Keine zufällige Platzierung, ist doch der Kálvin tér noch heute einer der wichtigsten Treffpunkte der Reformierten in Ungarn. Rund um den Platz befinden sich mehrere reformierte Institutionen, etwa die größte Kirche der calvinistischen Gemeinde Budapests, ein reformiertes Gymnasium sowie die Gáspar-Károli-Universität der reformierten Kirche in Ungarn. Doch ruft man sich den Kálvin tér vor Augen, so wird einem schnell klar, dass der Plan einen Haken hat: Wo soll hier noch Raum für ein Reformationsdenkmal sein? Der Platz ist als einer der bedeutendsten Knotenpunkte der Pester Innenstadt nicht nur ständig mit Menschen gefüllt, sondern auch schon reichlich mit Pflanzkübeln, Metrozugängen und auch einem Denkmal für seinen Namensgeber Johannes Calvin bedeckt.

Hetedik Műterem mit Entwurf beauftragt

Eben deshalb hat sich das Architekturbüro Hetedik Műterem, das mit dem Entwurf betraut wurde, eine höchst elegante Lösung einfallen lassen: Statt dem Platz eine weitere wuchtige Statue hinzuzufügen, soll ein dezentrales Denkmal, bestehend aus 95 imprägnierten Feinbetonplatten rund um den Kálvin tér sowie am Zugang zu angrenzenden Straßen, insbesondere der Baross utca, verteilt werden. Darauf sollen neben Aussprüchen Luthers, beispielsweise die ihm zugeschriebenen Worte „Hier stehe ich und kann nicht anders!“, auch Zitate weiterer Reformatoren sowie ungarischer Dichter und Denker stehen. Es sind kurze und prägnante Zitate, die man ausgewählt hat, „keines länger als etwa eine durchschnittliche SMS oder ein Tweet“, wie es in der Projektbeschreibung des Architekturbüros heißt – also eine Informationsmenge, die Passanten auch im Vorübergehen schnell erfassen können.

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Die quadratischen Platten mit einer Kantenlänge von 50 mal 50 Zentimetern und einer Höhe von acht Zentimetern sollen ähnlich wie die „Stolpersteine“ (die an die Verfolgten des Nationalsozialismus erinnern) niveaugleich in den Gehweg eingelassen werden. Dadurch fügt sich die Installation dezent in die visuelle Welt dieses öffentlichen Raumes ein. Laut den Plänen soll das Design der Gedenkplatten schlicht und schmucklos ausfallen. Für die Zitate, von denen je zwei eine Platte zieren, wählte man einen klassischen Schrifttyp aus. Sie sind so gesetzt, dass jedes von ihnen aus einer anderen Laufrichtung lesbar ist.

Umdenken in der Denkmalpolitik

Das Denkmalprojekt steht symbolisch für ein langsam einsetzendes Umdenken in der Denkmalpolitik. Erinnern muss nicht immer in Form von klobigen Objekten in der Mitte eines Platzes geschehen. Die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen und Informationen verarbeiten, hat sich mit der flächendeckenden Nutzung des Internets und der sozialen Medien nachhaltig verändert. Dem versucht auch Levente Szabó, der als Architekt des Hetedik Műterem für das Projekt verantwortlich zeichnet, Rechnung zu tragen. Sowohl in der Wahl des Materials als auch in der Komposition wollte er, wie er sagt, „den modernen Menschen“ ansprechen. Ob es die zum Teil 500 Jahre alten Texte dank der modernen Form schaffen werden, wird sich zeigen. Ab dem 6. Januar 2017 sollen bereits die ersten Gedenkplatten in die Gehwege rund um den Kálvin tér eingelassen werden.

Reformation in Ungarn

Nach Angaben des Zentralamts für Statistik (KSH) zählen sich heute nur 12 Prozent der Ungarn zu den Reformierten, weitere zwei Prozent zu den Lutheranern. Dagegen bekennen sich 39 Prozent der ungarischen Bevölkerung zur römisch-katholischen und zur ungarischen griechisch-katholischen Kirche. Das war nicht immer so: Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts zählte eine große Mehrheit der ungarischen Bevölkerung zu Anhängern der calvinistischen Reformation. Der von Luther entfesselte Paradigmenwechsel in Theologie, Gesellschaft und Kultur hatte auch im Land der Magyaren seine tief greifenden Auswirkungen. Einige ihrer glühendsten Verfechter fand die Reformation in Ungarn in Persönlichkeiten wie Gáspár Heltai, Mátyás Dévai Bíró, Gáspár Károli und János Sylvester. Die Übersetzung der Bibel ins Ungarische durch den Reformator Gáspár Károli prägte die ungarische Sprache nachhaltig. Die darin verwendeten sprachlichen Wendungen leben auch heute noch unauslöschlich in der ungarischen Volks- und Literatursprache weiter. Es waren auch überwiegend reformierte Pfarrer und Lehrer, die in der frühen Neuzeit die ersten ungarischen Lexika, Wörterbücher und Lesefibeln herausgaben. Trotzdem Ungarn heute eher katholisch ist, erfreuen sich auch die Reformierten einer hohen Wertschätzung durch die ungarische Regierung. Das liegt möglicherweise daran, dass der einflussreiche Sozialminister Zoltán Balog zugleich auch calvinistischer Pastor ist.

Eine ausführliche Geschichte der Reformation in Ungarn gibt es in deutscher Sprache auf www.reformatus.hu.


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