Am Dienstag legte das Zentralamt für Statistik (KSH) die zweite Schätzung für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im II. Quartal vor. Dabei wurde die bereits im August mitgeteilte Zahl von 2,6 Prozent bekräftigt und die saisonal wie auch nach Kalendertagen bereinigte Zahl noch um einen Zehntelprozentpunkt auf 1,8 Prozent angehoben. Der Anstieg gegenüber dem I. Quartal musste leicht auf 1,0 Prozent nach unten korrigiert werden. Diese scheinbar negative Nachbesserung hat aber einen guten Grund: Bei der Schätzung der BIP-Zahlen für das erste Quartal im Jahr haben die Statistiker noch keinerlei Anhaltspunkte, wie die Ernte und somit die Leistung der Landwirtschaft ausfallen wird.

Im September sind wir alle schlauer, was beim KSH dazu führte, dass die zu Jahresbeginn gemeldete Wachstumsdelle ein wenig freundlicher gestaltet werden konnte – mit um zwei Zehntelprozentpunkte angehobenen Werten. Damit fiel die Wertschöpfung im I. Quartal gegenüber dem Jahresende 2015 noch um bereinigte 0,5 Prozent zurück; freilich auch so der schlechteste Wert seit Anfang 2012. Für das I. Halbjahr ergaben sich unbereinigt unterm Strich +1,9 Prozent, weil zwischen April und Juni mehrere Konjunkturlokomotiven anständig zogen.

Viel Mais und steigende Reallöhne

So steigerte die Industrie ihre Wertschöpfung im II. Quartal um 3,9 Prozent und steuerte ein gutes Drittel zum Wachstum bei, auch wenn ihre Leistung an den großen Schwung von 2015 nicht mehr anschließen kann. Die Landwirtschaft schmälert nach dem schwachen vorigen Jahr wenigstens nicht mehr die Gesamtleistung; ihre Wertschöpfung setzte das KSH mit +13,4 Prozent an. An dieser optimistischen Wertung hat die mit 8 Mio. Tonnen erwartete Maisernte großen Anteil, was nach 6,5 Mio. Tonnen des Vorjahres einem markanten Zuwachs gleichkommt. Das Baugewerbe fiel hingegen um ein Viertel zurück und trägt seit mittlerweile einem Jahr nicht mehr zur ungarischen Konjunktur bei. Ganz anders der Dienstleistungssektor, dessen Bruttowertschöpfung mit +3,3 Prozent den stärksten BIP-Beitrag seit zweieinhalb Jahren generierte. Herausragend schnitten hier Handel, Gastgewerbe, IT- und Kommunikationssektor ab. Ganz klar ist der Zusammenhang zu erkennen, dass die Bevölkerung mehr Geld ausgeben kann, weil die Reallöhne im Jahresverlauf um ungefähr sechs Prozent zugelegt haben.

Auf der Verwendungsseite drifteten die Leistungsträger Mitte 2016 so drastisch wie seit der letzten Rezession von 2012 nicht erlebt auseinander. Der Inlandsverbrauch erbringt seit mittlerweile 14 Quartalen einen positiven Beitrag, der seit sechs Quartalen sogar noch permanent steigt! Der Privatverbrauch lag im II. Quartal bereits um 5,1 Prozent zum Vorjahr im Plus – seit 2003 hat es keine vergleichbare Zahl gegeben –, der öffentliche Verbrauch übertraf den Basiswert um 2,8 Prozent. Damit wäre das Wachstum, würde es einzig durch den Inlandsverbrauch geprägt, über drei Prozent angelangt, wie es als „nationales Minimum“ durch Ministerpräsident Viktor Orbán vorgegeben wurde.

Nationales Minimum ist drin

Zumal noch der Nettoexport als Wachstumsträger nach dem eher verhagelten Jahresauftakt zurückkehrte und insbesondere Dienstleistungsexporte für die Wiederherstellung der heilen Welt im Außenhandel sorgten. Inlandsverbrauch und Nettoexporte hatten für mehr als fünf Prozent Wachstum gesorgt – hier wurden demnach die richtigen Weichen gestellt, um Orbáns Traum vom robusten Wirtschaftswachstum wahr werden zu lassen. Schon seit Jahren lässt sich das von dem weiten Feld der Investitionen nicht mehr behaupten.

Zwar kommentierte das Wirtschaftsministerium den heftigen Absturz um ein Fünftel auf die Art, dies sei nur vorübergehender Natur, was durchaus eine reale Ursache im Übergang von einem EU-Haushaltszyklus zum nächsten und den damit verbundenen Umstellungsschwierigkeiten hat. Nur dass die Investitionen während der sechs Jahre der Orbán-Regierungen nahezu durchweg lahmten, ehe sie 2014 zumindest aus ihrem Dornröschenschlaf erwachten. Wenn man sich diese mehrjährige Kurve betrachtet, erscheint eher der „Ausbruch“ 2014/15 als positiver Ausrutscher, von wo die Wirtschaft nun wieder zur „Normalität“ zurückgekehrt ist. Normal ist das aber nicht, wenn die Investitionen dauerhaft schrumpfen und die Regierung offenbar die Amortisation in ihre Statistik über die Investitionsquote hineinschummeln muss, um überhaupt noch erträgliche Zahlen zu erhalten.

Investitionen ohne EU-Gelder im Keller

Gerade die öffentliche Hand kann der Investitionsstatistik nicht auf die Sprünge helfen, solange die neuen EU-Projekte im Rahmen des Haushaltszyklus 2014-2020 nicht anlaufen. Im I. Halbjahr wurden in Ungarns Volkswirtschaft insgesamt 1.840 Mrd. Forint (knapp 6 Mrd. Euro) investiert, 17 Prozent weniger als in den ersten sechs Monaten des vorigen Jahres. Zuversicht versprechen die zunehmend intensiveren Investitionswerte in den Sektoren verarbeitendes Gewerbe und Handel, die Immobilienbranche hält wenigstens das 2015 erreichte, relativ hohe Niveau.

Apollo Tyres und Lego errichten aktuell große Werke, Samsung wird an dem vor zwei Jahren aufgegebenen Standort Göd nördlich von Budapest rund 320 Mio. Euro in ein neues Werk stecken, das ab 2018 jährlich 50.000 Batterien für Elektroautos fertigen soll. Vereinfacht ausgedrückt kann man sagen, dass in Maschinen und Ausrüstungen ungefähr genauso viel Geld wie zuletzt gesteckt wird, während in neue Bauobjekte ein Drittel weniger Geld fließt. Im öffentlichen Sektor haben sich diese Aktivitäten binnen eines Jahres halbiert.

Wenn Skoda Ferien macht…

Doch nicht nur um die Investitionsstatistik muss sich die Regierung Sorgen machen, die Industrie hat in diesem Jahr auch keinen glatten Lauf. Einzig der Monat Mai konnte an den heißen Herbst des Vorjahres erinnern, als sich der Industrieausstoß wieder mal zweistelligen Dimensionen näherte. Dazu ist die ungarische Industrie derzeit dauerhaft leider nicht imstande.

Dabei wären die Wirtschaftslenker in Budapest schon mit rund siebeneinhalb Prozent Zuwachs wie 2014 und 2015 vorgelegt überaus zufrieden. Stattdessen fiel der Industrieausstoß um Arbeitstage bereinigt gleich in drei von sieben Monaten (die Statistik liegt bis Juli vor) zurück. Nach unbereinigten Zahlen musste im März das erste Minus seit 30 Monaten quittiert werden. Das kumulierte Plus erreichte nur zweimal drei Prozent und ist Ende Juli bei traurigen 1,3 Prozent angelangt. Was als Fortschritt bestenfalls gemessen an jenen 0,1 Prozent bezeichnet werden kann, die nach dem I. Quartal zu Buche schlugen. Dabei hatte der Einkaufsmanagerindex im verarbeitenden Gewerbe etwas anderes versprochen…

Das KSH benannte sogleich die „Hauptschuldigen“: Fahrzeugbau, Nahrungsmittelindustrie, Chemie und Elektronik. Die Analysten machten sich auf die Suche nach den Gründen, und einer von ihnen fand den tschechischen Automobilhersteller Skoda! Der legte im Juli Betriebsferien ein, was die Industrieproduktion Tschechiens in jenem Monat um ein Siebtel abstürzen ließ. Der Chefanalyst der staatlichen Takarékbank, Gergely Suppan, sieht nun Auswirkungen der Skoda-Ferien auf ungarische Zulieferer im Hintergrund der schwachen einheimischen Leistung. Audi Hungaria und Mercedes Kecskemét halten die großen Ferien im August ab. Deshalb brauchen wir uns hinsichtlich der KSH-Zahl zur Industrieproduktion im August keinen Illusionen hinzugeben: Die Industrie wird im III. Quartal kaum die Konjunktur ankurbeln.

Exporteure bleiben in Form

Aber schlägt diese Schwäche nicht auch auf den Außenhandel durch? Der hat nach den für das I. Halbjahr vorliegenden Angaben mit 5,4 Mrd. Euro einen neuen Rekordüberschuss eingefahren, nachdem die Ausfuhren um 3,1 Prozent gesteigert werden konnten, im Vergleich zu verhaltenen 1,3 Prozent auf der Einfuhrseite. Allerdings hatte sich der verzögerte Startschuss der Automobilindustrie nach etwas in die Länge gezogenen Jahresendferien sogleich in den Januar-Zahlen der Handelsbilanz niedergeschlagen. Da waren die Warenexporte nur noch um ein Prozent gewachsen, während der Handelsüberschuss um ein Viertel auf 530 Mio. Euro schrumpfte.

Im März war dann von Modellauffrischungen bei beiden deutschen Werken in Győr und Kecskemét die Rede, mit dem Effekt, dass die Exportleistung um dreieinhalb Prozent zurückfiel. Ohne solche Ausreißer geht es der ungarischen Exportwirtschaft aber durchaus gut, die im I. Halbjahr Waren im Gesamtwert von 14.520 Mrd. Forint (46,4 Mrd. Euro) exportierte. Dabei hat bereits das Jahr 2015 nie gesehene Zahlen gebracht: Ein Exportvolumen von 90,5 Mrd. Euro und einen positiven Saldo von 8,6 Mrd. Euro.

Die Regierung sieht weiterhin keinen Grund, ihre Wachstumsprognose für 2016, die im Konvergenzprogramm mit 2,5 Prozent festgelegt wurde, zu revidieren. Es hatte sich abgezeichnet, warum die Konjunktur in den ersten Monaten des Jahres lahmen wird. In ähnlicher Weise zeichnet sich nun ab, wie es demnächst wieder aufwärts gehen wird.

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