Was genau gehört zu den Aufgaben Ihrer Organisation?

Im Gegensatz zu ähnlichen Organisationen der Vergangenheit beschäftigen wir uns ausschließlich mit der Förderung von Investitionen in Richtung Ungarn. Dabei sprechen wir neue Investoren an, die noch nicht in Ungarn aktiv sind. Wir begleiten und beraten sie bis zu einer positiven Investitionsentscheidung zugunsten Ungarns. Darüber hinaus kümmern wir uns aber auch um bereits vor Ort aktive Investoren und tragen zu ihrem weiteren Erfolg in Ungarn bei. Wenn diese Investoren eine Erweiterungsinvestition oder einen Ausbau ihres ungarischen Zulieferernetzes planen, dann können sie auf unsere Hilfe zählen. Unsere dritte Aufgabe besteht darin, eben dieses ungarische Zulieferernetz zu entwickeln. Unsere Kunden sind hier vor allem ungarische KMU, die wir dabei unterstützen, sich noch besser oder überhaupt in den Wertschöpfungsprozess der großen Investoren einzubringen Unsere vierte Hauptaufgabe besteht schließlich in der Betreuung von Finanzinvestoren. Wir helfen Ihnen dabei, in Ungarn gute Anlagemöglichkeiten zu finden, sei es über den Kauf von Firmen oder von Anteilen an Firmen.


Welchem Ministerium ist die HIPA unterstellt?

Neben dem Handelsförderer „Ungarisches Nationales Handelshaus“ und dem Exportfinanzierer EXIM Bank stellen wir im Rahmen des Ministeriums für Äußeres und Außenhandel eine der drei Säulen der ungarischen Außenwirtschaftsförderung dar. Zwar sind wir formal eine staatliche Einrichtung, wir betrachten uns aber als eine moderne Managementberatungsgesellschaft. Unsere Kunden sollen von uns ein Leistungsniveau erhalten, das sie auch bei marktwirtschaftlich agierenden Anbietern bekommen würden. Wir versuchen, auf ihre Anliegen rechtzeitig und in der richtigen Qualität zu reagieren.


Wer kann sich an die HIPA wenden? Müssen Ihre Kunden eine gewisse Mindestgröße aufweisen?

Nein, das ist nicht erforderlich. Unsere Tür steht allen Firmen offen, die in Ungarn investieren wollen. Allerdings sind natürlich einige Förderprogramme an gewisse Größenkriterien geknüpft, so etwa an die Zahl der neu entstehenden Arbeitsplätze.


Die HIPA unterstützt nicht nur völlig neue Investoren, sondern auch bereits seit Jahren vor Ort aktive Firmen bei deren Erweiterungsinvestitionen. Welchen Mehrwert kann Ihre Organisation diesen Unternehmen bieten?

Wir können eine hilfreiche Brückenrolle zwischen dem privaten Sektor und dem Staat spielen. Wir können vom Privatsektor Anregungen und Ideen aufnehmen und dann daraufhin Vorschläge in Richtung Regierung formulieren. Wir bemühen uns systematisch darum, aufgrund der Rückmeldungen von Unternehmen derartige Vorschläge zu formulieren. Das kann allgemein, aber auch ganz konkret erfolgen. Wenn jemand eine konkrete Vorstellung bezüglich eines Entwicklungsvorhabens hat und dabei auf gewisse administrativen Hürden stoßen sollte, dann sollte er sich an uns wenden. Mit unserer Expertise und unserem Netzwerk versuchen wir dann, ganz konkret zu helfen. Übrigens freuen wir uns, wenn man sich nicht nur bei konkreten Entwicklungsvorhaben an uns wendet, sondern auch, wenn jemand einen Vorschlag hat, wie man gewisse Dinge besser regeln kann. Etwa bezüglich der Mobilisierung von Arbeitskräften. Auf Grund solcher Anregungen formulieren wir dann Vorschläge, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in neue Gesetze und Regelungen einfließen werden. Auch auf so etwas erstreckt sich unsere Rolle als Transmitter. Generell hört unser Job nicht auf, wenn die Investition eines Kunden durchgeführt worden ist. Wir sind an kontinuierlichen Kundenbeziehungen und am weiteren Wohlergehen der Investoren in Ungarn interessiert. Nur zufriedene Investoren denken über Folgeinvestitionen nach und sind ein gutes Aushängeschild Ungarns gegenüber völlig neuen Investoren.

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„Bezüglich der wirtschaftlichen und politischen Stabilität nimmt Ungarn eine Spitzenposition ein.“

An wie vielen positiven Investitionsentscheidungen zugunsten Ungarns hat die HIPA in letzter Zeit mitgewirkt?

2016 fiel bei 71 Projekten, an denen wir mitgewirkt hatten, eine positive Investitionsentscheidung. Diese 71 Projekte werden zur Schaffung von nahezu 18.000 Arbeitsplätzen und einer Gesamtinvestition von rund 3,2 Milliarden Euro führen. Die Zahl von 71 Projekten stellt zugleich einen weiteren Rekord für unsere Organisation dar. Auch 2015 war schon ein Rekordjahr. Auf Grund der Entwicklungen im ersten Halbjahr dieses Jahres bin ich zuversichtlich, dass 2017 unser drittes Rekordjahr in Folge werden wird. Im ersten Halbjahr des laufenden Jahres konnten wir 47 Projekte erfolgreich abschließen. Das ist ein Viertel mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Durch Gesamtinvestitionen in Höhe von 1,4 Milliarden Euro werden etwa 8.500 neue Arbeitsplätze entstehen.


Ist die HIPA bei allen Investitionen involviert?

Nein, Investoren müssen sich natürlich nicht an uns wenden, wenn sie in Ungarn investieren wollen. Es gibt auch Investitionen, die ohne unser Mitwirken erfolgreich stattfinden. Bei größeren Investitionen wird unsere Expertise jedoch in der Regel stets mit herangezogen.


Wie erfolgreich schlägt sich Ungarn beim Wettbewerb um neue Investitionen?

Ich möchte hier vor allem auf die jüngste Erhebung von IBM Plant Location International (PLI) verweisen. Das ist ein Beratungszweig von IBM, der sich bereits seit 2002 mit der weltweiten Untersuchung von Rahmenbedingungen für Investoren beschäftigt. Dabei wird unter anderem analysiert, welche Investitionsentscheidungen es in dem gegebenen Jahr gegeben hat und wie viele Arbeitsplätze dadurch entstanden sind. Bei zwei der drei wichtigsten Parameter kam Ungarn in der Studie „IBM Global Locations Trends 2017“ in die Top Ten. Bei der Zahl der 2016 neu geschaffenen Arbeitsplätze pro Kopf der Bevölkerung kam Ungarn auf Platz neun. Beim wichtigsten Parameter, nämlich beim volkswirtschaftlichen Effekt der neu entstandenen Arbeitsplätze kam Ungarn sogar auf Platz 5. Beim dritten Parameter, nämlich der absoluten Zahl an neuen Arbeitsplätzen kam Ungarn immerhin auf Platz 15.


Wo steht die HIPA im Vergleich zu ähnlichen Organisationen der Region?

Mit Blick auf das vergangene Jahr und im Vergleich mit den Investitionsförderagenturen der drei anderen V4-Länder stehen wir sowohl hinsichtlich der Summe des zu investierenden Kapitals als auch der neu entstehenden Arbeitsplätze an der Spitze. Während bei uns im Rahmen der 71 positiven Investitionsentscheidungen 3,2 Milliarden Euro investiert werden, folgen die anderen drei Länder mit deutlichem Abstand: Tschechien (2,4 Milliarden Euro), Polen (1,7 Milliarden Euro) und die Slowakei (0,9 Milliarden Euro).

Ergebnisse der Investitionsförderungsagenturen der V4-Länder (2016)

AgenturZahl der beschlossenen ProjekteInvestitionsvolumen (in Mio. Euro)Zahl der Arbeitsplätz
HIPA 713.24317.647
PaIiIZ (Polen)641.74016.047
CzechInvest (Tschechien)1002.38212.097
SARIO (Slowakei)299307.500


Gibt es Veränderungen mit Blick auf die Zusammensetzung der Investitionen?

Ja, es gibt eine wichtige strategische Änderung. Verstärkt konzentrieren wir uns inzwischen darauf, Investitionen mit einer möglichst hohen Wertschöpfung sowie Investitionen in die Forschung und Entwicklung nach Ungarn zu holen. Über „Made in Hungary“-Projekte hinaus bemühen wir uns verstärkt um „Invented in Hungary“-Investitionen. Alle Makroparameter Ungarns bewegen sich in eine sehr gute Richtung. Wir haben jetzt die Möglichkeit, dass die ungarische Wirtschaft einen Gang höher schaltet. Das wollen wir unterstützen, indem wir entsprechende Projekte nach Ungarn holen.


Auf welche Art und Weise?

Etwa indem Projekte, die gut zum Reifegrad unserer Wirtschaft passen, noch stärker gefördert werden. Seit dem 1. Januar diesen Jahres gibt es beispielsweise ein Programm, das speziell Projekte fördert, die in Sachen Forschung und Entwicklung besonders intensiv sind. Außerdem ist es jetzt möglich, bei Investitionen auch dann eine Förderung zu bekommen, wenn dadurch zwar keine neuen Arbeitsplätze entstehen, aber die technologische Basis erneuert wird. Bisher waren Förderungen immer an eine gewisse Zahl an neu entstehenden Arbeitsplätzen gebunden. Neu ist auch, dass Investitionen in die Forschung und Entwicklung auch in Budapest gefördert werden können.


Wie steht Ungarn in der Region da? Bei welchen Indikatoren schneidet Ungarn besonders gut ab?

Bezüglich der wirtschaftlichen und politischen Stabilität nimmt Ungarn eine Spitzenposition ein. Mit der Berechenbarkeit unserer Wirtschaftspolitik und unseren Makroparametern können wir uns sehen lassen! Wir haben schon jetzt ein angenommenes Budget und entsprechende Steuergesetze für das nächste Jahr. Das ist in den anderen Ländern der Region eher untypisch. Als zweiten USP möchte ich auf Grund der Rückmeldungen, die wir von Investoren erhalten, erwähnen, dass in Ungarn potentiellen Investoren eine besondere Beachtung zukommt. Im Vergleich zu unseren Mitbewerbern widmen wir ihnen – nach deren eigenem Bekunden – eine höhere Aufmerksamkeit. Wir sind in der Lage, potentiellen Interessenten innerhalb von ein bis zwei Wochen konkrete Antworten auf ihre wichtigsten Fragen zu geben. Das wird von den Investoren sehr positiv bewertet und ist für eine Entscheidungsfindung zugunsten von Ungarn von großer Bedeutung.


Wie steht Ungarn im Hinblick auf das Arbeitskräfteangebot da? Ist es nicht langsam mit gewissen Risiken verbunden, in Ungarn zu investieren?

Ich sehe viele Gründe zur Annahme, dass Investoren bei uns auch in Zukunft die benötigten Arbeitskräfte finden werden. Wir haben zwar mit 4,2 Prozent die viertniedrigste Arbeitslosenrate in Europa. Es gibt aber immer noch etwa 193.000 Arbeitslose, wobei es hier sehr große regionale Unterschiede gibt. Außerdem betreten jedes Jahr mehrere 10.000 ungarische Jugendliche den Arbeitsmarkt und natürlich gibt es auch innerhalb der Firmen eine gewisse Fluktuation. Wenn die Firmen diese drei Quellen gemeinsam betrachten, dann ergibt sich bereits ein gutes Arbeitskräftereservoir.

Die ungarische Aktivitätsrate weist auf ein zusätzliches Reservoir hin. Zwar ist die Zahl der Erwerbstätigen in den letzten sieben Jahren von 3,7 auf 4,4 Millionen gestiegen. Mit Blick auf andere europäische Volkswirtschaften mit deutlich höheren Aktivitätsraten, wie etwa Schweden, sind wir aber erst dann zufrieden, wenn bei uns insgesamt etwa fünf Millionen Bürger erwerbstätig sind. Das sind noch einmal zusätzlich 600.000 Arbeitskräfte, die in den kommenden Jahren durch verschiedene Maßnahmen der Regierung das Arbeitskräfteangebot beleben werden. Außerdem möchte die Regierung die Zahl an Beschäftigten in öffentlichen Beschäftigungsprogrammen von derzeit 200.000 auf etwa 140.000 senken.

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„Ich sehe viele Gründe zur Annahme, dass Investoren bei uns auch in Zukunft die benötigten Arbeitskräfte finden werden.“

Schließlich gibt es noch eine weitere positive Quelle: nämlich die Ungarn, die derzeit noch im Ausland beschäftigt sind. Allein im vergangenen Jahr übersiedelten 16.000 von ihnen wieder zurück in die Heimat. Damit hat sich zum ersten Mal seit Jahren die Gesamtzahl der im Ausland arbeitenden Ungarn nicht mehr erhöht. Ich halte es vielleicht noch etwas für verfrüht, hier von einer Trendwende zu sprechen. Tatsache ist aber: je mehr attraktive Arbeitsplätze in Ungarn entstehen, desto mehr werden sich auch die noch im Ausland arbeitenden Ungarn für sie interessieren und eine mögliche Rückkehr auf den ungarischen Arbeitsmarkt in Erwägung ziehen.

Wegen all dieser positiven und völlig im Bereich des Realen liegenden Arbeitsmarkteffekte braucht sich heute also kein Investor Sorgen zu machen, dass seine Arbeitskräfterechnung in Zukunft nicht mehr aufgehen könnte.


Wie sind die Aussichten mit Blick auf die Qualität der ungarischen Arbeitskräfte?

Wir werden weiterhin die duale Ausbildung stärken. Während sich in diesem Jahr etwa 50.000 Jugendliche daran beteiligen, soll diese Zahl im kommenden Jahr auf 70.000 erhöht werden. Außerdem haben wir auch einige Maßnahmen ergriffen, um die Mobilität der ungarischen Arbeitnehmer zu erhöhen. So gibt es spezielle Programme zur Unterstützung von Pendlern und zur Schaffung von betrieblichem Wohnraum für sie. Außerdem gibt es neue Programme zur Unterstützung der betrieblichen Weiterbildung.


Wie unterstützt HIPA potenzielle Zulieferer?

Unter anderem durch Empfehlungen. In unserer Datenbank befinden sich etwa 300 qualifizierte Unternehmen und 20 sogenannte Integratorunternehmen. Regelmäßig empfehlen wir diese Unternehmen gegenüber Investoren. Allein im letzten Jahr haben wir 1.406 Empfehlungen abgegeben, woraus sich sicher einige feste Geschäftsbeziehungen entwickelt haben. Wie viele Geschäftskontakte sich konkret daraus ergeben haben, ist uns zwar nicht genau bekannt, ein konkreter Fall mag aber einen gewissen Anhaltspunkt geben: Kürzlich haben wir einem japanischen Unternehmen 30 ungarische Zulieferer empfohlen. Vier von ihnen sind jetzt tatsächlich Zulieferer dieses Unternehmens geworden. Darüber hinaus organisieren wir für potenzielle Zulieferer Ausbildungsprogramme und ermöglichen ihnen, gemeinsam mit uns an internationalen Messen teilzunehmen.


Welche möglichen Veränderungen erwägen Sie zukünftig bei HIPA?

Mit Blick auf die positive Resonanz bin ich der Meinung, dass wir gut aufgestellt sind. Wir sollten auf jeden Fall unsere Branchen-Orientierung beibehalten. Diese hat sich gut bewährt. In welche Richtung sich unsere Organisation weiterentwickeln wird, wird der Markt bestimmen. Wenn sich die Bedürfnisse des Marktes ändern sollten, werden auch wir uns ändern. Für die aktuell erkennbaren Aufgaben sind wir aber sowohl personell als auch strukturell gut aufgestellt.

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