Einmal gingen wir völlig unabhängig von jedem Spielergebnis ins Stadion feiern, als Ferenc Puskás Geburtstag hatte. Die Legende war höchstpersönlich anwesend. Im Zuschauer-Bereich hinter dem Tor, wo man sonst auch gerne den derberen Ton anschlägt und „herumzigeunert“ wird, gab man sich jetzt unabhängig von der Hautfarbe geschlossen die Hand und ließ die Legende mit Freudentränen in den Augen hochleben.

Damals und dort waren wir die Nation von Ferenc Puskás. Eine Symbolfigur verkörperte unsere Nation. Für die Zusammengehörigkeit und den Erfolg benötigen wir aber beide Elemente: Symbole und ein positives Bild von der Nation.

Die Nationsbilder seit der politischen Wende

Beide fehlten schon lange vor der Wende, sie kamen auch in der Politik danach nie zum Vorschein.

Die größte Sünde der rechten Parteien liegt nicht einmal darin, dass sie die gemeinsamen Symbole enteigneten und aushöhlten, sondern dass sie die Nation immer in einem Verhältnis zu anderen definierten. Wie wir es beim Fußball in der Regel mit den Rumänen haben, so brauchen wir heutzutage im alltäglichen Leben die sagenumwobenen „Brüsseliten“ als Gegenpol, um zu spüren, dass wir Ungarn sind. Das Erschreckendste ist allerdings die gepachtete Exklusivität für das Ungarn-Bewusstsein: Wer nicht alle vorgeschriebenen Feinde hasst, der gilt als Vaterlandsverräter. (…)

An dieser Stelle sollten aber auch die linken Politiker lieber ganz leise bleiben: Ihnen läuft es schon kalt über den Rücken, wenn sie das Wort „Nation“ hören, ganz zu schweigen von den Nationalsymbolen, vor denen sie sich regelrecht grauen. (…) Die alten Symbole hatten schon andere verbraucht: Der Turul und die Flagge mit den Árpáden-Streifen wurden von den Hungaristen missbraucht, die Kokarde von Viktor Orbán. Der Turul, die Symbole des Árpáden-Geschlechts und die Kokarde sind aber Teile unserer Kultur. (…)

Die Linken schauten einfach nur dumm zu, wie sie von der anderen Seite aus der Nation gedrängt wurden. Dann kam ihnen die Lösung: Sie brandmarkten einfach alle, die sich in irgendeiner Weise positiv mit diesen Symbolen auseinandersetzten als Nazis. Und als Zugabe gelang es ihnen 2004, auch noch eine Riesenohrfeige an die Auslandsungarn auszuteilen. Sehr ruhmreich! (...)

Was ist aber eigentlich die Nation?

Die Nation ist im weitesten Sinn unsere Familie. (…) Es wird mir wohl niemand einen Vorwurf machen, wenn ich behaupte, dass ich eine größere Verantwortung für das Wohl meiner Eltern und Geschwister trage, als für andere. (…) Wir werden uns wahrscheinlich auch darin einig sein, dass ich eine größere Verantwortung für die Menschen habe, die ich jeden Tag sehe, mit denen ich eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Kultur, eine gemeinsame Geschichte teile – seien es die Marktverkäuferin, der Fahrkartenkontrolleur oder der Teilchenphysiker. (…) Die Mitglieder der Nation tragen füreinander Verantwortung. (…)

Das positive Bild der Nation

(…) Wir [als Momentum] sagen [im Gegensatz zu den anderen Parteien]: „Bringen wir die ungarischen Produkte auf den Weltmarkt!“ Wir müsen nicht mit der Globalisierung kämpfen, sondern wir müssen im bestehenden System gewinnen. (…) Ungarn muss gewinnen. Ungarn muss nicht nur, Ungarn kann auch gewinnen. Das ist die Grundlage des positiven Bilds der Nation.

(…) Der Erfolg ist nicht bloß ein statistischer Wert von Forschungsergebnissen, sondern ein gemeinsames Erlebnis. Für den Erfolg tut nicht die rechte oder die linke Seite etwas, sondern wir Ungarn, mit geeinten Kräften. Und ich bin auch dann sehr stolz auf die Erfolge meiner Geschwister, auf den EM-Erfolg der Nationalmannschaft, auf den Oscar für Sing – und ich wäre es natürlich auch auf ein erfolgreiches Unterrichtswesen meines Landes –, wenn ich nichts mit ihnen zu tun hätte. (…)

Das Ungarn von Momentum ist ein Ort, wo es nicht zählt, ob du in Budapest oder im siebenbürgischen Oderhellen geboren wurdest. (…) Wo die Parteivorstände auf einer Bühne gemeinsam die Nation feiern können. (…) Wo wir akzeptieren, dass es noch stolze Slowaken geben kann, obwohl wir stolze Ungarn sind. Wo ein Mensch gleichzeitig mehrere Identitäten haben kann, denn diese bauen aufeinander auf und bestärken einander.

Wo wir dem anderen – trotz allem – Verständnis entgegenbringen können, obwohl wir sein Ungarn-Bewusstsein nicht verstehen.

Der Autor ist Vize-Vorsitzender der Momentum-Bewegung. Dieser Kommentar ist eine Reaktion auf eine vielkritisierte Momentum-Aussage.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 10. März auf dem Online-Portal der liberalen Wochenzeitung hvg.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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