Ihre ungarische Vergangenheit hat Sie wieder eingeholt. Zwei Jahre nach Ihrem Weggang aus Ungarn standen Sie eben wieder auf einer ungarischen Bühne. Was war Ihre Reaktion, als Sie von der Absicht des DWC erfuhren, Ihnen diese hohe Anerkennung zukommen zu lassen?

Die Mitteilung hat mich natürlich erfreut; nach dem ersten Glücksmoment habe ich mich aber gefragt, ob ich den Preis nicht besser so verstehen sollte, dass er Ergebnis vieler kollektiver und individueller Beiträge von Zeitgenossen und Kollegen ist, die 1989 und danach zum deutsch-ungarischen Freundschaftswerk beigetragen haben. Letzteres gilt.

Ist der jetzige Ihr erster Budapest-Besuch seit dem Ende Ihrer Zeit als hiesiger deutscher Botschafter im Sommer 2014?

Ich war seitdem nicht mehr in Budapest. Leider konnte ich jetzt nur ein Wochenende in dieser wunderschönen Stadt verbringen. Fortsetzung folgt ganz bestimmt.

Hatten Sie in der Zwischenzeit Kontakte zu Ungarn?

Laufend. Der derzeitige ungarische Botschafter bei der OECD, Kollege Cséfalvay, ist mir aus unseren gemeinsamen Budapester Tagen – er war als sachkundiger und obendrein des Deutschen mächtiger Staatssekretär ein gefragter Gesprächspartner deutscher Wirtschaftsvertreter und Besucher aus Deutschland – bekannt. Im April begrüßten die versammelten Botschafter bei der OECD Herrn Ministerpräsident Orbán. Er kam aus Anlass der 20-jährigen Mitgliedschaft Ungarns in der OECD zu einem Vortrag, begleitet von einer Delegation, deren Mitglieder ich aus vorangegangenem Tun gut kannte. Ich bekannte mich gegenüber Herrn Orbán, der bei der Einzelbegrüßung aufgrund der französischen alphabetischen Sitzordnung im Saal zuallererst und offensichtlich überrascht auf den Vertreter von „Allemagne“ stieß, auf meine „Wiederholungstäterschaft“ in Sachen OECD. Hier war ich von 2005 bis 2008 schon einmal Botschafter.

Können Deutschland beziehungsweise die OECD von Ihrem in drei Jahren angesammelten Erfahrungsschatz in Sachen Ungarn profitieren? Werden Sie gelegentlich als Ungarn-Experte um Rat gefragt?

Den persönlichen Mehrwert an Erfahrung aus den drei Jahren will ich nicht überbewerten. Auch im politischen Bereich menschelt es. Meist ging es vorhersehbar zu. Nur gelegentlich werde ich von Interessierten nach meiner Einschätzung ungarischer Ereignisse und Personen gefragt. Ich muss dann unter dem Vorbehalt ehemaliger Erkenntnisse und Schlussfolgerungen antworten. Ein „debriefing“, wie man es sich vielleicht landläufig vorstellen könnte, hat es nicht gegeben, von einem öffentlichen Vortrag einmal abgesehen. Es gibt viele Ungarn-Kenner in Deutschland.

Hat sich am heutigen Ungarnbild in Europa beziehungsweise der Außendarstellung Ungarns in Europa im Vergleich zu Ihrer Zeit etwas verbessert? Wie sieht man Ungarn von Paris aus? Etwa Ihre Kollegen bei der OECD?

Ein einheitliches Bild in Europa gibt es naturgemäß zu keinem Land. Manche Länder sind Ungarn in diesen Tagen umständehalber inhaltlich näher als andere. „Von Paris aus“ kann ich keine brauchbaren Erkenntnisse beitragen, weil meine Arbeit die bilaterale Sicht, etwa Frankreichs Blick auf Ungarn, nicht relevant berührt. Meine Botschafterkollegen bei der OECD haben, sofern sie sich mir gegenüber äußerten, den Vortrag von Herrn Orbán in guter Erinnerung behalten. Der Generalsekretär der OECD fand gegenüber dem Gast lobende Worte für die jüngsten Leistungen Ungarns und stützte sich dabei auf die Ergebnisse der Länderprüfung, die von der OECD regelmäßig für jeden der 34 Mitgliedstaaten durchgeführt wird.

Wo sehen Sie ungarischerseits bei der externen Kommunikation noch Handlungsbedarf?

Ich verfolge diese Kommunikation in meiner jetzigen Funktion nicht mehr mit der Genauigkeit, mit der ich als Botschafter in Ungarn auf dessen Außendarstellung schaute. Ich erinnere daran, dass ich als Botschafter den ungarischen Partnern wiederholt öffentlich riet, in Deutschland noch mehr und regelmäßig ihre Sicht der Dinge vorzutragen und nicht darauf zu vertrauen, dass allerorten deutsche Ungarn-Spezialisten anzutreffen sind.

Unter anderem die OECD hat Ungarn in ihrem jüngsten Bericht mit einem in weiten Teilen positiven Bericht bedacht. Schlagen sich diese und andere Anerkennungen der wirtschaftlichen Leistungen Ungarns auch im allgemeinen Ungarn-Bild nieder oder wird Ungarn weiterhin eher aus politischem Blickwinkel betrachtet und eingeschätzt?

Der Länderbericht hat in Ungarn ein vernehmbares Echo gefunden. Ich kann nicht beurteilen, ob er über den OECD-Wirkungskreis hinaus gelesen wurde, vermutlich aber allemal von Investoren, Handelspartnern, Wissenschaftlern und anderen Fachleuten.

Wann werden Sie Budapest mal wieder einen Besuch abstatten? Können wir Sie vielleicht einmal zu einem Vortrag über die OECD auf einer DWC-Veranstaltung begrüßen?

Ungarn hat einen eigenen sehr sachkundigen Botschafter bei der OECD. Ich will damit aber nicht sagen, dass ich als Inhaber der Ehrenmitgliedschaft im DWC eine Einladung unbeantwortet ließe. Vielleicht könnten wir 2017 über eine Schlussbilanz reden, dann ist meine Zeit im deutschen öffentlichen Dienst nach 41 Jahren beendet.
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