Warum wurde Ihr Kompetenzbereich auf Schulen und Kindergärten ausgeweitet?

In erster Linie, um einer ganzheitlichen Sicht Vorschub zu leisten. Kindergärten, Grundschulen, Gymnasien und Universitäten bilden eine Einheit, die man nicht aufspalten sollte. Sie bauen aufeinander auf. Deswegen sollte der Übergang zwischen ihnen flüssiger gestaltet werden. Derzeit gibt es in Ungarn etwa die Überlegung, nach dem Vorbild von Großbritannien eine Zwischenstufe zwischen Kindergarten und Grundschule zu schaffen, eine Art Vorschule.

Fangen wir mit den Kindergärten an! Wie schätzen Sie deren Zustand ein?

Das ungarische Kindergartensystem ist sehr gut. Die ungarischen Kindergärtnerinnen sind sehr gut ausgebildet. Es gibt ausreichend Kindergartenplätze. Wir verfügen also über eine sehr solide Basis.

Und wie sieht es bei den Schulen aus?

Grundsätzlich erleben wir hier gerade eine Umbruchphase, die teilweise zu Meinungsverschiedenheiten zwischen der Regierung und den Betroffenen führt. Die Grundherausforderung besteht darin, dass wir unsere Kinder auf etwas vorbereiten müssen, was wir selber noch nicht genau kennen. In 20 Jahren werden zwei Drittel der heutigen Schulanfänger in Berufen arbeiten, die es heute noch nicht gibt. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, unsere Kinder so flexibel und robust auszubilden, dass sie darauf vorbereitet sind. Die Lehrinhalte müssen also an die zukünftigen Herausforderungen angepasst werden. Darin besteht unser erstes großes Aufgabenpaket.

Steht etwa dieser Megatrend auch hinter den im ersten Halbjahr erkennbaren Spannungen?

Ja. Wenn sich die Lehrer unsicher fühlen, ob sie die zukünftigen Herausforderungen bewältigen können, dann führt das natürlich zu Irritationen. Aber auch, dass sie stärker gefordert werden, um auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet zu sein. Die Lehrerweiterbildung war in Ungarn bisher nicht gut geregelt. Innerhalb von sieben Jahren mussten 120 Weiterbildungsstunden absolviert werden. Das ist gar nichts.

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„Meiner Meinung nach sollte die Politik einen großen Bogen um die Schulen machen. Dort geht es um Fachpolitik. Schule ist Schule, man darf die Schulen nicht zu Spielbällen der Politik machen.“

Ein normaler Arbeiter in einem Unternehmen bekommt im Jahr etwa 50 Stunden an Weiterbildung. 12-13 Stunden Weiterbildung pro Jahr sind für einen Lehrer in der heutigen Zeit einfach viel zu wenig, das müssen wir ändern. Wir müssen das gesamte Aus- und Weiterbildungssystem verändern. Das ist unser zweites Aufgabenpaket.

Gibt es noch weitere Pakete?

Ja, als drittes wollen wir das gesamte Managementsystem ändern. 2013 wurde auf diesem Gebiet mit der zentralen Schulverwaltung namens KLIK bereits ein erster Anlauf unternommen. Hinter dieser Zentralisierung verbirgt sich ein Ansatz, der mir aus der Wirtschaft nicht unbekannt ist. Es geht auch darum, Kosten zu sparen, viel wichtiger aber war, dass viele kleine lokale Verwaltungen keine guten Schulen erhalten konnten; der Staat kann da ein ausgeglicheneres und besseres Schulsystem betreiben. Voraussetzung ist natürlich, dass die Struktur dem Inhalt entspricht. Hier gab es Probleme. Es hat sich schnell herausgestellt, dass eine so starke Zentralisierung nicht die richtige Lösung ist. Die Entscheidungen fielen zu weit weg von den Schulen. Das System war zu steif und nicht ausreichend lebenskonform. Im Endeffekt begannen die Schuldirektoren, sich nicht mehr in ausreichendem Maße für ihre Schule verantwortlich zu fühlen. Dazu kamen noch einige finanzielle Missstände, die wir inzwischen aber alle beheben konnten.

Mit der KLIK wurde also über das Ziel hinausgeschossen. Wie soll es jetzt weitergehen?

Ab Januar werden wir ein neues System haben. Die Entscheidungen werden viel dichter bei den Schulen fallen. Es wird 58 regionale Organisationen von der Größe einer Universität geben. Jede dieser 58 Organisationen hat einen Direktor, und jeder ist eine gewisse Anzahl von Schulen unterstellt. Aber nicht 5.000 wie bisher, sondern nur zwischen 80 und 120. Allein dadurch können die Entscheidungen viel besser im Interesse der jeweiligen Schulen getroffen werden.

Und mit dieser Struktur können die Lehrer und Schuldirektoren jetzt leben?

Endgültig können wir das erst beantworten, wenn das System in Kraft ist. Im März haben wir bereits gewisse Elemente des neuen Systems implementiert. Die Kritik daran hält sich in Grenzen. Das künftige Modell haben wir bereits simuliert, die 58 Verantwortlichen stehen fest. Es gibt schon einen gewissen Probelauf. Ich habe große Hoffnungen, dass das neue System gut funktionieren wird.

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„Nicht der Staat, sondern der Arbeitsmarkt definiert, wie ein Job inhaltlich aussehen sollte. Die Ausbildungseinrichtungen müssen dann darauf mit entsprechenden Angeboten reagieren.“

Ich habe vorher 20 Jahre lang in Ungarn, Indien, Italien und Deutschland Abteilungen etabliert und geleitet, also große Erfahrung auf diesem Gebiet. Das System wird funktionieren. Allein schon durch die bis jetzt vorgenommenen Veränderungen ist wieder eine große Ruhe eingezogen. Es gab Meetings der 58 Verantwortlichen mit den ihnen unterstellten Schuldirektoren; die ersten Reaktionen sind überwiegend positiv.

Neben der KLIK sorgte die geforderte Leistungsbewertung von Lehrern für Unmut.

Wir haben für die Lehrer ein sogenanntes Karriere-Modell aufgebaut. Dabei gibt es Parallelen zum Hay-Modell, das in der freien Wirtschaft angewendet wird. In der Karriere eines Lehrers gibt es vier unterschiedliche Phasen. Am Beginn der ersten beziehungsweise zwischen den folgenden Phasen gibt es Prüfungen, oder wie man es in der Wirtschaft nennt: Assessments oder Job-Evaluationen. Dazu gehört das sogenannte Portfolio, auf das Ihre Frage abzielt, also eine Selbsteinschätzung, um die Stärken und Schwächen eines jeweiligen Lehrers zu ermitteln. Am Anfang gab es Probleme beim Hochladen auf die Seite des Ministeriums. Wir haben das aber gelöst und das System stellenweise vereinfacht. So werden Pädagogen, die sieben und weniger Jahre vor der Rente stehen, automatisch höhergestuft.

Viele Lehrer fühlen sich vom Staat ausgeforscht.

Dem Staat geht es bei dem „Portfolio“ einzig und allein darum, die Kompetenzen seiner Lehrer zu erkennen, um sie zielgerichteter einsetzen und fördern zu können. Es sollte klarer erkennbar werden, welche Unterstützung ein Lehrer braucht. Wir haben ein spezielles System von Ausbildungsmaßnahmen erarbeitet. Unser Ziel ist es, am Ende Lehrer zu bekommen, die ihre Tätigkeit im Interesse des Schulwesens noch besser ausüben können. Dafür braucht man aber eine Messung. Nichts anderes wird in Unternehmen gemacht. Auch dort werden regelmäßig die Stärken und Schwächen der Arbeitnehmer ermittelt und entsprechende Ausbildungsmaßnahmen darauf abgestimmt. Am Ende geht es darum, die Mitarbeiter für das jeweilige Unternehmen noch wertvoller zu machen. Um das gleiche geht es uns.

Es gab auch Klagen wegen der Arbeitszeit von Lehrern…

Früher mussten Lehrer von ihren wöchentlich 40 Stunden 22 direkt im Unterricht vor einer Klasse verbringen. Diese Zahl wurde jetzt auf bis zu 26 angehoben. Überstunden werden nur jenseits von 26 Stunden bezahlt. Für 90 Prozent der Lehrer ist das positiv, denn früher bekamen sie keine Überstunden bezahlt. Wir haben aber jetzt Ausnahmeregelungen für Klassenleiter und für Pädagogen eingeführt, die sich im Rahmen von Schülerorganisationen betätigen.

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„Bei der Zusammenarbeit mit Unternehmen sind marktwirtschaftliches Denken und eine viel höhere Ergebnisorientierung gefragt.“

Ebenso, was die Zahl der Stunden betrifft, die die Lehrer in der Schule verbringen müssen, nämlich 32 der besagten 40 Stunden. Diese werden vom Direktor kontrolliert. Als Schulstunden werden auch außerschulische Aktivitäten wie Klassenfahrten gewertet. Dazu muss man wissen, dass wir das Gehalt der Lehrer zwischen 2013 und 2017 um durchschnittlich 50 Prozent erhöht haben.

Weitere Beschwerden gab es wegen der erhöhten Belastung von Kindern mit Schulstunden.

Das wurde völlig falsch verstanden und teilweise nicht richtig kommuniziert. Es geht uns darum, dass die Kinder von 8 bis 16 Uhr in der Schule sein können, nicht müssen! Dabei ging es uns in erster um Hilfe für Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern. Wir wollen garantieren, dass sie sich wenigstens bis 16 Uhr in geordneten Verhältnissen befinden und etwa in Ruhe ihre Hausaufgaben machen können. Aber natürlich können Eltern ihre Kinder schon früher abholen, etwa für Sportaktivitäten. Wir haben die Dokumentierungspflicht für Eltern geändert, die ihre Kinder früher von der Schule abholen wollen.

Kritisiert wurde zudem die eingeschränkte Wahlmöglichkeit bei Schulbüchern.

Wir haben jetzt einen starken staatlichen Schulbuchverlag, der auf Nonprofit-Basis arbeitet. Allein durch diese Zentralisierung wurden fast 8 Milliarden Forint gespart. Früher mussten Staat und Familien 25 Milliarden Forint für Schulbücher aufbringen, jetzt sind es nur noch 13 Milliarden Forint. Zwei Drittel der Kinder bekommen die Bücher umsonst, also vom Steuerzahler subventioniert. Ich finde es richtig, dass mit Steuergeldern nicht der Profit privater Unternehmen finanziert wird.

Einige Lehrer artikulierten Angst um die Freiheit der Ausbildung.

Im wesentlich größeren Frankreich gibt es für jedes Fach nur ein Buch. In Ungarn gibt es ungefähr 3.500 Bücher und für jedes Fach mindestens zwei verschiedene. Es gibt also bei uns mehr Wahlmöglichkeiten als in Frankreich.

Was sind jetzt Ihre wichtigsten Aufgaben für die kommende Zeit?

Die Erarbeitung eines an zukünftigen Herausforderungen ausgerichteten Nationalen Lehrplans, dessen Implementierung für 2018 oder 2019 vorgesehen ist. Außerdem die Weiterbildung und Ausbildung von Lehrern. Die nötigen Schritte dafür wurden unter Einbeziehung von Experten, unter anderem der Ungarischen Akademie der Wissenschaften bereits getan. Und auch die Finanzierung ist geklärt.

Von Exponenten der Protestbewegung wurde dem Staat immer wieder eine mangelnde Kompromissbereitschaft unterstellt.

Der Rundtisch hat seit März eine riesige Arbeit geleistet. Dazu wurden immer wieder alternative Organisationen eingeladen. Sie sind aber nie gekommen und haben auch keine richtigen Vorschläge unterbreitet. So ist es natürlich sehr schwer zu diskutieren. Mit den konstruktiven Rundtischteilnehmern konnten wir von eingangs 25 festgestellten Problempunkten bereits 20 abhaken.

Es wird also so bald keine Streiks im Schulwesen mehr geben.

Ich wüsste nicht warum. Entweder wir machen Politik oder Fachpolitik. Ich bin kein richtiger Parteipolitiker, ich kann nur letztgenanntes. Meiner Meinung nach sollte die Politik einen großen Bogen um die Schulen machen. Dort geht es um Fachpolitik. Schule ist Schule, man darf die Schulen nicht zu Spielbällen der Politik machen.

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Kam es also nur deswegen zu Spannungen, weil sich die Politik eingemischt hat?

Nein, wir haben bei einigen Maßnahmen ganz deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es hier um eine sehr große systemische Veränderung geht. Dabei ist es ganz natürlich, dass wir vom heutigen Kenntnisstand aus gewisse Dinge anders sehen als noch vor drei Jahren. Daher haben wir jetzt einige Dinge nachjustiert. Das ist der natürliche Lauf der Dinge, das macht jede Firma und jede Organisation. Wenn etwas nach einer gewissen Zeit nicht in die richtige Richtung geht, dann muss es natürlich geändert werden. Das ist keine Schwäche. Wenn etwas von der Zeit nicht verifiziert wird, dann muss es geändert werden. Wichtig ist, dass der Kurs immer derselbe bleibt.

Hatten die Spannungen auch etwas mit der Kommunikation zu tun?

Durchaus. Seit März haben wir unsere Kommunikationsstrategie komplett geändert. Jetzt kommunizieren wir mit allen Pädagogen und Schulleitern direkt. Durch die neue Kommunikationsinfrastruktur mittels der 58 regionalen Zentren sind die Entscheidungs- und Kommunikationswege heute viel kürzer.

Kommen wir zu den Unis. Hier standen die Zeichen am Jahreswechsel 2014/2015 auf Streik. Worum ging es hier?

Auch hier ging es vornehmlich um ein Kommunikationsproblem. Mit der Schaffung eines Kanzleisystems wollten wir den Unis wirtschaftliche Unterstützung zukommen lassen. Es ging letztlich darum, ihnen zu helfen und die Finanzen zu konsolidieren. Das ist uns schließlich auch gelungen. So wurde etwa die Zahl der offenen Rechnungen seit der Einführung des Kanzleisystems deutlich reduziert. Die vom Rektor verkörperte Autonomie der Unis, um die sich viele sorgten, blieb vom Kanzleisystem unberührt.

Unwillen erregte daneben die Einrichtung von Hochschulräten.

Dabei gibt es diese überall, auch in Deutschland. Nur in Ungarn gab es sie noch nicht. Jede Hochschule hat einen Hochschulrat. Dieser Hochschulrat übernimmt Funktionen vom Staat und vertritt gleichzeitig die jeweilige Hochschule gegenüber dem Staat. Wir haben diese Hochschulräte jetzt eingeführt, seitdem sagt niemand etwas dagegen.

Ein weiterer Kritikpunkt bezog sich auf die Verminderung der Lehrangebote der Unis.

Ja, die Ausbildungsstruktur wurde konsolidiert. Vorher gab es 800 Fächer, ein Student konnte sich für 12.000 Berufe bewerben. Ein so großes Spektrum macht allerdings wenig Sinn. Daher wurden die 800 Fächer auf etwa 600 reduziert. Die 200 weggefallenen Fächer waren so gut wie überflüssig, da sie von kaum einem Studenten wahrgenommen wurden. Die Fächerreduzierung erfolgte übrigens nicht über unser Ministerium, sondern durch die ungarische Rektorenkonferenz. Das war eine riesige Arbeit. Nach einem Jahr harter Arbeit wurde diese Aufgabe jetzt erfolgreich beendet. Nun haben wir ein sehr modernes System, das an die europäischen Verhältnisse angepasst ist. Wenn neue Gebiete kommen oder eine neue Nachfrage von Seiten des Marktes erkennbar wird, dann werden natürlich die entsprechenden Fächer ins Lehrangebot aufgenommen. Letztlich kommen die Impulse dafür aber nicht von uns, sondern vom Arbeitsmarkt. Nicht der Staat, sondern der Arbeitsmarkt definiert, wie ein Job inhaltlich aussehen sollte. Die Ausbildungseinrichtungen müssen dann darauf mit entsprechenden Angeboten reagieren.

Es hat den Anschein, als wären die Missverständnisse jetzt geklärt?

Ja, wir durchleben jetzt eine ruhigere Zeit. Die wesentlichen Strukturänderungen sind durch. Jetzt gibt es höchstens noch kleinere Nachbesserungen, die von Seiten der Unis vorgenommen werden.

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Wie sieht es hinsichtlich der Kooperation von Unis mit Firmen aus?

Diese ist noch nicht so stark ausgeprägt, wie sie sein sollte. Vom Gesamtbudget der Universitäten in Höhe von etwa 500 Milliarden Forint kommen gerade einmal etwa 10-15 Milliarden aus Kooperationen mit Unternehmen. Das ist viel zu wenig. In Deutschland liegt diese Quote bei 10-15 Prozent, bei britischen Universitäten stammen sogar rund 25 Prozent der Uni-Budgets von Unternehmen beziehungsweise aus der Erfüllung von Vertragsaufgaben. Die ungarischen Universitäten sollten sich also viel stärker als bisher bemühen, langfristige Kooperationen mit Unternehmen einzugehen.

Warum ist das bisher noch nicht so stark ausgeprägt?

Bisher sind die Universitäten noch zu stark auf das Heranholen von EU-Mitteln und anderen staatlichen Geldern fixiert. Kurzfristig ist das natürlich nachvollziehbar. Das ist der bequemere Weg, zumal ein Weg, der bisher durchaus entsprechende Mittel verhieß. Aber langfristig müssen, wenn diese Mittel immer knapper werden, natürlich alternative Quellen her.

Was kann Staat tun?

Wir haben die bürokratischen Rahmenbedingungen für die direkte Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Unternehmen deutlich erleichtert. Jetzt ist es für Lehrstühle wesentlich einfacher, direkt mit Unternehmen in geschäftlichen Kontakt zu treten. Außerdem werden neue Einheiten geschaffen, über die Unternehmen einfacher mit Unis in Kontakt treten können. Seit zwei Jahren stehen die gesetzlichen Voraussetzungen dafür. Wir befinden uns gerade in einer Lernphase. Grundsätzlich geht es aber auch um einen Mentalitätswandel. Bei der Zusammenarbeit mit Unternehmen sind marktwirtschaftliches Denken und eine viel höhere Ergebnisorientierung gefragt. Das ist beim Bewerben um Fördergelder viel weniger der Fall. Der Staat hat bereits attraktive steuerliche Rahmenbedingungen für solche Kooperationen geschaffen, die wir in Abhängigkeit vom Staatsbudget noch weiter verbessern wollen.

Wie sieht es mit der dualen Hochschulausbildung aus?

Das ist ein ganz wichtiger Teil der Beziehungen zwischen Unternehmen und Ausbildungseinrichtungen. Hier geht es nicht nur um gemeinsame Projekte, sondern um eine permanente Zusammenarbeit. 2012 haben wir in Kecskemét die duale Hochschulausbildung in Zusammenarbeit mit der dortigen Universität und in Kooperation mit Baden-Württemberg eingeführt. Begonnen haben wir mit 25 Studenten, von denen heute 24 bereits als Ingenieure tätig sind. Vor einem Jahr wurde das System dann flächendeckend eingeführt. Wir gingen mit 200 Firmen und 500 Studenten an den Start. Die ersten Ergebnisse sind sehr positiv. In diesem Herbst gab es bereits 600 Unternehmen, die insgesamt 3.000 Plätze angeboten haben. Über 10.000 Studenten haben sich dafür beworben. Die Entwicklung ist also sehr positiv. Teilweise ist das nicht so einfach für die Firmen, denn sie müssen ja richtigen Unterricht anbieten. Es geht also nicht um Praktika. Es gibt ein Industrie-Curriculum, nach dem Firmen die Studenten ausbilden müssen. Von der Seite der Universitäten wurde wiederum mit der Schaffung von speziellen Büros auf die neue, tägliche Beziehung zwischen den Firmen und der Universität reagiert.

Müssen Sie Nachjustierungen vornehmen?

Zunächst haben wir sicherheitshalber eins zu eins das baden-württembergische Modell übernommen und vorgeschrieben. Damit wollten wir erst einmal eine feste funktionierende Basis setzen. Nachdem diese nun steht, nehmen wir gewisse Anpassungen vor. So haben wir beispielsweise gemerkt, dass für einige interessierte Firmen der Wechsel der Studenten zwischen Uni und Unternehmen in einem gewissen Wochenzyklus zu starr ist. Um noch mehr Unternehmen die Möglichkeit zur Teilnahme zu eröffnen, wollen wir diesen starren Rahmen etwas mehr flexibilisieren. Ebenso wollen wir die Möglichkeit eröffnen, dass sich verschiedene kleinere Unternehmen im Rahmen einer geregelten Arbeitsteilung zu Ausbildungsgemeinschaften zusammenfinden, um die Studenten gemeinsam zu unterrichten. Dazu muss man wissen, dass es in Deutschland nicht ein, sondern vier oder fünf unterschiedliche duale Systeme gibt. Es gibt also eine gewisse Bandbreite an Möglichkeiten. Jetzt, wo in Ungarn eine feste Basis existiert, werden wir die duale Hochschulausbildung bestmöglich an die ungarischen Gegebenheiten anpassen.

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Wie ist die Resonanz von Seiten der Firmen?

Durchaus positiv, sie wollen immer mehr Studenten.

Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, die duale Berufsausbildung wäre die Sache von einigen wenigen großen deutschen Unternehmen.

Der Eindruck täuscht. Große deutsche Unternehmen waren zwar quasi Geburtshelfer bei der Implementierung dieses Systems in Ungarn, nur wenige Jahre nach dem Start steht das System aber bereits auf einer deutlich breiteren Basis, sowohl was die nationale Herkunft der Firmen betrifft als auch mit Blick auf deren Größe. Von den 600 Firmen, die sich momentan an dem System beteiligen, sind etwa 350 kleinere mittelständische Unternehmen.

Generell in der Kritik stehen immer wieder die Fremdsprachenkenntnisse ungarischer Kinder und Jugendlicher.

Die Lage hat sich zwar deutlich verbessert, Defizite gibt es hier aber noch immer. Das Problem liegt übrigens nicht in der Zahl der Fremdsprachenstunden, die in etwa auf dem Niveau von Deutschland oder Finnland liegt. Bloß dass die finnischen und deutschen Kinder am Ende besser Englisch sprechen können als ihre ungarischen Altersgefährten. Es handelt sich also weniger um ein quantitatives als ein strukturelles Problem. Ein Problem sehe ich beispielsweise darin, dass der Fremdsprachenunterricht beim Übergang von der Grundschule zum Gymnasium oder vom Gymnasium zur Universität nicht nahtlos ist. Es kommt teilweise zu Überlappungen oder gar zu Lücken. Nicht nur beim Fremdsprachenunterricht müssen die Inhalte besser synchronisiert werden. Um dieses Problem zu beheben, kommt uns der ganzheitliche Ansatz, von dem oben die Rede war, sehr entgegen. In der Grundschule muss darauf aufgebaut werden, was etwa in den Kindergärten unterrichtet wird und so weiter.

Wie lange wird es Sie noch in der Verwaltung halten?

Am Anfang hatte ich nur mit zwei Jahren gerechnet, weil es praktisch nur um die Hochschulen ging. Jetzt habe ich das gesamte Ausbildungssystem übernommen. Hier gibt es noch reichlich zu tun. Da muss ich weitermachen. Ich kann es mir nicht erlauben, einfach aufzustehen und aufzuhören. Zwei Jahre möchte ich also auf jeden Fall noch weitermachen. Was danach kommt, werden wir 2018 sehen.

Sie sind eigentlich Ingenieur und Wirtschaftsmanager. Wie halten Sie es in der Verwaltung mit einem relativ hohen, teilweise recht irrationalen Politik-Faktor aus?

Sie werden überrascht sein, es gibt aber keine großen Unterschiede für mich. Abgesehen davon, was immer in den Zeitungen zu lesen oder zu hören ist, funktionieren Ministerien ganz ähnlich wie Firmen. Es war eine meiner ersten größeren positiven Überraschungen, dass es hier gar nicht so viele Unterschiede zur freien Wirtschaft gibt. Die Prozesse sind tatsächlich recht ähnlich. Ganz wichtig war für mich, dass ich in den letzten zwei Jahren nie eine Situation erlebt habe, in der der politische Wille ein anderer gewesen wäre als der fachlich rationale, also von mir vertretbare. Darüber bin ich sehr glücklich. Ich weiß nicht, warum ich solche Konflikte nicht hatte; vielleicht lag es an der fundierten Vorbereitung der Vorschläge, für die ich verantwortlich zeichne.

Zur Person

László Palkovics (51) hat 1989 an der Verkehrsfakultät für TU Budapest sein Diplom erworben. 1998 machte er an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften seinen Doktor und ist seit 2013 deren Mitglied. 1995 wurde er Entwicklungsdirektor bei der ungarischen Tochter von Knorr-Bremse. Zwischen 2001 und 2003 war er in Deutschland Entwicklungsdirektor Europa für elektronische Systeme. 2003 wurde er Direktor für europäische Forschungs- und Systementwicklung. Von 2009 bis 2012 war er stellvertretender Direktor für Strategiefragen der Kecskeméter Hochschule. 2010 wurde er Forschungsprofessor an der István Széchenyi-Universität und 2013 Leiter des Lehrstuhls für Fahrzeuge und Fahrzeugbau an der TU Budapest. 2014 wurde er innerhalb des HR-Ministeriums Staatssekretär für das Hochschulwesen. Im Februar 2016 wurde ihm zusätzlich das Schulwesen unterstellt.

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