Ungarns Landwirtschaft hat Potenzial. Aber auch Widersprüche, selbst fünfeinhalb Jahre nach dem Beitritt zur Europäischen Union. Während der Lebensmittelkrise feierte die Regierung Ungarns Landwirtschaft als tragende Säule der Wirtschaft, ein Jahr später fürchten die Getreidebauern bereits wieder um ihre Existenz.
Die ungarische Lebensmittelwirtschaft hat 2008 ein erfolgreiches, aber dennoch außerordentlich widersprüchliches Jahr abgeschlossen“, hatte Agrarminister József Gráf (MSZP) rückblickend in seinem Bericht über das vergangene Jahr betont. Die im Oktober 2008 ausgebrochene Finanz- und Weltwirtschaftskrise habe in der Welt einen starken Rückgang auf den Märkten für Industrie, Bauindustrie und Dienstleistungen verursacht und eine Rezession auf den wichtigsten Exportmärkten Ungarns ausgelöst. Während aber die Marktverluste für die Industrie dramatisch waren, sei das Agrarium zum stabilisierenden Faktor der Wirtschaft in Ungarn geworden. „Ohne die Landwirtschaft wäre die ungarische Volkswirtschaft bereits 2008 mit einem sinkenden BIP konfrontiert worden.“
Preisexplosion 2008
Im Jahre 2008 hatte die ungarische Landwirtschaft tatsächlich insgesamt ihre Produktion und ihre Exportleistung erhöhen können, auch das Einkommen der Produzenten war bedeutend gestiegen. In der Pflanzenproduktion wurden hohe Erträge erreicht und damit die Grundlage für den Rekordüberschuss im Agrar-Außenhandel von fast 2 Milliarden Euro gelegt. Hauptursache für die Bilanzverbesserung waren stark gestiegene Exporte im Getreide- und Ölsaatensektor. Dank der Preisexplosion auf dem Weltmarkt, die sich noch durch das gesamte vergangene Jahr zog, konnte Ungarn rund 6,3 Millionen Tonnen Getreide und 1,2 Millionen Tonnen Ölsaaten hauptsächlich in die EU-Mitgliedsländer absetzen. Damit stammten fast 80 Prozent des Bilanzüberschusses aus diesen beiden Sektoren. Stimulierend war für die ungarischen Exportfirmen auch der deutliche Kursverfall des Forints gegen Ende des Jahres, wodurch sie wesentlich höhere Forinteinnahmen verbuchen konnten.
Aber seit Anfang dieses Jahres hat sich das Rad gedreht. „Durch die Finanzkrise hat sich die Nachfrage auch nach landwirtschaftlichen Produkten und Lebensmitteln im Ausland und auch in Ungarn spürbar verringert“, sagt Anikó Juhász, Abteilungsleiterin im Institut für Agrarökonomie (AKI). „Der ungarische Agrarexport ist im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 10 Prozent zurückgegangen. Bei Getreide sind es sogar über 20 Prozent. Das liegt vor allem daran, dass die Weltmarktpreise für Getreide – vor allem für Weizen - auf fast die Hälfte gefallen und im Gegensatz dazu die Ölpreise rapide gestiegen sind, so dass sich die Transportkosten für die ungarischen Getreideexporteure dramatisch verteuert haben. Derzeit zahlt man je nach Zielgebiet 25-35 Euro pro Tonne.“
Massenkonkurs möglich
Noch drastischer formuliert eine Analyse des Landesverbandes der landwirtschaftlichen Genossenschaften und Landwirte (MOSZ), derzufolge das Jahr 2009 mit einem Fiasko für die ungarischen Getreideproduzenten enden wird. Den Experten zufolge könnte infolge der niedrigen Erträge bei gleichzeitig sinkenden Preisen sogar ein Massenkonkurs zur traurigen Realität werden. Dem Bericht zufolge gibt es kaum Nachfrage, auf dem Binnenmarkt sind die Preise für Weizen ins Bodenlose gefallen, mittlerweile zahlen die Aufkäufer nur noch 27.000 Ft pro Tonne. Dabei liegen die Produktionskosten für einen „anspruchsvollen Landwirt pro Hektar beim Fünffachen dieser Summe“.
Augenwischerei
Selbst József Pájtli, ein Einzelunternehmer in Tamási, der vor knapp einem Jahr an gleicher Stelle noch als einer der Gewinner des gegenwärtigen Agrarpreisroulettes bezeichnet wurde, ist ratlos und verbittert. Dabei hatte er sich vor kurzem erst eine eigene Trockenanlage und Lagerkapazitäten für 8.000 Tonnen Getreide im Wert von 200 Millionen Forint bauen lassen. „Die jetzigen Aufkaufpreise decken nicht einmal die Hälfte der Selbstkosten. Verkaufen kann ich jetzt nicht, also muss ich den Weizen einlagern. Aber das muss man erst einmal finanzieren können. In Frankreich bekommen die Bauern Kredite von den Banken für 1 Prozent, bei uns – wenn überhaupt – für über 20 Prozent. Das Interventionsangebot der Regierung und auch der EU für Futterweizen ist nichts weiter als Augenwischerei. Wenn die Regierung weiterhin nichts für uns tut, sehe ich schwarz für das nächste Jahr.“ Vielleicht bleibt den ungarischen Getreidebauern aber doch noch eine gewisse Hoffnung, denn der neue UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Ernährung, Olivier De Schutter, hatte im Vorfeld des UN-Welternährungsgipfels in Rom eine Warnung vor einem neuem Preisanstieg für Agrarprodukte im Jahre 2010 verkündet. Dann könnte das Agrarpreisroulette von vorn beginnen, wenn die Landwirte so lange durchhalten.
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