Wer dieser Tage auf Budapests Straßen unterwegs ist, tut dies zumeist im Eilschritt. Dick eingepackt, den Schal bis zu den Ohren gezogen, Mütze, Handschuhe und bloß schnell heim ins Warme. Allein der Weg von der Metrostation bis zur Wohnung reicht aus, um bis auf die Knochen durchzufrieren. Doch was geschieht mit denen, auf die am Ende des Tages kein warmes Zuhause wartet?

Auf der Straße bei minus 15 Grad

„Heute sind nur noch die wirklich Hartgesottenen auf der Straße“, erklärt Endre Buzás, genannt Öcsi, Sozialarbeiter bei der Stiftung Menhely. Tatsächlich ist es kaum vorstellbar, wie Menschen bei eisigem Frost auf der Straße übernachten können. Und doch wählen noch immer zahlreiche Obdachlose lieber das Freie als eine der Notunterkünfte. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Generell nicht dafür bekannt, besonders einladend zu sein, kommt es jetzt nicht selten vor, dass in einem Raum einer Notunterkunft 20 oder mehr Menschen untergebracht sind. Wer noch ein Bett bekommt, hat Glück, wer in der Nacht kommt, muss sich oft mit einer einfachen Matratze begnügen. Doch es ist nicht die Unterbringung an sich, die viele Obdachlose abschreckt, sondern die Begleitumstände. Parasiten und Ungeziefer. Leider sind auch Diebstahl und Aggressionen keine Seltenheit in Massenunterkünften.

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Vor allem deswegen ziehen es viele Obdachlose lieber vor, die Nächte auf der Straße zu verbringen. Ihr Überleben sichern dieser Tage – und dies ist keinesfalls eine Übertreibung – Zivilorganisationen wie die Stiftung Age of Hope, Menhely und die Budapest Bike Maffia.

Unter dem Titel „Krise“ schlossen sich die Stiftung Age of Hope und die Budapest Bike Maffia (BBM) zusammen, um der Obdachlosenhilfsorganisation Menhely zu Hilfe zu eilen. „Nach den großen Weihnachtsprojekten haben wir jetzt wieder freie Ressourcen“, erklärt Ákos Toth, Gründer der Kinderschutzstiftung Age of Hope. „Als dann die große Kälte einbrach, war klar, dass wir tätig werden.“ Seit Tagen ist er jeden Abend auf der Straße unterwegs. „Dies ist nicht unsere erste Zusammenarbeit mit der Budapest Bike Maffia, Zoli (Zoltán Havasi ist Gründer und Leiter der BBM – Anm.) und ich denken da ähnlich, deswegen wussten wir sofort, dass wir einsteigen.“ Das Wie war ebenfalls schnell klar.

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Außerhalb bewohnter Gebiete ziehen sich Obdachlose in selbstgebaute Hütten zurück.

Gesammelt wurden Kleidung, haltbare Lebensmittel, aber auch frische Zutaten, welche von den mehreren Dutzend Freiwilligen täglich zu mehr als 1.000 Sandwiches verarbeitet wurden. Hinzu kamen täglich mehr als 200 Portionen warme Speisen, die vom Restaurant Caledonia gespendet wurden. Zsuzsanna Bozó vom Caledonia erinnert sich: „Wir haben schon früher mit Ákos zusammengearbeitet und wussten, dass wir helfen wollen.“ Ákos´ Bitte war Tee, aber damit wollte sich Zsuzsanna nicht zufriedengeben. „Wir können mehr als Tee“, lacht sie. Zu Anfang waren 500 Portionen Suppe geplant, doch schnell beteiligten sich auch die Gäste des Restaurants, brachten eigene Rezepte, Selbstgekochtes oder Zutaten. Am Mittwoch, dem Tag 5 der Hilfsaktion, beteiligte sich gar der britische Botschafter am gemeinsamen Kochen und Verpacken im Caledonia.

Zusammenschluss der Helfer

Szilvia Nagy ist seit Jahren eines der tragenden Mitglieder der BBM und war natürlich auch während der „Krisen“-Tage dabei. Mehrere Hundert, vielleicht sogar tausend Menschen halfen dieser Tage aus, egal ob mit Spenden oder Arbeitskraft, der Food-Truck-Hof, in dem sich die Helfer täglich sammelten, verwandelte sich ab Freitagabend in eine Großküche, in der geschnitten, geschmiert und eingepackt wurde. Täglich bis zu 2.000 belegte Brote, warmer Tee und andere Nahrungsmittel wurden hier für die abendliche Auslieferung vorbereitet. Sowohl per Fahrrad in gewohnter Manier, aber auch mit dem Auto waren die Helfer unterwegs. Über den Dispatcher-Dienst der Stiftung Menhely wussten Ákos und die Seinen, wo Obdachlose zu finden sind, die (vorerst) nicht in Unterkünfte wollten.

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„Mehrere Hundert Anrufe pro Tag gingen beim Dispatcher ein. Aber für das Komitat Pest steht nach Mitternacht genau ein Krisenauto zur Verfügung, da haben wir unseren Bus in den Dienst der Menhely-Stiftung gestellt.“ Die Zivilen arbeiten Hand in Hand, um Menschen vor dem sicheren Kältetod zu retten. Auf Zuruf durch den Dispatcher wurden mit dem Bus Adressen angefahren, an denen Obdachlose zu finden waren und wenn möglich, in Unterkünfte gebracht. Wer nicht in eine Notunterkunft wollte, wurde zumindest mit Nahrungsmitteln und Kleidung versorgt, überlebenswichtig bei diesen Temperaturen auf der Straße.

Szilvia freut sich, dass die Ungarn erneut bewiesen haben, dass sie bereit sind, zu helfen, aber weder sie noch Ákos geben sich der Illusion hin, dass diese Hilfsbereitschaft über einen längeren Zeitraum anhält. Trotzdem überwiegt die positive Bilanz. Szilvia ist sich sicher, vor einigen Jahren wäre so eine Aktion noch nicht möglich gewesen. „Langsam kommt es in Mode, sich freiwillig zu engagieren.“ Und auch die Rolle der Medien hat sich verändert: „Heute erscheint ein Artikel oder ein Video online und die Leute können sich sofort anschließen, sie können eine Stunde später schon selbst dabei sein und mit anpacken. Die Welt ist viel schneller geworden. Ich denke, oftmals sind es Impulshandlungen, die die Leute sich spontan anschließen lassen.“ Doch die engagierte Biologin sieht noch einen weiteren Grund: „Das alles ist bei vielen auch eine Art Widerstand gegen den Staat, nach dem Motto: Wenn der Staat nichts tut, dann werde eben ich aktiv!“

Ungebrochener Optimismus

Zsigmond Gerlóczy ist Initiator der „Freien Kleiderständer“ (Szabadfogas), bei der über mittlerweile das ganze Land verteilt auf öffentlichen Plätzen Kleiderständer aufgestellt wurden. An jedem hängt die Aufschrift: „Wenn Du frierst, nimm Dir eine Jacke, wenn Du etwas helfen willst, häng eine dazu.“ Und dies ist auch schon alles, was es braucht, um Hilfe zu leisten. Denn tatsächlich ist warme Kleidung dieser Tage von unschätzbarem Wert, nicht nur für diejenigen, die auf der Straße leben, sondern auch die zahlreichen Menschen, die zwar eine Wohnung, aber nicht genug Geld haben, diese auch richtig zu beheizen. Die Idee stammt nicht von Zsigmond selbst, sagt er, sondern aus dem Iran. Unter dem Namen „The Wall of Kindness“ wurde dort nach demselben Prinzip in den 90er-Jahren Kleidung an Bedürftige verteilt.

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Gemeinsam kochen für den guten Zweck: Die BBM im Food Truck Hof.

Gemeinsam mit zwei Freunden stellten sie vergangene Woche Samstag den ersten Kleiderständer vor das Vígszinház in der Innenstadt. Noch am selben Abend, so Zsigmond, kamen dort allein mehr als 300 Jacken zusammen: „Ich hatte keine Vorstellung davon, wie diese Jacken von dort weiter gelangen sollten, aber zum Glück hat sich das gelöst und seitdem wechselt der Bestand stetig.“ Schon zu Beginn der Woche hatte sich die Zahl der Freien Kleiderständer auf über 160 gemausert und überall im Land sind seitdem Hilfspunkte wie dieser zu finden.

Ganz wolkenlos ist die Freude über die Hilfsbereitschaft der Menschen nicht, immer wieder tauchen Berichte auf, nach denen eben nicht nur die Ärmsten der Armen sich an den Kleiderspenden bedienen. Viktor, sozial selbst aktiv und politisch engagiert, teilte beispielsweise auf Facebook folgendes Erlebnis: „Ich kam am Vígszinház vorbei und habe gesehen, wie mehrere Frauen den Ständer nach hochwertigeren Jacken durchsuchten und sich darüber austauschten, wie viel sie jetzt an denen verdienen werden.“ Der junge Mann will auch beobachtet haben, wie jemand, der seiner Kleidung nach keineswegs auf Spenden angewiesen war, sich drei, vier Jacken griff und von dannen zog. Und nicht zuletzt die junge Frau, die, während sie eine der Jacken vom Ständer abgriff, am Telefon erklärte, sie hätte genauso eine Jacke schon ewig gesucht und würde damit jetzt 30.000 Forint sparen. Für Zsigmond ist die Aktion trotzdem gelungen: „Wir wussten, dass es zu solchen Fällen kommen wird. Aber im Großen und Ganzen funktioniert das System gut.“

Organisationen bitten weiterhin um Hilfe

364 – so viele Anrufe gingen allein am Freitag beim Dispatcherdienst der Stiftung Menhely ein. Irén Kártyás ist für das Krisenauto der Stiftung verantwortlich und ausgesprochen froh, dass sowohl die Age of Hope als auch eine zu Pastor Gábor Iványi und der Stiftung Oltalom gehörende Gruppe sich mit eigenen Autos am Krisendienst beteiligten. Auch Irén weiß, dass jetzt nur noch die wirklich wild Entschlossenen auf der Straße sind, „aber diese sind in immer schlechterem Zustand. Die anhaltende Kälte belastet den Organismus extrem.“ Die Zahl der Anrufe nimmt langsam ab, aber noch immer sind es mehr als 200 Meldungen pro Tag. Irén weiß, wie wichtig jeder Anruf ist, denn er bedeutet, dass die Menschen aufeinander achten: „Natürlich brauchen wir dieser Tage mehr Spenden als sonst, vor allem Geld, um unsere Autos zu betanken und Dinge zu kaufen, die wir nicht als Sachspenden erhalten, aber dringend notwendig sind. Wichtiger ist vielleicht jedoch, dass wir unseren Mitmenschen gegenüber mit offenen Augen begegnen. Dazu gehört beispielsweise, dass vielerorts dieser Tage Obdachlose eben nicht aus dem Hausflur gejagt werden, sondern dort zumindest minimal geschützt übernachten können.“

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Bis zu 2.000 Sandwiches werden hier täglich zubereitet und verpackt: all das ermöglicht durch Spenden aus der Bevölkerung.

Die Ungarn haben in den vergangenen Tagen einmal mehr bewiesen, dass sie sich solidarisch gegenüber Hilfsbedürftigen zeigen, allein ein Akteur ist dieser Tage kaum wahrzunehmen: der Staat.

Zu wenig Plätze, zu viele Regeln

„Landesweit stehen 9.600 Schlafplätze für Obdachlose zur Verfügung. Während des Winters wird diese Zahl um weitere 1.500 Plätze erweitert“, heißt es in der Antwort des zuständigen Ministeriums für Humanressourcen (EMMI) an die Budapester Zeitung. Zum Vergleich: Laut der letzten offiziellen Umfrage der Arbeitsgruppe Februar3 der Stiftung Menhely, die seit mehr als 15 Jahren jährlich mittels Fragebogen einen statistischen Überblick über die Obdachlosensituation gibt, nahmen im 2015 Jahr fast 11.000 Menschen teil. Schätzungen der Zivilorganisation „Die Stadt gehört allen“ (AVM) gehen jedoch von rund 10.000 Obdachlosen allein in Budapest aus, rund 30.000 Menschen leben landesweit auf der Straße. Tatsächlich, so geht aus der Antwort des EMMI hervor, gibt es dieser Tage keine Akutmaßnahmen für die Ärmsten der Armen, alles läuft wie bisher.

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Das stark unterfinanzierte Versorgungssystem bleibt, wie es scheint, auf sich gestellt. Zwar wurden für die im Winter zusätzlich aufkommenden Kosten über Ausschreibungen weitere insgesamt knapp 360 Millionen Forint bereitgestellt, aber es scheint mehr als fraglich, ob dieses Geld die Kosten decken wird. Gábor Iványi von der Ungarischen Evangelischen Bruderschaft und Leiter der Stiftung Oltalom findet deutliche Worte: Heute würden nur die Organisationen finanziell gut fahren, die ein gutes Verhältnis zur Regierung pflegen. Die Stiftung Oltalom gehört keinesfalls dazu.

Seit der Evangelischen Bruderschaft mit der Änderung des Kirchengesetzes vor fünf Jahren der offizielle Status als Kirche aberkannt wurde, kämpft sie mehr denn je mit finanziellen Problemen – und den Gerichten, denn die Bruderschaft hat seitdem mehrere Verfahren gewonnen, in denen bestätigt wurde, dass ihnen ihr Status verfassungswidrig aberkannt wurde. Tatsächlich beschweren sich dieser Tage sowohl Sozialarbeiter als auch zivile Helfer immer wieder über die mangelnde Präsenz des Staates, wenn es ums Helfen geht. Fast scheint es, als habe der Staat das Feld schlicht den Zivilen überlassen und sei einfach nicht am Helfen interessiert.

Kriminalisierung erschwert die Obdachlosenhilfe

Sozialarbeiterin Klára (Name von der Redaktion geändert) bringt es auf den Punkt: „Es sind nicht nur die fehlenden Mittel, die uns zu schaffen machen. Viel schlimmer ist, dass durch die „Obdachlosenpolitik“ der vergangenen Jahre und die Kriminalisierung von Armut unsere Arbeit massiv erschwert wird. Leute verstecken sich aus Angst vor Strafe eher, verschwinden aus unserem Blickfeld, statt sich um Hilfe zu bemühen.“

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Dies dürfte auch der Grund dafür sein, warum das zum Ende der Woche im hauptstädtischen Bezirk Zugló erfrorene Pärchen sich an einem Ort versteckte, der weder für Sozialarbeiter noch Passanten einzusehen war. Tatsächlich starben in den letzten Monaten des Jahres 2016 doppelt so viele Menschen wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Insgesamt 80 Menschen erlagen den Folgen der Kälte – noch vor dem eisigen Wintereinbruch, der überwiegende Teil in der eigenen, unbeheizten Wohnung. Ein weiterer Fall ging zwar glücklicher aus, zeigt aber, in welch dramatischer Lage sich arme Menschen in Ungarn befinden.

Beim Dispatcher-Dienst ging zu Beginn der Woche eine Meldung ein, wonach eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern Hilfe braucht. Sie lebt mit ihren Kindern in einer gut beheizten und isolierten Hütte im Pilisgebirge, zwei ihrer vier Kinder sind Musterschüler, die anderen beiden gehen in den Kindergarten. Die Kinder sind sauber und wohlerzogen, allein der Wohnraum ist sehr beengt. Als Mitarbeiter der Stiftung Menhely vor Ort eintreffen, ist die Mutter der Verzweiflung nahe. Das Heizen und Befeuern würde sie noch lösen, aber die äußere Wasserleitung sei zugefroren und so bliebe ihr nichts anderes übrig, als um Hilfe zu bitten. Dank der engen Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfsorganisationen konnte sie mit ihren Kindern für drei Tage in eine Familienkrisenunterkunft gebracht werden. „Was danach wird, wissen wir aber nicht“, gesteht Klára

Obwohl die eisige Kälte langsam nachlässt, der Winter ist noch lange nicht vorbei. Was die Hilfsorganisationen am dringendsten benötigen sind:

  • Geldspenden
  • Haltbare Lebensmittel
  • Socken und Schuhe (vor allem Herrenschuhe)
  • Schlafsäcke und Isomatten

www.menhely.hu (auch auf Englisch)

www.oltalom.hu (auch auf Englisch)

www.bbm.hu/en

www.ageofhope.hu

Konversation

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