Zu Beginn der Podiumsdikussion ließ der ehemals Stellvertretende Chefredakteur der Népszabadság, Gergely Márton, die Geschehnisse, die zur Schließung der Zeitung führten, kurz Revue passieren. Fast auf den Tag genau vor einem Monat „habe ich aus anderen Medien erfahren, dass die Zeitung, für die viele Jahre gearbeitet habe, eingestellt wurde.“, so Márton. Für die komplette Belegschaft der Redaktion, bestehend aus 88 Mitarbeitern, kam die plötzliche Schließung aus heiterem Himmel. Zwar habe es bereits seit dem Sommer viele Gerüchte über eine mögliche Schließung gegeben und sogar Kollegen von anderen Medien machten ihn darauf aufmerksam, dass der Fidesz Pläne in diese Richtung schmiede, aber mit einem solchen Szenario habe niemand gerechnet.

Neuer Geschäftsführer als „Undercover-Agent“ in die Zeitung eingeschleust

Für Márton, dem die Enttäuschung noch anzusehen war, der seine Sichtweise aber sehr nüchtern und wohlüberlegt schilderte, sei es klar, dass das Ende der Népszabadság mithilfe legaler Tricks geplant wurde. So sei etwa der neue Geschäftsführer im Juli als „Undercover-Agent“ in die Rechtsabteilung der Zeitung eingeschleust worden. Dieser habe so Einblicke in die Verhältnisse bei der Zeitung bekommen und von dort aus agieren können. Es seien ganz klar politische und nicht wirtschaftliche Motive gewesen, die letztlich zum Aus führten, das stehe für ihn fest. Zwar sei die Zeitung in den vergangenen Jahren in immer verzwicktere Eigentumsverhältnisse und diffuse Machenschaften geraten, worauf er auch persönlich nicht stolz sei, dennoch blieb die Népszabadság ein Marktführer. Die Umsätze lagen bis zum Schluss im neunstelligen Euro-Bereich. Wirtschaftliche Motive als Erklärung für die Einstellung könne er somit nicht gelten lassen.

Kumpel-Kapitalismus, Zentralisierung und fehlende „Checks and Balances“

Der Journalist und ehemalige Lehrstuhlinhaber für Kommunikations- und Medienwissenschaften, József Martin, hatte im Anschluss sichtlich Mühe, sein Bedauern über den Fall zu verbergen. Er könne nachvollziehen, wie es sich anfühle, eine Arbeit zu verlieren, die man gerne ausgeübt habe. Seiner Meinung nach, spiegele die Népszabadság-Affäre das wider, was leider schon gängige Politik in Ungarn sei. Der von der Regierung betriebene „Kumpel-Kapitalismus“ zentralisiere jeden Bereich des öffentlichen Lebens und habe längst alle Gegengewichte ausgebremst.

Dennoch sei dieser Fall kein Einzelfall – die Geschichte der ungarischen Medien kenne zahlreiche ähnliche Beispiele. Ohne geschichtliche Parallelen in die Gegenwart ziehen zu wollen, schilderte Martin, dass es in den dreißiger Jahren der großen ungarischen Zeitung Magyarság ähnlich ergangen sei. Diese Zeitung sei erst umbenannt und dann dem Parteiführer der Pfeilkreuzler und Diktator Ungarns, Ferenc Szálasi, zugespielt worden. Die „Magyar Nemzet“ sei wiederum das Ergebnis der Verschmelzung von drei verschiedenen Zeitungen. Trotzdem sei das, was der Népszabadság widerfahren sei, das brutalste Beispiel, das er kenne.

Mráz: „Heinrich Pecina ist ein Kapitalist und kein Humanist“

Der Leiter des regierungsnahen Meinungsforschungsinstituts Nézőpont, Sámuel Ágoston Mráz, berichtete im Anschluss über seine persönliche Beziehung zu der Tageszeitung. So habe es seit vielen Jahren zu seinem täglichen Arbeitsablauf gehört, die Népszabadság zu lesen. Traurig über die Einstellung sei er dennoch nicht, obwohl die Zeitung sich verbessert habe und auf einem guten Weg gewesen sei. Es stimme einfach nicht, dass mit der Zeitung das letzte linke Medium verschwunden sei. Es gäbe schließlich zahlreiche neue Gründungen, wie das Onlineportal 444.hu. Auch im Fernsehen wäre die Mehrheit der Sender regierungskritisch.

Aus seiner Sicht als Analytiker, dominiere im Fall der Népszabadság der wirtschaftliche Aspekt: sie sei nicht die reichste Zeitung gewesen, habe kein Vermögen besessen und konnte so privatisiert werden. Es sei verständlich, dass Heinrich Pecina, der Kapitalist und nicht Humanist sei, ohne große Investitionen große Gewinne einfahren wolle. Dies ergäbe sich aus der Natur der Sache. Der einzige, der sich in diesem Fall eine moralische Schuld aufgebürdet hätte, sei die Parteistiftung der Sozialistischen Partei, die mit dem Verkauf ihres Anteils an dem Verlag der Népszabadság alle weiteren Schritte, so auch deren Einstellung letztlich erst ermöglicht habe.

Oplatka: „Linke Parteien hätten die Schließung der Zeitung verhindern müssen“

Die Gedanken griff auch Andreas Oplatka auf, der 35 Jahre als Auslandskorrespondent und Redakteur der Neuen Züricher Zeitung tätig war. Er könne nicht nachvollziehen, warum von Seiten der Linken Tränen vergossen werden, wenn gleichzeitig nichts dagegen unternommen wurde, um die Népszabadság zu retten. Schließlich gäbe es zahlreiche wohlhabende Mitglieder bei der MSZP, Ferenc Gyurcsány selbst hätte hier eingreifen und die finanziellen Mittel auftreiben können.

Jahrzehntelang habe Oplatka die Népszabadság gelesen, sie aber nie sonderlich gemocht, wie er zugibt. Das, was ihr vor einem Monat widerfahren sei, schätzt er dennoch als großen politischen Fehler ein: „Das ist unannehmbar, so geht man mit keiner Belegschaft um“. Aus Sicht Oplatkas habe eine Regierung „paradoxerweise“ die Pflicht, regierungskritische Medien zu beschützen, da die Vielfalt der Medien zu den Grundprinzipien jeder Demokratie gehört. Eines sei für ihn sicher: „Die Regierung hätte nicht zulassen dürfen, dass dies geschieht“.

Márton: „Ungarn ist nicht die Türkei, aber die Medienpluralität hat einen schweren Schaden erlitten“

Dem Vorwurf, die Linken hätten es versäumt, die Zeitung zu retten, konnte Márton nicht beipflichten: „Ich bin ein freier und unabhängiger Journalist, ich will mich weder auf die eine, noch auf die andere Seite schlagen. Meine Kollegen und ich wollen frei arbeiten können.“ Als Redakteur der Népszabadság habe er stets versucht, sich aus Grabenkämpfen heraus zu halten. Auch als die Schließung ihm vor einen Monat die Lebensgrundlage entzogen habe und die Stimmen, die darin einen Einschnitt der Pressefreiheit in Ungarn sehen, immer lauter wurden, sei er ruhig geblieben.

Zwar würde der Vergleich zum Umgang mit den Medien in der Türkei nun häufig gezogen, Márton selbst sieht den Stand des Journalismus in Ungarn jedoch anders. So könne er frei reden und müsse nicht besorgt sein, dass die Regierung physische Gewalt gegen ihn anwenden würde – das sei der große Unterschied zwischen der Türkei und Ungarn. Trotzdem habe die Medienpluralität durch die Einstellung der Népszabadság einen schweren Schaden erlitten. Die Einstellung sei in dieser Form, nur durch einen politischen Hinterhalt aus regierungsnahen Kreisen möglich gewesen. Was die freie Ausübung von investigativem Journalismus angeht, so seien die Einschränkungen besonders deutlich spürbar. Dem Berufsethos des freien Journalisten sei großer Schaden zugefügt worden, so Márton.

„Die Einstellung der Népszabadság war ein schwerer, politischer Fehler“

Dem schloss sich Oplatka an, der als langjähriger Journalist der Überzeugung sei, dass eine freie Redaktion so arbeiten muss, dass sie keine Kompromisse schließen müsse. Zwar seien die politischen Verhältnisse in Ungarn anders, als er es aus der Schweiz gewohnt sei. Aber das universelle Demokratieverständnis erlaube Manipulationen der Medien in keinem Staat. Aus seinem liberalen Standpunkt heraus, sei er überzeugt davon, dass die Einstellung der Népszabadság ein schwerer, politischer Fehler war: „Politische Eingriffe in geistige Verhältnisse, sind immer schlecht. Mit der Népszabadság wurde nicht nur eine Zeitung, sondern auch ein geistiger Wert zerstört“, so Oplatka.

Aus Sicht von Sámuel Ágoston Mráz, treffe dieser Vorwurf nicht zu. Es seien schließlich keine politischen Entscheidungen gewesen, die zu der Schließung führten, sondern wirtschaftliche. Wäre die Népszabadság eine regierungsfreundliche Tageszeitung gewesen, wäre ihr dasselbe passiert. Er rechne auch in Zukunft nicht mit Einschränkungen der Presse- und Medienfreiheit in Ungarn.

Ziel der Podiumsdiskussion: Informationen aus erster Hand ermöglichen

Der Organisatorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Studiengangs „Internationale Beziehungen“ der Andrássy-Universität, Henriett Kovács, war es vor dem Hintergrund der aktuellen öffentlichen Debatten und Geschehnisse in Ungarn wichtig, dem Publikum Informationen über die Ereignisse aus erster Hand zu liefern. Durch unmittelbar Betroffene, wie dem stellvertretenden Chefredakteur Gergely Márton und Fachleute der ungarischen Medien, sollte über die Hintergründe informiert und offen diskutiert werden können. Ihrer Einschätzung nach, wird der Fall der Népszabadság langfristige Auswirkungen auf die ungarische Medienlandschaft haben. Gerade deshalb müsse rechtzeitig ein Dialog zwischen unterschiedlichen Lagern ermöglicht werden.
Konversation

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