Erich Lessing war gerade einmal 33 Jahre alt, als der, im nahe gelegenen und eben erst von der Besatzung befreiten Wien lebende Fotograf von dem revolutionären Brodeln in seinem Nachbarland Ungarn erfährt. Erst fünf Jahre zuvor war Lessing Mitglied der Fotoagentur Magnum Photos geworden. Seine Haupttätigkeit liegt in Osteuropa und so hat er bereits seit 1954 als Fotograf viel Zeit in Ungarn verbracht. Auch als sich das Brodeln dann ab dem 23. Oktober 1956 in einem Aufstand entlädt, ist Lessing in Budapest und dokumentiert alle Phasen der historischen Ereignisse von den ersten Demonstrationen über den Umsturz bis zur Niederschlagung der Revolte.

Ein leidenschaftliches Porträt der Ereignisse

Die Bilder, die ihm dabei gelingen, zählen heute nicht nur zu dem wohl bekanntesten Bildmaterial des ungarischen Volksaufstandes, sondern auch zu den Meilensteinen der Reportagefotografie. Damit steigt Lessing in die Riege berühmter Kriegsfotografen auf, zu denen auch sein Magnum-Kollege, der Ungar Robert Capa zählt.

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Fliehende Menschen auf dem Köztársaság tér

Das Besondere an Lessings Bildern ist, dass er nicht als unbeteiligter, kühler Journalist, sondern als leidenschaftlicher Dokumentarist agiert. Er ist ganz nah dran an den Geschehnissen und baut eine Verbindung zu den Menschen in seinen Bildern auf, aber auch zu den einschneidenden Ereignissen, dessen Zeuge er wird. So zeigt er junge Aufständische, das Gewehr unter den Arm geklemmt, die Augen vor Kampfesgeist leuchtend, aber auch ein Budapest, das mit Schuttbergen und Leichen gepflastert ist. Alltägliche Szenen, wie etwa die Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften, verloren wirkende Kinder, die in zerstörten Straßen spielen oder Genossenschaftsbauern bei der Feldarbeit hält Lessing genauso für die Nachwelt fest, wie Aufständische, die Bilder des ungarischen kommunistischen Diktators Mátyás Rákosi verbrennen oder einen lynchenden Mob, der den Leichnam eines Geheimpolizisten an einem Baum aufknüpft.

„Ohne Text ist die Fotografie ein schwaches Medium“

Anlässlich des 60. Jahrestages der ungarischen Revolution wurden nun 197 der damals entstandenen Bilder, darunter viele noch nie zuvor veröffentlichte Aufnahmen, in dem Ende 2015 veröffentlichten Bildband „Ungarn 1956 - Aufstand, Revolution und Freiheitskampf in einem geteilten Europa“ zusammengefasst.

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Schlafende ungarische Flüchtlinge im Lager Andau.

„Ohne Text ist die Fotografie meist ein extrem schwaches Medium“, bemerkt Lessing 2006 in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard. Daher sind den Aufnahmen im Bildband des Tyrolia-Verlages kurze Texte und längere Essays des renommierten Historikers Michael Gehler zur Seite gestellt. Diese beleuchten nicht nur die historische Tragweite der Ereignisse von 1956, sondern liefern auch wertvolle Hintergrundinformationen, vor denen das Bildmaterial erst in einen aus heutiger Sicht verständlichen Kontext gerückt wird. Ergänzt wird dies durch eine ausführliche Chronologie sowie eine Literaturliste am Ende des Buches.

„Ungarn 1956“ bietet insgesamt einen eindrucksvollen visuellen sowie durch die angefügten Texte informativen Einblick in einen der dramatischsten Momente der ungarischen Geschichte.

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Ungarn 1956 - Aufstand, Revolution und Freiheitskampf in einem geteilten Europa

Erzählt in Bildern von Erich Lessing und Texten von Michael Gehler

erschienen 2015 im Tyrolia-Verlag

ISBN: 978-3-7022-3491-1

34,95 €

Erich Lessing

Der Fotograf wurde 1923 in Wien geboren. 1938 gelang es dem Sohn einer bürgerlich-jüdischen Familie, vor der Verfolgung durch die Nazis nach Palästina zu fliehen. Nach dem Krieg kehrte Lessing nach Österreich zurück und begann eine Karriere als Fotograf für politische Reportagen. Er arbeitete für Magazine wie "Quick", "Life" und "Paris Match" und war Mitglied sowohl der Agentur Magnum Photos sowie Associated Press.

Michael Gehler

Der 1962 in Innsbruck geborene Historiker ist seit 2006 Professor und Leiter des Instituts für Geschichte an der Stiftung Universität Hildesheim sowie seit 2013 Direktor des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung (INZ) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In seiner Forschung beschäftigt sich Gehler schwerpunktmäßig mit der europäischen, deutschen und österreichischen Nachkriegsgeschichte sowie der Geschichte der Europäischen Union.

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