Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mehr als zweihunderttausend Ungarndeutsche aus ihrer ungarischen Heimat vertrieben, buchstäblich mit nur „einem Bündel“ auf dem Rücken, aus diesem Grunde wählte man das Wanderbündel als zentrales Symbol für die Botschaft der Kampagne. Drei Zeitzeugen aus dem Braunauer Schomberg stellten ein solches Bündel mit Originalgegenständen aus dem dortigen Heimatmuseum zusammen. Ausgangspunkt für die landesweite Rundreise des Bündels war das Valeria Koch Bildungszentrum in Pécs. Bis zum Januar 2017 werden an die 30 Nationalitätenschulen an der Wanderbündelaktion teilgenommen haben.

In der vergangenen Woche traf das Wanderbündel in Győr ein, wo die Schülerinnen und Schüler des Audi Hungaria Bildungszentrum als 21. Station der Aktion das Bündel in Empfang nahmen.

Während der Geschichts-, Volkskunde- sowie Literaturstunden der vorangegangenen Wochen beschäftigten sich die Gymnasiasten der Einrichtung eingehend mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Vorfeld besuchten die Schülerinnen und Schüler der AHS auch das Stadtarchiv, wo sie sich auf Spurensuche begaben. Im Rahmen eines Projekttages fand dann die Ausarbeitung des Themas statt.

Unter Anleitung ihrer engagierten Pädagogen, allen voran Dr. Andrea Bacher-Tuli und Barbara Abonyi arbeiteten die einzelnen Klassen mit großem Eifer an der Darstellung des Schicksals der vertriebenen Ungarndeutschen. Die Schülerinnen und Schüler konnten auch anhand von Einzelschicksalen, authentischen Erlebnisberichten den wahren Hintergrund von Tatsachen kennenlernen, die in den Geschichtsbüchern lediglich kurz und sachlich abgehandelt werden.

Ein beeindruckendes Erlebnis für die Schülerinnen und Schüler – aber auch für die Lehrerschft – war die Begegnung mit Frau Elisabeth Scheibelhoffer, Erzsi néni, die als Kind die Vertreibung und den Verlust ihrer ungarischen Heimat durchlebt hatte. Als Zeitzeugin berichtete sie über persönliche Erlebnisse und Erinnerungen, auch beantwortete sie bereitwillig Fragen von interessierten Schülerinnen und Schülern.

Der Projekttag schloss mit einer emotionalen und wirklich würdigen Gedenkfeier in der vor kurzem eingeweihten neuen Aula: Die Schülerinnen und Schüler der Audi Hungaria Schule trugen Gedichte und Lieder rund um das Thema Heimat, Brauchtum, Tradition und Sprache vor. Den Schlussakkord bildete die Öffnung des Bündels, alle Anwesenden hatten nun Gelegenheit, dessen Inhalt in Augenschein zu nehmen: einige Kleidungsstücke der Schomberger Tracht, verschiedene Gebrauchsgegenstände aus Haus und Küche, ein Gebetbuch, Heiligenbilder, ein Rosenkranz, Bettwäsche, ein Poesiealbum. Jedes einzelne Stück erzählte eine Geschichte aus vergangener Zeit.

Von Győr aus setzte das Wanderbündel seine Reise zur Deutschen Nationalitätenschule in Budapest fort, auch dort – und später auch an weiteren Schulen – sollen Schülerinnen und Schülern die Ziele der Wanderbündelaktion näher gebracht werden, nämlich die Gestaltung einer Erinnerungskultur, die Ehrung des Andenkens an die Heimatvertriebenen und die Stärkung des Gemeinschaftsbewusstseins.

Die Audi Hungaria Schule ist seit 2013 als anerkannte deutsche Auslandsschule Teil des weltweiten Netzwerks bestehend aus insgesamt 140 deutschen Auslandsschulen. Im September 2010 wurde die Schule in Győr mit drei Jahrgängen gestartet und seitdem stufenweise erweitert. Der Vollausbau der zwölf Jahrgangsstufen wird im Schuljahr 2017/18 abgeschlossen sein, im Frühling 2018 wird der erste Jahrgang die Abiturprüfung ablegen. Näheres unter www.audischule.hu.

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