Die „Klebelsberg Kuno Grundschule und Gymnasium“ befindet sich hoch oben über Budapest, in der ehemals eigenständigen Gemeinde namens Pesthidegkút. Die überwiegend deutschen Bewohner, die sich um 1702, also noch vor den ersten Schwabenzügen hier angesiedelt hatten, nannten diesen grünen Hügel in Buda, Kaltenbrunn oder auf Mundart „Hidikut“. Auch heute spielt die deutsche Geschichte dieses kleinen Ortes, der 1950 mit Budapest eingemeindet wurde, eine wichtige Rolle. Die Pflege der ungarndeutschen Tradition sowie die Vermittlung der deutschen Sprache, stellen einen der Grundpfeiler der Schule dar. Schulleiter Viktor Rósa, der hier einst selbst die Schulbank gedrückt hat, betont, dass die deutsche Sprache einen wichtigen Stellenwert für das Profil der Schule einnimmt.

Der deutsche Nationalitätenunterricht der Grundschule, also von der ersten bis zur achten Klasse, bietet wöchentlich sechs Unterrichtsstunden Deutsch an. Davon werden fünf Stunden für den reinen Sprachunterricht verwendet – eine Stunde widmet sich der Volkskunde und den Traditionen der Ungarndeutschen. Auf die Pflege dieser Traditionen werde besonders aufgrund der Geschichte Pesthidegkúts, einer ehemals blühenden ungarndeutschen Gemeinde, Wert gelegt. Zum anderen sei Deutsch eine wichtige Sprache - „eine Sprache, die in einigen Ländern rund um Ungarn gesprochen wird“, so Rósa. Der deutsche Sprachunterricht bleibt auch über das Grundschulalter hinaus wichtig und ist bis zum Abitur mit sechs Unterrichtseinheiten eines der Schwerpunktfächer.

Interesse für ungarndeutsches Brauchtum fördern

Der Sportlehrer und leidenschaftliche Fußballspieler Rósa setzte sich vor einigen Jahren dafür ein, dass in den fünf Sportstunden wöchentlich mittlerweile auch ungarndeutscher Volkstanz unterrichtet wird. Die Volkstanz-Lehrerin, Edith Milbich, stellt sicher, dass die Kinder mit Freude an diese Tradition herangeführt werden – und macht sie nebenbei fit für verschiedene kleine Tanzauftritte. Wie zum Beispiel den bald stattfindenden Katharina-Ball. Wie viele der Kinder, die den deutschen Nationalitätenunterricht besuchen, tatsächlich der deutschen Nationalität angehören, sei indes schwierig zu sagen, betont der Schulleiter.

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Die hohen Kletterwände sind bei den Schülern sehr beliebt.

Zu Beginn der Einschreibung werde diese Frage zwar anhand eines Evaluationsbogens gestellt, doch bekennen sich darin 90 Prozent der neuen Schulkinder zur deutschen Nationalität. Der Schulleiter glaubt indes nicht, dass diese Kinder tatsächlich alle ungarndeutsche Vorfahren haben, sondern führt diese hohe Prozentzahl eher auf die Tatsache zurück, dass sich die Eltern der Kinder damit höhere Chancen für die Aufnahme ausrechnen. Die ethnische Zugehörigkeit sei im Endeffekt auch nicht wichtig, sondern vielmehr, dass die Kinder Interesse am ungarndeutschen Brauchtum zeigen.

Kuno Klebelsberg führte viele Bildungsreformen durch

Der Namensgeber der Schule, Kuno Klebelsberg, hat selbst in Pesthidegkút gelebt und hier sogar einen prächtigen Landsitz besessen. Die „Klebelsberg Kultúrkúria“ ist heute Schauplatz für verschiedene kulturelle, musikalische und pädagogische Veranstaltungen. Der Schulleiter erinnert sich gerne zurück an seine Schulzeit, als er mit den anderen Kindern allerlei Unfug in den Gärten des Landsitzes angestellt hat. Zu dieser Zeit hatte die Schule noch einen anderen Namen. Kuno Klebelsberg war im Sozialismus negativ behaftet, vor allem wegen seinem übersteigerten Patriotismus.

Der Schulleiter wünscht sich eine Schul partnerschaft mit einer Schule in Deutschland: „Gerne würden wir Kinder aus Deutschland bei uns willkommen heißen.“

Der ungarische Politiker, der zwischen 1922 und 1932 Minister für Religion und Bildung war, sei zwar eine durchaus ambivalent wahrgenommene Persönlichkeit, so Rósa. Aber mittlerweile habe ein Paradigmenwechsel in der Interpretation seiner Person und vor allem seiner Verdienste stattgefunden. So wird die Aufmerksamkeit jetzt auf seine weitreichenden Reformen in der Bildungspolitik gelenkt. „Er konnte beispielsweise die Analphabetenrate der ungarischen Bevölkerung drastisch senken“, so der Schulleiter. Für ihn sei Kuno Klebelsberg eine herausragende Persönlichkeit der ungarischen Politik und habe viel für die Bildung getan, nicht weniger als 5.000 Schuleinrichtungen im Lande gehen auf seine Initiative zurück.

Lehrermangel und niedrige Löhne sind noch immer aktuelle Herausforderungen

Eines der Konzepte von Klebelsberg, nämlich dass Zwei-Zimmer-Wohnungen für Lehrer neben dem Schulgebäude integriert werden sollten, habe Herrn Rósa persönlich inspiriert. Diese Idee hat er sogar der Stadtverwaltung vorgelegt. „Damit könnte etwas gegen den Lehrermangel unternommen werden“, merkt der Schulleiter an. Immerhin sei der Lehrermangel nach wie vor ein großes Problem in ungarischen Schulen. Vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathe, Chemie oder Informatik sei der Mangel besonders spürbar. In diesem Jahr sei es zum ersten Mal sogar schwierig gewesen, einen Grundschullehrer zu finden. Leider gilt der Beruf des Lehrers in Ungarn noch immer nicht als attraktiv. Daran konnten bisher selbst zahlreiche Versuche der Regierung, etwas für diesen Berufsstand zu tun, nicht ändern. Die vielgepriesene Lohnerhöhung der Lehrer um 50 Prozent, sei Rósa zufolge nicht ganz so, wie es seitens des Sozialministeriums gerne dargestellt wird. Seit 2011 steige der Lohn der Lehrer nämlich jährlich um 10 Prozent, was mit Blick auf die Inflation aber nicht allzu viel sei. In insgesamt fünf Jahren seien so die 50 Prozent zustande gekommen. Der Schulleiter betont zudem, dass der Lohn des Jahres 2011 als Referenzpunkt gelte und dieser im Vergleich zu heute gestiegen sei. Hinzu komme, dass 2015 die Pädagogen aus der Tabelle jener Berufe gestrichen wurden, deren Minimallohn schrittweise angehoben werden sollte. Die 88 Pädagogen der Klebelsberg Kuno Schule, die hier aktuell 853 Schüler unterrichten, profitieren also nicht von der Anhebung des Minimallohns.

Sport wird an der Klebelsberg Kuno Schule groß geschrieben

Die 88 Lehrer unterrichten aber nicht nur in der Grundschule, dem Nationalitätenzweig oder dem Gymnasium. Eine weitere Ausrichtung der Schule widmet sich im sogenannten „Gyermekek-Háza“ (dt.: Haus der Kinder), Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Speziell ausgebildete Sonderpädagogen betreuen hier Kinder, die wegen Hör-, Bewegungs- bis hin zu Verhaltensproblemen unterschiedlicher, auf sie zugeschnittener Förderung bedürfen. Dabei sei es wichtig, so der Schulleiter, dass diese Kinder auch in die Gemeinschaft der anderen Schulkinder integriert werden. So sei es ganz selbstverständlich, dass an dieser Schule ein autistisches Kind zusammen mit anderen Kindern am Unterricht teilnehme. Auch vom normalen Sportunterricht werden diese Kinder nicht ausgeschlossen, im Gegenteil. Ganz im Geiste des Namensgebers legt die Schule einen besonderen Schwerpunkt auf die körperliche Ertüchtigung.

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Nach Schulschluss haben die Kinder die Möglichkeit, unter Betreuung ihre Hausaufgaben zu machen.

Auf den ehemaligen Bildungsminister Kuno Klebelsberg geht übrigens auch die Gründung der heutigen Hochschule für Sport zurück. Sport war für ihn, ebenso wie für den langjährigen Sportlehrer und Schulleiter Viktor Rósa, ein wesentlicher Bestandteil von Pädagogik. „Die körperliche Fitness ist auch für die geistige Gesundheit wichtig und trägt zum allgemeinen Wohlbefinden bei, das ist längst wissenschaftlich bewiesen“, so Rósa. Von der Bedeutung des Sportunterrichts zeugt auch die 1.500 Quadratmeter große Turnhalle, die sich in drei Bereiche teilen lässt und an die eine vierte Turnhalle anschließt. Sogar eine der größten Kletterhallen Ungarns befindet sich in der riesigen Turnhalle. Bei einem Rundgang durch die Schule zeigt Herr Rósa die gut ausgestattete und imposante Halle nicht ohne Stolz. Sport ist hier allgegenwärtig. In der Wartehalle des Sportraums läuft ein Sportsender. In der Liste des „Klebi-Sport“ können sich die kleinen Sportler für die nächsten Turniere anmelden.

Von kostenlosen Schulbüchern profitieren noch nicht alle Klassen

Genauso sorgsam wie mit der Sportausrüstung, müssen die Kinder auch mit ihren Schulmaterialien umgehen. Wenn sie beispielsweise ihre Bücher nicht sorgsam behandeln, müssen diese bezahlt werden. Was gerne als beispiellose Bildungsreform dargestellt wird, wonach zwei Dritteln der Schulkinder kostenlose Bücher vom staatlichen Schulbuchverlag zur Verfügung gestellt werden, betrifft bislang nur die ersten vier Klassen der Grundschule, so Herr Rósa. Ab dem nächsten Schuljahr soll voraussichtlich die fünfte Klasse folgen und dann ebenso von dieser Reform profitieren. Die Kinder bekämen die Bücher aber nicht vom Staat geschenkt, sondern erhalten sie als Leihgabe von der jeweiligen Schulbibliothek. Nach dem Ende des Schuljahres müssten sie wieder zurückgegeben werden, betont der Schulleiter. Diejenigen Bücher, in denen Übungen gemacht und geschrieben werden muss – was vor allem im Grundschulalter die meisten Bücher betrifft – müssen nach wie vor von den Eltern gekauft werden.

Schulpartnerschaft mit einer Schule in Deutschland gesucht

Rósa, der der Schule bereits seit 42 Jahren die Treue hält und von der Einschulung bis zum Schulleiter hier eine steile Karriere zurückgelegt hat, wünscht sich für die Zukunft der Schule mehr Kooperation und Zusammenarbeit mit anderen Schulen und Institutionen. Außerdem sieht er es als wichtige Aufgabe der Schule an, bei den Kindern des deutschen Nationalitätenunterrichts das Bewusstsein für die Pflege der ungarndeutschen Traditionen zu stärken und sie damit auf eine spätere Teilnahme an der Minderheitenarbeit vorzubereiten. Mit der Minderheitenselbstverwaltung des Ortes sei die Zusammenarbeit nicht immer einfach. Aus seiner Sicht sei es jedoch sehr wichtig, dass man gerade bei der Minderheitenarbeit nicht vergesse, die neuen Generationen miteinzubinden und sie für die künftige Übernahme von Aufgaben vorzubereiten.

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Ein weiterer Wunsch des Schulleiters und seines Teams ist es, eine stabile und freundschaftliche Schulpartnerschaft mit einer Schule in Deutschland ins Leben zu rufen. Ziel einer solchen Partnerschaft solle es vor allem sein, dass ungarische Kinder nach Deutschland reisen und vor Ort die deutsche Sprache in der Praxis anwenden können. Neben der Teilnahme am deutschen Unterricht, sollten die Kinder auch lernen, Alltagsprobleme zu bewältigen, etwa einen Brief in einer deutschen Post aufzugeben. So könnten Hemmschwellen abgebaut und Kinder zum weiteren Erlernen der deutschen Sprache motiviert werden. So würden sie erleben, dass die deutsche Sprache einen praktischen Nutzen hat. Versuche, eine Schulpartnerschaft ins Leben zu rufen, habe es schon mehrmals gegeben. Jedes Mal scheiterten die Anläufe aber daran, dass ungarische Schulen in Deutschland als nicht attraktiv genug gelten, glaubt der Schulleiter: „Wenn ich als Kind die Wahl hätte, nach London, Paris oder Budapest zu reisen, würde ich mich wahrscheinlich auch nicht für Budapest entscheiden.“

Dabei steht Ungarn anderen Ländern in nichts nach, ob Städtebesichtigungen und Vergnügungsmöglichkeiten in Budapest, Ausflüge in die Natur und zu historischen Schauplätzen oder ein Wochenende am Balaton – den Kindern aus Deutschland würde hier ein interessantes Programm geboten werden. „Wir würden bei uns gerne deutsche Kinder willkommen heißen und ihnen Land und Leute näherbringen“, verspricht Rósa.

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Wer Interesse bekommen hat, eine Schulpartnerschaft mit dieser vielseitigen Schule einzugehen oder potenzielle Schulpartner in Deutschland kennt, kann sich gerne bei der Schulleitung oder der Redaktion der Budapester Zeitung melden.

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