Auf einer kleinen Brücke zwischen dem Freiheitsplatz (ung.: Szabadság tér) und dem Parlament steht Imre Nagy, sein Blick ist auf den Sitz von Parlament und Regierung gerichtet. 1996 wurde das Bronzedenkmal zur Erinnerung an den einstigen ungarischen Ministerpräsidenten hier aufgestellt; fast 40 Jahre nachdem er für seine Rolle beim ungarischen Volksaufstand von 1956 und seine Standhaftigkeit danach durch das kommunistische Regime hingerichtet worden war. Nagy steht genau in der Mitte der bronzenen Brücke – was kein Zufall ist, sondern ein Symbol für den halben Weg in die Freiheit, auf den er sein Land geführt hatte. Dass der Weg aus der Diktatur hin zu Demokratie und Freiheit kein einfacher ist, kann jeder nachempfinden, der versucht, an ihm vorbei über die unebene, rutschige Bronzebrücke zu steigen.

„Nagy setzte sich für einen Abzug der sowjetischen Truppen ein und wollte die Neutralität für Ungarn erreichen“, erläutert Valerie. Im Rahmen einer Free Walking Tour – das heißt einer auf Trinkgeld basierten Stadtführung – zeigt die gebürtige Budapesterin an diesem Tag Interessierten jene Spuren in Budapest, die an die Zeit der kommunistischen Herrschaft von 1945 bis 1989 erinnern, beziehungsweise – wie im Fall von Nagys Denkmal – an die Kämpfer gegen die Diktatur. Statuen und Denkmäler aus dieser Zeit wurden weitgehend aus der Stadtmitte geschafft. Um Lenin oder Marx zu begegnen, muss man schon in den Memento-Park im Südwesten der Stadt fahren, erklärt Valerie. Die junge Frau wurde wenige Jahre vor der Wende geboren und erlebte daher selbst nur die letzten Jahre des Kommunismus in Ungarn. Etwa zwei Stunden lang und über zwei Kilometer führt sie durch die Stadt, erzählt aus einer Zeit, die sie zwar selbst nur mit den Augen eines Kindes wahrgenommen, aber mit der sie sich seit Jahren intensiv beschäftigt hat, und erklärt Hintergründe zu Gebäuden, Mahnmalen und Skulpturen.

Von der Bank of China bis zum Parlament

Eine Einführung zum Kommunismus gibt Valerie vor der Bank of China, weiter geht die Führung am Erzsébet tér, der früher einmal Stalinplatz hieß und auf dem sich laut Valerie noch bis in die 90er Jahre ein großer hässlicher Parkplatz befand. Hier erzählt sie von den eingeschränkten Reisemöglichkeiten im Kommunismus und zeigt Bilder von Reisepässe, deren unterschiedliche Farben für verschiedene Reisefreiheiten standen. An der St.-Stephans-Basilika gibt die Stadtführerin einen Einblick in die Situation der Christen während des Regimes. Viele Kirchen seien geschlossen oder gar zerstört worden, der Besuch von Messen war teilweise verboten. Dass in vielen ungarischen Haushalten bis heute „Väterchen Frost“ (ung.: Télapó) zu Weihnachten die Geschenke bringt und nicht das Christkind oder der Weihnachtsmann, sei eines der Überbleibsel aus jener Zeit.

Valerie zeigt der Gruppe auch einen alten Bunker, der während des Kalten Kriegs errichtet worden war, und das ehemalige Börsengebäude am Szabadság tér, in dem das kommunistische Staatsfernsehen untergebracht war. Sie erzählt von der Situation der Medien im Allgemeinen, von damaligen Fernsehsendungen und von Werbung in einer Zeit, in der es an Waren mangelte. Und auch viel von ihren eigenen Erfahrungen, etwa davon, wie sie als Kind das Ende des Kommunismus in ihrem Land erlebte, bringt Valerie ein.

Umgewidmetes Denkmal

Die Freiheitsstatue auf dem Gellértberg sollte ursprünglich die sowjetischen Soldaten als die „Befreier“ Ungarns ehren. 1992 entfernte man jedoch die auf die Sowjets hinweisende Inschrift und brachte die ursprünglich zum Denkmal gehörenden kleineren Soldatenskulpturen in den Memento-Park. Die Statue sollte eine neue Bedeutung erhalten: „Jenen, die ihr Leben für die Unabhängigkeit, die Freiheit und den Wohlstand Ungarns gaben“, lautet daher die neue Inschrift. Die große Frau mit dem Palmenwedel ehrt heute also nicht mehr die Sowjetsoldaten.

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Anders ist es beim Denkmal für die sowjetischen Soldaten auf dem Freiheitsplatz, sagt Valerie. Der große Obelisk mit Hammer und Sichel auf einem Wappen soll noch heute der Soldaten der Roten Armee gedenken und ist damit das letzte Denkmal der Kommunisten in der Innenstadt. Dem hübschen Jugendstilgebäude dahinter, in dem sich die US-Amerikanische Botschaft befindet, strecke sich der Obelisk wie ein Mittelfinger entgegen, so Valerie. Sie führt uns weiter zum Nagy-Denkmal, dann zum Landwirtschaftsministerium vor dem Parlament. Stahlkugeln in den Steinmauern des Gebäudes sollen daran erinnern, dass hier bei einem Protest am 25. Oktober 1956 mehrere Hundert Menschen erschossen wurden.

Die vergessliche Rote Armee

„1945 kam die Rote Armee in Ungarn an, aber es gefiel ihr so gut hier, dass sie völlig vergaß, wieder zu gehen“, scherzt Valerie. Kurzweilig und manchmal humorvoll flapsig gibt sie einen geschichtlichen Überblick. So erzählt sie davon, wie das Kommunistische Manifest von Marx und Engels die Russische Revolution 1917 inspirierten und wie die Idee der herrschafts- und klassenlosen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Roten Armee auch in Ungarn durchgesetzt wurde – obwohl sie in ihrer Ausführung der ursprünglich entworfenen Utopie von Marx natürlich kaum mehr glich.

Mit unsauberen Methoden konnten die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg die Macht ergreifen, dabei hatten die Alliierten 1945 eigentlich eine demokratische Verfassung für Ungarn vorgesehen. Für die kommunistische Ära in Ungarn stellt die Revolution von 1956 eine Zäsur dar: In die erste Hälfte falle die Schreckensherrschaft unter dem Stalinisten Mátyás Rákosi, in der zweiten Hälfte folgten vor allem unter János Kádár eine allmähliche Liberalisierung und der sogenannte „Gulaschkommunismus“, erklärt Valerie.

Die Zeit bis 1953, Valerie bezeichnet sie als „harte Diktatur“, die insbesondere von Eigentumskonfiszierungen, Verfolgungen und Angst geprägt war. „Menschen mussten applaudieren, wann immer Rákosis Name fiel“, so die Budapesterin. Viele Babys seien in dieser Zeit nach dem Diktator benannt worden. Viele Dissidenten wurden im Hauptquartier des kommunistischen Staatssicherheitsdienstes in der Andrássy út 60, dem heutigen Terrorhaus-Museum gefoltert.

Langfristiger Erfolg der Revolution

Mit dem Tod Stalins 1953 begann der damalige ungarische Ministerpräsident Imre Nagy mit seinen Anstrengungen für eine Liberalisierung Ungarns, wurde jedoch bald darauf entmachtet. Am 23. Oktober 1956 gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße, um einen Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn, freie Wahlen sowie Presse- und Meinungsfreiheit für ihr Land einzufordern. Am dritten Tag hatten sich Tausende Protestanten vor dem Parlament versammelt, als in die Menge geschossen wurde.

„Auf kurze Zeit gesehen war die Revolution bald verloren“, erklärt Valerie. Langfristig hatten die Menschen jedoch Erfolg. Der neue Premierminister János Kádár war eigentlich ein Kollege Nagys gewesen. Während Nagy jedoch in Moskau über die Unabhängigkeit Ungarns verhandelte, schmiedete Kádár hinter dessen Rücken ganz andere Pläne mit den Sowjets. Kádár regierte einige Jahre mit Härte; richtete viele Ungarn hin und ließ auch Nagy 1958 erhängen. Schrittweise ließ er jedoch auch Reformen zu.

Unter Kádár entwickelte sich langsam eine liberalisierte Form des Sozialismus, der sogenannte Gulaschkommunismus. Gulasch, das ist eine reichhaltige Suppe, sie stehe dafür, dass die Regierung den Menschen langsam mehr gab, erklärt Valerie. „In den 70ern konnte man in Ungarn etwa schon Coca-Cola trinken, der erste McDonalds öffnete bereits 1988.“

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Die vielen Freiheiten, die sich die Ungarn gegenüber anderen Ostblockstaaten errungen hatten, habe ihnen auch die Entscheidung erleichtert, den Grenzzaun zu Österreich im Frühsommer 1989 abzubauen und unzähligen DDR-Bürgern so die Flucht in den Westen zu ermöglichen, erklärt Valerie. 1989 erfolgte die offizielle Machtübergabe, am 25. März und 8. April 1990 fand die erste freie Parlamentswahl statt und 1991 verließen die letzten sowjetischen Truppen Ungarn.

Natürlich hätte der Kommunismus aber auch seine Spuren in den Ungarn selbst hinterlassen, erklärt Valerie. Die heutige Bürokratie erinnere zum Teil an kommunistische Zeiten, und auch die Korruption zeige, dass es Generationen dauert, die Denkweise der Menschen zu ändern.

Stadtführungen für Trinkgeld

Vor dem Parlament verabschiedet sich Valerie von der Gruppe. Wie zu Beginn der Führung angekündigt, holt sie ihren Sammelbeutel heraus, in den man sein Trinkgeld werfen kann. Das Konzept der „Free Walking Tours“ gibt es weltweit; und während bei manchen die Dringlichkeit von Spenden durchaus betont und der Klingelbeutel auf eine Weise herumgereicht wird, dass es peinlich wäre, nichts oder wenig beizutragen, fühlt man sich heute nicht sehr zu einer Spende gedrängt.

Da es sich bei der hinter den Stadtführungen stehenden Organisation jedoch um ein Privatunternehmen handelt, das nicht durch Fördergelder finanziert wird, ist das Team natürlich auf Trinkgeld angewiesen. Wie Valerie erklärt, sei jeder, dem ihre Führung gefallen hat, gebeten, entsprechend seiner jeweiligen Möglichkeiten eine kleine materielle Anerkennung zu geben.

Die zwei- bis zweieinhalbstündigen Touren – genauere Informationen dazu gibt es auf der Webseite triptobudapest.hu – finden auf Englisch statt und werden in Budapest täglich und zu verschiedenen Themen angeboten. Die Stadtführer sind ausschließlich Ungarn. Sie geben meist unterhaltsame und kurzweilige Einblicke in die jeweiligen Themengebiete und achten auf einen guten Ausgleich zwischen kurzen Fußmärschen und Stopps mit Informationen.

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