„Danube Women Stories“ ist Teil eines internationalen Projektes, das den grenzüberschreitenden Austausch zu Frauenthemen anregt und Wissen über die historische sowie gegenwärtige Bedeutung von Frauen in verschiedenen Städten im Donauraum recherchiert und verbreitet. Inhaltlich wie geographisch bewegt sich das Buch donauabwärts: von Ulm über Wien, Budapest und Novi Sad bis nach Temeswar werden bei jeder Station jeweilige lokale „Donau-Frauen“ porträtiert beziehungsweise interviewt und ihr Engagement für ihr jeweiliges Anliegen vorgestellt. Unter den insgesamt 51 Damen sind historische Frauenrechtlerinnen, aber auch heutige Politikerinnen, Managerinnen und Künstlerinnen.

Sophie Scholl und Maria Theresia

In Ulm geht es etwa vom Mahnmal mit weißer Rose für die NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die hier ihre Ausbildung zur Kindergärtnerin begann, zum Geschwister-Scholl-Haus, das an diesen Kampf erinnern soll. Ferner hat Mathilde Wieland ihren Platz im Werk, die fast 20 Jahre lang die heute noch bedeutenden Wieland-Werke leitete und dabei auch auf das Wohl der Belegschaft achtete.

Die berühmteste „Donau-Frau“ Wiens ist zweifelsohne Maria Theresia von Österreich, die 40 Jahre lang als Kaiserin die Regierungsgeschäfte der Habsburgermonarchie führte. Hier erinnert der nach ihr benannte Platz und das Schloss Schönbrunn an ihr Wirken, zu dem nicht nur die Einführung der Schulpflicht für Kinder gehört, sondern auch das Regieren mit harter Hand und das Ausbremsen ihres reformeifrigen Sohnes Joseph II.

Von hier stammt auch Marie Jahoda, Pionierin der Sozialpsychologie und Soziologie, die sich vor allem mit der Erforschung der Arbeitslosen beschäftigte. An sie erinnert heute die gleichnamige Schule im 16. Bezirk und eines der „Tore der Erinnerung“ der Universität Wien. Hedy Lamarr, in den 1930ern „schönste Frau der Welt“, bewies wiederum, dass sie neben dem guten Aussehen auch Köpfchen hatte: entwickelte sie doch nebenbei das Frequenzsprung-Verfahren, das als Grundlage der Mobilfunktechnologie gilt. Ein Weg im 12. Bezirk ist nach ihr benannt, zudem hat sie ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof.

Frauen und die Wahrzeichen von Budapest

In Budapest assistierte der Budapest Walkshop (Sétaműhely), der sonst verschiedene thematische Spaziergänge in der Donaumetropole organisiert, bei der Erstellung des Kapitels. Philanthropin Johanna Bischitz half hier im 19. Jahrhundert armen Frauen, die sich nicht selbst versorgen konnten. Sogar Kaiserin Sissy besuchte damals das von ihr gegründete Waisenhaus. Bischitz‘ Büste steht heute im Ungarischen Jüdischen Museum.

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Die Krankenpflegerin Erzsébet Gaál ist dagegen das beste Beispiel für eine unbekannte weibliche Berühmtheit: stand sie doch 1945 Modell für eines der Budapester Wahrzeichen, die Freiheitsstatue auf dem Gellért-Berg. Leider erhielt sie bis heute nicht die entsprechende Anerkennung dafür. Ebenso Gräfin Crescence Seilern, in die der „größte Ungar“, Graf István Széchenyi verliebt war und ihr sein Lebenswerk, die Kettenbrücke – ein weiteres Wahrzeichen der Stadt – widmete. Beides Damen, die nicht jedem bekannt sein dürften. Die Künstlerin Dóra Maurer ist wiederum die erste weibliche Leiterin der Széchenyi-Akademie für Literatur und Kunst, wo sie seit 1990 einen interdisziplinären Malkurs leitet.

Mileva Marić Einstein

Aus Novi Sad, seit dem 19. Jahrhundert eine Hochburg des Kampfes für Gleichberechtigung in der Region, stammt die Journalistin und Frauenrechtlerin Milica Tomić. Sie wurde 1918 eine von sieben weiblichen Abgeordneten – als Frauen noch nicht einmal wählen durften. Eine hiesige Straße trägt heute ihren Namen.

Mileva Marić Einstein war ebenso talentiert in Mathematik und Physik wie ihr deutscher Ehemann Albert; warum aber ihr Name von den gemeinsamen Arbeiten u.a. zur Relativitätstheorie verschwand, ist bis heute unklar. Nach der Scheidung musste sie vor Gericht um den Unterhalt und die Behandlungskosten des gemeinsamen kranken Sohnes streiten. Das hiesige Haus der Familie Einstein soll 2021 renoviert werden, wenn Novi Sad Europäische Kulturhauptstadt ist.

Designerin Svetlana Mojić Džakula sagt zum Thema Diskriminierung: „Manche Menschen unterscheiden zwischen männlichen und weiblichen Designern, aber das ist ihr eigenes Problem und ihre eigene Unsicherheit und keine reale Situation. [Meinen Kunden] sind mein Geschlecht, mein Alter und meine Herkunft egal.“

Weltrekordlerin und Nobelpreisträgerin im Banat

Im deutsch und ungarisch geprägten Temeswar wirkte unter anderem Emilia Lunghu-Puhallo, die erste rumänische Lehrerin im Banat, die den Orden „Stern von Rumänien“ für ihr Schaffen erhielt. Die ungarischstämmige Weltrekord-Hochspringerin Iolanda Balaș, nach ihrer Karriere Vorsitzende des Rumänischen Sportverbandes, erhielt 1998 die Ehrenbürgerschaft ihrer Stadt und 2010 von König Mihai den Orden „Nihil Sine Deo“. Im hiesigen Nikolaus-Lenau-Lyzeum lernte Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, die später an der West-Universität Temeswar deutsche sowie rumänische Literatur studierte und in einer hiesigen Maschinenfabrik als Übersetzerin arbeitete.

Der Städteführer zu den „Donau-Frauen“ versteigt sich in keine Gender-Debatte und ist kein feministisches Werk. Lieber stellt er objektiv weibliche Persönlichkeiten sowie die Motivation und Inspiration für deren Schaffen dar. So werden historische wie aktuelle Fakten vermittelt und teils völlig unbekannte Frauen sowie deren Wirken beschrieben – was auch dringend nötig ist, denn viele der präsentierten Damen finden trotz ihrer großen Verdienste in ihrer Stadt keinerlei öffentliche Anerkennung, etwa in Form eines Straßennamens oder Denkmals. Eine erste positive Entwicklung: in Wien startete die Wissenschaft nach Veröffentlichung des genderATlas, der genau Letzteres numerisch nachweist, eine Initiative, um mehr Frauen für deren Leistungen zu ehren.


Sabine Geller/Christiana Weidel/Belinda Schmalekow (Hg.): danube women stories
danube books Verlag, Ulm
128 Seiten mit Illustrationen und Fotos
ISBN 978-3-946046-12-7

9,90 Euro

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