Von Árpád W. Tóta

Es ging nicht um den Ladenschluss, sondern um das Geheimnis: Das Volk steht nicht mehr hinter ihnen.

Sieg! Sie haben sich zurückgezogen! Die Shoppingcenter öffnen zeitgleich mit der Kirschblüte, das Volk hat seine Selbstbestimmung wiedererlangt und ist noch nicht einmal losgezogen zu den Wahlurnen. Genau darum ging es, dass es gar nicht erst loszieht. Es brauchte keine Glaskugel, um dies vorherzusehen. Machttechnisch war dies der logische Schluss – ebenso aber auch, dass es besser ist, gar nicht erst ins Leben der Menschen hineinzupfuschen. (…)

Natürlich hätte das Referendum auch gezeigt, dass man erfolgreich und entschlossen „Nein“ zu all dem sagen kann, was Orbán und die Seinen an den restlichen Tagen der Woche treiben. Ausgesprochenes Ziel war es, ihnen eine linke Gerade zu verpassen, damit endlich sichtbar wird: Sie sind besiegbar.

Vor dieser haben sie sich nun weggeduckt. Denn sie hüten ein großes Geheimnis, das nur so im Verborgenen bleiben konnte.

Das Geheimnis ist, dass das Volk, auf das sie sich stets berufen; in dessen Namen sie Blödsinn und Niederträchtigkeiten tun und einer Keule gleich jedwede Kritik vom Tisch fegen, nicht mehr hinter ihnen steht. Natürlich stand es nie geschlossen dort, aber solange es nicht offen widerspricht, kann genau dies behauptet werden. Jetzt ging es auch um das Aufdecken des Fehlens dieser Mehrheit. (…)

Derzeit kann nicht über Paks II. abgestimmt werden, ungeachtet der enormen Schuldenlast, das dieses Projekt verursachen wird. Auch ein Referendum zur Olympiade wurde geblockt – mit vollkommen unmöglichen Begründungen wohlgemerkt. Dabei wäre es durchaus interessant zu fragen: Sollen wir tausende Milliarden verprassen, oder sollten wir so bei Sinnen sein wie die Hamburger? (…)

Noch symbolischer jedoch sind Stadien. In den bescheuerten und fast leeren sündhaft teuren Kratern laufen immer noch die gleichen nutzlosen und uninteressanten Spiele wie zuvor. Und noch immer fließen die zahllosen Zehnmilliarden dorthin. Sogar Bischöfe sind mit von der Partie, weil sie wissen, dies ist Viktor Orbáns Spleen. Ach ja, und ein Stadion baute er direkt neben sein Landhaus. Seitdem ist er umgezogen, sodass wohl auch Hatvanpuszta bald ein 60.000er Stadion bekommen wird. Wenn wir´s einmal zugelassen haben, warum auch nicht.

Dabei könnte ein Stadionstopp sogar ein sehr erfolgreiches politisches Unterfangen sein. Schon allein, weil es fast direkt auf Orbán abzielt: Ja, jetzt nehmen wir ihm sein Spielzeug weg, so wie er dies mit Millionen Bürgern getan hat, die nun für Orbáns teures Hobby blechen dürfen. Eine solche Initiative würde Orbán direkt ins Mark treffen.

Sicher ließen sich auch markantere Themen finden – nur, dass auch über diese kein Referendum abgehalten werden kann. Aber halt, schauen wir noch einmal genauer hin: Was ist hier geschehen? Ist der Sonntagsschluss tatsächlich am Referendum gescheitert? Nein, sondern bereits an der Möglichkeit dieser Machtdemonstration. An der Angst, dass die Regierungsseite unterliegt, oder vielmehr, dass es offensichtlich wird, das sie unterliegen kann.

Majority Report

Um das zu beweisen, gibt es aber nicht nur das Mittel des formalen Referendums. Unterstützerunterschriften können zu allen Themen gesammelt werden. Wenn mehrere Hunderttausend Menschen ihren Namen zur Forderung geben, dass es keine Olympiade geben soll, und dass der Geldverschwendung im Leistungssport Einhalt geboten werden soll, dann ist das ebenso ein kräftiger Schlag, wie der, vor dem sich die Regierung nun weggeduckt hat. Rechtlich hätte so etwas natürlich keinerlei Konsequenz, aber wie wir sehen: Nicht das Recht entscheidet, sondern die Zurschaustellung der Macht.

Die Regierung Churchill appellierte während der deutschen Luftangriffe an das Volk, dem Staat Aluminiumpfannen zur Verfügung zu stellen, damit dieser daraus Kampfflugzeuge herstellen und so die deutsche Luftwaffe stoppen könne. Eine Lüge, aus diesen Pfannen wurden nie Flugzeuge. Doch die Hunderttausenden, die bis dahin ängstlich im Keller kauernd der Alarmsirene lauschten, hatten nun endlich das Gefühl, etwas tun zu können. Mehr noch, etwas zu tun, um den Feind zu besiegen. Sobald sie ihre Pfannen abgaben, befreiten sie sich vom Gefühl der eigenen Ohnmacht. Sie konnten glauben, sie hätten dem Feind persönlich einen Schlag verpasst, wenigstens einen ganz kleinen.

Dieses Gefühl sucht nun das Volk, das nicht mehr hinter Orbán steht. Noch kauert es im Keller, und hofft, dass eben sein Leben nicht vom, wie verrückt hüpfenden Fußball getroffen wird. Aber sofort brächte es seine Pfannen, wenn nur jemand käme, der anböte, daraus eine Waffe zu schmieden.

Der hier in Auszügen erschienene Kommentar erschien am 12. April auf dem Onlineportal des linksliberalen Wochenblattes hvg.

Aus dem Ungarischen von
Elisabeth Katalin Grabow

Konversation

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