Eine Zeit lang stand ich noch für meine lieben alten Kollegen ein. Sie müssen mit Existenzängsten kämpfen, haben Familien zu ernähren. Deshalb wollten sie wohl auch nicht die feine Linienänderung ihres Blattes spüren. Deshalb lügen sie sich selbst an, dass sie bisher unterdrückt gewesen wären, nun aber nach der Loslösung von der Regierung, nach dem Ausbruch des Simicska-Orbán-Kriegs endlich befreit sind. Sie wären jetzt von allen und jedem unabhängig. Dann nahm die Linienänderung immer gröbere Züge an: Wenn wir den Anwärtern der Branche in Zukunft die Gesinnungslumperei innerhalb der Presse illustrieren wollten, dann müssten wir nicht allzu sehr nach einem guten Beispiel suchen.

Die Magyar Nemzet erreicht Boulevard-Niveau …

All das schreibe ich nur deshalb, weil wir jüngst Zeugen eines pressehistorischen Ereignisses sein durften: Das Blatt mit dem Titel Magyar Nemzet schloss sich nicht nur der linksliberalen Medienhysterie an, es entfachte sogar aus freien Stücken gleich selbst eine. Im Boulevardton schrieb die Zeitung kürzlich von einem äußerst sensiblen Fall: ein Mädchen war mit offenem Brustkorb ins Krankenhaus eingeliefert worden und verstarb wenig später. Wirklich jeder, der einigermaßen Ahnung von der Materie hat, wusste, dass sein Tod nicht auf die medizintechnische Ausrüstung des Krankenhauses, sondern auf seine unheilbare Krankheit zurückzuführen ist.

Bei so verlogenen Hetzkampagnen, die stark nach Fake-News-Aktionen riechen, würden wir selbst dann nicht mitmachen, wenn wir das unwiderstehliche Verlangen verspüren sollten, Sozialminister Zoltán Balog zum Abdanken zu bewegen. Mag schon sein, dass wir dem „Beichtvater“ des Ministerpräsidenten damit ein paar unangenehme Minuten bereiten würden, doch letztendlich wird hier nur aus dem Leben und Tod eines unheilbar kranken Mädchens politisches Kapital geschlagen.

… und bedient sich unterirdischer Methoden

Im Gegensatz dazu ist folgender – ebenfalls durch die Magyar Nemzet aufgeworfener – Fall nur eine Bagatelle: Die Zeitung behauptet ohne jeglichen Beweis, dass die Regierung ab Herbst den Journalisten den Krieg erklären würde, wobei sie sie alle einzeln der Reihe nach abschießen wird. All das folgert die Zeitung aus der Rede Viktor Orbáns von Bad Tuschnad, in der in Wirklichkeit die Rede davon war, dass man gegen das Soros-Imperium ankämpfen muss, welches natürlich auch bei gewissen Medien seine Hände im Spiel hat. (…)

Mit der nötigen Gewissenlosigkeit kann man dies jedoch künstlich zum Skandal der Orbán-Regierung, die selbstverständlich die Pressefreiheit mit Füßen tritt, aufblasen und den „Fall“ den Soros-Berichterstattern und den Berufsschreiberlingen von Vertragsverletzungsverfahren auf dem goldenen Tablett servieren. (…)

Als rastloser, stets unerschrockener Pressemitarbeiter saß ich bei diversen Presseprozessen schon häufig auf der Anklagebank, zum größten Teil als Mitarbeiter der Magyar Nemzet. Unter den Anklägern waren alle möglichen Leute, mal dümmliche Sozi-Parteiaktivisten, mal gerissene liberale Minister. Diese Veranstaltungen kamen für mich nicht immer gelegen, aber, meine werten alten Kollegen: Ich habe mich nie hinter irgendwelchen politischen Verschwörungstheorien versteckt.

Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 30. Juli auf dem Online-Portal der konservativen Regierungszeitung Magyar Idők.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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