Das Ethnografische Museum Budapest hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Thema in einer Sonderausstellung zu beleuchten. Im Mittelpunkt stehen dabei Zweck und Funktion der Fußbekleidung. Die Objekte werden aus zwei Perspektiven betrachtet: Schuhe als Alltagsgegenstände im Kontrast zu Schuhen als Prestige- und Identifikationsobjekte. Typisch museal bereichern Bilder, Fotografien, geschnitzte und modellierte Statuen sowie Trachten die Bedeutung der zur Schau gestellten Fußbekleidung. Manch ein Schuh ist nur geliehen und sogar heute noch in Gebrauch.

Von wegen Highheels

Doch die Ausstellung zeigt viel mehr, als nur ein Arsenal modischer Fußbekleidung. Zu sehen sind unter anderem: innen wie außen mit Fell ausgeschlagene Winterstiefel, die oft 20 bis 30 Kilometer langen Wanderungen standhalten mussten; einfach gefertigte Schlappen aus Baumrinde, die primitiv und schnell herzustellen sein mussten, da sie beispielsweise nach einer Bergüberquerung ausgedient hatten und als überflüssiger Ballast weggeworfen wurden. Hausschuhe und Pantoffeln in allen Farben und Materialien. Kniehohe Reitstiefel aus Pferdeleder oder Fischhaut nebst gefilzten Überzügen und Stahlhaken, um auf eisigen Flächen nicht auszurutschen.

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Diese Figuren und Statuen beweisen, dass auch barfuß Laufen in einigen Kulturkreisen und Religionen sehr hoch angesehen war und ist.


Einige Schuhe, die hier präsentiert werden, sind so groß, dass der gesunde Menschenverstand meint, mindestens drei Füße müssten in ihnen Platz gefunden haben – diese wurden jedoch, beispielsweise um der Kälte zu trotzen, innen mit Stroh ausgefüllt, wie die Ethnologin Hajnalka Fülöp, Kuratorin der Ausstellung, lächelnd erklärt. Dieser Teil der Sammlung präsentiert den Wert des Schuhs anhand seines Nutzens und seines Vorteils beim werktäglichen Gebrauch in traditionellen Kulturen.

Der zweite Teil der Ausstellung ist eindeutig farbenfroher: Die hier gezeigten Fußbekleidungen sind hochwertig und wurden für Festtage und Feierlichkeiten oder anlässlich wichtiger Lebensabschnitte hergestellt. Viele sind Statussymbole und einzigartig in ihrer Anfertigung, darüber hinaus tragen sie zusätzliche Bedeutung gegenüber Arbeitsschuhen. Sie unterscheiden sich nicht nur in Farbe und Aussehen, auch die verwendeten Materialien und Verzierungen heben sie von Alltagsgegenständen ab.

Wer schön sein will ...

In diesem Abschnitt der Ausstellung finden sich zudem Hochzeitsschuhe und Taufschuhe aus kostbarer schwarzer Seide, mit Metallfasern bestickte arabische Pantoffeln und hohe Stiefel, rot wie Klatschmohn, die durch an ihnen befestigte Rasseln beispielsweise auf die Präsenz eines heiratsfähigen Mädchens hinwiesen. Sogar eine Tradition der Ungarndeutschen wird zur Schau gestellt, welche für jeden Frauenkleiderschrank des 19. Jahrhunderts gestrickte „Patschker“ Hausschuhe vorsah, die zu feierlichen Anlässen durch schwarze, geschnürte Lederschuhe ersetzt wurden. Auch auf die unterschiedliche Bedeutung von Schuhen für Geschlechter möchte die Ausstellung hinweisen. So kann man alte Ausgehschuhe aus Westsibirien begutachten, deren unterschiedlich aufgestickte Perlenmuster signalisieren sollten, ob eine Frau gerade ihre Periode hat – und Männer somit buchstäblich davor warnten, ihr währenddessen zu nahe zu treten.

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Oft tut schon der Anblick, mehr noch die Vorstellung weh, in den ausgestellten Schuhen laufen zu müssen – Blasen wären garantiert vorprogrammiert. Aber was täten wir eigentlich ohne Schuhe? Ein weiterer Raum widmet sich ganz der Ethnografie des Barfußlaufens und der Frage, was dies im jeweiligen kulturellen Kontext bedeutet und bedeutet hat: ob nun religiöse Unterordnung, Klassentrennung, Familienhierarchie, Berufszugehörigkeit, aber auch als Ausdruck von Freiheit, Normalität oder Naturverbundenheit.

Auch für Männer interessant

Um die Ausstellung zusammenzustellen, hat man sich fast ausschließlich an bereits im Ethnografischen Museum vorhandenen Exponaten bedient. Nur fünf Paare hat Kuratorin Hajnalka Fülöp eigenhändig hinzugefügt, um das Repertoire zu ergänzen. Auch sind die Exponate nicht klassisch geografisch oder chronologisch sortiert, es lässt sich kein Schwerpunkt in der Herkunft der Objekte eingrenzen. Die Sammlung kann daher keinen repräsentativen, vollständigen Blick über Kulturen verschiedener Kontinente oder einzelner Länder bieten. Doch das ist auch nicht der gewählte Ansatz. Schon der Titel der Ausstellung deutet auf den eigentlichen Fokus hin: „Bocskor, Boot, Paduka” - drei Varianten von Bundschuhen, Stiefeln und Sandalen. Dies verspricht, dass die Schuhe in dieser Ausstellung durch ihre Bedeutung für unterschiedliche Altersgruppen, Religionen, klimatische Zonen und Geschlechter kategorisiert werden. So möchte man ihre kulturelle, allumfassende Bedeutung für Menschen erklären, und das funktioniert gut.

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Um die Ausstellung ganz zu verstehen, sollte man sich aber überwinden, die eine oder andere Erklärungstafel durchzulesen. Denn das Konzept ist nicht auf Interaktion ausgelegt, nur anfangs und abschließend werden zwei kurze, unkommentierte Filmsequenzen ausgestrahlt. Trotzdem ist es leicht, sich von der Vielzahl der unterschiedlichen Macharten, Materialien und Farben, vor allem aber von den Geschichten der Exponate begeistern zu lassen. So trotzt die Ausstellung ganz nebenher auch allen gängigen Klischees und macht letztlich auch jedem Mann klar, dass Schuhe eben nicht immer nur ein Frauenthema sind.


„Bocskor, Boot, Paduka” - Adventures in Footwear

Die Ausstellung ist noch bis zum 30. November im Ethnografischen Museum zu sehen.

Budapest, V. Bezirk, Kossuth Lajos tér 12

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr

Weitere Informationen und Ticketpreise unter www.neprajz.hu

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