog ich nach Székesfehérvár“, erinnert sich die blonde Künstlerin. Sie kam wegen der Liebe. Es brachte ihr jedoch kein Glück. Stattdessen mietete sie ein Atelier in der Fő utca und zog knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft in Ungarn schließlich in die Hauptstadt.

„Verletzlichkeitskater”

Seitdem malt und lebt sie in Budapest – und spürt, dass sie angekommen ist. „Ich stamme aus Los Angeles und die Größe Budapests ist einfach perfekt, weil man leicht von A nach B kommt. Und sobald man ein paar Leute kennengelernt hat, stellt man fest, wie vernetzt hier alle sind.”

Allerdings war es nicht von Anfang an so leicht für Andrea, sich wohlzufühlen. Als Künstlerin und ausgesprochen offene Persönlichkeit hatte sie es zu Beginn schwer: „Ich spüre, wie Leute mich anstarren wegen meiner Art, mich zu kleiden. Doch egal, ob wegen meiner Kunst, der Kleidung, die ich entwerfe, oder der Dinge, die ich auf Bühnen sage: Kritik ist nun mal überall.” Oft fühlt sich Andrea deswegen verwundbar und ausgeliefert, während sie versucht, sie selbst zu sein. Sie nennt dieses Gefühl, einfach zu weit gegangen zu sein, „Verletzlichkeitskater”. „Aber das hält mich nicht davon ab, die Grenzen meiner Komfortzone stets neu auszuloten”, sagt die Künstlerin.

„Rohe, kreative Energie”

Wirklich angekommen fühlt sich Andrea, seitdem sie echte Freunde gefunden hat: „Ich habe mich oft als Außenseiterin gefühlt. Als Ausländerin bin ich auch der Sprache nicht mächtig. Außerdem bin ich auch recht extrem in meiner Selbstverwirklichung.” Lange Zeit suchte sie nach „ihrem Stamm”, den Seltsamen, mit denen sie sich zuhause fühlen kann. „Ich vermisste diesen Schuss Verrücktheit, den ich aus L.A. kannte“, erklärt Andrea. „Also begann ich, meine eigenen Events zu organisieren: Dinnerpartys, Kostümpartys und Wohnzimmerkonzerte.”

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Diese Veranstaltungen sind tatsächlich etwas ganz Besonderes in der ohnehin bunten Szene der ungarischen Hauptstadt. So gab es beispielsweise im Frühjahr eine Glitter-Einhorn-Party, bei der es neben Stand-up-Comedians auch Chansons und Tänzerinnen gab. Auch wer die Chance bekommt, zu einer Dinnerparty von Andrea eingeladen zu werden, sollte diese nutzen. Ausgesprochenes Ziel ist es dort, offen und unverblümt zu reden, zu diskutieren und auch solche Themen zu berühren, die normalerweise eher selten aufs Tapet kommen.

Die Veranstaltungen und ihre Kunst sind Andreas Beiträge zur kreativen Szene Budapests, die sie ausgesprochen schätzt: „Ich sehe so viel rohe, kreative Energie. Menschen erschaffen so viel mit so wenig, das ist spannend zu sehen. Und es gibt jeden Abend etwas zu tun und zu entdecken.”

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Geprägt von alten Meistern

Und obwohl Andrea zweifelsohne selbst wie ein Kunstwerk wirkt, ist sie viel mehr als nur ausgesprochen hübsch anzusehen. Vorrangig malt sie mit Ölfarben. Geprägt haben sie die alten Meister: „Caravaggio inspirierte mich, mit seiner Art Licht und Schatten darzustellen. Doch auch die Portraits von Boticelli mit ihrer Palette an ästhetischen Stilen, Vermeer wiederum wegen seiner Lichteffekte und Frida Kahlo prägten mich sehr. Letztere allerdings nicht nur wegen ihrer Arbeit als Malerin, sondern auch ihrer Art, sich als Frau darzustellen.”

Die Liebe zur Kunst als Ausdruck ihrer Persönlichkeit entdeckte Andrea schon früh: „Ich erinnere mich nicht daran, jemals nicht gemalt zu haben.” Die Kunst ist etwas, von dem sie schon immer wusste, wie es geht, sagt Andrea. „Und ich war schon immer daran interessiert, Dinge mit meinen eigenen Händen zu erschaffen. Mit fünf Jahren habe ich bereits ausgefallene Kleider für meine Barbies genäht.”

Seitdem hat Andrea ihren Stil gefunden: „Ich nutze klassische Techniken, manchmal gewürzt mit illustrativem Flair.” Zwei wiederkehrende Themen in ihrer Arbeit sind Sexualität und Schönheit, doch auch aus ihren zwei Töchtern schöpft sie Inspiration: „Ich habe meine Mädchen alle fünf Jahre gemalt. Diese Bilder werden sie für immer haben. Ich habe damit ihr Leben und ihr Wachstum dokumentiert. Sie sagen mir, wie sie gemalt werden möchten. Für mich sind diese Bilder die Wichtigsten, denn ich liebe es, die Schönheit meiner Töchter zu zelebrieren”, schildert Andrea.

Gleichzeitig können auch weniger fundamentale Dinge einen Kreativitätsschub in ihr auslösen. Denn neben der Malerei lebt Andrea ihre gestalterische Ader auch als Make-up-Artistin und Stylistin aus. Es sind oft besonders „mädchenhafte” Dinge, die ihre Aufmerksamkeit erregen, zum Beispiel Schmuck, Perlen, Schleifen, die sie dann mit Vorliebe mit auf den ersten Blick weniger passenden Dingen wie Tod, Zerstörung oder Dunkelheit kombiniert.

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„Man muss im Hier und Jetzt sein“

Ist sie einmal in Gang gesetzt, geht Andrea entschlossen bei ihrer Arbeit vor: „Ich bin eine schnelle Malerin und sehr selbstsicher. Ich platziere die Farbe genau dorthin, wo sie hinmuss, ohne zu viel darüber nachzudenken. Ich kann ein großes Gemälde von ein mal zwei Metern in etwa 40 Stunden fertigstellen – und dann auch gehen lassen.” Andreas Arbeitsweise änderte sich dramatisch, als sie realisierte, dass ihre Kunst nicht passgenau sein muss: „Wenn ich etwas vor zwei Tagen gemalt habe, kann ich es anschauen und schön finden. Zu detailliert zu arbeiten, birgt die Gefahr, dass man nie ein Ende findet. Man muss einfach in der Lage sein, im Hier und Jetzt zu bleiben, wenn man etwas tut.”

Diesem Motto folgt Andrea jedoch nicht nur bei der Malerei, sondern auch im Alltag.

Obwohl sie momentan keine Ausstellungen geplant hat, hält sie stets nach Gelegenheiten Ausschau, um ihre Arbeiten zu präsentieren. Eine Möglichkeit für Otto Normalverbraucher ein Teil von Andreas kreativer Welt zu werden, ist die von ihr gestaltete Rock-Star-Wohnung, das „Breitling Boudoir“ zu mieten. Auf rund 80 Quadratmetern hat die Künstlerin alles verwirklicht, was das ausgeflippte Herz begehrt. Allein der aus durchsichtigem Kunststoff gegossene und mit reichlich Glitter versetzte Fußboden macht die Wohnung einmalig. Auch das alle vier Wände bedeckende Graffiti im Gäste-WC ist eindrucksvoll, aber das eigentliche Highlight ist das Schlafzimmer: Ein riesengroßes Bett, in dem ohne Probleme der Musikclip zum Prince-Song „Purple Rain” hätte gedreht werden können, bietet die perfekte Kulisse für Fotoshootings der besonderen Art.

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Alles in der Wohnung ist von Andrea selbst ausgesucht, entworfen oder gar gefertigt. Zu Recht ist sie stolz auf dieses Gesamtkunstwerk, das sie für rund 100 Euro pro Nacht vermietet.

„Sich trauen, gesehen zu werden”

Heute ist Andrea hauptberuflich als Künstlerin tätig, sie erinnert sich aber noch sehr wohl an andere Zeiten: „Mein schlimmster Job war, als ich mich während der Highschool als Kellnerin versucht habe. Ich könnte keinen schweren Teller tragen, selbst wenn mein Leben davon abhinge. Ich habe Essen auf unzählige Gäste geschüttet.” Nach ihrem besten Arbeitsplatz befragt, antwortet Andrea: „Es ist nicht der Job selbst, es sind die Leute, mit denen du arbeitest. In L.A. habe ich ein Design-Team geleitet. Wir hatten unglaublich komplexe Projekte. Wir haben zusammen gefeiert und zusammen geweint. Es war ein sehr menschliches Umfeld. Perfekt, um kreativ zu arbeiten. Ich bin noch heute fest davon überzeugt, dass wir deshalb so erfolgreich waren, weil wir uns trauten, unsere Verwundbarkeit offen zu zeigen.”

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Wenn sie nur eine Sache an Budapest ändern könnte, würde sie sich wünschen, dass die Menschen sich trauen würden, mehr von sich preis zu geben – „gesehen zu werden”, wie Andrea sagt. „Menschen sollten offener für soziale Kontakte sein und nachsichtiger mit ihren Urteilen über andere Menschen. Die Mauern sind hier hoch und die Vorurteile stark.”

Doch Andrea ist weit davon entfernt, sich zu beklagen. Sie liebt ihre Wahlheimat Ungarn und fasst zum Abschluss zusammen: „Ich habe noch immer das Gefühl, dass ich erst dabei bin, alles zu verstehen. Hierherzuziehen war wie eine erzwungene Wiedergeburt. Es war wahnsinnig furchteinflößend und einsam, aber jetzt fühle ich mich endlich zuhause.”

Weitere Informationen zu den künstlerischen Arbeiten Andrea Breitlings finden Sie auf www.andreabreitling.com und www.instagram.com/artgirly1


Informationen zum „Breitling Boudoir“:

www.Mega-bitch-rentals.com

Die nächste Dinnerparty wird hier bekannt gegeben:

www.dinner-party-budapest.com

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