Bevor Sie uns vom Compass-Workshop erzählen, könnten Sie kurz sich selbst und das Young Citizens Danube Network (YCDN) vorstellen?

Aber natürlich! Mein Name ist Nikolett Somlyai. Ich bin die Projektkoordinatorin des Young Citizens Danube Network, einer Organisation, die an der deutschsprachigen Andrássy Universität in Budapest ansässig ist. YCDN wurde 2011 von Andrássy-Studierenden gegründet und hat den Zweck, Jugendliche im Donauraum zu vernetzen und für sie verschiedene Projekte anzubieten. Unser Kernziel ist es, den Austausch zwischen der Donaujugend zu stärken, soziales Engagement der Jugendlichen zu fördern und ihnen mehr Möglichkeiten zum Voneinanderlernen zu schaffen.

Was genau ist Ihre Aufgabe bei YCDN?

Als Koordinatorin habe ich die Verantwortung, die Projekte zu strukturieren und Ideen zu entwickeln und zu bündeln. Meine Aufgabe besteht darin, die freiwilligen Mitwirkenden der Organisation anzuregen, in sozialen Bereichen Ideen zu entwickeln und an die Gesellschaft weiterzugeben. Im Grunde genommen bin ich dazu da, das Projekt mit Energie und Seele zu füllen!

Erzählen Sie uns von Compass. Was ist das Ziel des Workshops?

Compass ist ein Workshop über Xenophobie – das Konzept und die Haltung allgemein. Wir lernen und diskutieren, was Fremdenfeindlichkeit bedeutet und was dahinter steckt. Der Workshop ist eigentlich für Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren konzipiert, wobei wir gemerkt haben, dass er sich für alle eignet, die mehr über das Thema und auch über sich selbst lernen möchten.

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Nikolett Somlyai: „Ich glaube, das schönste Erlebnis ist es, zu sehen, wie zwischen den Schülern Diskussion entsteht.“

Uns geht es darum, Vorurteile aufzudecken, anzugehen und abzubauen – aber nicht einfach, indem wir den Teilnehmern frontal eine Meinung aufzwingen. Eigentlich halten wir uns so weit wie möglich zurück, denn die Jugendlichen sollen lernen, über ihre eigene Meinung zu reflektieren. Wir wollen sie dazu bringen, nachzudenken und sich zu fragen: Welche Vorurteile habe ich? Woher kommen sie? Was stimmt an ihnen und was ist vielleicht unbegründet?

Wie ist die Idee für das Projekt entstanden?

Ich habe den Workshop mit meinen Kommilitoninnen Anikó Fischer und Bálint Farkas entwickelt. Wir sind ja selbst in Ungarn auf die Schule gegangen und haben jetzt im Studium bemerkt, dass uns zwei Dinge während der Schulzeit gefehlt haben: interaktiver Unterricht und Diskussionen über aktuelle Themen. Ich glaube, das ist auch heute noch so. Einerseits ist der Unterricht fast immer frontal und andererseits werden viele Themen, die gerade für junge Menschen besonders interessant wären, nicht oder nur kurz besprochen. Dabei sind das Themen, über die sie gerne reden würden und zu denen sie viele Fragen haben, die dann unbeantwortet bleiben. Wir haben das Gefühl, dass das Schulsystem den Schülern nicht wirklich beibringt, wie sie eine eigene Meinung konzipieren und ausdrücken können.

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Rund ein Dutzend Spiele und Segmente erwarten die Teilnehmer.

Diese beiden Probleme wollen wir mit unserem Workshop überwinden: Einerseits wollen wir die Schüler dazu motivieren, ihre eigene Meinungen zu bilden und sich gegenseitig auszutauschen, andererseits wollen wir sie für das Thema Fremdenfeindlichkeit sensibilisieren.

Welche Erfahrungen habt ihr mit den Jugendlichen gemacht?

Wir sind im Frühling in eine Klasse gegangen und haben die Schüler zunächst gefragt, was sie sich von dem Workshop erwarten. Sie meinten dann gleich, dass sie eine andere Sicht zu dem Thema Fremdenfeindlichkeit hören möchten. Sie wollten mehr Informationen dazu hören und nicht bloß die typischen Argumentationen, die man in den Medien mitbekommt. Das waren Achtklässler, also 13- und 14-Jährige! Das hat uns ehrlich gesagt ein bisschen überrascht – aber positiv!

Wir wollen den Jugendlichen die Möglichkeit geben, zu diskutieren und miteinander ihre Erlebnisse zu teilen. Sie sollen sich selbst Gedanken machen und über das Thema reflektieren. Deswegen fragen wir sie zum Beispiel, was sie über Fremdenfeindlichkeit denken und was ihre Erfahrungen damit sind. Natürlich kann es dann auch passieren, dass Schüler schon eine feste Meinung zu Xenophobie, Migranten und Flüchtlingen haben. In so einem Fall versuchen wir nicht, anderen unsere Meinung aufzuzwingen, sondern bloß eine neue Perspektive aufzuzeigen. Bis jetzt sind dabei immer sehr interessante Gespräche entstanden, von denen alle etwas lernen konnten.

Du meinst also, dass der Workshop erfolgreich ist?

Auf jeden Fall! Ich kann Ihnen gerne die Feedbackbögen von den Schülern zeigen. Da heißt es oft: „Endlich behandeln wir etwas Aktuelles und nicht bloß die ersten Arpadenkönige“, oder „Ich habe viel über mich und darüber, was ich über das Fremde denke, dazugelernt.“ Jemand anderes schreibt: „Jetzt verstehe ich, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein.“

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Die Schüler freuen sich, auch einmal eine andere Seite zu sehen und sich besser in die Lage von anderen versetzen zu können. Das macht mich glücklich und ich finde, es ist gut und wichtig, dass wir den Workshop anbieten.

Erkläre uns einmal den Ablauf von Compass – wie funktioniert der Workshop?

Der Workshop ist relativ lang, aber er macht viel Spaß. Wir haben ungefähr ein Dutzend Spiele und Segmente, die wir mit den Schülern durchführen. Das sind zum Beispiel Spiele wie „Human Bingo“. Bei dem Spiel bekommen alle eine Karte mit Aufgaben wie: „Finde jemanden in der Klasse, der schon einmal Gyros gegessen hat“ oder: „Finde jemanden, der schon einmal außerhalb Europas war“ oder: „Finde jemanden, der Verwandte im Ausland hat.“ Dadurch lernen sie ihre Mitschüler aus einer ganz anderen Perspektive kennen und überlegen sich bewusst, wann sie mit fremden Kulturen und Menschen in Berührung gekommen sind.

Was ist das Schönste, das du im Workshop erlebt hast?

Ich glaube, das schönste Erlebnis ist es, zu sehen, wie zwischen den Schülern Diskussion entsteht. Zu sehen wie sie aufeinander achten, sich in der Diskussion unterstützen, sich gegenseitig ausreden lassen. Die Schüler werden immer sehr aktiv, diskutieren viel und sagen ihre eigenen Meinungen. Am tollsten ist es dann, wenn sie als Gruppe selbst Struktur in die Unterhaltung bringen, ohne dass wir als Workshopleiter uns noch weiter einbringen müssen. Dann haben wir das erreicht, was wir erreichen wollen. Sie sollen ja lernen, wie man miteinander kommuniziert. Wie man einander zuhört.

Wie sieht die Zukunft von Young Citizens Danube Network und von Compass aus?

Es gibt eine hohe Nachfrage nach Workshops wie Compass. Viele Lehrer freuen sich, wenn sie Unterstützung und ein bisschen frischen Wind von außen bekommen. Wir werden also weiterhin in Schulen gehen und freuen uns über die Zusammenarbeit mit neuen Kooperationspartnern. Im Sommer werden wir Compass bei einigen internationalen Jugendcamps durchführen. Das wird sicherlich spannend, weil auch deutsche und russische Jugendliche dabei sein werden. Wir werden bestimmt neue Erfahrungen machen und andere Meinungen zu dem Thema sammeln können.

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Außerdem wollen wir eine Konferenz organisieren, zu der wir Freiwillige aus dem Donauraum einladen. Dabei sollen die Teilnehmenden die Methoden des Workshops erlernen, um ihn in ihren eigenen Ländern und in ihrer eigenen Sprache durchführen zu können.

Ich glaube, wir haben mit Compass eine erfolgreiche Methode und ein gutes Modell für interaktiven Unterricht entwickelt.

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Konversation

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