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Wirtschaft wird 2010 nicht mehr schrumpfen PDF Drucken E-Mail
Von Jan Mainka   
Montag, 5. Oktober 2009
Ab dieser Ausgabe wird die von Zoltán Ádám geführte Research-Abteilung der Takarékbank Zrt.  wöchentlich aktuelle makroökonomische Entwicklungen bewerten und ihre Auswirkungen abschätzen. Die Budapester Zeitung unterhielt sich mit ihm über die Arbeit eines Analysten und bat ihn um eine allgemeine Einschätzung der momentanen Konjunktursituation.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Analyst seit dem Lehman-Desaster verändert?

Die Märkte sind zwar noch immer sehr turbulent und volatil. Wenn man aber an die ersten Wochen nach dem Ausbruch der Krise zurückdenkt, kann man sie inzwischen fast schon wieder als „ruhig“ bezeichnen. In der akuten Phase der Krise waren die Makroprozesse einfach nicht mehr kalkulierbar.

Was macht ein Analyst in einer derartigen Situation?

Die eigene Ratlosigkeit zugeben und abwarten.  Aber ganz im Ernst: Verantwortungsvolle Prognosen waren in den heißen Wochen einfach nicht möglich. Inzwischen können wir aber mit hoher Wahrscheinlichkeitsagen, dass beispielsweise der BIP-Rückgang in diesem Jahr bei etwa 6 Prozent liegen wird. Diese Prognose hält sich schon seit etwa drei Monaten. Bis zum Ausbruch der Krise rechneten wir für 2009 noch mit einem soliden Wachstum. Erst ab November letzten Jahres gingen wir von einer Rezession aus, zunächst allerdings nur von einer ganz leichten. Noch im Dezember 2008 prognostizierte das Gros der Analysten für 2009 einen BIP-Rückgang von etwa 2 Prozent. Fast im Monatstakt wurde diese Zahl dann schließlich um ein Prozent ums andere größer.

Es gab aber auch Analysten, die schon recht früh mit einem stärkeren Rückgang der Wirtschaft rechneten.

Ja, ich nehme an, weil sie düsterere Prognosen bezüglich der deutschen Wirtschaft und deren Auswirkungen auf Ungarn angestellt haben. Aber ich kann mich erinnern, dass selbst die schwärzeste Vorhersage im vergangenen Dezember „nur“ 4 Prozent Rückgang für dieses Jahr prophezeiten. Keiner hat vorausgesehen, was dann in Wirklichkeit kam. Generell ist aber in unserer Branche bei deutlich abweichenden Prognosen Vorsicht angebracht. Viele Analysten haben es teilweise darauf abgesehen, mit frappierend klingenden Zahlen auf sich aufmerksam zu machen. Eine derartige Vorgehensweise erweist sich aber als fahrlässig: Denn unsere Prognosen können unter Umständen enormen Einfluss auf das Handeln der Akteure der Wirtschaft haben. Wenn etwa der Tenor der Analysten dahin geht, dass das Ende der Welt in Sicht ist, beziehen die Akteure diese Prognose in ihr Handeln mit ein, und alle Aktionen werden dadurch beeinflusst. Das ist der Grund, warum Analysten höchst verantwortungsvoll prognostizieren sollten, denn sowohl der Schnelligkeit als auch der Richtigkeit gilt es, gerecht zu werden. Ich bemühe mich sehr, dass die Zahlen, die wir veröffentlichen, Hand und Fuß haben. Wenn wir uns entschließen, eine Zahl herauszugeben, dann kann ich unseren Auftraggebern – unserer Unternehmensführung, den Kollegen der DZ BANK, unseren deutschen Aktionären und auch externen Institutionen – jederzeit eine plausible Begründung für das Zustandekommen dieser Zahl nachliefern.

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Welche Zahl können Sie derzeit bezüglich des Wirtschaftswachstums 2010 nennen?

Wir gehen im Gegensatz zur derzeitigen Regierungs- und Notenbank-Prognose davon aus, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr nicht mehr schrumpfen wird. Wir rechnen mit einem bescheidenen Wachstum von einem halben Prozent. Weiteres dynamisches Wachstum ist zum jetzigen Zeitpunkt unwahrscheinlich, obwohl es auch nicht gänzlich ausgeschlossen ist. Zum einen wird sowohl der private als auch der öffentliche Konsum zurückgehen. Andererseits wird sich Westeuropa von der Krise erholen und dadurch der Export angekurbelt werden. Wir sind nicht die Einzigen, die diese Voraussage treffen: Die Anzahl der Prognosen, die für das nächste Jahr Wachstum vorhersagen, steigt an. Es ist wahrscheinlich, dass Ungarn 2011-2012 wieder auf einen 2- bis 4-prozentigen Wachstumspfad zurückfinden wird. Ob der Weg dorthin allerdings stetig nach oben führt oder einen W-förmigen Verlauf nimmt, kann man noch nicht wissen, denn es bleiben Risiken im Raum. Hier wäre beispielsweise das Auslaufen von Konjunkturprogrammen zu nennen.
 
Wie kommen Sie zu Ihrer positiven Wachstumsprognose?

Einfach durch die Analyse verschiedener statistischer Wirkungen und der Untersuchung von externen Entwicklungen. Unsere tägliche Kooperation mit der DZ BANK ermöglicht uns eine breit angelegte Analyse von europäischen und internationalen Tendenzen. Es ist sehr wahrscheinlich,  dass das diesjährige Schrumpfen der Wirtschaft von rund 6 Prozent schon allein durch seine Basiswirkungen ein gewisses Wachstum induzieren kann. Eine große Rolle spielt hierbei, dass ein wesentlicher Anteil des diesjährigen Rückgangs der negative Lagerkreislauf war. Die Lagerzustände im Herstellungsbetrieben wurden reduziert, als Aufträge ausblieben und die Finanzierung problematisch wurde. Trotzdem kann eine wachsende Nachfrage eine  ziemlich rasche Kehrtwende in diesem Bereich auslösen, und Wachstum kann relativ leicht geschaffen werden, auch wenn der Konsum zurückgeht. Außerdem gehen wir davon aus, dass die Wachstumsimpulse im Laufe des Jahres aufgrund von äußeren Ursachen zunehmen werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben sowohl die Weltwirtschaft als auch die europäische Wirtschaft die Talsohle bereits durchschritten. Im kommenden Jahr werden die für Ungarn maßgeblichen Länder wieder ein bescheidenes Wachstum aufweisen. Das wird auch der ungarischen Wirtschaft entsprechende Impulse vermitteln. Hinzu kommt, dass Erfolge in der zweiten Jahreshälfte 2010 ihre Wirkung zeigen werden und der Konsum trotz der im Jahr 2009 durchgesetzten harten Maßnahmen, darunter der Mehrwertsteuer-Anstieg, die Streichung der 13. Monatsrente und Einschnitte beim Lohn, wieder ansteigt.

Wie sehen Ihre Defizitprognosen aus?

Wir sind Optimisten und vertrauen darauf, dass sich die Regierung an ihre Versprechen hält. Das ist nicht unmöglich: Seit 2006 hält sie sich an ihre Defizitziele und hat sie sogar schon mehrfach unterboten. Lediglich 2009 musste sie als Folge der Krise ihr Defizitziel auf 3,9 Prozent nach oben korrigieren. Wir denken, dass diese Vorgabe erreichbar ist. Wir wissen zwar noch nicht, wie viele Steuern in den letzten drei Monaten des Jahres eingenommen werden und wie viel Geld der Staat für die Arbeitslosenversicherung und sonstige Sozialleistungen ausgeben wird. Es ist aber wahrscheinlich, dass es im vierten Quartal einen bedeutenden Einnahmenüberschuss geben wird. Von daher halten wir das Defizitziel der Regierung für realistisch. Auch die für das kommende Jahr angestrebten 3,8 Prozent halten wir für angemessen.

Selbst mit Blick auf die Wahlen im kommenden Jahr?

Die Wahlen an sich haben nicht unbedingt einen negativen Effekt auf das Defizit. Und was die vorhergehenden kostspieligen Versprechungen und deren anschließende Umsetzung betrifft, so habe ich diesmal keine so großen Sorgen wie bei den letzten Parlamentswahlen. Die derzeitige Regierung handelt gemäß den Erwartungen des IWF und der Europäischen Union. Ungarn wird sowohl von diesen beiden Organisationen als auch von anderen Akteuren des Finanzmarktes genau beobachtet. Schon bei kleineren Verschlechterungen reagieren sie sofort. Diese Institutionen würden nicht zulassen, wenn die Regierung den Ertrag aus Anleihen beträchtlich steigen lassen würde. Das wäre in Anbetracht des Ansehens sehr gefährlich – Ansehen ist in Zeiten der Krise höchst wichtig. 2006 hatte Ungarn noch einen viel größeren Spielraum und konnte sich wesentlich mehr erlauben. Jetzt würde bei fiskalischen Fehlentscheidungen sofort eine harte Reaktion auf dem Fuße folgen.

Wie beurteilen Sie die Sparmaßnahmen der Regierung?

In ihrem Kern sind diese Notmaßnahmen völlig rational. Es sind mehrheitlich Schritte, die bereits seit Jahren von den meisten Experten angemahnt worden waren. Denken wir nur an die Streichung der 13. Monatsrente oder des 13. Monatsgehalts für Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Auch die generellen Schnitte bei den Sozialausgaben sind mit Blick auf das wesentlich geringere Sozialausgabenniveau in anderen Ländern der Region nicht abwegig. Grundsätzlich weisen die Ausgabenkürzungen der Regierung in die richtige Richtung, wenngleich zuweilen ein gewisser Aktionismus die Feder geführt zu haben scheint. Ich bin mir beispielsweise nicht sicher, ob es in der derzeitigen angespannten Situation klug war, die Auszahlung von Kindergeld von drei auf zwei Jahre zu senken. Die Einsparungen aus dieser Maßnahme sind nicht so erheblich, aber der finanzielle Aufwand derer, die persönlich betroffen sind, kann viel höher ausfallen, vor allem in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit.  Ebenfalls können Einschnitte bei Beihilfen der ärmeren Schichten diese unerwartet hart treffen. Deshalb scheint die soziale Bindekraft und Solidarität in vielen Fällen zu sinken. Als Analyst einer Bank, die Spargenossenschaften gehört, denke ich nicht in kurzfristigen finanziellen Strategien. Daraus folgt, dass es taktisch klug und bedacht war, dass die finanzielle Stabilisierung parallel zu einer leichten Anhebung des Defizitziels erfolgte, das die Regierung in Abstimmung mit der EU und dem IWF neu festgelegt hatte. Es wurde für dieses Jahr von 2,9 auf 3,9 Prozent angehoben. Dadurch wurde ein Teil der negativen fiskalischen Wirkung ausgeglichen.

Wie schätzen Sie die Verschuldung des Staates ein?

Der Verschuldung des Staates im Verhältnis zum BIP ist zwar deutlich gewachsen, die Schuldenlast jedoch wesentlich geringer, da die Notkredite vom IWF und der EU recht preiswert waren. Ungarn erhielt sie unter dem Marktpreis. Des Weiteren deckt ein Teil der neuen Schulden Belastungen, die erst später fällig werden und finanziert die Kredite daher vor. Als Ergebnis wird der Anteil der Schulden am BIP ab 2010 sinken. Das bedeutet natürlich nicht, dass die staatliche Finanzpolitik jetzt gelockert werden kann, doch es bedeutet durchaus, dass der Schuldenberg tragbar werden wird, besonders wenn der Ertrag aus Anleihen sinkt – dieser ist in der letzten Zeit an seinen Höhepunkt angelangt. Andererseits ist es unser Glück im Unglück, dass der Staat so knapp bei Kasse ist, denn er kann sich keine kostspieligen Konjunkturpakete leisten wie viele andere Länder und musste sich keiner „Exit-Strategie“ bedienen, die für das wirtschaftliche Wachstum eine Verlagerung vom staatlichen Anreiz hin zu privaten Investitionen vorsieht.
   




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