Mit dieser Charakterisierung leitet das Wirtschaftsmagazin Forbes seine diesjährige TOP33 der reichsten Ungarn ein. Die Autoren fügen hinzu, dass die Superreichen schon zur Wendezeit in Position waren – also vor 25 Jahren. Diese Aussage trifft freilich nicht für alle 33 zu: Wie wir sehen werden, hebt der von der nationalkonservativen Orbán-Regierung seit 2010 verfolgte Staatskapitalismus manch neue Gesichter in die alte Riege.

An der Spitze „business as usual“

Die ungarische Nummer 1 ist und bleibt unangefochten jener Sándor Csányi, dessen geschätztes Gesamtvermögen aus einem halben Dutzend Großunternehmen und Beteiligungen nach Kalkulationen des Fachmagazins freilich im Vergleich zum Vorjahr um fünf auf 283 Mrd. Forint „geschmolzen“ sein soll. Das reicht aber immer noch für die einzigartige Positionierung als Ungar auf der globalen Liste der Dollarmilliardäre.

Csányi hat jedoch nicht wenige Weichenstellungen vollzogen, die schon ab 2017 zur Entfaltung gelangen könnten. So wird er den Agrarintegrator KITE konsolidieren, ein Unternehmen mit Umsatzerlösen über 200 Mrd. Forint, während seine Bonafarm-Gruppe in Mohács den größten Schlachthof weit und breit in Betrieb nimmt. Nahezu die Hälfte seines Vermögens hält er in mehreren Investmentfonds im asiatischen Tigerstaat Singapur.

Hierzulande ist er nicht nur Vorstandsvorsitzender der OTP Bank, die weiterhin als Krösus des heimischen Bankensektors gilt, sondern „nebenbei“ gleich noch Vizepräsident des Mineralölkonzerns MOL und neben den vielen eigenen Agrarbeteiligungen Mitinhaber der OT Industries (früher Olajterv), die jüngst die neue ungarisch-slowakische Gastrasse verlegte und ehrgeizige Pläne in Bezug auf das Projekt Paks II. zur Erweiterung des einzigen ungarischen Kernkraftwerks hegt. Csányi ist kein Mann von Orbáns Gnaden, seine Position als Präsident des Ungarischen Fußballverbandes scheint nach der Galavorstellung der Nationalelf bei der Europameisterschaft in Frankreich dennoch stabil.

Widersacher und Urgesteine

Auf den 2. Platz der Forbes-Liste schob sich jener László Bige vor, der als „Stickstoffkönig“ im Agrarsektor schärfster Widersacher von Csányi ist. Eigentlich schien es die natürlichste Sache der Welt, dass der Kunstdünger-Riese die KITE Zrt. als Integrator der ungarischen Landwirte übernimmt, doch in einer unschönen Übernahmeschlacht hatte der Bankier den längeren Atem (und Arm). Bige setzt deshalb auf die organische Entwicklung seines Flaggschiffs in Pétfürdő (Komitat Veszprém), wo nach seiner erklärten Absicht für 110 Mrd. Forint der modernste Chemiebetrieb Europas entstehen soll.

Der Immobilienentwickler und Bankier Sándor Demján (Platz 3) gehört nicht eben wegen seiner 73 Lebensjahre zu den Urgesteinen des ungarischen Kapitalismus: Bereits in den 70er Jahren kopierte er mit den Skála-Kaufhäusern erfolgreich das westliche Modell, bevor sein Pólus Center in den 90er Jahren der erste Einkaufstempel der Neuzeit war. Das brachte ihm einen Stammplatz auf den Siegerpodesten der Toplisten ein. Mit TriGranit und der Gránit Bank wird Demján künftig kein Geld mehr verdienen, doch aus dem WestEnd hat er sich noch nicht zurückgezogen. Darunter ist nicht nur das größte hiesige Einkaufszentrum zu verstehen; es gehören dazu auch vielversprechende Grundstücke in bester Verkehrslage, gleich hinter dem Westbahnhof.

Mit Pornovideos hat György Gattyán (Platz 4) Jahr für Jahr Milliarden gescheffelt, so viel Geld, dass die Steuerbehörde NAV hinter seiner portugiesischen Tochtergesellschaft nur eine Steueroptimierungsfirma vermutete. Der Europäische Gerichtshof gab jedoch dem Milliardär Recht, der seine Docler Holding dessen ungeachtet sicherheitshalber nach Luxemburg verlegte. Um sein Image hierzulande aufzupäppeln, gehört Gattyán zu den Mitbegründern des Prima Primissima-Preises, er gewann Superstar Ronaldinho als Gesicht des neuen ungarischen Hybridsports Teqball und stieg als Sponsor gleich noch bei Fußballmeister FTC ein.

Der Videoton-Gründer Gábor Széles (Platz 5) gehörte früher zu den TOP3 der reichsten Ungarn, erlaubte sich aber manch teure Fehlgriffe mit der Busmarke Ikarus und seinem lange Zeit als Milliardengrab verwunschenen Medienimperium. Letzteres gehörte mit dem Nachrichtenfernsehen Echo TV und der politischen Tageszeitung Magyar Hírlap ab 2010 zu den Protagonisten Orbáns, profitierte aber erst vom offenen Bruch des früheren Fidesz-Schatzmeisters Lajos Simicska mit dem Premier, weil der Nachrichtensender HírTV, die Tageszeitung Magyar Nemzet und die kostenlos verteilte Metropol trotz ihrer grundlegend konservativen Ausrichtung fortan gegen die Regierung Stellung bezogen. Mit extravaganten Tourismusprojekten sorgt Széles derweil im Komitat Zala für frischen Wind.

Ein Vermögenszuwachs der irrealen Art

Mit einem Plus von 45 Mrd. Forint ist László Szíjj (Platz 6) der neue Lajos Simicska, der mit seinem auf 56 Mrd. Forint halbierten Vermögen auf den 16. Platz abstürzte. Szíjj hat nämlich mit Duna Aszfalt und Hódút im Straßenbau schlicht und ergreifend die Positionen der Simicska-Firma Közgép besetzt, die seit dem berüchtigten G-Tag, als Simicska seinen alten Freund Orbán öffentlich mit Hasstiraden überzog, bei Ausschreibungen ins Abseits gerutscht ist. Zum neuen Kometen Szíjj schreibt Forbes: „Plus 61 Prozent, dabei war schon die Basis nicht gering. Ein derartiger Vermögenszuwachs binnen eines einzigen Jahres ist absolut bemerkenswert. Nur schade, dass so etwas auf einem Markt ungarischer Ausmaße, in einem korrekten Wettbewerbsumfeld zugleich irreal wäre.“ Der regierungsnahe Geschäftsmann hat sein Vermögen auf beispiellose Weise vermehrt, merken die Autoren an, dabei galt seine Mitte der 90er Jahre unter dem bezeichnenden Namen Hardworking Kft. gegründete Firma lange Zeit als „Schläfer“.

Zum Klub der Superreichen mit mehr als 100 Mrd. Forint Vermögen gehörten im Vorjahr sieben Männer, neben dem Rollentausch Szíjj-Simicska hat in diesem Jahr als Achter noch Zsolt Felcsuti die Eintrittskarte gelöst. Er führt den Maschinenbaubetrieb MPF Holding mit der altehrwürdigen ungarischen Waffen- und Gaskesselmarke FÉG als Familienunternehmen in der zweiten Generation weiter. Die MPF ist auf globalen Märkten aktiv und residiert derzeit in Singapur, während der Hauptsitz 2012 aus New York verlegt wurde.

Vor Felcsuti rangiert auf dem 7. Platz der Tausendsassa Tibor Veres, der mit Wallis, Wing Holding und Graboplast auf unzähligen Hochzeiten tanzt – am besten gleichzeitig. Allein das Immobilienportfolio seiner Dayton-Invest Kft. wird auf einen Marktwert von 130 Mrd. Forint angesetzt, korrigiert um die Kreditbelastungen bleiben bei Forbes 70-80 Mrd. Forint stehen. Mit Wallis stieg er in diesem Jahr bei der Baumarktkette Praktiker ein, deren leidenschaftlicher Ungarn-Geschäftsführer Karl-Heinz Keth Unternehmen und Marke vor dem in Deutschland vollstreckten Aus bewahrte. Der Fußbodenhersteller Graboplast gilt als eine Säule der einheimischen Industrie, der alternative Energieanbieter Alteo hat sich gerade frisches Kapital via Börsengang für weitere Zukunftsprojekte geholt.

Neueinsteiger mit 45 Milliarden

Simicska ist also aus der ersten Reihe verdrängt worden, liegt aber noch immer vor dem Orbán-Freund Lőrinc Mészáros (Platz 28 mit einem geschätzten Vermögen von 35 Mrd. Forint und einem Zuwachs gegenüber 2015 um 11 Mrd. Forint) und dem einzigen Neueinsteiger dieses Jahres, Andy Vajna. Der vom ungarischen Forbes Magazin konsequent als András György Vajna bezeichnete Regierungsbeauftragte für das Filmwesen hat mit seinem auf 45 Mrd. Forint geschätzten Vermögen auf Platz 21 einen Einstieg hingelegt, wie vermutlich noch keiner vor ihm. Zwischen September 2011 und Mai 2014 verhalf die Regierung mit einem halben Dutzend Rechtsnormen Vajna zu einem Quasi-Monopol auf dem Casino-Markt.

Unter allen Milliardären des Landes streicht er die größte Dividende ein, die beinahe die Hälfte der Casino-Umsätze erreicht. Als ob das Geschäft nicht fett genug wäre, darf die Konzessionsgebühr von der Gewinnsteuer abgeschrieben werden, und weil das Geschäft nach der Neuaufteilung des Marktes angeblich so schwierig anlief, erhielt er Milliardenzuschüsse – sonst noch was? In der Tat: Vajna durfte mit staatlichen Kreditgeldern der Eximbank (eigentlich ein Spezialinstitut für die Exportförderung) den Privatsender TV2 übernehmen; bald wird ein Dutzend Kanäle der Gruppe die Privathaushalte überschwemmen, inklusive staatlicher Reklame, die ihren Weg naturgemäß zu den Vajna-Medien finden wird.

Die Opposition bezeichnet den vom Gasmonteur und Dorfvorsteher zum Multimilliardär avancierten Lőrinc Mészáros mit Vorliebe als Strohmann Orbáns, an Andy Vajna traut sie sich bislang aus wer weiß welchen Gründen noch nicht ran. Dabei würde der als verkappter „wirtschaftlicher Einwanderer“ und mit seinen 72 Jahren eine einmalige Angriffsfläche bieten…

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