Worin besteht das Wesen der neuen RWE/innogy-Struktur?

Lassen Sie mich mal von vorne anfangen. Noch vor einem Jahr standen wir vor folgender Situation: Insbesondere in der konventionellen Stromerzeugung sahen wir uns mit besonders schwierigen Rahmenbedingungen konfrontiert. Hier lautete das Motto: auf die Kostenbremse treten und so robust wie möglich aufstellen. In anderen Geschäftsfeldern, so etwa bei den erneuerbaren Energien, sahen wir dagegen gute unternehmerische Perspektiven. Hier wollten wir gerne mehr Gas geben. Ein klassisches Dilemma. Aber wir haben es gelöst. Wir wussten: Wir können zwar nicht die Windrichtung ändern, sehr wohl aber die Segel in die richtige Position bringen. Genau das haben wir mit unserer Neupositionierung getan. Deshalb haben wir Ende 2015 beschlossen, die Zukunftsfelder Erneuerbare Energien, Netz & Infrastruktur und Vertrieb in einer Tochtergesellschaft zusammenzuführen und an die Börse zu bringen. So sind aus einem Konzern zwei starke, fokussierte Unternehmen entstanden, die ihre Aktivitäten besser differenzieren können. Die neue RWE AG kann sich vollständig auf die großen Herausforderungen in der konventionellen Stromerzeugung und den Energiehandel konzentrieren. Die innogy SE adressiert als große, eigenständige Tochtergesellschaft mit ihren Geschäftsfelder Erneuerbare Energien, Netz & Infrastruktur und Vertrieb gezielt die Zukunftsfelder einer nachhaltigen, digitalen und stärker dezentralen Energiewirtschaft. Durch die Erlöse aus dem erfolgreichen Börsengang haben beide Unternehmen finanziellen Spielraum gewonnen: 2,6 Milliarden Euro aus der Veräußerung von Bestandsaktien stehen der RWE AG zu, 2 Milliarden Euro, die aus dem Verkauf neuer Aktien erzielt wurden, gehen an innogy. innogy wird von der RWE AG, die bis auf weiteres Mehrheitseigentümerin von innogy bleibt, als reine Finanzbeteiligung geführt. Erfolge der Tochtergesellschaft sind daher auch von Vorteil für die RWE AG. Eine echte Win-Win-Situation für beide Unternehmen.

Welche Absicht verfolgen Sie mit dieser Neupositionierung noch?

Bis zur Gründung von innogy kamen die spezifischen Vorteile und die unterschiedlichen Risikoprofile der heute zwei Unternehmen gar nicht richtig zur Geltung. Oder um es anders zu sagen: Mit innogy hatten wir eine Perle im Keller liegen. Der Kapitalmarkt hat das sofort erkannt: innogy ist mit dem gelungenen Börsengang am 7. Oktober 2016 auf Anhieb zum wertvollsten deutschen Energieunternehmen avanciert. Kein Wunder: innogy ist die Blaupause für das moderne Energieunternehmen schlechthin. Denn in einer sich radikal wandelnden Energielandschaft setzt innogy auf klar fokussierte, zukunftsfähige Kompetenzen und ist in der Stromerzeugung bereits weitgehend CO2-frei. innogy ist stark aufgestellt, um von den drei Megatrends der Energiewirtschaft zu profitieren: Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung. Und durch den gelungenen Börsengang wollen wir die Position von innogy als innovatives Energieunternehmen in Europa natürlich noch weiter ausbauen. Insgesamt planen wir, rund 6,5 Milliarden Euro in den Jahren 2016 bis 2018 in die drei Kerngeschäftsfelder Netz & Infrastruktur, Erneuerbare Energien und Vertrieb zu investieren.

Welche Auswirkungen wird die neue Struktur auf Ungarn haben?

Fangen wir einmal damit an, was sich nicht ändert: Für mich als Vorstandsvorsitzendem von innogy bleibt Ungarn ein wichtiger Markt und ich kann allen unseren Kunden und Partnern im Netz- und Vertriebsgeschäft versichern, dass wir für hohe Qualität und guten Service stehen Die Aufspaltung der RWE hat allerdings strukturelle Auswirkungen auf das ungarische Geschäft. ELMŰ-ÉMÁSZ sind im Vertriebs- und Netzbereich der innogy angesiedelt. Auch nach der Neustrukturierung hält die RWE AG ihre direkte, eigenständige Beteiligung von rund 51 Prozent am Kraftwerk Mátra, dem zweitgrößten Stromerzeuger in Ungarn.

Wo wollen Sie mit innogy neue Akzente setzen?

Da gibt es so viele Beispiele – daher kann ich hier nur einige nennen.

Zuvorderst möchten wir unseren 23 Millionen bestehenden und möglichst vielen neuen Kunden innovative, smarte, moderne und nachhaltige Produkte, Dienstleistungen und digitale Lösungen anbieten. Angebote, mit denen sie Energie effizienter nutzen und ihre Lebensqualität steigern können. Besonders anspruchsvoll ist dieses Ziel, wo Kunden zu sogenannten „Prosumern“ und damit gleichsam zu Partnern werden, mit denen wir die Energieversorgung gemeinsam neu gestalten.

Wachstumschancen sehen wir zudem im Geschäftsfeld Erneuerbare Energien. Hier wollen wir unser Portfolio weiter ausbauen und neue Wachstumsfelder mit Onshore-Wind in den USA und großen Photovoltaik-Anlagen außerhalb unserer europäischen Kernmärkte erschließen. Zur weiteren Beschleunigung der Wachstumsstrategie haben wir erst Ende August die Übernahme der Belectric Solar & Battery Holding GmbH angekündigt.

Außerdem ist innogy ein führender Verteilnetzbetreiber in Europa. Unser Verteilnetz – Rückgrat der Energiewende – erstreckt sich über fünf Länder. Um die bestmögliche Integration wetter- und tageszeitabhängiger regenerativer Erzeugung zu gewährleisten, arbeiten wir an der Entwicklung sogenannter „Smart Grids“, also effizienten und intelligenten Mess- und Leitsystemen.

Am allerwichtigsten ist mir aber das Zusammenspiel unserer drei Kerngeschäfte, damit wir das Energiesystem insgesamt voranbringen. Intelligente Netze sind so ein „Zusammenspieler“. Ein weiterer „Teamspieler“ ist auch die Infrastruktur für Elektromobilität. Wir vertreiben sie an Partner, wir vernetzen sie, wir speisen sie mit grünem Strom. Wir sehen uns hier als Vorreiter, denn wir betreiben bereits heute mehr als 4.900 Ladepunkten in über 20 Ländern eines der größten Ladenetze in Europa.

Last, but not least kooperieren wir auf internationaler Ebene mit jungen Start-ups und sind dazu mit eigenen Teams in der Start-up-Szene im Silicon Valley, in Tel Aviv und Berlin präsent, um innovative Entwicklungen stets im Auge zu behalten.

In Märkten, in denen wir aktiv sind, implementieren wir neue Lösungen, so auch in Ungarn.

Sie sind Energieunternehmer. Was machen Sie auf einem „Digital Summit“?

Daten sind der Rohstoff der modernen Wirtschaft. Anders als die endlichen Ressourcen wie Kohle, Öl und Gas sind Daten dabei nahezu unerschöpflich. Sie werden mehr und mehr. Der US-amerikanische Festplattenhersteller Seagate rechnet damit, dass das weltweite Datenvolumen 2020 ein Volumen von über 40 Zettabytes erreicht, das ist eine Zahl mit zwanzig Nullen, das sind 5.200 Gigabyte pro Kopf der Erdbevölkerung. Die zu analysierende Datenmenge wird immer größer – Stichwort Big Data. Auch der Erfolg von Energieunternehmen liegt daher künftig nicht zuletzt in der Datenverarbeitung. Beispielsweise etwa darin, wie man das ganze Energiesystem auch bei hohen Anteilen erneuerbarer Energien und dezentraler Einspeisung im Gleichgewicht halten kann. Aber es ist auch die Art und Weise, wie wir mit unseren Kunden kommunizieren. Auch hier sind permanent innovative digitale Lösungen gefragt. Schließlich ist die Kundenzufriedenheit ein entscheidender Erfolgsgarant für uns. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die intelligente Nutzung von Daten bei gleichzeitig größtmöglichem Datenschutz und Datensicherheit. Das soll unser USP werden.

Wir arbeiten an innovativen und neuen Geschäftsmodellen, die zum Teil auch auf bestehenden Anlagen basieren, aber völlig neue Dienstleistungen und Produkte integrieren. Der intelligente Straßenbeleuchtungsmast mit seinen unterschiedlichen Funktionen – Made in Hungary – ist ein hervorragendes Beispiel für solche Entwicklungen. Diese smarte Säule ist so funktionsreich wie ein Schweizer Messer, sie ist gleichzeitig eine LED-Laterne, eine Ladesäule für Elektrofahrzeuge, ein WiFi-Hotspot, eine Basis für Sicherheitskameras und besitzt Sensoren, die den Schadstoffanteil in der Luft messen, sowie eine Alarmfunktion. Es ist ein modulares System mit vielen anderen Funktionsmöglichkeiten, je nach den Bedürfnissen der Kunden. Solche kundenfreundlichen Geräte formen die Zukunft der „intelligenten Städte.

Bei welchen zukünftigen Entwicklungen könnte Ungarn noch eine Rolle spielen?

Intelligente Häuser, Fahrzeuge und Städte – das ist die elektrifizierte und digitalisierte Zukunft. Wir implementieren Lösungen für Märkte, in denen wir aktiv sind. Ungarn ist ein gutes Beispiel. Das Land ist bestrebt, seine Infrastruktur zu erneuern und auszubauen. Und wie ich schon sagte: Die Integration Erneuerbarer Energien in die bestehenden Energiesysteme ist von entscheidender Bedeutung. Deswegen haben wir zum Beispiel intelligente Strom,- Gas- und Wasserzähler getestet. Wir haben darüber hinaus intelligente Netzelemente integriert, um die Störungsbeseitigung zu beschleunigen. Die rückläufige Störungsdauer zeigt eindeutig, dass die Versorgungssicherheit bereits deutlich besser geworden ist.

Welche Trends und Chancen sehen Sie in den nächsten Jahren auf den Energiemärkten auf uns zukommen?

Ich habe die drei Megatrends der Energiewirtschaft und ihre Auswirkungen ja bereits benannt. Einer der Trends treibt nicht nur uns um, er steht nachgerade synonym für unser aller Zukunft: Digitalisierung. Wir treffen auf dieses Wort überall, im Privat- und im Geschäftsleben. Digitale Innovationen verändern bereits die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten, und werden in naher Zukunft noch viel mehr verändern. Die Digitalisierung ist eine riesige Chance, sie verbindet alles mit allem. Sie verbindet Branchen, die bisher nicht verbunden waren. Sie öffnet Türen zu komplett neuen Geschäftsmodellen. Sie ist eine Herausforderung für die Unternehmen aus verschiedenen Branchen, wettbewerbsfähig zu bleiben, und für die Regierungen und Entscheidungsträger das politische Umfeld entsprechend zu formen. Leider befindet sich Europa hier derzeit in keiner Pole-Position. Viele europäische Länder haben aber die Zeichen der Zeit erkannt. Sie sorgen für das entsprechende Umfeld und modernisieren die Infrastruktur. Diese Konferenz und die Rede des ungarischen Ministerpräsidenten zeigen klar, dass Ungarn eines von diesen Ländern ist. Ich schätze es sehr, dass Ungarn das Tempo der digitalen Entwicklung in Osteuropa vorgeben möchte. Wir haben innogy gegründet, um die Trends Digitalisierung, Dezentralisierung und Dekarbonisierung aktiv aufzunehmen und die zukünftige Welt der Energie pro-aktiv mit zu gestalten. Diese drei Begriffe sind nämlich nicht nur Schlagwörter. Sie sind Megatrends, die das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage in der Energiewirtschaft völlig verändern. Digitalisierung und Stromversorgung gehören zusammen. Modernisieren wir also sowohl die Kommunikationsinfrastruktur als auch die Stromversorgung!

Mit welchen Konsequenzen wird die Digitalisierung in Ihrer Branche einhergehen?

Es werden Geschäftsmodelle mit exponentiellen Wachstumsraten möglich, die die traditionellen Unternehmen herausfordern werden. Das gegenwärtige System der Zahlungstransaktionen wird revolutioniert. Die sogenannte Sharing Economy wird den Wert des Eigentums neu definieren. Über digitale Plattformen können unsere Kunden künftig mit einem Klick, schnell und unkompliziert den von ihnen selbst erzeugten Strom zum Beispiel an einen Nachbarn verkaufen oder ihren Batteriespeicher im Keller als Zwischenspeicher und Puffer ihrem Netzbetreiber vor Ort anbieten. Es wird zur digitalen Zerstörung vieler klassischer Geschäftsmodelle kommen, aber es ergeben sich auch ganz neue Chancen.

Wie könnte ein nachhaltiger Energiemix der Zukunft aussehen?

Es geht weniger um den Mix im Detail, als vielmehr darum, Komplexität zu meistern. innogy möchte ein Schöpfer und Betreiber dieses komplexen Systems werden. Das ist die Idee hinter innogy, auch hier in Osteuropa und auch in Ungarn. Als einer der führenden Marktakteure wollen wir daran mitwirken, das Energiesystem der Zukunft zu schaffen – wir wollen der anerkannte Energiemanager des Gesamtsystems im Zeitalter der Innovation sein. Wir müssen das System effizient und stabil halten! Das wird nicht immer einfach sein. Was wir brauchen, ist die komplette Modernisierung des Energiesystems in Ungarn, Deutschland und in ganz Europa. Die Infrastruktur und die Kundenansprüche müssen miteinander korrespondieren. Und es ist nicht nur eine Frage von neuen erneuerbaren Erzeugungskapazitäten. Im Wesentlichen ist es eine Frage von intelligenten Netzen, innovativen Steuerungssystemen und Speicherkapazitäten. Das Energiesystem muss zum einen an die zunehmend dezentrale Energieerzeugung, an die Tatsache, dass Kunden selbst Energie erzeugen und speichern, angepasst werden. Zum anderen gilt es, neue Funktionen zu integrieren, die zum Beispiel über das „Internet der Dinge“ angeboten werden. Wir sind bei beidem dabei.

Wie sehen Sie die Zukunft der E-Mobility in Ungarn?

Ungarn setzt Trends in Osteuropa im Bereich der e-Mobility. Das ist das perfekte Spielfeld für innogy. ELMÜ und ÉMÁSZ waren 2010 die ersten Gesellschaften, die ein e-Mobility Projekt aufsetzten. Wir sind hier derzeit klarer Marktführer. Unsere Gruppe hat die einzige größere Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge in Ungarn aus- und aufgebaut. Einmal abgesehen davon, welche zusätzlichen Potenziale an öffentlichen Lademöglichkeiten sich durch unseren intelligenten Straßenbeleuchtungsmast 2.0 ergeben können, den ich bereits erwähnt hatte.

Welche Veränderungen bei den Rahmenbedingungen erhoffen Sie sich von der Politik?

Ich habe es bereits erwähnt: Innovative Unternehmen, wie innogy, fokussieren sich mehr und mehr auf digitalisierungsbasierte Geschäftsmodelle. Aber die mangelnde Standardisierung innerhalb Europas – rechtlich wie infrastrukturmäßig – verhindert, dass wir unser Potenzial voll ausschöpfen. Ein Beispiel mit oberster Priorität ist der Mangel an einer gemeinsamen digitalen Sprache, einer standardisierten Maschine-zu-Maschine-Sprache. Solche Prozesse können nur auf EU-Ebene angegangen und geändert werden. Die EU ist schließlich auch eine Wirtschaftsunion. Wir müssen zusammenarbeiten, um von unseren Wettbewerbsvorteilen zu profitieren. Wir müssen zu den USA, Indien und China aufschließen. Studien von PwC und Boston Consulting lassen vermuten, dass die Digitalisierung in Europa jährlich zusätzliche 110 Milliarden Euro an industriellen Einnahmen schaffen könnte. Das ist der zukünftige Mehrwert für die Wirtschaft und die Perspektiven der Menschen. innogy begrüßt die Schaffung eines europäischen digitalen Binnenmarktes. innogy begrüßt auch das gemeinsame Signal für die Digitalisierung, welches Ministerpräsident Orbán und Kommissar Oettinger auf der Konferenz gesetzt haben. So kann ein hochgradig digitalisiertes Europa Realität werden: Die Politik schafft die Bühne, die Wirtschaft bietet Lösungen. Datensicherheit und Dateneigentum erfordern einen soliden rechtlichen Rahmen. Deswegen warten wir nun, nachdem Anfang des Jahres – nach jahrelangem Ringen – endlich die Datenschutzgrundverordnung der EU verabschiedet wurde, auf eine Revision der Datenschutzrichtlinie für die elektronische Kommunikation, die sogenannte e-Privacy-Richtlinie und die Details der „Free Flow of Data“-Initiative der EU. Gerade dort sollen die zentralen Fragen rund um Dateneigentum, Interoperabilität sowie der Zugang zu Daten konkretisiert werden.

Wie sieht Ihre weitere Strategie bezüglich Ungarn und Osteuropa aus?

innogy steht für Energie, aber auch für Innovation und Technologie. Wir liefern Energie auf nachhaltige Weise, für die nächsten Generationen. Wir setzen auf radikale Innovation und konzentrieren uns auf Kundenlösungen. Wir betrachten die Digitalisierung als einen Schlüssel zur Erreichung unserer Ziele. Das gilt für alle unsere Kernmärkte, auch für Ungarn und die weiteren osteuropäischen Länder, in denen wir tätig sind.

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