(…)

Wenn Sie über den fehlenden geistigen Machtaufbau sprechen, sprechen Sie auch darüber, dass die ungarische Öffentlichkeit eher an rohen Machtfragen interessiert ist? Haben Sie davon genug?

Ich habe nicht genug, aber ich habe eine – vielleicht illusorische – Vorstellung, dass die Aufmerksamkeit nicht darauf gerichtet sein sollt, welche Gerüchte und möglichen Kombinationen gerade im Raum stehen und wer wen auf welcher Regierungssitzung oder welchem Parteitag besiegt. Ich will die Medien nicht kritisieren, aber für mich war es ein Schock, dass während das europäisch-amerikanische Handelsabkommen in Holland, Österreich und Deutschland im Parlament und auf den Titelseiten regierte, bei uns die Schlagzeile war, wer was gestohlen hat und wer mit wem im Clinch liegt. Dies hat viel dazu beigetragen, wo das Land sich derzeit befindet. (…)

Zu welchem Schluss sind Sie also letztlich in den vergangenen drei Monaten gekommen?

Ich gebe meinen Posten als Vize-Parteivorsitzender zum 1. Juni zurück und zum 31. August lege ich mein parlamentarisches Mandat nieder und gebe damit auch den Fraktionsvorsitz ab. (…) Und um Spekulationen gleich vorzugreifen: 2018-2019 werde ich mich keiner Wahl stellen. Ich wollte nie nach Brüssel, und auf Komitatsebene habe ich mich noch nie zu einer Wahl aufstellen lassen.

Ihre Parteimitgliedschaft behalten Sie aber?

Natürlich, das Gegenteil ist mir nicht einmal in den Sinn gekommen! Es geht nicht darum, dass ich bockig wäre. Meinen derzeitigen und den Fraktionskollegen von 2013-14 bin ich auch heute noch menschlich zu riesengroßem Dank verpflichtet, dafür, dass wir diesen Weg gemeinsam beschreiten konnten.

Aber Sie schließen nicht aus, dass Sie irgendwann einmal in die Politik zurückkehren.

Mit gesundem Menschenverstand lässt sich bis 2018-19 planen. Sicher ist, dass ich bis dahin nicht in den Ring steigen werde. (…)

Nur der Spekulation wegen: Es werden demnächst wieder einige Sitze im Verfassungsgericht frei, und es scheint, als könnte diesmal auch ein Kandidat der Opposition das Rennen machen. Würde Sie diese Arbeit interessieren?

Abgesehen davon, dass ich am 19. Juni erst 45 werde, sollte man sich selbst treu bleiben. In den vergangenen Jahren bin ich immer dafür eingetreten, dass es schlicht nicht hinnehmbar ist, wenn jemand aus einem Parteivorstand, aber vor allem aus dem Parlament selbst oder aus dem Europaparlament mit Hilfe seiner Parteifreunde ins Verfassungsgericht geschoben wird. Ich möchte mich auch weiterhin daran halten, was ich als Teil der Legislative initiiert habe, deswegen ist das vollkommen ausgeschlossen.

Von einem KDNP-Politiker wissen wir, dass es auch im Sándor-Palast einen Personalwechsel geben wird.

Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe damit! Einerseits ist auch dort die Altersgrenze 45 Jahre. Aber wenn wir schon bei der Witzekategorie angelangt sind, halten wir so viel fest, ich bin auf keinen Fall Protestant, ja nicht einmal katholisch.

Hat Ihre Entscheidung gesundheitliche Gründe?

Ich war gerade vergangene Woche bei einer EKG-Routineuntersuchung. Als ich an das Gerät angeschlossen wurde, habe ich kurz darüber nachgedacht, wie verdammt gut es wäre, wenn da irgendeine kleine Unregelmäßigkeit bei den Wellen zu erkennen wäre, weil das einfach das einfachste in Sachen Kommunikation gewesen wäre. Aber nur ein paar Minuten später machte die Ärztin meine Hoffnungen zunichte, weil schon aus der Ferne zu erkennen war, das bei mir alles in bester Ordnung ist. (…)

Wann haben Sie entschieden, sich zurückzuziehen?

Ich würde eher sagen, ich trete in den Hintergrund. Das Ganze war nicht ein konkreter Moment. Ich spürte schon 2014, ja sogar bereits vorher, dass das geistige Hinterland der Partei noch nicht steht. Aber das Jahr 2014 stand nicht nur im Zeichen der Parlamentswahlen, sondern auch der Europaparlaments- und Kommunalwahlen. Und das Schicksal brachte es mit sich, dass wir noch im selben Jahr drei Nachwahlen durchführen mussten. Wenn du in drei plus drei Kampagnen steckst, kommt es einfach nicht in Frage, dass du eventuell aufstehst und gehst. (…) Es gibt einen einfachen Grund, warum jetzt: Wir sind bei der Hälfte der Legislaturperiode angelangt. Wenn man ein frisches Mandat erhält, ziemt es sich nicht, dies einfach wieder zurückzugeben. Wenn sich aber das bekannteste Gesicht einer Partei kurz vor dem Wahlkampf verabschiedet, wäre das ein Anschlag auf die Partei. Somit konnte ich im März damit beginnen, mein Zurücktreten konkret zu überdenken und bin jetzt letztlich zu einem Entschluss gelangt. (…)

Auch die Lesart ist möglich, dass Sie die Partei schlicht im Stich lassen.

Um Gottes Willen, ich will doch nicht aus der Partei austreten! Ich möchte, soweit ich gebraucht werde, die Fraktion auch weiterhin von außen unterstützen. Aber was das Im-Stich-lassen betrifft, genau davon spreche ich! Dieser Selbstvorwurf ist die Droge der Politiker. (…) Ohne überheblich zu sein, aber es ist viel schwieriger, eine solche Entscheidung zu treffen, als ins Parlament zu gelangen. Und dann kommen die selbsterlösenden Erklärungen, wie „ich kann das nicht tun, weil ich sonst die anderen im Stich lasse”. Ich denke hingegen, der Mensch ist vor allem seiner Heimat und den Werten verpflichtet, die er vertritt. Wenn er dies effizienter erfüllen kann, indem er bei gesundem Menschenverstand bleibt und zumindest zeitweise versucht, von außen auf das Ganze zu blicken, dann ist dies eine verantwortungsvolle Entscheidung. In den vergangenen sechs Jahren habe ich von Woche zu Woche und Tag für Tag mit schier unglaublicher Selbstkontrolle daran gearbeitet, dass ich nicht dem Glauben verfalle, dass ab dem Moment, in dem man ins Parlament eintritt man dort seinen Platz bis zum Tode oder dem Verlust der Zustimmung der Wähler hat. Dem ist aber nicht so. Und es geht auch nicht darum, dass ich genug habe und jetzt alles hinschmeiße.

Ein wenig macht es aber den Eindruck.

Das tut mir Leid.

Ist das wirklich nicht Teil Ihrer Entscheidung?

Ich habe vielerlei Illusionen, aber ganz sicher nicht, dass es solch eine Partei, oder solch ein Parlament geben kann, in dem nicht scharf gestritten wird. Das ist seit der Antike Teil der Demokratie. Es steht jedoch außer Frage, dass ich als Staatsbürger und Zeitungsleser natürlich damit gerechnet habe – aber einmal ins Parlament gelangt, schluckt man so viel Scheiße, dass man sich einfach vergiften muss. Vor allem, wenn man an der Spitze einer relativ kleinen Armee ständig an vorderster Front sein muss.

Glauben Sie, die LMP kann dies auch ohne András Schiffer fortsetzen?

Daran besteht kein Zweifel. Wenn wir nur die Meinungsumfragen aus dem vergangenen Jahr betrachten, ging es im Juni 2015 wirklich nicht darum, dass die Partei durchstartet, aber trotzdem zeigen auch aktuelle Zahlen stabil, dass die LMP auch jetzt mit fünf Prozent ins Parlament einziehen würde. Das ist mit gutem Wahlkampf auf sieben Prozent ausbaubar. Aber ich will Ihrer Frage nicht ausweichen, besteht nicht die Gefahr, dass die LMP ohne meine Bekanntheit zum Tode verurteilt ist.

Richtig. Es ist offensichtlich, dass die LMP András Schiffers Partei ist. Es ist derzeit schwer vorstellbar, dass sie ohne ihn funktionieren wird.

Gut, ich denke aber, dass eine erfolgreiche Partei nicht allein von einem einzigen Menschen abhängen darf. Aber warum ich denke, dass mein Weggang den Erfolg der LMP nicht behindern wird, hat drei Gründe. Zum einen habe ich mich bewusst zur Zyklushälfte zu diesem Schritt entschieden. So bleibt genug Zeit, sich auf die neue Situation nach meinem Weggang einzustellen. Von meinen eigenen Plänen abgesehen, gebe ich mein Mandat auch zurück, weil ich schlicht nicht blöd oder scheinheilig bin. Selbst, wenn ich mich als Fünfter nach hinten in die Fraktion setzen würde, würden doch die Kameras mich suchen. Diese Situation möchte ich von vornherein vermeiden, ich möchte die anderen nicht behindern. Außerdem hat der Vize-Parteivorsitzende innerhalb der Parteistruktur kaum Befugnisse, ähnlich wie die Queen in England. (…) Mehr noch, es hat sich innerhalb der LMP so eine organisatorische Kultur entwickelt, in der der informelle Einfluss mittlerweile zum Schimpfwort geworden ist. (…) Der dritte Grund hingegen, weswegen ich nicht glaube, dass mein Weggang aus der Partei mit fürchterlichen Konsequenzen einher gehen würde, ist, dass während die Jobbik von einer gläsernen Decke der Salonfähigkeit beschränkt wird, die LMP mit einer acht bis zehn prozentigen gläsernen Decke zu kämpfen hat, die sich aus ihrer Organisationsstruktur ergibt. Wir müssen von Kisvárad bis Körmend vor Ort sein, was wir aber derzeit nicht sind. Wenn die Partei diese gläserne Decke nicht durchbrechen kann, wird sie auch mit mir nicht wachsen. Wenn ihr dies jedoch binnen der nächsten anderthalb Jahre gelingt, kann die LMP auch ohne mich ein zweistelliges Ergebnis erzielen.


Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow
Konversation

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