Berlin im Jahre 1955: Rosemarie Riedel ist 15 Jahre alt. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester sitzt sie am Ostbahnhof auf einer Bank. Ein Zug fährt ein. Menschenmassen steigen aus. Das junge Mädchen weiß nicht, wo es hinschauen soll. So viele Menschen und jeder von ihnen könnte ihr Vater sein. Noch nie zuvor hat sie ihn gesehen. Mithilfe des Deutschen Roten Kreuzes soll nun eine Familienzusammenführung stattfinden. Der Bahnhof wird leerer. Plötzlich berührt sie jemand von hinten: „Bist du das Röschen?“ In dem Moment weiß sie, dass es ihr Vater sein muss. „Nie zuvor hatte mich jemand Röschen genannt, alle nannten mich Rosemarie“, erzählt sie heutzutage in Erinnerungen an dieses erste Treffen mit ihrem Vater E. Rudolf Grisard. „Meine größere Schwester sprang aufgeregt auf und schrie: ‚Papa, Papa, das Röschen ist da!‘ Dann setzten wir uns in ein Taxi und fuhren gemeinsam in seine Wohnung.“ Als Rosemarie zum ersten Mal seine Wohnung betritt, sieht sie seine Kunstwerke, sieht, wer er wirklich ist.

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Rosemarie Riedel: „Wir waren stolz auf unseren Vater.“ (BZT-Fotos: Nóra Halász)

„Ich erinnere mich an diesen Tag, als ob es gestern gewesen wäre. Ich betrat die Wohnung und sah ein Bild mit drei Fischen, aber ich verstand es einfach nicht. Ich dachte, die Fische würden sich nur im Wasser spiegeln, dabei handelte es sich um Stockfische. Als ich meinen Vater danach fragte, sagte er, ich solle versuchen mir etwas dabei zu denken und er würde mir die Frage nicht beantworten.“ So war aller Anfang schwer zwischen den erst wiedervereinten Familienmitgliedern. E. Rudolf Grisard war ein gemachter Mann, ein fleißiger Maler. Die Mädchen besuchten ihn oft und hatten hohe Erwartungshaltungen. „Wir waren stolz, was wir für einen schönen und erfolgreichen Vater haben und haben ihn dementsprechend verehrt. Schließlich haben wir auch unsere Mutter nie kennengelernt und fanden endlich jemanden, zu dem wir wirklich aufschauen konnten. Doch irgendwie konnte er diese Liebe und Bewunderung nicht zulassen und hatte aufgrund der Arbeit kaum Zeit. Seine Kinder waren seine Bilder.“

Malen, um zu überleben

Er war zweifelsohne ein geborener Künstler. Das gesamte Leben von E. Rudolf Grisard war durch sein künstlerisches Werk geprägt. Sein Talent entdeckte er während des Krieges, als er in russischer Gefangenschaft war. Doch anstatt als Soldat zu dienen, musste er Bilder für die Offiziere malen. Manchmal malte er die ganze Nacht, weil die Bilder grundsätzlich morgens abgegeben werden mussten. In dieser Zeit entstand auch sein berühmtestes Werk, das zwei russische Mädchen abbildet. „In Gefangenschaft ging es meinem Vater also verhältnismäßig gut, weil er am warmen Ofen zeichnen durfte. Mit der Zeit wurde er immer besser und zügiger. Irgendwann konnte er ein Porträt eines Soldaten in drei bis vier Stunden malen“, erzählt Rosemarie. Nach dem Krieg suchte der leidenschaftliche, ostpreußische Maler in den Trümmern Holzbretter, um darauf zu malen. „Als seine Mutter die Holzbretter fand, benutzte sie sie zum Heizen. Mein Vater war außer sich.“ Außerdem versuchte Grisard an Ölfarbe zu gelangen, um seiner Passion wieder nachgehen zu können.

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Malerei aus russischer Kriegsgefangenschaft.

Später zog er nach Westberlin, wo er an der Universität der Künste unterrichtete. Diese Arbeit löste in dem Vollzeitkünstler jedoch eine gewisse Unruhe aus. Er war nun an feste Unterrichtszeiten gebunden und nicht mehr in der Lage jeden Einfall direkt zu realisieren, zumal er auf die Einnahmen als Dozent angewiesen war. „Wenn er eine Idee für ein neues Bild hatte, musste er sie so schnell wie möglich umsetzen und wollte keine Sekunde verschwenden. Daher machte ihn der Job an der UdK langfristig nicht glücklich. Alle haben ihn sehr gemocht und er hat oft zwei bis drei Bilder auf Ausstellungen präsentiert, sich mit Kollegen ausgetauscht, aber im Endeffekt war er am liebsten für sich“, erinnert sich Rosemarie, die diese Attitüde auch am eigenen Leib erfahren hat. Interessanterweise ging es E. Rudolf Grisard beim Malen nie darum, aus seinen Werken Profit zu ziehen. Im Gegenteil: Viele Menschen wollten ihm seine Bilder abkaufen, doch er gab sie nur widerwillig her. „Er konnte sich nie von einem Bild trennen. An jedem einzelnen hing sein Herz. Das hing auch damit zusammen, dass er all seine Werke als unfertig betrachtete, wodurch er das niemals ruhende Bedürfnis hatte, sie ausbessern zu wollen.“ So hat Grisard seine Bilder im Laufe seines Lebens allesamt wieder zurückgekauft. Er wollte alle seine Werke um sich herumhaben. „Er hat für die Kunst gelebt und war ein wahrer Experte. Mit ihm hätte man stundenlang darüber diskutieren können, bei welchen Lichtverhältnissen und an welcher Wand man ein Bild am ehesten aufhängt, sodass es den Aquarellfarben nicht schadet.“ Vor genau 40 Jahren, im Jahre 1976, verstarb Grisard. Rosemarie Riedel stand mit ihrem Vater bis zu seinem Tod in Kontakt. Unterdessen baute sie sich jedoch ein eigenes Leben im fernen Budapest auf.

Die große Liebe in zweierlei Hinsicht

Nachdem Rosemarie Riedel ihre Liebe zum Friseurhandwerk entdeckt hatte, lebte sie als Meisterin in Chemnitz. Die blutjunge Absolventin war die jüngste Meisterin der damaligen Zeit und machte sich bereits mit 24 Jahren selbstständig. „Gleich an meinem dritten Tag als Meisterin lernte ich dann meinen Mann kennen. Es war eine schicksalhafte Begegnung auf einem Ball des privaten Handwerks.“ Rosemarie hatte ihren zukünftigen Ehemann schon früher am Abend erblickt, wie er durch eine schwere, prunkvolle Kupfertür in den Tanzsaal spähte. „Ich wusste sofort, dass der Kerl nicht zum Fach gehören konnte. Im Laufe des Abends fanden wir uns an einer Bar wieder, wo Livemusik gespielt wurde. Da blickte er plötzlich durch eine andere Tür und wir kamen ins Gespräch. Er wurde erst nicht hineingelassen, da er keine Krawatte trug.“ Der aus Ungarn stammende studierte Ingenieur hatte in der DDR gearbeitet und musste bald wieder zurück in sein Heimatland. Zuvor stand aber eines fest: Er und Rosemarie Riedel würden so schnell wie möglich heiraten.

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Dieses romantische Vorhaben gestaltete sich allerdings schwieriger, als erhofft. „Unser Leben war kunterbunt und es ging schon chaotisch los. Ich wusste nicht einmal genau, wann ich geboren wurde und besaß keine Geburtsurkunde, weil ich meine Mutter nie kennengelernt hatte. Als mein Mann schon wieder zurück in Ungarn war, erhielt ich eines Tages ein Telegramm mit den Worten: Sei am 13. Oktober um 11 Uhr meine Braut. Ich konnte es kaum glauben. Er hatte sich vor Ort um alles gekümmert und so lange auf verschiedene Standesbeamte eingeredet, bis wir tatsächlich heiraten konnten“, erzählt Rosemarie mit glänzenden Augen. Heutzutage ist Budapest ihr Zuhause. Hier hat sie auch ihren eigenen kleinen Friseursalon „Rosemarie Riedel“, in dem sie bis heute Groß und Klein frisiert. Es war ein langer Weg dorthin mit vielen Höhen und Tiefen. Doch gerade die Tiefen und das frühe auf sich allein gestellt sein, haben Rosemarie Riedel zu der starken Person gemacht, die sie heute ist. Sie bestritt zahlreiche Wettbewerbe in Berlin, Leipzig und Prag mit Erfolg. Diese Erfolgsgeschichte setzte sich auch in Budapest fort. „Mein Mann hat mich immer bei allem unterstützt, was ich gemacht habe und dafür bin ich sehr dankbar.“ Neben der Karriere als Friseurmeisterin zog sie mit ihrem Mann zwei Söhne groß.

Die dritte Kunstausstellung

Zu ihrem 70. Geburtstag, den Rosemarie gemeinsam mit ihrem Mann zelebrierte, hatten sie ihre Geschwister mit einem Bild des Vaters überrascht. Rosemarie begann, die Werke zu sammeln, reiste einst sogar nach Berlin, um das Werk mit den russischen Mädchen einem Museum abzukaufen. Derzeit besitzt sie 20 Bilder von E. Rudolf Grisard, die sie am 30. Mai in Budapest ausstellt. Es ist bereits die zweite Ausstellung in Budapest, die erste hatte am Balaton stattgefunden. „Ich habe jetzt schon alle Bilder poliert und freue mich, interessierte Leute ab 18 Uhr in der Puskin utca zu empfangen“, sagt die stolze Tochter abschließend.

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