Die Wirtschaftsleistung wird sich in diesem Jahr nicht unter den positiven Vermerken finden: Mit einer Zwei vor dem Komma lassen sich keine Blumentöpfe gewinnen, so wenig Dynamik wies die ungarische Wirtschaft seit der letzten Minikrise 2012/13 nicht mehr auf. Zumal Ministerpräsident Viktor Orbán – wahrscheinlich mal wieder zu voreilig – die Devise ausgab, drei Prozent sollten die Pflicht sein, er würde nun gerne mal eine Kür von fünf Prozent erleben. Seither erweist sich aber selbst die Pflichtübung als zu großer Brocken.

Fehlende EU-Gelder drückten Wirtschaftswachstum erheblich

Wirtschaftsexperten wussten natürlich von vornherein, dass die ausbleibenden EU-Gelder fatale Folgen haben werden. In diesem Sinne war das Loch im Jahre 2016 vorprogrammiert, weil wegen der Umstellung auf neue Ausschreibungen im Rahmen des EU-Haushaltszyklus 2014-2020 eine längere Atempause im Geldfluss aus Brüssel unvermeidlich war. Am Ende fehlen vielleicht 500 Milliarden Forint oder knapp anderthalb Prozent am Bruttoinlandsprodukt, Geld, welches die öffentliche Hand in den zurückliegenden Monaten nicht in die Infrastruktur des Landes investieren konnte.

Die Abhängigkeit von den Fördermitteln der EU schlägt sogleich auf das Wachstumstempo durch, das außerdem durch eine verhaltener produzierende Automobilindustrie gebremst wird. Nachdem die drei großen Automobilwerke im Vorjahr Spitzenleistungen vorgelegt hatten, fällt zumindest die Audi Hungaria 2016 deutlich zurück und wird auch Mercedes-Benz kaum mehr wachsen, nachdem bereits im Vorjahr die Kapazitätsgrenzen erreicht wurden. Einzig Suzuki könnte die noch vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise installierten Kapazitäten durch eine Rückkehr zum Dreischichtbetrieb besser auslasten. Nur muss das Unternehmen leider schon in zwei Schichten auf Leiharbeitskräfte zurückgreifen, weil der Arbeitsmarkt praktisch leergefegt ist.

Beschäftigung top, Bürokratie verkrustet

Im Januar schrieben wir von der magischen fünften Million und einem Ungarnland, das in Riesenschritten auf Vollbeschäftigung zusteuert. Unter Orbán-Regierungen entstehen gewöhnlich mehr Arbeitsplätze, als verlorengehen: Zwischen 1998 und 2002 waren es 150.000, seit 2010 gleich 650.000 Arbeitsplätze. Der Ministerpräsident deklarierte die auf Arbeit basierende Gesellschaft; seine Haushalts- und Steuerpolitik basiert darauf, dass möglichst viele Bürger in Lohn und Brot zu prosperierenden Staatsfinanzen beitragen mögen. Endlich wird der Saldo nicht mehr durch die Farce der öffentlichen Arbeitsprogramme künstlich aufpoliert – immer mehr Arbeitsplätze entstehen in der freien Wirtschaft.

Während für die magischen fünf Millionen noch immer 600.000 Beschäftigte fehlen, kommt der Bürokratieabbau aber keinen Deut voran. Dabei wäre es volkswirtschaftlich zu begrüßen gewesen, die Leute aus dem aufgeblähten Apparat mit einem in Grenzen gehaltenen Umschulungsaufwand der Wirtschaft zuzuführen, die hängeringend nach qualifizierten Arbeitskräften sucht. Das ist halt die Kehrseite einer Erwerbslosenquote von 4,8 Prozent, zumal wenn binnen eines einzigen Jahres allein zwei Prozentpunkte abgebaut werden.

Bauwesen nicht länger Wachstumskiller

Beschäftigte fehlen auch dem Baugewerbe, dabei steigt der Auftragseingang nach langen Jahren des Darbens derzeit rasant an. Vom neuen umfassenden Wohnungsbauprogramm CSOK und der auf 5 Prozent gesenkten Mehrwertsteuer auf Neubauwohnungen versprach sich die Regierung bereits in diesem Jahr einen Anstieg am Wohnungsbaumarkt auf 13.000 Einheiten. Bei rund vier Millionen Privathaushalten wäre eine jährliche Neubauquote von 40.000 Wohnungen natürlich – im vergangenen Jahr wurden aber nur 7.600 Wohnungen neu bezogen; insofern wäre hier beinahe von einer Verdopplung die Rede.

Die bis Ende September vorliegenden Zahlen zeigen 21.400 Baugenehmigungen, was das Zweieinhalbfache des Basiswertes aus dem Jahre 2015 ist. Die tatsächlich bezugsfertigen Wohnungen beschränkten sich nach neun Monaten aber auf 5.300 Einheiten. Für das Wohnungsbauförderprogramm liegen aktuellere Zahlen vor: Im November waren rund 65 Mrd. Forint an Fördermitteln an gut 30.000 Familien bewilligt worden, die sich wohnlich verbessern wollen. Hier braut sich in der Tat etwas zusammen, zumal PR-Minister Antal Rogán jüngst weitere Erleichterungen für die Aufnahme des Familien-Jackpots von 10+10 Mio. Forint an staatlichen Geldern und zinsgünstigen Krediten ab 2017 in Aussicht stellte. Damit wird das Bauwesen, das bis zum III. Quartal die Gesamtleistung der ungarischen Wirtschaft immer nur nach unten zog, im kommenden Jahr ganz bestimmt nicht länger der Wachstumskiller sein.

Weniger Sorge um Arbeitsplätze

Von der Industrie lässt sich das nicht so sicher behaupten. Im Vorjahr legte deren Ausstoß noch um 7,5 Prozent zu. Für 2016 waren 3-5 Prozent Zuwachs prognostiziert worden, doch selbst diese Zahl stellte sich als bei weitem zu optimistisch heraus. Im Oktober folgte der vorerst letzte Tiefschlag, wonach die Industrie in den ersten zehn Monaten gerade noch um ein Prozent zulegen konnte. Das Jahresende verspricht auch keine Besserung, da bei der Audi Hungaria in Győr Automobile seit dem 1. Dezember nur noch in zwei Schichten gefertigt werden. Zwar errichten Audi und Mercedes in Kecskemét gerade neue Karosseriewerke, die aber 2017 noch nicht startbereit sind.

Um ihre Arbeitsplätze müssen sich die ungarischen Arbeitnehmer momentan weniger Sorgen als in früheren Jahren machen. Dabei stellen kräftige Lohnerhöhungen die Unternehmen vor Herausforderungen. Laut Konvergenzprogramm sollten die Bruttolöhne in der Wettbewerbssphäre in diesem Jahr deutlich um 4,6-5 Prozent steigen (nach 4,2 Prozent im Vorjahr), bis Ende September waren es aktuell 5,4 Prozent. In der gesamten Volkswirtschaft sind es sogar mehr als sechs Prozent, nachdem im öffentlichen Dienst – ohne Berücksichtigung der Personen in den öffentlichen Arbeitsprogrammen – mittlerweile genauso viel wie in privaten Firmen gezahlt wird. Die Reallöhne legten wegen der Steuersenkung und der noch immer auf Sparflamme gehaltenen Inflation gar um 7,6 Prozent zu.

Das schlägt sich aber nicht in einer wachsenden Einzelhandelsdynamik nieder: Die hier 2015 vorgelegten +5,8 Prozent wurden nur im II. Quartal erreicht und in den ersten zehn Monaten unterm Strich um einen Prozentpunkt verfehlt. Dabei ließ sich die Regierung im Frühling scheinbar unverhofft breitschlagen und hob das Sonntagsverkaufsverbot nach nicht einmal einem Jahr wieder auf. Handelsexperten hatten 2015 die Politik vor der Einführung dieser überaus unpopulären Maßnahme unter anderem mit dem Hinweis gewarnt, an sechs Einkaufstagen pro Woche würden die Menschen unweigerlich weniger einkaufen, als dies an sieben Tagen und rund um die Uhr möglich sei. Diese Theorie wird momentan in der Praxis widerlegt. Nichtsdestotrotz hat der Privatverbrauch die Nettoexporte als erste Wachstumslokomotive abgelöst.

Raus aus dem Ramsch

Der Außenhandel sorgt nach dem Rekordjahr 2015 in diesem Jahr für keine großen Schlagzeilen mehr; die Exportwirtschaft leidet auffällig unter der Durststrecke im Fahrzeugbau. In unserer Auflistung von Erfolgen wenden wir uns deshalb abschließend lieber der Finanzstabilität zu. Anfang April tilgte Ungarn auch die letzte Rate des einst von Währungsfonds und EU aufgenommenen Beistandsdarlehens aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Beinahe 20 Mrd. Euro zahlte das Land den Gläubigern zurück, wobei die Schuld gegenüber dem IWF 2013 sogar vorzeitig abgegolten worden war.

Parallel konnte die Notenbank die Devisenreserven um rund zehn Milliarden Euro abbauen, die auf dem Höhepunkt der Krise noch 35 Mrd. Euro erreichten. Dass auch die Staatsschulden sinken, kann man nur unter der Lupe erkennen, mit ca. 74 Prozent am BIP ist dieses Maastricht-Kriterium noch lange nicht erfüllt. Derweil wurde der Leitzins weiter auf 0,9 Prozent abgesenkt, wo er dauerhaft verankert bleiben soll. Der Forint hat gegenüber dem international zunehmend schwächeren Euro weiter auf 310-315 abgewertet; die Notenbank tut wirklich alles, damit die einheimische Währung nicht stärker wird.

Dabei hätte diese 2016 wirklich allen Grund gehabt, zu einem Siegeszug anzutreten: Am 20. Mai hob die in London ansässige Ratingagentur Fitch Ratings die Bonitätsbewertung der ungarischen Staatsschulden auf BBB- mit stabilem Ausblick an, was für eine durchschnittlich gute Anlage steht. Es war das erste Urteil einer der drei maßgeblichen internationalen Ratingagenturen, das Geldanlagen in ungarische Anleihen nicht länger als spekulativ hinstellt – Standard & Poor´s schloss sich diesem Urteil im September, Moody´s Anfang November an. Genau am 24. November 2011 hatte Moody´s Ungarns Verbannung in den Ramschstatus eingeleitet – nach fünf Jahren des Ausgestoßenseins kehrt Ungarn an die internationalen Finanzmärkte zurück.

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