Bhimrao Ramji Ambedkar (1891 bis 1956) war ein indischer Anwalt, Politiker und Sozialreformer. Als Angehöriger einer der niedrigsten sozialen Schichten im hinduistischen Kastensystem, den sogenannten Unberührbaren oder auch Dalit, wie sie sich selbst nennen, kämpfte er sein Leben lang gegen soziale Diskriminierung. In der Abkehr vom Hinduismus, der laut Ambedkar soziale Ungleichheit zementiere, und einer umfassenden Bildung sah er die einzige Möglichkeit, die Notlage der unteren Kasten zu beheben. Noch vor seinem Ableben konvertierte er zum Buddhismus, eine Religion, die auf den Prinzipien der Gleichheit, Freiheit und Güte beruht. In den folgenden Jahren taten es ihm rund 6 Millionen Menschen nach. In Indien gilt er bis heute als der größte Inder nach Gandhi.

Ambedkar in Ungarn

Auch in Ungarn wenden sich Angehörige der Bevölkerungsgruppe der Roma in ihrem Ringen nach Gleichheit und sozialer Inklusion, den Lehren Ambedkars zu. Allen voran János Orsós. Auch er konvertierte vor fast 10 Jahren zum Buddhismus.

Er sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen den Dalit und den Roma. Die Roma bilden heute mit einer Bevölkerungszahl von rund 700.000 (hier gibt es sehr unterschiedliche Schätzungen) die größte ethnische Minderheit in Ungarn. Man nimmt an, dass sie im 15. Jahrhundert aus Nordindien ins Karpatenbecken einwanderten. Ähnlich wie die Dalit in Indien leben die ungarischen Roma heute mehrheitlich in sozial prekären Umständen, die gekennzeichnet sind durch hohe Arbeitslosigkeit, einen niedrigen Bildungsstand und eine Segregation in wirtschaftlich schwächeren Regionen. Die Stigmatisierung durch die Mehrheitsgesellschaft befeuert dabei vielfach die soziale Exklusion dieser Bevölkerungsgruppe.

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János Orsós ist Anghöriger der Roma-Minderheit und Buddhist. Mit seiner Schule will er vor allem den Ärmsten der Armen eine zweite Chance geben.

Wie Ambedkar sieht Orsós den Ausweg aus der misslichen Lage der Roma in mehr Bildung. Gemeinsam mit Tibor Derdák, einem Soziologen und ehemaligen Politiker, gründete der studierte Waldorf-Pädagoge daher 2007 in Sajókaza und vier weiteren ungarischen Dörfern die Dr.-Ambedkar-Schule, eine auf den buddhistischen Lehren des indischen Sozialreformators basierende Schule für junge Roma. Das Ziel ist, gerade Jugendlichen, die bereits durch die Maschen des staatlichen Bildungssystems gerutscht sind, eine zweite Chance auf einen Universitätszugang und damit bessere Zukunftsaussichten zu ermöglichen.

Keine leichte Angelegenheit, denn viele Schüler müssen zunächst einmal Grundlegendes erlernen: etwa, dass immer nur einer sprechen kann, dass man pünktlich zum Unterricht erscheinen muss oder nicht einfach den Klassenraum verlassen darf. Erst danach kann Orsós dort weitermachen, wo das staatliche Schulsystem aufgegeben hat: „Bei manchen Schülern mangelt es schon beim Einmaleins“, berichtet er. Doch auch mit den Vorurteilen der Familien haben die Lehrer der Dr.-Ambedkar-Schule zu kämpfen. Diese wissen nicht unbedingt etwas mit der Lehre des Buddhismus anzufangen und verstehen auch nicht immer, warum ihre Kinder ihre Zeit mit Bildung „verschwenden“ sollten, statt sich nach einem Job umzusehen.

Ein deutscher Dokumentarfilmer nimmt sich dem Thema an

Der deutsche Dokumentarfilmer Stefan Ludwig begleitete Schüler der Dr.-Ambedkar-Schule zwischen 2012 und 2014 mit der Kamera und stellt in seinem erst vor kurzem veröffentlichten Film „Der zornige Buddha“ ihren Alltag in der Schule vor, die für viele die letzte Chance auf eine bessere Bildung und damit reale Chancen auf dem Arbeitsmarkt ist. „Ohne Abitur musst du dich als Roma in Ungarn gar nicht erst um einen Job bewerben, nicht einmal als Fabrikarbeiter“, sagt Schulleiter Tibor Derdák. Er meint, dass Roma sich bei allem, was sie machen, doppelt so sehr bemühen müssen, um von der weißen Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden. Ludwig versteht es jedoch, in seiner Dokumentation ein darüber hinausgehendes differenziertes Bild der ärmsten Schicht der Romagesellschaft zu zeichnen.

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Ferenc (19) ist für seine Frau und seine Tochter verantwortlich. „Schule ist Luxus“, sagt er und bricht seine Ausbildung zugunsten eines Jobs im Ausland ab.

Dazu zeigt er exemplarisch das Leben und die Konflikte in Sajókaza, einem Dorf im Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén etwa 30 Kilometer nördlich von Miskolc. Hier leben knapp 3.500 Menschen, über ein Drittel von ihnen Roma. Früher fanden hier fast alle Arbeit in den umliegenden Minen, doch seit dem Niedergang des Bergbaus sind die meisten Roma in der Gegend arbeitslos und leben von staatlichen Hilfen. Das Verhältnis von Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft ist in der Gemeinde zerrüttet und äußert sich in endlosen gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Roma leben mehrheitlich in einem Getto am Rande des Dorfes, dort gibt es kein Leitungswasser, keine Straßenlampen und keine Abwasserentsorgung, die Häuser sind verfallen. „Der zornige Buddha“ zeigt zwar all dies, ohne jedoch etwa Mitleid erregen zu wollen: „Ich will die Menschen nicht bloßstellen“, sagt Ludwig dazu. (Unser Interview mit dem Regisseur finden Sie weiter unten.)

Realistische Darstellung der Situation

Auch im Konflikt zwischen Minderheit und Mehrheitsgesellschaft versucht er, keine Partei zu ergreifen. So kommt auch ein „Weißer“ aus der Siedlung zu Wort, der die Ängste und Sorgen jener zum Ausdruck bringt, die sich oft – und gerade von den westlichen Medien – zu Unrecht in eine Ecke gestellt fühlen. Auch Orsós äußert sich mitunter kritisch über „seine Leute“, weiß, dass ihre Erwartungen nicht immer realistisch sind, dass sie manchmal ziellos sind und dass sie an vielen Stellen viel zu schnell aufgeben.

Das kann dann sogar mal Buddhisten wie Orsós und Derdák etwas „zornig“ machen. Nur gut, dass es an der Dr.-Ambedkar-Schule auch für die zweite Chance noch eine zweite Chance gibt.

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Amál will das Abitur, ihrer Mutter wäre es lieber, wenn die Tochter sich nach einem Job in der Fabrik umschaut.

Auch wenn der Film die soziale Sprengkraft und das große Potenzial des Bildungsprogramms zeigt, bewertet Ludwig die Errungenschaften der Dr.-Ambedkar-Schule nicht über: Denn nicht alle Schüler schaffen es, trotz der Bemühungen der Lehrerschaft das Abitur abzulegen und auch für diejenigen, die es schaffen, sieht die Welt nicht unbedingt rosig aus. Eine der Protagonisten des Films, die 18-jährige Mónika, bringt ihre Enttäuschung darüber, trotz Abitur keine Anstellung finden zu können, am Ende des Films so zum Ausdruck: „Verzeihen Sie mir, aber mit meinem Abschluss kann ich mir noch nicht einmal den Hintern abwischen.“ Auch Orsós weiß, dass bis sich an der Situation der Roma in Ungarn wirklich etwas geändert hat, noch viel Zeit vergehen wird, nach seiner Schätzung sogar 200 Jahre: „Ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit aber zumindest den Grundstein für die nächsten Generationen legen kann.“ Zwischen 2007 und dem Ende der Dreharbeiten zu „Der zornige Buddha“ haben an Orsós' Schule über 100 Roma einen Schulabschluss gemacht.

Seit dem 23. September flimmert „Der zornige Buddha“ über die deutschen Leinwände, am 13. Oktober kommt der Film auch in Ungarn in die Kinos.


Interview mit Stefan Ludwig, Regisseur des Dokumentarfilms „Der zornige Buddha“

„Es ist eine wahnsinnig komplexe Angelegenheit“

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„Für mich war das eine große, spannende Geschichte“, so Regisseur Stefan Ludwig. Er begleitet János Orsós mit der Kamera nicht nur in Sajókaza, sondern auch auf seinen Reisen nach Indien.

Herr Ludwig, wie kommt ein Dokumentarfilmmacher aus Deutschland, der in Österreich lebt, dazu, einen Film über eine buddhistische Schule für Roma in Ostungarn zu drehen? Wie sind Sie zu dem exotischen Thema gekommen?

Ich finde es gar nicht exotisch. Ich denke, es ist ein universelles Thema und die Situation in Sajókaza steht beispielhaft für jede Situation, in der Menschen von Bildung ausgeschlossen sind. Allerdings hatte ich mich zuvor nur wenig mit Ungarn beschäftigt. 2011 wurde ich durch die Ereignisse in Gyöngyöspata auf die Situation der ungarischen Roma aufmerksam. Dort marschierten paramilitärische Truppen in Romasiedlungen auf und sorgten tagelang für Angst. Ich habe mich damals gefragt: 'Was ist da eigentlich los?' und habe begonnen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich bin dann auf einen Artikel von János Orsós gestoßen. Er beschreibt darin, wie er als Roma seinen Weg zu Bildung gefunden hat und dass er selbst nach dem Diplom noch das Gefühl hatte, sich beweisen zu müssen. Er ist sein Leben lang auf der Suche und findet erst in Indien das Positivbeispiel, das ihm die Hoffnung gibt, dass auch seine eigenen Leute ihre Lage verbessern können. Das fand ich eine große, spannende Geschichte. Ich habe mit ihm Kontakt aufgenommen und bin dann bald das erste Mal hingefahren, um zu recherchieren.

Wie ging es dann weiter?

Ich durfte wochenlang bei ihnen Gast sein und hatte meine eigene Matratze im buddhistischen Gemeindezentrum, wo sie auch schlafen. Man gab mir überraschend viel Zugang zur Schule, ich konnte sogar im Unterricht ein- und ausgehen. Die Schüler sind nicht schüchtern, wenn es darum geht, ins Gespräch zu kommen – im Gegenteil, sie fangen sogar schnell an, einen aufs Korn zu nehmen, sagen einem zum Beispiel unanständige Wörter und freuen sich, wenn man sie nachspricht. Doch sie sind auch unglaublich kamerascheu und gerade, wenn es darum geht, ernsthaft zu werden und darüber zu reden, wer sie sind, was für Träume sie haben und was sie sich vom Leben erwarten, sind sie sehr zurückhaltend. Da gab es Barrieren, die wir auch bis zum Ende nicht durchbrechen konnten. Insgesamt habe ich netto rund vier Monate über einen Zeitraum von drei Jahren verteilt hier verbracht.

Ihr Dokumentarfilm begleitet vor allem die Schüler Ferenc, Amál und Mónika, wie haben Sie sich für diese Protagonisten entschieden?

Das stand eigentlich erst nach zwei Jahren richtig fest. Die Schüler haben sich ja, wie gesagt, nicht unbedingt darum gerissen, gefilmt zu werden, deshalb ging es bei der Auswahl auch um Zugänglichkeit. Das andere war, inwieweit es uns leicht fällt, im Filmmaterial eine emotionale Beziehung zu den Figuren aufzubauen. Ich finde, am Ende ist es ein guter Querschnitt aus Geschichten in Bezug auf die Schule geworden.

War es für Sie das erste Mal, dass Sie mit der Romakultur in Kontakt gekommen sind? Was haben Sie von den Menschen gelernt?

Ja, war es. Vor allem den Familienzusammenhalt habe ich mir als etwas sehr Positives mitgenommen. Dieser emotionale Umgang miteinander, den man im Film auch sieht, wenn zum Beispiel der Sohn, der in einer Fleischfabrik in den Niederlanden arbeitet, heimkehrt. Da wird erst einmal eine große Party geschmissen. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass der Schein oft trügt. So gab es dort zum Beispiel Häuser, die sahen von außen total heruntergekommen aus, doch innen herrschte penibelste Ordnung. Auch habe ich gelernt, dass man diese Menschen nicht generell beurteilen kann, man muss da unterscheiden. Es gibt ganz unterschiedliche Verhaltensmuster und wer sagt, die sind so oder so, der macht da, glaube ich, etwas falsch.

Was ist Ihre Erfahrung mit der weißen Mehrheitsbevölkerung?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die sich oft ungerecht behandelt fühlen. Sie sagen, dass immer nur die Roma Mitleid bekämen und sie sich in den Medien in einen Topf geworfen fühlen. Soweit kann ich sie sogar verstehen. Überraschend war, dass diese Menschen noch kamerascheuer sind als die Roma. Es ist sicher übertrieben, aber sie sagen, dass sie Angst haben, dass ihnen was passiert, wenn sie sich kritisch über die Roma äußern. Es ist einfach wahnsinnig komplex und schwierig in diesem Dorf zwischen den beiden Volksgruppen, weil jeder dem anderen etwas vorzuwerfen hat.

Kam es während des Drehs irgendwann zu Spannungen?

Ja, schon. Es gab immer mal wieder Leute, die uns aus 20 Meter Abstand zugerufen haben, wir sollen uns verpissen. Manchmal gab es auch Drohungen, uns zu verprügeln. Von Einzelnen wurden wir mit unserer Kamera verständlicherweise als Eindringlinge empfunden. Wir haben uns dann einfach an die Leute gehalten, die uns akzeptiert haben und irgendwann kannten die Leute mich dann auch schon.

Wie flexibel muss man als Dokumentarfilmer sein? Hatten Sie vorher eine Vorstellung davon, wie der Film am Ende aussehen würde?

Es gibt da ganz unterschiedliche Ansätze, es gibt Regisseure, die ganz viel inszenieren und vorab planen, aber das habe ich gerade nicht gemacht. Vieles habe ich auch gar nicht gestalten können, weil es davon abhängig war, was die Leute mich haben machen lassen. Daher habe ich versucht, mich an das zu halten, was sowieso passiert. Wenn dabei mal ein Bild schön und poetisch geworden ist, dann ist es einfach die Poesie des wirklichen Lebens, die ich versucht habe einzufangen.


Stefan Ludwig ist freier Regisseur, Drehbuchautor und Gestalter von Dokumentationen und Kurzbeiträgen fürs Fernsehen. Er wurde 1978 in Eichstätt, Bayern geboren und studierte sowohl am Max Reinhardt Seminar in Wien als auch an der Hochschule für Fernsehen und Film in München.
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