Dass sich bald jedes Unternehmen und jeder Top-Manager vor Ort sozial engagiert, ist inzwischen so selbstverständlich, wie an immer mehr Stellen auch bitter nötig. Darüber hinaus setzen sich viele Manager aber auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit für ein stärker an der Realität ausgerichtetes Ungarnbild im Ausland ein. Einige arbeiten aber nicht nur an der Verbesserung des externen, sondern auch des internen Ungarn-Bildes. Das war auch eine Aufgabe des am Montag von der ELMŰ/EMÁSZ-Gruppe in Zusammenarbeit mit der DUIHK beziehungsweise deren Innovationskreis organisierten sogenannten Innovationsabends – siehe dazu unseren Bericht auf den Seiten 20 und 21. Ausdrückliche Absicht dieser beeindruckenden Veranstaltung war es, darauf aufmerksam zu machen, dass Ungarn weitaus mehr sein kann, als nur ein Absatzmarkt oder eine verlängerte Werkbank.

Ungarn darauf reduzieren so wollen, hieße die Augen vor seinem großen Potenzial in Sachen Forschung und Entwicklung zu verschließen. Dieses Potenzial ist unzweifelhaft vorhanden. Dass immer mehr und immer höherwertige Entwicklungsprojekte nach Ungarn delegiert werden, spricht eine ebenso deutliche Sprache, wie die insbesondere in Budapest florierende Startup- Szene. Von der weltweit höchsten Prokopfquote an Nobelpreisträgern ganz zu schweigen. Allerdings hat dieses unzweifelhaft vorhandene Kreativpotenzial gegenwärtig mit mindestens vier Hürden zu kämpfen. Zwei sind eher finanzieller Natur: Fehlenden Finanzen führen zum Brain Drain, also zur Abwanderung der Bestqualifizierten, und sind außerdem für die ungenügende Ausstattung von ungarischen Forschungseinrichtungen verantwortlich. Die beiden anderen Hürden sind psychischer Natur: zum einen sind es Defizite im Selbstbewusstsein junger Ungarn, zum anderen eine gewisse Kultur des Neides und der gegenseitigen Missgunst unter hiesigen Forschern.

All das und noch einige weitere hemmende Umstände führen dazu, dass kreative und talentierte Ungarn fast schon traditionell erst im Ausland so richtig aufzublühen scheinen. Bekanntlich hat es von den vielen ungarischen Wissenschaftsnobelpreisträgern nur ein einziger innerhalb Ungarns zu dieser höchsten Weihe geschafft. Aus all dem speist sich die Überzeugung vieler junger Ungarn: „Wenn Du bei Forschung und Entwicklung etwas erreichen willst, dann musst Du Deiner Heimat den Rücken kehren!“ Die gute Nachricht ist hingegen, dass ausländische Investoren durchaus in der Lage sind, gegen diesen Trend und die erwähnten Hürden etwas zu tun. Die ELMŰ/EMÁSZ-Vorstandsvorsitzende Dr. Marie-Theres Thiell, die ganz maßgeblich für den Erfolg des Innovationsabends verantwortlich war, brachte es auf den Punkt: „Wir wollen zeigen, dass Innovationen auch hier vor Ort stattfinden können, und nicht nur im fernen Silicon Valley.“ Wenn die jungen Leute merken, dass auch hier in Ungarn in Sachen Innovation die Musik spielen kann, dann seien sie viel eher bereit zu bleiben. Sicher müsse auch das Geld stimmen, aber Geld sei nicht alles, das Gesamtpaket müsse stimmen.

Das Beispiel von ELMŰ/EMÁSZ, wo inzwischen zahlreiche innovative Projekte rund um die Energiegewinnung und Anwendungen mit Elektroenergie laufen, zeigt aber auch, dass diese nicht vom Himmel fallen. Es bedarf zupackender Manager, die ihren Gestaltungsspielraum vor Ort nutzen, um mit viel Eigeninitiative und zusätzlichem Aufwand innovative Projekte zu initiieren und voranzutreiben. So entsteht schrittweise eine Innovationskompetenz, auf die früher oder später auch das Mutterhaus aufmerksam wird, und dann möglicherweise für Folgeprojekte sorgt. Am Ende gewinnen beide Seiten: die in Ungarn entwickelnden Firmen – „viele Dinge lassen sich in Ungarn einfach besser umsetzen“, so die ELMŰ/EMÁSZ-Chefin – und natürlich die jungen talentierten Ungarn, die dank attraktiver Perspektiven und interessanter Herausforderungen von einer, auch mit vielen Einschränkungen verbundenen Abwanderung absehen können. Dass junge Ungarn ihre Schaffenskraft und ihr Talent in den Dienst eines anderen Landes stellen müssen, ist schließlich alles andere als ein Naturgesetz. Wenn sich dann auch noch der ungarische Staat stärker an der Talentbindung beteiligen würde, könnte der Nutzeffekt sowohl für die Unternehmen als auch die „Hiergebliebenen“ sogar noch größer werden – und damit dann auch für den Staat.

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