In den Jahren vor 1867 ermunterte die politische Elite, angeführt von Ferenc Deák, József Eötvös und Gyula Andrássy die Nation dazu, keinen hoffnungslosen Kampf zu beginnen, und keine irrealen Träume zu haben, sondern aus der bestehenden Situation den bestmöglichen Kompromiss herauszuholen. Mit Blick auf diese Bestrebungen konnte die Nation letztlich einen großen Erfolg verbuchen. Natürlicherweise ist zu diskutieren, ob die vollzogene Form des Ausgleiches das erreichbare Maximum verkörperte, oder nicht. Kein Zweifel besteht aber dahingehend, dass die Jahrzehnte nach 1867 eine einzigartige wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung mit sich brachten und zur Stärkung der Positionen des Ungarntums im Karpatenbecken führten.

Ausgleich – aber mit wem?

In den 1860-er Jahren wurde die Neigung zum Kompromiss sowohl in Kaiser Franz Joseph, als auch in der ungarischen politischen Elite immer stärker. Der Kaiser wurde durch außenpolitische Misserfolge, die fortdauernde innere Unzufriedenheit und die Lage der klammen Staatsfinanzen, dazu gezwungen, einen neuen Modus Vivendi mit den Ungarn zu finden. Die ungarische Politik erkannte wiederum ganz realistisch, dass sich der Standpunkt der europäischen Großmächte gegenüber 1848-49 nicht wesentlich geändert hatte. Nach wie vor waren sie an einem starken Österreich interessiert, das in der Lage war, ein Gegengewicht zum Russischen Reich zu bilden. Deshalb hätten sie die vollständige ungarische Selbstständigkeit, die natürlich mit einer Schwächung Österreichs einhergegangen wäre, unter keinen Umständen unterstützt. Andererseits bewertete der Kreis um Ferenc Deák die inneren Verhältnisse und Stimmungen auch real. Der „passive Widerstand”, der ohnehin mit keinem großen Elan praktiziert wurde, begann abzuebben. Vor allem wegen dem hoffnungslosen Warten auf eine politische Konsolidierung, die für eine Modernisierung des Landes nötig war, wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und nicht zuletzt wegen der Autonomiebestrebungen der nichtmagyarischen Nationen.

Der Schlüssel allen Planens war die Nationalitätenfrage. Wenn wir heute die Politiker beurteilen, die am Ausgleich von 1867 mitwirkten, dann müssen wir auch kurz eine utopische Vision erwähnen, die stark in der ungarischen öffentlichen Meinung verwurzelt war. Danach hätte Ungarn aus eigener Kraft die vollständige Unabhängigkeit erkämpfen können und dabei gleichzeitig die Vorherrschaft über das gesamte Gebiet des historischen Ungarns und seine nichtmagyarische Bevölkerung bewahren können. Eine solche Option gab es aber einfach nicht. In den 1850er Jahren machten die Magyaren gerade einmal 36-38 Prozent der Gesamtbevölkerung im Königreich Ungarn aus. Die Erinnerung an 1848-49 war noch lebendig, als die Ungarn nicht nur mit Österreichern, sondern gleichzeitig mit Serben und in Siebenbürgen auch mit rumänischen Aufständischen kämpfen mussten. Folglich musste es entweder mit den Habsburgern und Wien oder mit den Nationalitäten einen Kompromiss geben.

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Baron Frigyes Podmaniczky: „Wenn die Ungarn schon nicht alleine bestehen können, dann wende ich mich viel lieber an die Deutschen in Wien, als an die Serben in Belgrad.“
Lajos Kossuth schlug in den 1860er Jahren aus seinem Exil letzteren Weg vor. Ungarn wäre allerdings auch in den Visionen von ihm und anderen Emigranten nicht ganz unabhängig gewesen. Der Kreis um Kossuth arbeitete den Plan einer sogenannten Donau-Föderation aus, die nach einem erfolgreichen Freiheitskampf gegenüber dem Habsburger und dem Osmanischen Reich aus Ungarn, Serbien, Kroatien und Rumänien bestanden hätte. „Die gute Eintracht zwischen Ungarn und Rumänen, ist mein höchster Wunsch”, schrieb Kossuth. In der Donau-Föderation hätte es auch gemeinsame Angelegenheiten gegeben, die von einem nicht näher definierten Bundesamt verwaltet worden wären. Diese wären der Schutz des Bundesterritoriums, die Außenpolitik, die Vertretung im Ausland, das Handelssystem, die Zölle, die wichtigsten Handelsrouten und das Währungssystem gewesen. Es waren fast genau dieselben Gebiete, die später auch im Dualismus zwischen Österreich und Ungarn gemeinsam verwaltet werden sollten. Der Hauptunterschied bestand lediglich darin, dass Ungarn in diesem Falle mit Serben, Kroaten und Rumänen hätte verhandeln müssen.

Der Plan Kossuths stieß in Ungarn auf allgemeine Ablehnung. Er wurde auch von seinen engsten Parteigängern scharf kritisiert, was sein Ansehen schwer beschädigte. Die meisten hielten die von Deák vorgeschlagene Wiener Orientierung für eine viel vorteilhaftere Alternative. Frigyes Podmaniczky, einer der Vizepräsidenten der Beschlusspartei, schrieb schon 1862: „Wenn die Ungarn schon nicht alleine bestehen können, dann wende ich mich viel lieber an die Deutschen in Wien, als an die Serben in Belgrad.“ Der berühmte Publizist Aurél Kecskeméthy vertrat die Meinung, dass der Preis für einen Ausgleich mit Österreich und seinem Herrscherhause ist nicht so hoch sein würde, wie der eines Ausgleichs mit den Nationalitäten fordern.

Der Kompromiss wird unter Dach und Fach gebracht

Im ersten Teil wiesen wir bereits auf den Beginn der Verhandlungen zwischen Kaiser Franz Joseph und Ferenc Deák sowie auf Deáks Osterartikel hin. In diesem und in weiteren Aufsätzen behandelte er auch die Grundsätze eines möglichen Kompromisses. „Die Verteidigung des Reiches hat zweierlei Aspekte: es gibt eine friedliche und eine militärische. Die friedliche Verteidigung besteht in der Diplomatie, die militärische in der Armee. Gemeinsame Angelegenheiten sind also: Außenpolitik und Militär”, schrieb Deák. Für diese Aufgaben brauchte man natürlich Geld, daher sollten auch die Finanzen gemeinsam sein. Nach der österreichischen Niederlage im Krieg mit den Preußen im Jahre 1866 ließ Deák seine Thesen weitgehend unverändert, er machte sogar noch deutlicher auf die Notwendigkeit eines Kompromisses aufmerksam. Er teilte Franz Joseph persönlich mit, dass die ungarische Nation auch nach Königgrätz unverändert nach ihren begründeten Rechten trachtet. Franz Joseph fragte ihn, ob er die Leitung einer ungarischen Regierung übernehmen würde, woraufhin Deák statt seiner Gyula Andrássy empfahl.

Im Januar 1867 wurden die letzten strittigen Fragen geklärt und im Februar konstituierte sich die Andrássy-Regierung. Anschließend wurden die sogenannten Ausgleichsartikel innerhalb des Landtags verhandelt und bis Ende Mai angenommen. Am 8. Juni wurden sie durch den zum ungarischen König gekrönten Franz Joseph unterschrieben.

Durch den Ausgleich wurde das zentralistisch verwaltete Habsburgerreich zu einem dualen Staat und prinzipiell zu einem Bündnis zweier souveräner Staaten, nämlich des Österreichischen Kaiserreiches und des Ungarischen Königreiches. Fortan gab es zwei Hauptstädte, zwei Parlamente und zwei Regierungen, die abgesehen von den gemeinsamen Angelegenheiten in allen weiteren Hinsichten völlig selbstständig funktionierten. Die beiden Staaten waren lediglich durch die gemeinsame Außen- und Militärpolitik aneinander gebunden.

Der gemeinsame Finanzminister verfügte nur über die ihm vom österreichischen und vom ungarischen Finanzminister zur Verfügung gestellten Summen. Die gemeinsamen Angelegenheiten wurden durch die gemeinsamen Minister, beziehungsweise durch die von beiden Parlamenten entsandten Delegationen aus je 60 Mitgliedern verwaltet. Zur Deckung der Kosten der gemeinsamen Angelegenheiten wurden Quoten festgelegt. Der Anteil Ungarns lag während des Dualismus bei 30 bis 36 Prozent. Deshalb befanden die Österreicher auch kritisch, dass die Ungarn für ein Drittel der Unkosten die Hälfte der Rechte erworben hatten.

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Die Krönung von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth am 8. Juni 1867 zum König und zur Königin von Ungarn. Wenig später unterschrieb der Monarch den Ausgleichsartikel.
Österreich und Ungarn schlossen auch ein Zoll- und Handelsbündnis. Nur eine Notenbank existierte, das Maß- und Währungssystem war identisch, der Verkehr von Personen und Kapital war frei. Die Zahlen belegen eindeutig, dass das gemeinsame Wirtschaftsgebiet keinesfalls auf eine halbkolonialistische Lage für Ungarn hinauslief, es brachte eher positive Folgen für Ungarn mit sich. Die stärkste Verbindung zwischen den beiden Staaten bildete Franz Joseph selbst, der in einer Person Kaiser von Österreich und König von Ungarn war.

Die Erfolgsperiode

Wie János Áder in seiner letzten Neujahrsansprache zu Recht feststellte: „Die Jahrzehnte nach dem Ausgleich von 1867 wurden zur wunderschönen Epoche der ungarischen Entwicklung. […] Damals gewannen unsere Hauptstadt und unsere Städte ihr heutiges Antlitz, wurden unsere Straßen- und Eisenbahnnetzwerke ausgebaut und wurde unser Volksschulsystem gestärkt. Die weltberühmten Erfolge […] der ungarischen Industrie, der ungarischen Landwirtschaft und ungarischen Wissenschaft wurden von allen bewundert.”

Obwohl in der Ära des Dualismus mehrere politische und gesellschaftliche Probleme (zum Beispiel die Ausdehnung des Wahlrechtes und die Frage der landwirtschaftlichen Nutzflächen) ungelöst blieben und die Früchte der Entwicklung unter den verschiedenen Gesellschaftsschichten ungleich verteilt wurden, kann der Zeitraum nach dem Ausgleich durchaus eindrucksvolle Ergebnisse aufzeigen, vor allen (aber nicht ausschließlich) auf wirtschaftlichem und der kulturellem Gebiet.

Hier nur stellvertretend einige Zahlen: zwischen 1867 und 1914 lag das jährliche durchschnittliche GDP-Wachstum bei 1,5 bis 2 Prozent. Innerhalb Europas wuchs die Wirtschaft nur in Deutschland, Dänemark und der Schweiz schneller. In Ungarn vollzog sich ein beachtlicher Aufholprozess. Während das Prokopfeinkommen in Ungarn im Vergleich zu Österreich bei 60 Prozent lang, betrug dieser Wert vierzig Jahre später bereits 75 Prozent. (2015 lag dieser Wert übrigens bei 28 Prozent.). Die Bevölkerung wuchs in diesem Zeitraum im ungarischen Teil (ohne Kroatien) von 13 auf 18 Millionen, der Anteil der ungarischen Muttersprachler erhöhte sich von 44 auf 54 Prozent. Auch der Urbanisierungsprozess kam dynamisch voran: 1910 lebten bereits 3,7 Millionen Menschen in den 138 Städten des Landes. Vor allem das Wachstum von Budapest war beachtlich: zwischen 1869 und 1910 wuchs seine Bevölkerung von 270.000 auf 880.000.

In den Jahrzehnten des Dualismus wurden in Ungarn die unentbehrlichen Institutionen der modernen bürgerlichen Kultur intensiv ausgebaut. Es entstanden zahlreiche Bildungs- und Forschungseinrichtungen. 3.100 neue Volksschulen wurden errichtet, die Zahl der Volksschullehrer nahm von 18.000 auf 35.000 zu. Infolgedessen sank die Analphabetenrate von 67 auf 30 Prozent. Weiterhin entstanden in diesem Zeitraum 526 Mittelschulen, 92 Lehrerbildungsanstalten, 52 Gymnasien und 13 Realschulen.

Debatten über den Ausgleich

Der Ausgleich stand von Beginn an auch im Feuer heftiger Kritik. Ein großer Teil der Ungarn konnte sich mit dem dualistischen System nicht identifizieren, viele hatten weiterhin die Vision einer vollständigen nationalen Unabhängigkeit vor Augen. Während der gesamten Ära des Dualismus blieb die wichtigste Scheidelinie die staatsrechtliche Frage, entlang derer sich auch die parlamentarischen Parteien positionierten.

Obwohl auch Kossuth keine bessere Alternative anbieten konnte als das Warten oder eine Donau-Föderation, schrieb er in seinem berühmten öffentlichen „Cassandra-Brief”, dass Deák mit dem Ausgleich die Rechte Ungarns verwirkt hätte, und das Schicksal des Landes an ein zum Untergang verurteiltes Reich gebunden hätte. Direkt erwiderte Deák darauf nichts. In einer seiner Parlamentsansprachen erläuterte er aber seine Ansichten. Er führte aus, dass er glaube, dass der Ausgleich die Nation vor dem Untergang bewahrt habe. Das Warten auf unsichere Ereignisse wäre sehr riskant gewesen. Am Ende wäre vielleicht solange gewartet worden, bis es zu spät geworden wäre.

Der Ministerpräsident (und spätere gemeinsame Außenminister) Gyula Andrássy befand, dass es zwischen Ungarn und Österreich schon immer gemeinsame Angelegenheiten gegeben hätte. Im Gegensatz zu früher, als diese ohne Ungarns Mitwirkung entschieden wurde, würde das Land jetzt aber an der Entscheidungsfindung mitwirken.

Der berühmte Historiker, Kultusminister von 1849 und enger Mitarbeiter von Kossuth, Mihály Horváth, urteilte 1868, dass nach den vorherigen Schwierigkeiten die ungarischen staatsrechtlichen Verhältnissen endlich so eingerichtet wurden, wie es diesem zahlenmäßig schwachen und unter keinen günstigen Verhältnissen lebenden Volk grundsätzlich zuträglich sei.

Unter den Historikern herrscht ein gewisser Konsens dahingehend, dass der Ausgleich ein realer Kompromiss war, der unter den bestehenden Umständen Ungarn die Möglichkeit eröffnete, sich den europäischen Modernisierungsprozessen anzuschließen. Auf den Gebieten der Kultur und Wirtschaft wurde diese Möglichkeit hervorragend genutzt, auf anderen Gebieten weniger.

Der Autor arbeitet als Historiker am Forschungsinstitut Veritas.

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