„Ich bin auf dem Land aufgewachsen, zwei Dinge gab es immer bei uns: Holz und Messer“, antwortet Viktor lachend auf die Frage, wie er zum Schnitzen kam. Der erste Impuls kam von seinem Vater, der als Soldat seine Freizeit während des Wehrdienstes damit verbrachte, kleine Holzfiguren zu schnitzen. „Wir hatten zuhause zwei ineinander greifende Ringe aus Holz und ich habe nie verstanden, wie das sein kann. Mit etwa 14 Jahren habe ich dann meinen Vater gebeten, mir zu erklären, wie er das gemacht hat.“ Sein Vater hat ihm dann erklärt, wie er die Ringe gefertigt hat, gemeinsam zeichneten sie einen Plan und besprachen, was wie anzugehen sei. Etwa eine Woche arbeitete Viktor an seinen eigenen Ringen und hat das Schnitzmesser seitdem nicht mehr aus der Hand gelegt.

„Echte Herausforderungen sind mir am liebsten“

Die ersten Schritte machte der gelernte Gärtner noch gemeinsam mit seinem Vater: „Er hat mir vor allem gezeigt, wie man die Werkzeuge benutzt, er hat mir viel gezeigt.“ Ab dann war für Viktor klar, dass es eigentlich nichts gibt, was nicht machbar ist: „Bis heute sind mir die Bestellungen am liebsten, bei denen mich jemand vor echte Herausforderungen stellt. Wo der erste Gedanke ist, dass das keinesfalls geht, schon gar nicht aus Holz. Und dann setzen wir uns zusammen, überlegen und am Ende geht es doch.“

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Am ehesten sind es Formen, die Herausforderungen bedeuten: „Oft möchten Menschen ein Schmuckstück, weil sie Holz mögen. Aber sie wissen nichts über die Struktur und die Beschaffenheit des Materials, was aus Holz machbar ist und was nicht, wie filigran ein Muster sein kann.“ Sehr detaillierte, zarte Muster sind zwar möglich, aber als Schmuckstück letztlich ungeeignet, weil sie zerbrechen können, erläutert Viktor. Aber genau das sind wiederum auch die Herausforderungen, die er mag: „Wie kann man eine bestimmte Form aus Holz schnitzen, sodass sie auch Bestand hat.“ Hierbei ist beispielsweise wichtig zu erkennen, wo sich bei Wirbeln die Drehungen berühren, in welche Richtung die Maserung des Holzes läuft, wie hart das Holz ist und auch, ob zwei verschiedene Sorten Holz zu einem Schmuckstück verarbeitet werden müssen. Bei Ringen sei die Verwendung von verschiedenen Holzsorten eine gute Möglichkeit, um dem Schmuck Stabilität zu verleihen.

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Seine Ideen bezieht der junge Mann von überall her. Einerseits natürlich von seinen Käufern direkt: „Einmal wollte jemand von mir einen Elefanten, in dem ein kleinerer und noch ein kleinerer Elefant geschnitzt ist. Er hätte das in Indien gesehen, sagte er. Aber ich wollte das nicht kopieren, wenn er einen Elefanten möchte, soll er ihn in Indien kaufen.“ Stattdessen fertigte Viktor der Kundin eine geflochtene Holzkugel in deren Innerem sich eine noch kleinere Kugel befand. Bis heute ist dies eines seiner Lieblingsstücke, aber so zeitintensiv, dass er es nur noch selten und ausschließlich auf Bestellung fertigt.

„Mit einem guten Messer kann man alles fertigen“

Das Schnitzen begann Viktor mit einem einzigen Butterfly-Messer. „Theoretisch lässt sich alles mit einem guten Messer fertigen, aber es dauert eben entsprechend länger“ lacht er. Heute hat er im Garten seiner Eltern eine kleine Werkstatt in der sich zahllose Gerätschaften tummeln: „Jedes Werkzeug hat seine bestimmte Aufgabe und erleichtert genau einen bestimmten Arbeitsschritt. Wenn man weiß, wie man mit ihnen umzugehen hat und für welche Aufgabe sie zu gebrauchen sind, kann man viel Zeit und Energie sparen.“ Das ist auch deswegen gut, damit Viktor nicht etwa die Lust an der Schmuckfertigung verliert. Seit sechs Jahren verkauft er seinen Schmuck nun, aber erst in diesem Jahr ließ er erstmals seinen Job als Industriekletterer im Sommer aus, um sich allein auf das Fertigen von Medaillons, Ringen und anderem Zierrat zu konzentrieren: „Das ist auch das erste Mal, dass ich halbfertigen Schmuck mit nach La Gomera genommen habe, weil ich dort einfach nicht so viel Werkzeug habe.“

Inspirierendes Holz

Doch wie genau läuft eigentlich die Schmuckherstellung ab? Wie überall bei kreativen Schaffensprozessen hat auch Viktor zwei Arten, an ein neues Schmuckstück heranzugehen. Entweder hat er eine Idee und sucht den passenden Baum, sprich Holz dazu oder er sieht eine besonders interessante Maserung und lässt sich davon zu etwas inspirieren: „Es gibt Hölzer, die liegen seit Jahren im Regal bei mir und ich weiß genau, wofür ich sie verwenden möchte und was ich aus ihnen fertigen möchte.

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Aber es gibt auch einfache, oder „dumme“ Hölzer. Denen kann ich sagen: „Aus dir wird ein Löffel“ und dann wird daraus ein Löffel.“ Ebenholz, Amarant sind beispielsweise solche Hölzer. Ihre Farben sind kräftig, sie haben es schlicht nicht nötig, in komplizierte Formen gebracht zu werden. Ein wunderschönes, tiefes Bordeaux, ein glänzendes Schwarz oder ein leuchtendes Gelb sind immer einfacher zu verarbeiten, findet Viktor. Aber dann gibt es auch Hölzer, wie beispielsweise die Eibe, die eine so interessante Maserung haben, so wundervolle Linien, dass sie einfach nach einer Form verlangen, die der Maserung Raum geben: „Ringe fertige ich gern aus Eibe. Ein schwarzer Ring ist nett, ein gelber interessant, aber wenn da beispielsweise ein Aststumpf oder ein Knoten die Maserung der Eibe verändert hat, dann gibt das dem Ganzen so ein Plus, was es einfach einzigartig macht.“

Während Viktor über seine Schmuckstücke und Hölzer spricht, gestikuliert er viel, man sieht seinen Händen die Arbeit an, jetzt gerade haben sie einen leichten Gelbstich vom letzten Holz gestern: „Dabei habe ich sogar mit Sandpapier versucht, das abzubekommen“, lacht er. Und noch etwas sieht man: die Leidenschaft, mit der er jedes einzelne Schmuckstück fertigt. Viktor spricht über Hölzer, wie andere Menschen über ihre Freunde, er kennt ihren Charakter, weiß, wie man mit ihnen umzugehen hat, respektiert ihre Eigenheiten.

Die Seele des Holzes

Wohl deswegen weigert es sich auch, Holzstücke beispielsweise mit einer CNC Fräse zu bearbeiten. „Theoretisch ließe sich alles auch damit machen, aber dann würden meine Schmuckstücke ihre Seele verlieren.“ Ihm ist es wichtig, dass jedes Stück ein Unikat ist – und auch seine Kunden wissen das zu schätzen: „Seit fünf Jahren kauft ein Herr auf La Gomera immer das gleiche Blatt. Er trägt sie mittlerweile auf einer Kette aufgereiht. Zwar ist es prinzipiell immer dieselbe Form, aber doch unterscheiden sie sich in Farbe und Ausarbeitung, ihre Äderung ist unterschiedlich und auch das Holz gibt seinen Charakter dazu.“

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Der Charakter der Hölzer ist es auch, der Viktor immer wieder nach neuen Materialien Ausschau halten lässt: „Hier in Ungarn habe ich mit den heimischen Hölzern angefangen, logisch. Ich arbeite aber generell mit allem, was ich in die Finger bekomme.“ Vor allem ist er stets auf der Suche nach neuen Farben: „Die meisten Hölzer sind eben holzfarben, bräunlich, weißlich oder auch rötlich. Viele Formen lassen sich wirklich gut aus diesen Farben fertigen, beispielsweise sehen Blätter in rötlich-braun am besten aus.“

Aber farbliches Einerlei ist nicht nach Viktors Geschmack. Also begann er, knapp zwei Jahre nach Beginn seiner Tätigkeit als Holzschmuckmacher, nach neuen Hölzern Ausschau zu halten. „Generell arbeite ich mit Harthölzern, aus Kiefer lässt sich Schmuck einfach nicht machen, weil er schnell brechen würde und dieses Holz einfach kein Gewicht hat.“ Menschen möchten, wenn sie Schmuck tragen, spüren, dass sie etwas tragen. „Deswegen ist Ebenholz beispielsweise so beliebt, weil es schwer ist, fast fünf Mal so schwer wie Kiefer“. Auf La Gomera soll es sogar einen Baum geben, dessen Holz so hart ist, dass Viktor Messer daraus schnitzen könnte, die selbst zum Gemüseschneiden genutzt werden könnten. „Je mehr ich über Hölzer weiß, desto mehr wird mir bewusst, dass sich daraus einfach alles machen lässt.“

Violettes und blaues Holz

Besonders spannend wird es, wenn Viktor auf neue Hölzer trifft: „Hier in Budapest gehe ich zu Atti, das ist ein Holzfachgeschäft. Ich war einmal da und wollte Ebenholz kaufen und sah dort das erste Mal Amaranth, also Violettholz. Erst konnte ich es nicht glauben und fragte den Verkäufer, warum sie denn bitte gefärbtes Holz anbieten würden.“ Doch dieser erklärte ihm, dass dies kein gefärbtes, sondern natürlich lilafarbenes Holz sei. „Das musste ich einfach haben“, erinnert sich Viktor lachend. Auch gibt es beispielsweise in Österreich blaues Holz: „Eine ganz spezielle Weide, die sich durch Mineralien im Boden und im Wasser verfärbt, aber eben nicht einheitlich, sondern nur fleckweise – niemand weiß eigentlich genau, warum sich das Holz blau färbt, aber hier und da, wenn so eine Weide gefällt wird, findet sich blaues Holz und das wird dann zu astronomischen Preisen verkauft.“

Doch manchmal hat er auch einfach Glück. Letzten Winter auf der Insel ging er, bewaffnet mit einem Sechserpack Bier zu einem Tischler in die Werkstatt. „Ich sagte, mein Rucksack wäre so furchtbar voll und schwer und ich würde gern zumindest diese Last loswerden, ob ich das Bier nicht bei ihm lassen könnte. Außerdem würde ich mit Holz arbeiten, und ob er etwas dagegen hätte, dass ich seine Holzabfälle durchschaue.“ Der Tischler ließ ihn gewähren und Viktor konnte sich mit Besonderheiten wie Mahagoni eindecken, doch den wirklichen Schatz sollte ihm der Tischler erst danach präsentieren. „Er fragte mich, was ich eigentlich damit will und als ich ihm sagte, dass ich Schmuck mache, zeigte er mir Holz von hundertjährigen Maulbeerbäumen, das so ganz anders aussieht, als das der heimischen. Ihr Holz ist wunderbar goldfarben und voller bezaubernder Linien. Wenn der Tischler mir nichts davon erzählt hätte, dann hätte ich vielleicht nie davon erfahren.“

Spätestens ab Oktober möchte Viktor wieder in den Süden ziehen. „Der Winter in Ungarn ist mir einfach zu kalt“. Bis dahin widmet er sich voll der Schmuckfertigung, damit auch weiterhin jedes Kleinod ein Unikat mit Seele bleibt.

Wer sich jetzt in den hölzernen Schmuck verliebt hat, der braucht sich keine Sorgen machen. Im „Vándorbolt“ (Wanderladen) bietet der Weltenbummler seine kleinen Kunstwerke das ganze Jahr über an.

www.facebook.com/Vandorbolt

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