Ádám Nagy ist 26 Jahre alt und hat Benzin im Blut. Bereits mit 17 schnupperte er ins Drifting hinein und hat seine Leidenschaft seitdem zum Beruf gemacht. Doch was ist Drifting eigentlich? „Auch wenn es von außen so aussehen mag, als würden die Wagen einfach nur schlittern, Drifting ist das genaue Gegenteil. Beim Driften ist eben die volle Kontrolle des Wagens das Ziel“, erklärt uns Ádám. Wir stehen bei einem Trainingstag am ehemaligen Flughafen in Tököl, nur wenige Kilometer südlich von Budapest entfernt. Rund 20 Wagen nehmen heute am Training teil – und unterschiedlicher könnten diese kaum sein. Von einem fast werksneuen AMG-getunten Mercedes, dessen einzige BodMod ein Heckspoiler ist, über einen alten 3er-BMW in Grün-weiß mit „Polizei“-Aufschrift. Aber vor allem sind es Mitsubishis, die an den Start gehen. Den Autos ist eines gemein: Sie alle fahren mit Heckantrieb, „denn nur damit ist die typische Driftbewegung überhaupt möglich“. „Driften“ bedeutet, so erklärt uns Ádám, nichts anderes, als das der Wagen nie geradeaus fahren darf.

Die Strecken im Drifting sind relativ kurz, manchmal nur vier oder fünf Kilometer, dafür aber extrem kurvenreich. Auf dieser Strecke müssen dann Kontrollpunkte berührt, oder so dicht wie möglich angefahren werden. „Aber es geht hier nicht darum, als Erster durchs Ziel zu kommen, sondern beim Drifting gibt es Punktrichter.“ Ähnlich, wie beim Eiskunstlauf, erklärt Ádám, würden Punkte für Technik und Ausführung vergeben. Dabei zählen einerseits die angefahrenen Kontrollpunkte, aber daneben auch, wie gut der Fahrer sein Auto unter Kontrolle hält, wie dicht er neben seinem Konkurrenten fährt und eben der Fahrstil allgemein. Es gibt, so Ádám, zwar objektive Bewertungspunkte, aber generell hängt es sehr vom Geschmack des jeweiligen Jurors ab, wie er einen Fahrer einschätzt.

„Man denkt nicht nur für sich“

Während wir uns unterhalten, brausen immer wieder Autos auf der Trainingsstrecke vorbei, ein Dreigestirn aus knallbunten Wagen dreht eben seine Runden. Ádám weist auf einen nur für den Kenner bemerkbaren Fehler hin: „Es sieht zwar unheimlich eindrucksvoll aus, wie sie da nacheinander um die Kurven schlittern, aber wirklich gut ist, wenn sie dabei noch dichter beieinander wären.“

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Ohne röhrende Motoren und qualmende Reifen wäre der Spaß nicht einmal halb so groß.

Und tatsächlich bleibt immer relativ viel Abstand zwischen den Wagen. Ádám bemüht sich immer, so dicht wie möglich neben seinem Konkurrenten zu bleiben, „aber das ist sehr schwierig. Man denkt nicht nur für sich, sondern auch für den anderen Fahrer.“ Denn abhängig von der Position verändert sich auch der Fahrstil: „Bin ich vorn, bestimme ich das Tempo und die Richtung. Bin ich aber Zweiter, muss ich mich nicht nur auf die Strecke konzentrieren, sondern auch darauf achten, wie mein Vordermann sich verhält, wann er bremst, wie er eine Kurve nimmt.“ Dabei kommen sich die Wagen mitunter bis auf wenige Zentimeter nah. Das Geheimnis liegt, weiht uns der Profi ein, in der Pedaltechnik. Durch stetiges Pumpen auf Gas, Kupplung und Bremse und die richtige Lenktechnik wird der Wagen kontrolliert zum Schlittern gebracht.

Technik vs. Show

Ádám selbst fährt seit neun Jahren als Drifter – und hat dabei vermutlich schon den Preis mehrerer Neuwagen „verfahren“. Denn neben den offensichtlichen Kosten, sprich ein Auto und Benzin, sind da unzählige weitere Faktoren: „Das Auto ist nie fertig. Man findet immer etwas zum Austauschen, Basteln oder Erneuern. Und dann sind da noch die Sicherheitsausstat tung, sprich die spezielle Rennfahrerkleidung. Und natürlich die Reifen.“ Und die fallen tatsächlich als Dauergroßposten ins Budget. Je nach Asphalt halten Reifen nur wenige Runden. Wenn man sieht, wie die Gummis qualmen, wundert das auch nicht. Fast wie beim Burn-out, bei dem es explizit darum geht, die Reifen möglichst eindrucksvoll qualmen zu lassen, geht es auch beim Driften nicht ohne Qualm. Das macht aber auch einen Teil des Reizes aus.

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(Foto: BZT / Nóra Halász)

Auch Ádám kann sich selbst nach fast einem Jahrzehnt in diesem Sport diesem Zauber nicht entziehen. Während wir neben der Trainingsstrecke stehen, spricht er mit leuchtenden Augen: „Der Sport kommt eigentlich aus Japan, aber hat mittlerweile auch in Amerika eine große Anhängerschaft.“ Dabei könnte der Stil in beiden Ländern unterschiedlicher kaum sein: „In Japan, wo das Drifting auf eine mehr als 50-jährige Vergangenheit zurückblickt, geht es vor allem um die Fahrtechnik. Je dichter die Fahrer beieinander sind, je präziser der Wagen kontrolliert wird, desto mehr Punkte gibt es. In Amerika steht vor allem die Show im Vordergrund. Da werden beispielswei se auch spezielle Räder aufgezogen, die besonders intensiv oder auch farbig qualmen.“ Jubelnde Massen, laute Musik – die Stimmung, sagt Ádám, ist bei Rennen in Amerika einfach ganz anders. Auch die Autos sind viel professioneller in Übersee, das hat verschiedene Gründe. „Zum einen sind Ersatzteile in Ungarn einfach teuer. Wenn ich etwas hierher bestelle, muss ich nicht nur das Teil, sondern auch Zoll und Versand bezahlen. Das kann die Preise wirklich in die Höhe treiben.“ Außerdem ist auch das Niveau der Professionalität ein anderes im Land der Magyaren. Hier gibt es bei Profifahrern wie Ádám zwar auch ein Team von Mechanikern, aber mit weit weniger Mitteln und Möglichkeiten als ihre Kollegen in Übersee. Doch Ádám sieht das nicht als Nachteil, denn obwohl er als Fahrer im Mittelpunkt steht – und auch durchaus selbstbewusst über seine Fähigkeiten als Pilot spricht, weiß er doch, dass er ohne sein Team nie den Erfolg haben könnte, den er hat: „Driften ist ein Mannschaftssport, auch wenn das nicht so offensichtlich ist.“ Das Basteln am Wagen gehört ebenso dazu, wie das Tanken oder die Reifen.

Die Wagen in Tököl sind alle mit Sponsorenlogos übersät, ausgebeult, überlackiert. Und jede Delle, jede Schramme gibt den Autos nur noch mehr Charakter. Wer Hochglanzboliden sehen will, ist beim Driften falsch. Denn hier regiert ungezügelte Kraft. Wenn die mehrere Hundert PS-starken Motoren aufheulen, dröhnt es weit hörbar. Das tiefe Grollen ist aber unzweifelhaft auch ein Reizfaktor, und eben diese Kraft zu beherrschen, ist es, was Ádám und die anderen Fahrer sich zum Ziel gesetzt haben.

Mit viel Glück nach Amerika

Ádám ist trotz seiner jungen Jahre bereits kein unbeschriebenes Blatt. Mit zarten 18 Jahren schaffte er den Sprung in die Profikategorie des Driftens und hält sich dort seitdem. Aber mehr noch, auch international ist man mittlerweile auf den jungen Mann aufmerksam geworden. So nahm er als erster Ungarn beispielsweise am jüngst ausgetragenen All Star Drift in Los Angeles teil. Zwar nicht mit seinem eigenen Wagen, einem BWM JZ36 mit E36 Toyota 1JZ Supra Motor, aber mit der Leihgabe eines Gönners, dem amerikani schen Partner seines heimischen Sponsors Zestino. „Ich habe nicht am Rennen selbst teilgenommen, aber am ‚Showfahren‘ am letzten Renntag.“ Dabei, so erklärt Ádám, geht es darum, sein Können den (potenziellen) Sponsoren zu präsentieren. Und tatsächlich hat der junge Mann durchaus aufmerksame Blicke und Interesse geerntet, denn „als Ungar ist man in diesem Sport ein Exot“, gesteht er lachend.

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Dabei wären weitere Sponsoren für Ádám enorm wichtig, denn Drifting ist ein technischer Sport, der obendrauf auch noch mit viel Verschleiß einhergeht, nicht nur, was die Reifen angeht: „Auch die Karosserie selbst kommt zu Schaden. Eine schlecht genommene Kurve oder zu dichtes Auffahren können das Auto beschädigen. Bei Strecken, die von Mauern umgeben sind, geht auch schon mal das eine oder andere Auto komplett zu Bruch.“ Ádám berichtet von einem Piloten, der sich auf einer Strecke in der Trainingsrunde verschätzt hatte und, statt als Favorit an den Start zu gehen, das Rennen nicht fahren konnte. „Wir haben zwar viele Ersatzteile dabei, aber kein komplettes zweites Auto.“ Wie lange Ádám diesem Sport noch nachgehen wird, weiß er nicht: „Theoretisch gibt es keine Altersgrenze nach oben, solange die Reflexe gut genug sind, kann man Driften“, erklärt Ádám. Reflexe sind tatsächlich nicht zu unterschätzen, immerhin gibt es Höchstgeschwindigkeiten von 150, 170 oder gar 200 Stundenkilometern auf den Strecken. Gute Reflexe und ein kühler Kopf sind da alles, was vor Karambolagen bewahrt. Ádám selbst ist zwar vor jedem Rennen aufgeregt, aber eben auch heiß darauf, sich zu messen, seine Grenzen erneut auszutesten. Allerdings reicht ihm der Adrenalinkick auf der Rennstrecke. Auf unsere Frage, wie er denn im Stadtverkehr unterwegs sei, lacht er: „Natürlich kommt mir da alles wahnsinnig langsam vor, aber das macht nichts. Ich kann mich auf der Rennstrecke ausleben, im regulären Straßenverkehr fahre ich ganz normal, wie alle anderen.“

Weitere Informationen zu Ádám Nagy finden Sie unter www.facebook.com/OfficialNagyAdam/

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