Ministerium

Wie nennen Sie Ihr Ministerium, wenn Sie mit ausländischen Gesprächspartnern zu tun haben, und den Eindruck vermeiden wollen, es handle sich um die HR-Abteilung der Regierung?

Ja, bei der Verwendung der wörtlichen Übersetzung des Namens meines Ministeriums, nämlich HR-Ministerium, kann dieser Eindruck leicht entstehen... Einmal hatte mich der Ministerpräsident spontan als „Minister for Human Capacities“ vorgestellt. Das haben wir dann so beibehalten. Auf Deutsch kommt die Bezeichnung „Minister für gesellschaftliche Ressourcen“ am nächsten. Allerdings erfährt da das „Menschliche“, das mir sehr wichtig ist, keine entsprechende Würdigung. Als ich 2012 Minister wurde, hatte ich den Namen des Ministeriums aus „Ministerium für nationale Ressourcen“ in „Ministerium für menschliche Ressourcen“ geändert. Mir ist die Betonung des Menschlichen wichtig, nicht nur im Sinne von Human Ressources, sondern auch was den menschlichen Zugang zu den Problemen betrifft.


Ihr Ministerium hat nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sondern auch eine beachtliche Größe.

Ja, mir unterstehen fast 3.000 Mitarbeiter. Schrittweise wurden etliche Hintergrundinstitutionen direkt in das Ministerium integriert. So etwa ein Teil des Krankenversicherungs- und des Rentenversicherungssystems. Auch einige Forschungsinstitute. Verwaltungstechnisch ist das eine große Herausforderung. Es lohnt sich aber, weil sich so neue Arbeitsebenen und neue Kooperationen ergeben. Die Gebiete, die zu meinem Ministerium gehören, also unter anderem Gesundheitswesen, Bildung, Familienwesen und Soziales haben nicht nur eine starke Eigendynamik, sondern auch ziemlich deutliche Konturen, was die Abgrenzung von anderen Bereichen betrifft. Diese ein wenig aufzubrechen und Synergien zu stärken, war eine schwierige Angelegenheit. Wir haben hier aber viele Fortschritte erzielt. Viele konkrete Projekte zeigen, dass sich unser ganzheitlicher Ansatz bewährt hat. Vorhaben können viel besser umgesetzt werden, als wenn etwa das Familien-, das Bildungs- und das Sozialministerium völlig separate Einheiten bilden würden.


Wie schaffen Sie es, in Ihrem riesigen Ministerium den kompletten Überblick zu behalten?

Ich möchte nicht hochmütig wirken, aber im Prinzip habe ich eine ähnliche Rolle inne, wie der Ministerpräsident in Hinblick auf die Regierung. So viel wie er von seinen Gebieten wissen muss, nicht viel mehr muss ich auch von meinen wissen. Die tägliche Arbeit findet auf der Ebene der Staatssekretäre statt. Meine Verantwortung besteht darin, die Staatssekretäre gut auszuwählen, sie arbeiten zu lassen und dann die relevanten Informationen bei ihnen abzufragen, damit ich stets auf dem Laufenden und innerhalb der Regierung sowie gegenüber der Öffentlichkeit auskunftsfähig bin. Dazu kommt die koordinierende Arbeit. Deshalb führe ich sehr viele Fachgespräche mit den Staatssekretären und den Unterstaatssekretären. Wenn ich mich über ein Problem informiert habe und wir uns über Lösungsalternativen verständigen konnten, dann wende ich mich dem nächsten zu.


Gibt es Gebiete, auf die Sie sich besonders konzentrieren?

Das hängt zum Teil von der Leistung der Staatssekretäre ab. Ich nenne hier jetzt bewusst keine Gebiete, um keinen meiner Staatssekretäre öffentlich zu kritisieren. Das sollten wir intern und am Ende der Legislaturperiode tun. Es gibt aber natürlich Dinge, die mir schon seit Jahren sehr am Herzen liegen, so etwa die Roma-Integration. Auch hier ist übrigens der ganzheitliche Ansatz meines Ministeriums sehr vorteilhaft. Fast alle Staatssekretariate werden von diesem Thema berührt.


Die Opposition kritisiert permanent die Situation im Gesundheitswesen. Berechtigt?

Hier ist ständig Handlungsbedarf, weil das Gesundheitswesen ständig in Bewegung ist. Wir geben zwar mehrere 100 Milliarden Forint mehr aus als die vorherige Regierung, die Struktur muss aber noch immer weiter verbessert werden. Das Gesundheitswesen ist für einige Akteure ein Riesengeschäft und berührt gleichzeitig die innersten Angelegenheiten eines Menschen. Deswegen ist das ein sehr sensibles und schwieriges Terrain. Es geht darum, wirtschaftlich tragfähige Lösungen zu erarbeiten, ohne an der Gesundheit der Menschen zu sparen. Wenn es nach der Pharmaindustrie ginge, dann könnte man noch ein Vielfaches für das Gesundheitswesen aufwenden. Das hieße dann aber nicht automatisch, dass sich das Gesundheitswesen in dem Maße verbessern würde. Man muss immer Kompromisse schließen. Wir haben den Kommunen die Verantwortung für das Gesundheitssystem abgenommen. Jetzt befindet es sich in zentraler staatlicher Hand. Nun müssen wir den nächsten Schritt machen: Es müssen regionale Zentren gebildet werden, die unter anderem die Budgets und die Kapazitäten der Krankenhäuser verwalten.

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„Viele konkrete Projekte zeigen, dass sich unser ganzheitlicher Ansatz bewährt hat. “

Roma-Integration

Welche besonderen Ergebnisse können Sie auf diesem Gebiet vorweisen?

Ich bin wirklich stolz darauf, dass wir in Europa das erste Land sind, in dem es einer Regierung zusammen mit Experten gelungen ist, den aktuellen Zustand der Roma-Bevölkerung so messen zu können, dass wir damit weder Datenschutzregelungen noch Persönlichkeitsrechte verletzen. Unsere Methode, die auch von der Europäischen Kommission gutgeheißen wurde, ermöglicht es uns, ein sehr konkretes Bild von der Lage der Roma-Bevölkerung zu bekommen. Diesen Ist-Zustand können wir dann mit früheren Zuständen abgleichen. So können wir zweifelsfrei die Wirksamkeit unserer Bemühungen überprüfen. Anhaltspunkte geben uns freilich auch die Zahlen des Zentralamts für Statistik. Danach ist übrigens in den letzten sechs Jahren die Armutsquote der Roma-Bevölkerung deutlich gesunken. Die obere Schicht der Roma konnte sich zur unteren Mittelklasse emporarbeiten. Das gelang bei uns mehr Roma als in den Nachbarländern.


Wie war das möglich?

Unter anderem wegen unserer Beschäftigungspolitik. Es gibt noch einen weiteren Punkt, auf den ich sehr stolz bin: Die Zahl von jungen Roma, die an der Universität studieren, hat sich verdoppelt. Es geht hier um mehrere Tausend Jugendliche. Vor sechs-sieben Jahren haben wir in Zusammenarbeit mit den Kirchen begonnen, ein Internatssystem aufzubauen. Diese Initiative trägt jetzt die ersten Früchte. Es ist entscheidend, dass sich eine gebildete Roma-Mittelschicht herausbildet, die an der Zusammenarbeit mit der Mehrheit interessiert ist, und nicht an Konfrontation.


Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Wir müssen unter anderem etwas gegen die Tendenz tun, dass immer mehr Roma-Kinder die Mittelschule ohne Abschluss verlassen. Das ist eine negative Entwicklung. Das gleiche gilt auch für die Fachschulen. Zugenommen hat unter den Roma auch die Zahl der Frühschwangerschaften.


Womit haben diese beiden negativen Tendenzen etwas zu tun?

Die öffentlichen Arbeitsprogramme sind meiner Meinung nach etwas zu verlockend. Ab dem 16. Lebensjahr kann man schon daran teilnehmen. Ist ein junger Mann bereits Vater, dann hat er sogar ein Recht darauf. So bekommt er monatlich 58.000 Forint, während es in der Schule nur 20.000 Forint Stipendium sind. Kein Wunder, dass einige Roma-Eltern auf die Idee kommen zu sagen: „Junge, was machst Du noch in der Schule!“ An der Veränderung dieses Fehlanreizes müssen wir noch arbeiten. Wir müssen dafür sorgen, dass möglichst viele Jugendliche mit einem verwertbaren Abschluss ins Berufsleben treten.


Welche Pläne haben Sie hier noch?

Ein großer Traum von mir ist die Schaffung eines wirklich eleganten, schönen und überzeugenden Roma Kultur- und Bildungszentrums. Diesem Traum bin ich einen großen Schritt nähergekommen: Ende letzten Jahres erhielt ich im Rahmen der Verteilung des Budgetüberschusses vom Ministerpräsidenten zu diesem Zweck über eine Milliarde Forint. Die Pläne für das Zentrum liegen bereits vor. Es soll im VIII. Bezirk von Budapest entstehen, wo es einen großen Roma-Anteil gibt. Etwas Ähnliches gibt es in Europa nur in Madrid. Ich möchte in dem Zentrum die gesamten positiven Dinge darstellen, welche die Roma-Kultur in Ungarn ausmachen und zwar nicht nur ungarische „Zigeuner-Musik“. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, hat einmal gesagt, dass in ganz Europa die ungarischen Roma die stärkste kulturelle Ausdruckskraft haben. Über diese Einschätzung bin ich sehr stolz. Nun wollen wir in dem Zentrum genau das präsentieren, sowohl nach innen wie auch nach außen. Es ist für das Selbstwertgefühl der Roma und ihre Integration in unsere Gesellschaft wichtig, ihnen deutlich zu zeigen, worauf sie stolz sein können. Sie haben eine besondere Kultur. Das zeichnet sie positiv aus. Die Nicht-Roma sollen wiederum besser erkennen, dass Roma für die Gesellschaft nicht nur ein Problem, sondern auch eine Bereicherung sein können. Ich hoffe, dass die Bauarbeiten 2018 abgeschlossen werden und wir das Zentrum 2019 eröffnen können.

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„Es ist entscheidend, dass eine gebildete Roma-Mittelschicht entsteht, die an der Zusammenarbeit mit der Mehrheit interessiert ist und nicht an Konfrontation.“

Deutsch-ungarische Beziehungen

Wie steht es um sie?

Ich bin voreingenommen. Ich verdanke Deutschland und vielen Deutschen über das ganze Parteienspektrum hinweg seit meinem Studium in Deutschland sehr viel. Das werde ich nie vergessen. Ich werde deswegen immer an der Stärkung dieser Beziehungen arbeiten. Aber ich muss sagen, dass sich in den letzten Jahren das Gesprächsklima, das noch zu Zeiten von Helmut Kohl ausgezeichnet war, ein Stück verändert hat. Die kleineren europäischen Länder, so auch wir, werden nicht mehr so ernst genommen. Anfang der neunziger Jahre, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, verfolgte Helmut Kohl eine Politik auf Augenhöhe. Egal wie klein ein Land ist, man redete immer auf Augenhöhe und ging partnerschaftlich miteinander um. In den letzten Jahren haben wir hingegen einige Entscheidungen erlebt, in die wir vorher nicht einbezogen wurden. Ich weiß das genau, weil ich von jedem wichtigeren Gespräch weiß, das zwischen deutschen und ungarischen Politikern stattfindet. Besonders offenbar wurde der neue Umgang miteinander in der Migrationskrise. Man hätte sich in Deutschland rechtzeitig und viel mehr informieren sollen, was in Ungarn an der ungarischen Grenze geschieht und was eigentlich unsere Absichten sind. Wir haben das mehrfach angeboten. Höflich ausgedrückt: Wir fanden nicht gerade die Gesprächsbereitschaft vor, die wir gewünscht hätten. Einige deutsche Politiker lebten und leben sehr gut mit ihren Vorurteilen gegenüber Ungarn.


Trotz allem scheint es jetzt gegenüber 2011 ruhiger geworden zu sein.

Die Europäische Kommission hat uns in jeglicher Hinsicht etwa mit Blick auf die Rechtsstaatlichkeit, unsere neue Verfassung und auch das Mediengesetz geprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass alles europakonform sei. Abgesehen von einigen Kleinigkeiten etwa im Mediengesetz, die wir aber unverzüglich geändert haben. Ich weiß nicht, ob es noch ein anderes Land in Europa gibt, in dem das ganze Rechtssystem und die ganze Rechtsstaatlichkeit so intensiv geprüft worden wäre. Wir haben die Prüfungen auf jeden Fall bestanden. So können wir jetzt vortreten und sagen: „Leute, was habt ihr für ein Problem mit Ungarn?“ Das sind die Tatsachen. Alles andere sind künstlich geschürte Erregungen von Medien, um das negative Image Ungarns und die negativen Vorurteile gegenüber der Orbán-Regierung zu pflegen, die manche politischen Kreise aufrechterhalten wollen. Ich hoffe, dass immer mehr Deutsche begreifen: Indem wir unsere Grenzen schützen, schützen wir auch ihre.


Was kann man für die deutsch-ungarischen Beziehungen tun, damit es keinen Rückfall gibt?

Den in Ungarn aktiven deutschen Investoren geht es sehr gut. Die Digitalisierungsstrategie, bei der wir mit deutschen Firmen und der deutschen Entwicklungspolitik sehr eng zusammenarbeiten, eröffnet weitere Perspektiven. Herr Oettinger hat immer wieder betont: Alles, was in Ungarn und in Polen an EU-Geldern investiert wird, kommt zu einem Großteil der deutschen Wirtschaft zu Gute. Und damit auch den ungarischen Arbeitnehmern, die hier bei deutschen Firmen beschäftigt sind. Die deutsch-ungarischen Wirtschaftsbeziehungen bilden ein festes Fundament. Ebenso wie die kulturelle Basis. Wenn wir fest auf diesen beiden Beinen stehen, dann werden aktuelle politische Meinungsverschiedenheiten sehr stark relativiert und negative Ausschläge geringer. Eine große Hoffnung verbinde ich auch mit der Jugend. Es gibt da einige gute Initiativen, so etwa das Deutsch-Ungarische Jugendwerk. Viele Politiker beider Länder quer durch alle Parteien unterstützen das. Diesbezüglich besteht ein Konsens. Ich hoffe, dass es noch mehr solcher Projekte geben wird.


Die größten deutsch-ungarischen Spannungen gibt es rund um die Migrationskrise. Welche Perspektiven sehen Sie hier?

Wir müssen mehr und offener miteinander reden und diskutieren. So etwa darüber, ob nun eine möglichst hohe kulturelle Homogenität einer Gesellschaft ein wünschenswerter Zustand ist oder eher das Gegenteil. Die Regierungen beider Länder vertreten hier deutlich abweichende Standpunkte. Aber das muss nicht heißen, dass wir uns nicht einander ergänzen und uns gegenseitig akzeptieren könnten. Die einen haben sich für diesen Weg entschieden, und die anderen für einen anderen. Das bietet natürlich noch sehr viel Gesprächsstoff. Es wird noch viele konfliktgeladene Gespräche geben. Diese sollten nicht nur von Politikern, sondern etwa auch von Kulturschaffenden oder Philosophen geführt werden. Sowohl die Bildungsschicht als auch die Jugend sollten stärker miteinander ins Gespräch kommen.


Worüber würden Sie sich mit deutschen Partnern noch gerne unterhalten?

Neben der bereits erwähnten Roma-Politik auch über unsere Familienpolitik, die inzwischen immer mehr Früchte zeigt. So hat etwa die Eheschließungsrate in den letzten vier Jahren um 50 Prozent zugenommen. In den acht Jahren davor war sie um fast 30 Prozent gesunken. Hier haben wir also einen riesigen Sprung nach vorn getan. Unsere Bürger haben erkannt, dass wir die Familien auf allen relevanten Gebieten mit großzügigen Angeboten unterstützen. In Sachen Familienförderung gehören wir inzwischen zu den Top 4 in Europa. Dies ist unsere Antwort auf die demografischen Herausforderungen, vor denen wir genauso stehen wie Deutschland. Wir setzen dabei aber vor allem auf eine Erneuerung aus eigenen Quellen.

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„Ich hoffe, dass immer mehr Deutsche begreifen: Indem wir unsere Grenzen schützen, schützen wir auch ihre.“

Parlamentswahl 2018

Wie bewerten Sie die Chancen Ihrer Regierung, ihre Arbeit auch über 2018 hinaus fortsetzen zu können?

Als groß. Aber große Chancen kann man auch verspielen. Wenn Sie nach Frankreich, auf die Vereinigten Staaten oder nach Italien schauen, dann sehen Sie, wie schnell eine unsichere Situation in der Politik entstehen kann. Wir sollten also sehr auf der Hut sein. Die anhaltenden guten Ergebnisse bei Meinungsumfragen sollten uns nicht bequem machen. Schließlich ist die Demokratie im gewissen Sinne eine Unzufriedenheitskultur geworden. Die Unzufriedenen haben immer bessere Chancen sich durchzusetzen, als diejenigen, die weiter aufbauen und dafür sorgen wollen, dass die Bürger noch zufriedener sind.


Warum ist es so schwer, mit real vorhandenen Ergebnissen für sich zu werben?

Weil einem das schnell als Eigenlob ausgelegt werden kann. Selbst wenn die Bürger die Ergebnisse spüren. Die Kritiker, die meinen, dies oder jenes ist schlecht, haben immer bessere Chancen. Das scheint irgendwie in der Natur des demokratischen Systems verankert zu sein. Deshalb sollten wir vorsichtig sein. Wir sollten uns viel mehr bemühen und zeigen, dass wir die Leute, für die wir ja regieren, nicht vergessen haben. Dass wir wissen, wie der Alltag in Ungarn aussieht und dass wir keine abgehobene Elite sind, die in ihrem Handeln stark von persönlichen Interessen geleitet wird. Es ist ganz wichtig, dass wir all das nicht nur verbal äußern, sondern es den Bürgern mit unserer Arbeit tagtäglich beweisen. Das muss ein wichtiges Merkmal unserer Politik sein. Wenn uns das nicht gelingt, dann besteht die Gefahr, uns in ein so schlechtes Licht zu rücken, dass die Leute trotz der eindeutig positiven Faktenlage „Nein!“ zu uns sagen könnten.


Sie sind also grundsätzlich optimistisch?

Ja, durchaus! Ich denke, wenn wir so weitermachen wie bisher, dann gibt es keine bessere Alternative für Ungarn als uns. Ich sage nicht, dass es keine Alternative gibt, sondern keine bessere Alternative. 1998 hatte die MSZP unter Gyula Horn unter anderem deswegen verloren, weil sie den Standpunkt vertrat, es gäbe keine Alternative. Und das, obwohl Horn noch eine vergleichsweise gute Politik gemacht hatte. Die heutigen Sozialisten könnten viel von Gyula Horn lernen. Am Ende war er ein sehr weiser Landesvater geworden. Aber es war ein großer Fehler zu sagen, es gäbe keine Alternative zu ihnen. Im Leben, auch in der Politik gibt es immer Alternativen.


Unter den gegenwärtigen Entscheidungsträgern gibt es viele Idealisten, die das, was sie tun, der Sache wegen tun. Es gibt aber auch Leute mit einer etwas anderen Motivation. Kann diese Gruppe die Weiterführung Ihrer Aufbauarbeit 2018 gefährden?

Ich bin kein Romantiker. Ich will nicht so tun, als hätte ich keine Taschen. Selbst wenn jemand von ganzem Herzen Politiker ist, hat er natürlich auch seine eigene materiale Interessenlage. Es gibt auch Leute, für die die Politik zugleich ein Geschäft ist. Das heißt nicht, dass sie keine Wertevorstellungen hätten. Mit Blick auf unsere sozialistische Vergangenheit, in der weitgehende Einkommensgleichheit herrschte, ist es natürlich leicht, gegen reichere Bürger zu agitieren. Wenn aber jemand korrekt innerhalb des legalen Rahmens und unter Einhaltung der Wettbewerbsregeln reich wird, dann ist das eine positive Sache. Auch dass die Politik ein Geschäft sein kann, finde ich per se nicht negativ. Wichtig ist aber immer, dass die entsprechenden Geschäfte korrekt laufen. Dass sich in Ungarn in den letzten Jahren eine heimische Oberschicht von vermögenden Leuten gebildet hat, ist eine positive Sache. Natürlich ist die Frage der Korruption immer zu stellen. Besonders wenn man schon so lange regiert. Alle suspekten Fälle sollten von staatlichen Organen untersucht werden. Wenn jemand irgendetwas Negatives weiß, dann soll das auf dem Rechtsweg geklärt werden. Es gibt durchaus einige Verfahren, auch gegenüber Politikern des Fidesz. Die Unschuldsvermutung sollte aber auch in ihrem Falle gelten. Wenn allerdings die Untersuchungen der zuständigen Justizorgane die Verdachtsmomente erhärten, dann müssen die betroffenen Leute die entsprechenden Konsequenzen tragen. Aber einfach nur alle vermögenden Bürger unter einen Generalverdacht zu stellen, ist populistische Meinungsmache.


Wie gehen Sie in Ihrem Ministerium mit solchen Vorwürfen um?

Es ist mir ganz wichtig, dass ich in meinem eigenen Bereich auf sicherem Boden stehe. Als mir etwa zu Ohren kam, dass gewisse für die Roma-Integration vorgesehene Gelder nicht richtig eingesetzt worden sind, habe ich sofort eine interne Untersuchung einleiten lassen und Anzeige erstattet. Das ist der einzige Weg, wie ich und wie andere Minister gegen in ihrem Bereich wahrgenommene Dinge vorgehen können. In diesem Punkt sind wir uns auch auf der Regierungsebene ganz bestimmt einig. Ich bin mir ganz sicher, dass so etwas wie die riesigen Veruntreuungen in dreistelliger Milliardenhöhe im Zusammenhang mit dem Bau der Metrolinie 4 in unserer Regierung nicht vorkommen könnten. Und bei den Metro-4-Veruntreuungen geht es um keine Vermutungen, um keine Meinungsmache, sondern um harte Fakten, die seit dem OLAF-Bericht unumstößlich auf dem Tisch liegen.


Wie könnte Ihre Karriere nach 2018 aussehen, würden Sie als Minister weitermachen?

Das Engagement, das ich vor 27 Jahren angetreten habe, hat noch Perspektiven. Ob nun auf diesem Posten oder woanders, das ist nicht meine Entscheidung. Das ist die Entscheidung des Ministerpräsidenten, der hoffentlich auch weiterhin Viktor Orbán heißen wird. Mit Blick auf dieses Ministerium werde ich einige Veränderungen vorschlagen. Diese möchte ich jetzt nicht konkretisieren, weil ich sie erst mit ihm besprechen muss. Ich fühle noch keine Altersschwäche, auch wenn ich manchmal Altersmilde zeige. Ich fühle mich noch ganz rüstig, auch um dieses Ministerium weiter zu leiten.

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„Die anhaltenden guten Ergebnisse bei Meinungsumfragen sollten uns nicht bequem machen.“

500. Jahre Reformation

Was ist zu diesem Jubiläum in Ungarn geplant?

Wir werden unter anderem ein Gespräch mit deutschen und ungarischen Spitzenpolitikern haben. Dabei werden wir uns darüber unterhalten, wie einen der evangelische Glaube heute in der Politik inspiriert. Bereits zugesagt hat unter anderem der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff. Eingeladen sind auch Politiker aus Holland und der Schweiz. Außerdem planen wir eine Ausstellung, in der wir die Einflüsse der Reformation auf Ungarn darstellen werden. In Ungarn befindet sich übrigens das einzige Originalexemplar des Testaments von Martin Luther. Es wurde unter anderem von Melanchthon gegengezeichnet und befindet sich im Lutherischen Museum. Wir werden es eine Woche lang nach Wittenberg ausleihen. Da wird extra eine ungarische Woche stattfinden, wo ich viel protestantischen Streit erwarte. Ich bin auch eingeladen zur Leipziger Diskussionsrunde mit Herrn Eppler. Außerdem gibt es Hunderte von Veranstaltungen auf Gemeindeebenem große Konzerte, Stolpersteine auf Plätzen von Budapest und dergleichen mehr.


Das Jubiläum wird also nicht nur für historische Betrachtungen genutzt.

Wir wollen jeglichen Historizismus vermeiden und betrachten das Jubiläum als zukunftsweisenden Anlass, um über die Inspiration, die uns 500 Jahre Reformation und 2000 Jahre Christentum liefern, nachzudenken. Es geht um die christlichen Werte und die evangelische Prägung. Es geht auch um eine Diskussions- und Gesprächskultur, die wir viel mehr pflegen sollten. Sie kommt von Luther über Melanchthon, wir sollten sie weiterführen. Wer in der Migrationsfrage diesen oder jenen Standpunkt vertritt, vertritt ihn nicht, weil er dumm oder böse ist, sondern weil er seine Gründe hat. Diese Gründe sollte man politisch, moralisch und logisch prüfen. Aber auch mit Blick auf unsere Werte. Ich sage das sowohl mit Blick auf die deutsche als auch die ungarische Position. Die evangelische Kirche könnte viel mehr als bisher dazu beitragen, ein entsprechendes Gesprächsklima zu schaffen und Gesprächsforen zu bieten. Sie soll lieber Leute ins Gespräch bringen, als mit Verurteilungen um sich zu werfen. Diese Gefahr sehe ich bei den deutschen Kirchen, weil sie sich zu sehr im Fahrwasser der Politik befinden. Eine große Ausnahme bildet hier allerdings der EKD-Vorsitzende Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, mit dem ich mehrfach fruchtbare Gespräche in brüderlicher Atmosphäre geführt habe. Die Kirchen könnten ähnlich wie bei der politischen Wende vor drei Jahrzehnten auch jetzt wieder eine wichtige Katalysator-Rolle spielen – und könnten sich dabei sogar auf Luther berufen.

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„Ich fühle mich noch ganz rüstig, auch um dieses Ministerium weiter zu leiten.“

Dieser Artikel entstand mit Unterstützung durch den Nationalen Kulturfonds.

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