László Botka, Ministerpräsident-Kandidat der Sozialisten, pflegte zu sagen: „Ich möchte nicht die Welt von der Zeit vor 2010 zurückholen, die zum einen Teil von Ferenc Gyurcsány verkörpert wird.“ In seinem Vortrag Ende Februar sprach er auch davon, dass alle, die im bedeutenderen Ausmaß für die Schlappen aus besagter Zeit vor 2010 mitverantwortlich sind, in den Hintergrund treten sollten. (…)

Wie ernst meint Botka wohl solche Aussagen? (…) Meine Erfahrungen mit den Linken in den vergangenen 27 Jahren lassen vermuten: Es sind erneut nur leere Worthülsen. (…)

Gyurcsány ist der wohl am meisten abgelehnte Politiker des gesamten ungarischen Politik. (…) Dies ist wohl kein Zufall, denn sein Wirken als Ministerpräsident war von 2004 bis 2009, von den Anfängen bis zu seiner Abdankung, kontinuierlich von Skandalen und Krisen geprägt, darunter seine Lügenrede von Balatonőszöd und die für europäische Verhältnisse extrem brutale und menschenrechtsverletzende polizeiliche Niederschlagung der dadurch ausgelösten Demonstrationswellen, (…) seine zahlreichen korruptionsverdächtigen Affären, die Verschuldung des Landes, sein Auftreten gegen die Doppelstaatsbürgerschaft der Auslandsungarn, das Aufbrauchen des staatlichen Vermögens entlang einer ultraliberalen Wirtschaftspolitik, das Ruinieren des Gesundheitswesens, sein stures Festhalten an der Macht, die moralische Schwächung des Landes etc. (…) Gyurcsány wirkt hier und jetzt im heutigen Ungarn auf die bedeutende Mehrheit aller Wähler abstoßend. (…)

Wie jetzt, nun mit oder ohne Gyurcsány?

Wenn die Sozialisten bei den Wahlen 2018 gut abschneiden wollen, benötigten sie für ihren „Erfolg“ auch die Wählerbasis der Demokratischen Koalition. Um an diese Wählerbasis heranzukommen, werden sie entweder keinen Zusammenschluss mit der DK anstreben, sondern nur deren Wähler zu sich locken oder sie bilden mit der DK eine Allianz. Und genau hier haben wir ein Problem: Die Wählerbasis der DK besteht aus Stammwählern, die blind an Ferenc Gyurcsány glauben. Eine Wählermigration zur MSZP kommt für sie deshalb gar nicht erst in Frage. (…)

Bliebe also alle gegensätzlichen Ankündigungen einfach über Bord werfen und eine Allianz anzustreben. (…) Nur: Für die entscheidende Mehrheit der unsicheren Wähler ist wegen Gyurcsány nicht nur die DK keine Option, sondern auch keine andere Partei, die sich mit der von Gyurcsány angeführten DK zusammenschließt. (…)

Für die Sozialisten bedeutet der Bruch mit der DK, dass sie auf 5-8 Prozent postkommunistischer Wählerstimmen verzichten müssen, während sie sich im Falle einer Allianz mit Gyurcsány bei der linken Nicht-Gyurcsány-Wählerschaft diskreditieren würde. (…) Dieses Grunddilemma ist für die Sozialisten und für Botka nicht zu lösen.

Dilemma souverän lösen? Keine Sorge, nicht bei den Sozis…

Natürlich könnten wir auch denken, dass die Sozialisten diesen gordischen Knoten à la Alexander dem Großen souverän durchschneiden, dass sie die Kraftprobe alleine antreten, während sie ruhigen Gewissens darauf vertrauen können, eine von Grund auf erneuerte, authentische Alternative zu bieten (…), die die unsicheren linken beziehungsweise die unentschlossenen Wähler insgesamt zu mobilisieren vermag, wobei sie am Ende prozentuell viel mehr Stimmen gewinnen würden, als sie wegen des Zusammenschlusses mit der DK verloren hätten. Das wäre obendrein auch deshalb ein logischer Schritt der Sozialisten, weil das durch Botka verkündete Programm dem von Ferenc Gyurcsány vertretenen Neo- und Ultraliberalismus radikal gegenübersteht.

Trotzdem bin ich fest davon überzeugt: Bis zum Frühling 2018 kommt noch zusammen, was zusammengehört. Über all ihren Unterschieden stehen nämlich drei wesentliche Dinge: die gemeinsame Vergangenheit mit kommunistischen Wurzeln, der leidenschaftliche Hass auf Viktor Orbán und die nationale Regierung sowie das unstillbare Verlangen nach Beutezügen und Privilegien. Aber egal, wie die Dinge letztendlich laufen werden, die entscheidende Mehrheit der Wähler wird eines bestimmt nicht vergessen, nämlich dass die gyurcsánysche Regierung auch von László Botka mitgetragen wurde, der vor 2010 keinerlei Protest gegen die Regierungsarbeit erhob und als guter Parteisoldat zusammen mit den anderen linken Abgeordneten alles mitbeschloss.

Das Auftreten von Botka ist aus all diesen Gründen einfach nicht authentisch. Nein, wir müssen uns eingestehen: Auch Botka wird nicht zum Messias der Linken.

Der Autor ist Politologe.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 26. März auf dem Online-Portal der konservativen Regierungszeitung Magyar Idők.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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