Die vorübergehende Schließung sei wirtschaftlicher Natur, die Auflagenzahl von Népszabadság sei in den vergangenen 10 Jahren um 74% auf ca. 100.000 gesunken, das Blatt habe Verluste von 5 Mrd. Forint angehäuft. Seitens der Mitarbeiter stellt sich das Ganze jedoch etwas anders da. Sie sprechen von einem regelrechten Putsch und erklärten, sie hätten vorher keine Hinweise auf die Einstellung des Blattes erhalten. Sie haben erst am Samstagmorgen per Kurier ein Schreiben, indem sie von der Arbeit freigestellt werden, jedoch weiterhin ihre Grundbezüge erhalten. Besonders pikant: Auch Chefredakteur András Murányi erfuhr erst am Samstag von den Plänen des Verlags. Wie er auf einer improvisierten Pressekonferenz vor dem ehemaligen Bürogebäude der Redaktion sagte, hätte ihn ein Verwandter angerufen und ihn auf die jüngsten Geschehnisse aufmerksam gemacht. Weiter teilte Murányi mit, man befinde sich mittlerweile in Gesprächen mit dem Eigentümer Mediaworks und werde alles dafür tun, dass die Népszabadság auch weiterhin auf allen Plattformen erreichbar ist. Derweil ist es schwer, sich des Eindrucks der politischen Motivation der Schließung zu erwehren. War es doch die Népszabadság, die im vergangenen Monat zwei der pikantesten Enthüllungen innerhalb der ungarischen Medienlandschaft machte, so u. a., dass MNB-Chef György Matolcsy seine Geliebte erst innerhalb der Nationalbank und später innerhalb der hauseigenen Stiftungen in hoch dotierte Positionen bugsierte, sowie über Kabinettsminister Antal Rogán und seinen Helikopterflug. Miklós Hargita, Redaktionsmitglied und Leiter der lokalen Grundorganisation der Pressegewerkschaft, sagte, am Samstag wurden die Kollegen nicht mehr in das Redaktionsgebäude gelassen, sie hatten keinen Zugriff auf ihre e-Mail-Konten mehr, dies sagt alles darüber, dass es keine wirtschaftliche Entscheidung war. „Wir konnten nicht einmal unsere persönlichen Sachen, die für den Umzug auf die Bécsi út bereits eingepackt waren, mitnehmen“. Es gab zwar einige Anzeichen dafür, dass etwas „im Busch ist“, so beispielsweise die Kündigung des Kollektivertrages.

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Am Samstagabend fand am Budapester Kossuth tér vor dem Parlament eine Demonstration statt, die von der Facebook-Gemeinde „Für Pressefreiheit“ organisiert wurde. Gemeinsam mit den Mitarbeitern von Népszabadság demonstrierten Hunderte, darunter auch mehrere Oppositionspolitiker. Sie skandierten „Freiheit“, „Demokratie“, „Schweinerei“, „Wir lassen das nicht zu“, „Orbán hau ab“ bzw. „Freies Land, freie Medien“. Unterstützung kam auch aus dem Europaparlament. Der sozialdemokratische Parlamentspräsident Martin Schulz erklärte sich solidarisch mit den Protestierenden und bezeichnete die Schließung der Zeitung als „Besorgnis erregenden Präzedenzfall“.

Mediaworks wird von der österreichischen Investmentfirma Vienna Capital Partners (VCP) kontrolliert. Die VCP-Tochter besitzt in Ungarn weitere Printmedien, darunter zwölf Regionalzeitungen. Im Sommer habe das der Regierungspartei Fidesz nahestehende Unternehmen Duna-Aszfalt – eine Beteiligung von Lőrinc Mészáros - einen Vertrag über den Kauf des Verlages Mediaworks geschlossen, gehen seit Wochen Gerüchte um.

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