Nach Ihrem Buch über die politische Geschichte Ungarns in den Jahren von 1985 bis 2002, das vor einigen Jahren in München bei Oldenbourg erschienen ist, haben Sie nun ein umfangreiches Werk über die westdeutsch-ungarischen Beziehungen in der Wendezeit, also in den Jahren von 1987 bis 1990, bei dem renommierten internationalen Verlag De Gruyter publiziert. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Thema aufzugreifen?

Nun, ich beschäftige mich bereits seit etwa zehn Jahren mit der Frage der deutsch-ungarischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Und dabei habe ich festgestellt, dass sich die ungarische und deutsche Geschichtsforschung bislang kaum mit dieser Thematik befasst haben. Es gibt, trotz der sehr guten Quellenlage, lediglich ein paar Darstellungen zu Detailaspekten der bilateralen Beziehungen und ganz wenige skizzenhafte Überblicke. Dies trifft insbesondere auch für die ereignisreichen, außerordentlich spannenden und folgenreichen Jahre von 1987 bis 1990 zu. Kurz gesagt, mein Motiv für das Buch war ein dreifaches: das Gewicht des Themas, der unbefriedigende Forschungsstand und die ausgezeichnete Quellenlage.


Wie sind Sie nun an dieses Thema herangegangen?

Vor etwa vier, fünf Jahren, also um den 25. Jahrestag der ungarischen Grenzöffnung für die DDR-Bürger, der Proklamation der Republik Ungarn und der deutschen Vereinigung, habe ich begonnen, die wichtigsten Quellen aus deutschen und ungarischen Archiven, die die bilateralen Beziehungen der Wendezeit betreffen, zusammenzustellen und die ungarischsprachigen Quellen ins Deutsche zu übersetzen. Parallel dazu habe ich einen historischen Überblick über die westdeutsch-ungarischen Beziehungen von 1949 bis 1987, also über die Vorgeschichte meiner Arbeit, verfasst und dann eine ausführliche Analyse des bilateralen Verhältnisses in den Wendejahren geschrieben. Und schließlich habe ich meiner Arbeit noch eine Chronologie hinzugefügt, die dem Leser einen schnellen Überblick über das Thema bieten soll. Ich habe das Thema also in Form einer Quellensammlung mit Monografie und Chronologie aufgearbeitet.


Dem Quellenteil kommt also eine besondere Bedeutung zu?

Ja, das ist richtig. Von den rund 750 Seiten sind etwa 500 Seiten, also zwei Drittel, Dokumente aus der damaligen Zeit. Natürlich muss jede ernsthafte historische Arbeit auf Quellen basieren. Diese werden dann aber zumeist nur zitiert oder paraphrasiert, nicht selbst publiziert. Ich halte es aber gerade bei zeitgeschichtlichen Themen, die ja oft emotional besonders aufgeheizt sind und von vielen Mythen und politisch motivierten Verzerrungen begleitet werden, für besonders wichtig, auch die zentralen Dokumente selbst zu publizieren, also sozusagen zu den historiografischen Wurzeln zurückzukehren. Das macht dann die unmittelbare Überprüfung historischer Aussagen durch den Leser – in diesem Fall auch der ungarischen Quellen durch den deutschsprachigen Leser – möglich.


Natürlich können Sie in diesem Rahmen nicht all Ihre Forschungsergebnisse darlegen. Würden Sie uns aber einige Eckpunkte nennen, die damals eine besondere Rolle spielten, die besonders charakteristischen für die bilateralen Beziehungen waren, heute aber wenig bekannt sind?

Lassen Sie mich hier vielleicht drei Punkte herausgreifen. Chronologisch an erster Stelle sei der Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Károly Grósz in der Bundesrepublik im Oktober 1987 genannt. Diese Visite stand ganz im Zeichen des Endes der Ära Kádár. Ungarn begann damals unter Károly Grósz und Miklós Németh, vor dem Hintergrund einer katastrophalen Wirtschaftslage, den Übergang zur Marktwirtschaft einzuleiten, begleitet von radikalen politischen Reformen. Diese Politik war auch von einer außenpolitischen Neuorientierung Ungarns in Richtung Westen und insbesondere in Richtung der Bundesrepublik begleitet. Zur Überwindung der Wirtschaftskrise und zur marktwirtschaftlichen Restrukturierung war Ungarn auf massive finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung angewiesen. Und die Bundesrepublik war damals – wie der Grósz-Besuch zeigte – das einzige westliche Land, das den wirtschaftlich-finanziellen Anliegen Ungarns (darunter ein Milliardenkredit, Managerausbildung, Investitionsförderung usw.) wirklich entgegenkam, wenn natürlich auch nicht ganz uneigennützig: In Westdeutschland sah man ganz klar die neuen wirtschaftlichen Expansionsmöglichkeiten in Richtung Osten, die sich aus der Unterstützungspolitik für Ungarn ergaben. Der Grósz-Besuch war aber auch in anderer Hinsicht bedeutungsvoll: Nachdem Budapest jahrzehntelang die Monopolstellung der DDR als Vermittler der deutschen Kultur in Ungarn verteidigt hatte, fand diese Situation bezeichnenderweise gerade im Oktober 1987 ihr Ende: Mit dem Abkommen über die wechselseitige Errichtung von Kulturinstituten ließ Budapest – nach jahrelangem Bonner Drängen – die Errichtung eines westdeutschen Kulturinstitut zu, nämlich des – seit März 1988 tätigen – Goethe-Instituts in Budapest.


Und der zweite Punkt?

Ein zweites, heute wenig bekanntes Ereignis war der grundsätzliche Haltungswandel der westdeutschen Politik Mitte 1989 hinsichtlich der politischen Veränderungen in Ungarn. Die ökonomischen Reformen in Ungarn seit den 1960er Jahren waren von der Bundesrepublik immer begrüßt worden und die wirtschaftlichen Transformationsschritte seit 1987 wurden – wie gesagt – aktiv unterstützt. Hinsichtlich des radikalen politischen Wandels, der im Frühjahr 1988 einsetzte, verhielt es sich hingegen anders: In der Bundesrepublik wurden damals zahlreiche Stimmen laut, die eine Gefährdung der Position Gorbatschows in der Sowjetunion befürchteten, andere betrachteten die radikalen politischen Veränderungen lediglich als „Schauspiel der Kommunisten“.

Selbst als sich Budapest im Februar 1989 zu einem Mehrparteiensystem, und damit offen zur Transformation des politischen Systems, bekannte, blieb man in den westdeutschen Regierungs- und Oppositionskreisen skeptisch. Ein grundlegender Haltungswandel zeichnete sich erst ab, als die politische Wende in Ungarn unter Ministerpräsident Miklós Németh konsequent und zügig weitergeführt und die Gegner des Systemwechsels entmachtet wurde. Am 22. Juni 1989 verabschiedeten alle Parteien des Deutschen Bundestags daraufhin eine Resolution, in der nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische Wende euphorisch begrüßt und ihre volle Unterstützung durch die Regierung Kohl gefordert wurde. (Dabei traten auch die Bedenken bezüglich Gorbatschow in den Hintergrund.) Wie die Quellen zeigen, wurden diesbezüglich auch zahlreiche konkrete politische und – zusätzliche – wirtschaftliche Maßnahmen in Angriff genommen, und zwar bereits in den Monaten vor der spektakulären Grenzöffnung. Die massive Unterstützung für Ungarn setze also bereits deutlich vor dem 11. September ein! Das trifft übrigens auch für den zweiten Milliardenkredit zu, der bereits Ende Juni von Helmut Kohl beschlossen worden war.

Könnten Sie noch kurz etwas zum dritten Punkt sagen?

Der dritte Punkt ist die Frage „Ungarn und die deutsche Einheit“. Die Grenzöffnung hat ja bekanntlich – und darüber wurde auch viel geschrieben – den Zusammenbruch des Honecker-Regimes wesentlich beschleunigt und letztlich auch dazu beigetragen, dass die Frage der deutschen Einheit auf die Tagesordnung der Weltpolitik gelangte. Ungarn befürwortete die deutsche Vereinigung von Anfang an, hatte dann aber selbst keinen Einfluss auf die Art und Weise ihrer Umsetzung beziehungsweise auf ihre Qualität. In diesem Zusammenhang wird häufig vergessen, dass die deutsche Einheit nicht nur für Deutschland eine große Herausforderung darstellte, sondern auch für Ungarn! Für Budapest warf sich eine Unmenge an Fragen auf: Wie geht es mit den – zu beiden Staaten intensiv ausgebauten – Wirtschaftsbeziehungen, insbesondere mit den mit der DDR geschlossenen Verträgen, weiter, kann sich Ungarn in den „Aufbau Ost“ einschalten oder verliert Ungarn deswegen gar die Unterstützung der Bundesrepublik, wie sollen die Kulturbeziehungen neu gestaltet werden, wie werden sich die politischen Beziehungen, vor allem zu den neuen Bundesländern, entwickeln usw.? Aufgrund der großen Sympathie für Ungarn traf die bundesdeutsche Politik dann aber Entscheidungen, die größere materielle Schäden für Ungarn abwandten und die bilateralen Beziehungen auch für die nächsten Jahrzehnte auf eine solide Grundlage stellten.


Was würden Sie sagen, ist die Quintessenz der westdeutsch-ungarischen Beziehungen in den Wendejahren?

Ich würde sagen, dass sich in den Jahren 1987 bis 1990 zwei Länder, ein kleinerer osteuropäischer und ein größerer westeuropäischer Staat, zusammengefunden haben, weil jede Seite – vor dem Hintergrund der epochalen Veränderungen in der Weltpolitik – in einem ganz besonderen Maße von der Politik beziehungsweise Unterstützung der anderen Seite profitierte – Ungarn auf seinem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft, Deutschland auf seinem Weg zu Vereinigung und östlicher Wirtschaftsexpansion. Natürlich war das damals aber eine weltgeschichtlich ganz einmalige Situation.


Haben sie vor, zum Thema der westdeutsch-ungarischen Beziehungen noch weitere Bücher zu veröffentlichen?

Ja, in etwa zwei Jahren wird ein weiterer Band erscheinen, der sich – ebenfalls als Quellenpublikation mit Monografie und Chronologie – ausführlich mit den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Ungarn von der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen 1973 bis zum Jahr 1987 beschäftigen wird. Dabei geht es also um die unmittelbare Vorgeschichte des jetzigen Bandes, wobei festzustellen ist, dass die westdeutsch-ungarischen Beziehungen bereits damals durch einige für das Ost-West-Verhältnis ganz außerordentliche Entwicklungen gekennzeichnet waren. Und später soll dann noch die „Vorgeschichte der Vorgeschichte“, also ein Band zu den Jahren 1949 bis 1973, folgen.

Andreas Schmidt-Schweizer arbeitet als Historiker am Zentrum für Humanwissenschaften der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest.


Die politisch-diplomatischen Beziehungen in der Wendezeit 1987–1990

Herausgegeben und bearbeitet von Andreas Schmidt-Schweizer

Verlag, Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

169,95 Euro


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