Lange währte der Streit um den Begriff der so genannten Leitkultur, der von den pazifistischen Medienmachern in den 90er Jahren mit Entsetzen abgelehnt wurde. Freiheit, so sagten sie, sei ein Wagnis und ein Recht für alle, so zu sein, wie sie es wünschen. Und somit gäbe es keine Leitkultur. Das Recht auf Religions-und Meinungsfreiheit sei im deutschen Grundgesetz verankert und diese Garantie, die am 24. Mai 1949 in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft trat, stand für den Neuaufbau eines wirklich demokratischen Deutschlands. Als nun auch Papst Franziskus sich bei den Flüchtlingen entschuldigte und ihnen ausrichten ließ: „Ihr werdet als Problem behandelt und seid in Wirklichkeit ein Geschenk“, war klar, seine Botschaft bezieht sich auf genau dieses Recht, das das christliche Europa über Humanismus und Aufklärung hinweg heute allen Menschen, ganz gleich welcher Hautfarbe und welcher Konfession zuspricht.

Ob nun in kleinen Ländern wie Slowenien, die knapp 2 Millionen Einwohner zählen, oder in Ungarn, mit gerade Mal 10 Millionen Bürgern, eine Million Flüchtlinge überhaupt als „Geschenk“ empfunden werden können, soll hier nicht diskutiert werden. Sicherlich will niemand Flüchtlinge irgendwo unversorgt stehen lassen, sondern wirklich Schutzsuchenden helfen. Auch wenn es weiterhin unverständlich bleibt, warum die aktuelle Flüchtlingskrise nicht auf internationaler Ebene gelöst wird, so wie das Schicksal der Boat-People Ende der Siebziger Jahre.

Das Christentum gehört zum Orient

Daneben stellt sich aber eine ganz andere, sehr wesentliche und bislang unbeantwortete Frage: Es ist sicher richtig, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt, dass der Islam heute zu Deutschland und zu Europa gehört. Doch das Christentum ist seit seinem Erscheinen im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung auch integraler Teil des Orients. Zu den ältesten christlichen Kirchen zählen die maronitisch-syrische Kirche, der rund 3,5 Millionen Libanesen und etwa 10 Prozent der arabischen Bevölkerung des Nahen Ostens angehören, sowie die koptisch-orthodoxe Kirche, mit rund 6 Prozent der ägyptischen Bevölkerung. Die Mitglieder dieser Gemeinden werden in diesen Tagen jedoch diskriminiert und blutig verfolgt, wozu die EU-Elite eifrig schweigt. Es gibt keine Demonstrationen für die Rechte der verfolgten Christen im Nahen Osten, keine Mahnwachen, nur gespenstisches Schweigen und Gleichgültigkeit.

Da diplomatische Beziehungen aber etwas mit Gegenseitigkeit zu tun haben, wäre es vielleicht an der Tagesordnung, dass unsere europäischen Menschenrechtsvertreter auch von Seiten der muslimischen Länder mehr Kooperationsbereitschaft einfordern, was bedeutet, dass hier laut und deutlich und notfalls auch über diplomatischen Druck schlichtweg alles dafür getan wird, um die im Nahen Osten laufende Christenverfolgung zu stoppen, die Zerstörung der uralten christlichen Kirchen und Kathedralen aufzuhalten und den Christen dort das gleiche Recht auf Glaubensausübung einzuräumen, wie es die Muslime in der EU einklagen und sicherlich auch zu Recht bereits besitzen.

Zweierlei Maß

Darüber hinaus wäre es äußerst wichtig, dass Europa seine Öffnung gegenüber dem Islam mit der Forderung einer Öffnung der islamischen Theologie gegenüber dem Christentum und dem Judentum verbindet. Zumindest müsste sichtbar sein, dass es in diesem Bezug ernst zu nehmende kulturpolitische und politische Anstrengungen gibt. Wenig überzeugend war diesbezüglich die Geste des Papstes beim Empfang iranischen Präsidenten Hassan Rohani Ende Januar, als dieser aus Rücksicht auf den Glauben seines Gastes zahlreiche nackte Statuen im Kapitol in Rom verhängen ließ. Zu Recht zeigten sich viele italienischen Politiker empört. Muss Europa sich verhüllen, hat es etwas zu verstecken? Und es lässt auch viele Bürger in Deutschland aufhorchen, wenn die mutmaßlichen sexuellen Straftäter aus Köln letztendlich ungestraft davonkommen, weil die sexuell belästigten Frauen sich nicht mehr genau an die Gesichter ihrer Peiniger erinnern können, da diese ja immer in Gruppen auftraten.

Dieser straffreie Raum, der hier entsteht und die Zeichen, die die offiziellen Vertreter von Staat und Kirche setzen, machen vielen Menschen zu Recht Angst, selbst solchen, die nicht zu den Rassisten und Faschisten gehören. Denn unglücklicherweise kommen die Flüchtlinge aus den Krisenregionen zwischen Syrien und Afghanistan in genau dem Augenblick, in dem islamistische Fanatiker Europa mit ihren blutigen Attentaten in Aufruhr versetzen.

Dem Islamismus etwas Konkretes entgegensetzen

Wer also möchte, dass die massive Einwanderung von Muslimen in Europa zu einem friedlichen Miteinander führt und in den europäischen Gesellschaften keine tiefgreifenden Konflikte auslöst, wird von daher viel mehr in Gang setzen müssen, als nur mediale Gesinnungspolitik. Hier geht es darum, dem Islamismus etwas Konkretes entgegenzusetzen und das können rein säkulare Appelle an Menschenrechte und kulturelle Freiheit nicht leisten. Es reicht nicht aus, wenn der Bundespräsident Joachim Gauck schlicht und ergreifend aufzählt, was er von muslimischen Migranten erwartet: „Respekt gegenüber Homosexuellen, Frauen und Juden und die Anerkennung Israels.“ Das klingt wie ein hohler kategorischer Imperativ, der ins Leere läuft.

Denn wenn es auch unserer pazifistisch-rationalen und alternativ-aufgeklärten Gesellschaft und deren Medienvertretern nicht gefallen mag, aber der Weg zu einem friedlichen Miteinander zwischen den drei „abrahamitischen Religionen“ führt nur über die Religionen selbst. Das haben einige engagierte Vertreter der drei Religionen schon vor Jahren erkannt. Nur werden ihre Aktionen von den Medien kaum wahrgenommen. Schon in den Jahren 2004 und 2006 trafen sich in den spanischen Städten Toledo und Granada Rabbiner, Imame und Priester zu einem außergewöhnlichen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen. Und wer hat darüber berichtet? Das marokkanische Fernsehen. In Europa waren diese Treffen nicht eine einzige Zeile wert. Weshalb? Weil Glaube und Religion in den Köpfen unserer pazifistisch-grün-aufgeklärten Medienvertreter nicht in das Weltbild ihrer angeblich von Dogmen befreiten, modernen Gesellschaft passen. Alles, was mit Glauben und Religionen zu tun hat, ist ihrem Verständnis nach schlichtweg reaktionär und somit möglichst nicht zu thematisieren.

Nach den ersten Synagogenbränden in Lyon und in Paris in den Jahren 2002, organisierten einige jüdische und muslimische Gemeinden den Austausch ihrer Hausmeister, den so genannten Concierges. In den Synagogen verwalteten eine Zeitlang muslimische Frauen die Gebäude und in den Moscheen waren es Juden. Sephardisch jüdische Mütter trafen in den Pariser Vororten auf muslimische Frauen. Sie kochten und sangen gemeinsam. In Frankreich fördert seither die Bruderschaft Abrahams, die Fraternité d‘Abraham den interreligiösen Dialog zwischen den drei monotheistischen Religionen. Sie treffen sich in der großen Moschee in Paris, in der Kathedrale Notre Dame oder in der liberalen Synagoge der Hauptstadt, in der Rue Copernic.

„Grundschule der drei Religionen“

In Deutschland laufen zurzeit zwei Projekte, über die die Mainstreammedien so gut wie überhaupt nicht berichten, die aber in Hinblick auf die sich anbahnenden Probleme von staatlicher und medialer Seite eine weit größere Aufmerksamkeit verdient hätten, als bisher. Das Bistum Osnabrück, der islamische Landesverband Schura in Niedersachsen, die türkisch islamische Union Ditib und die Jüdische Gemeinde der Stadt haben einen Kooperationsvertrag unterschrieben und eine „Grundschule der drei Religionen“ gegründet, eine Schule, in der Juden, Christen und Muslime in ihren Traditionen und zur Toleranz erzogen werden sollen. Doch kaum war die Schule im Schuljahr 2012/13 ins Leben gerufen worden, hagelte es auch schon Kritik. Wozu der ganze Aufwand, hieß es, um andere Religionen kennenzulernen, brauche man keine Schulen.

Offensichtlich begreifen viele der aufgeklärten Zeitgenossen nicht, worum es hier geht: Um eine Modernisierung und Integration des Islam in die europäischen Glaubensgemeinschaften und darüber hinaus um eine weltweite Kooperation zwischen den drei monotheistischen Religionen. Nur so könnte in der globalisierten Welt dem Islamismus ein Gegenkonzept entgegengestellt und jungen gläubigen Muslimen eine reale Alternative angeboten werden. Und nur so könnte man den Bürgern in Europa auch die Angst vor einem sich radikalisierenden Islam nehmen, denn sie könnten gemeinsam mit liberalen muslimischen Gemeinden gegen Radikalisierung und für Verständigung agieren.

„The House of One“

Das schönste und weltweit einzigartigste Projekte diesbezüglich läuft derzeit in Berlin und nennt sich „The House of One“. Drei Theologen, der Rabbiner Tovia Ben Chorin, der Imam Kadir Sanci und der katholische Priester Georg Hohberg, möchten an der Stelle der im 2. Weltkrieg zerstörten Berliner Petri Kirche, in einem einzigen Gebäude eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee bauen und in der Mitte, zwischen diesen drei Gottessälen dann einen gemeinsamen Raum, einen Platz schaffen, in dem diese drei Religionen aufeinander treffen. Das Problem nur: Dieses so wichtige Projekt wird nicht staatlich finanziert, sondern hängt von Spenden ab. Rund 1 Millionen Euro wurden bereits gesammelt, insgesamt 43,5 Millionen wären aber notwendig. Obgleich selbst das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für Inneres, das Deutsche Theater Berlin und die Evangelische Akademie von Berlin zu den Förderern des Projektes gehören und der Verein selbst bereits mit vielen interreligiösen Veranstaltungen in Berlin und in Deutschland auf sich aufmerksam gemacht hat, bleibt es ein Projekt, das gerade im Rahmen der massiven Einwanderung von Muslimen viel mehr Aufmerksamkeit und eine wesentlich breitere Unterstützung verdient hätte.

Es wäre dabei sehr wichtig, dass der Islam sich auch dem Judentum gegenüber öffnet. Die Katholische Kirche hat das 1965 unter Papst Paul VI. mit der Schrift Nostra Aetate im Zweiten Vatikanischen Konzil getan, in der sie das Judentum zur Wurzel des Christentums erklärte. So etwas sei im Islam nicht mehr möglich, meinte der französische Philosoph Alain Finkielkraut in einem Interview gegenüber der Wochenzeitschrift Die Zeit. Für die Modernisierung des Islams fehle die Zeit und der Islamismus möchte Europa in einen blutigen Bürgerkrieg treiben, so seine pessimistische Prognose. Ob es je eine optimistische Prognose geben wird, hängt ganz wesentlich davon ab, wie Deutschland und Europa es schaffen, den Islam dazu zu bewegen, sich als eine von drei monotheistischen Religionen zu verstehen.

Die Autorin publiziert und produziert Radiosendungen zu politischen Themen in MOE und religionshistorischen Debatten in Europa und Israel. Sie wuchs in Heidelberg auf, studierte in Paris und lebte seit 1990 in Bukarest, Paris und Budapest.


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