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Die Revolution der fremdbestimmten Protagonisten PDF Drucken E-Mail
Von Jan Mainka   
Sonntag, 19. Oktober 2008

Rezension: „Der Ungarn-Aufstand 1956“ von Paul Lendvai

ImageOhne ein Wissen um die ungarische Revolution von 1956 sind viele Aspekte und Affekte der ungarischen Gegenwart nicht zu verstehen. Aus dem reichen deutschsprachigen Angebot an entsprechenden Büchern, das uns insbesondere der 50. Jahrestag vor drei Jahren bescherte, ist für den politisch Interessierten vor allem das Buch des gebürtigen Ungarn und ausgezeichneten Osteuropaexperten Paul Lendvai zu empfehlen.

In seinem Werk geht es Lendvai vor allem darum, das hochkomplizierte Geflecht an politischen Interessen und interessierten Politikern zu beschreiben, das zum Ausbruch und zum dramatischen Ende der Revolution geführt hatte. Zugunsten der Aufdeckung von politischen Zusammenhängen hat der Autor weitgehend auf die Schilderung von Blut, Pulverrauch und Kanonendonner verzichtet. Die bewaffneten Ereignisse werden nur kurz angerissen und in einer Tiefe geschildert, die für das Gesamtverständnis unbedingt notwendig ist. Umso tiefgehender widmet sich Lendvai hingegen den Protagonisten der Ereignisse. Detailliert stellt er sie dem Leser, harmonisch in den Textfluss eingebettet, bei ihrem ersten markanten Auftreten vor. Dies ist umso wichtiger, da sich die Revolution und deren Niederschlagung keineswegs so gradlinig und alternativlos vollzogen hatte, wie es uns heute erscheint. Fast jedem ihrer Entwicklungsschritte gingen teils sehr emotionale Debatten der treibenden Kräfte voraus.

Nach durchweg leuchtenden Helden sucht man im Buch vergeblich. Dafür findet man umso mehr Personen, die verzweifelt darum ringen, das ihrer Meinung nach Beste aus den mannigfaltigen Konstellationen der Revolutionstage herauszuholen. Allen voran Imre Nagy, der wie kein anderer bis heute geradezu als die positive Personifizierung der Revolution gilt. Besonders aber, wenn man sein allgegenwärtiges und alle anderen Helden von 1956 überstrahlendes Bild vor Augen hat, ist man bei der Lektüre schon erstaunt, zu erfahren, wie schwer und scheinbar widerwillig sich der spätere Held zunächst in seine Rolle fügte. Ohne etwas zu Beschönigen beschreibt Lendvai sehr authentisch wie zögerlich sich der behäbige, herzkranke alte Mann seiner ihm angetragenen Rolle annimmt, dann kurz in ihr aufblüht, um wenig später – immerhin scheinbar zufrieden, endlich eine erfüllende Bestimmung gefunden zu haben – mit ihr unterzugehen.

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Ohne falsche Heldenverehrung beschreibt Lendvai vor allem den Menschen Nagy. Er entwirft das Bild eines Menschen, der am Anfang gar nicht so recht weiß, was die aufgebrachten Volksmassen von ihm wollen und wie er mit ihnen sprechen soll. Angesichts der immensen Eigendynamik der Ereignisse gelingt es Nagy nur quälend langsam, sich aus den Fesseln der untergehenden kommunistischen Staatspartei zu befreien und statt auf Direktiven seiner moskauhörigen Genossen zu warten, dem eigenen Gewissen zu folgen.

Lendvai beschreibt aber auch einen Menschen, der völlig überfordert ist und die meiste Zeit den Ereignissen nur hinterherhinkt. Nicht nur einmal gibt er sich in einem Anfall von Ohnmacht und Ratlosigkeit hemmungslos den Tränen hin.

Umso erstaunlicher ist dann die menschliche Größe, zu der Nagy am Ende seiner Rolle findet. Statt seinen Kopf durch einen freiwilligen Rücktritt als Ministerpräsident und die in solchen Fällen damals übliche „Selbstkritik“ in letzter Minute aus der Schlinge zu ziehen, reiht er sich voll entschlossen in die Reihe der tragischen Helden der mit diesen überreichlich ausgestatteten ungarischen Geschichte ein. Beharrlich weigert er sich beim Geheimprozess, die Legitimität des Strafgerichts anzuerkennen und bekennt sich für nicht schuldig. Bis zum Schluss sieht er sich übrigens auch als Kommunist, dem es neben der nationalen Befreiungsrevolution auch um die Verteidigung der „sozialistischen Errungenschaften“ geht.

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Bei dieser sehr realistischen und vielleicht auch von einem Hauch an Mitgefühl getragenen Beschreibung verwundert es nicht, dass Lendvai bei der Beurteilung der Leistungen von Nagy schließlich auch nicht in der Härte vorgeht, wie andere Historiker, die Nagy politische Naivität und Fahrlässigkeit vorwerfen und ihm vorhalten, erst mit seinem taktisch unklugen Verhalten die Sowjets zum zweiten und endgültigen Einmarsch provoziert zu haben. So bezeichnet etwa der Historiker Ferenc Majoros in seiner in diesem Jahr erschienenen „Geschichte Ungarns“ den von Nagy vollzogenen Austritt aus dem Warschauer Vertrag als „verhängnisvolle Fehlentscheidung“ und „suizidären Kraftakt“. Lendvai geht hingegen davon aus, dass die Würfel schon vorher gefallen waren und die Sowjets ohne Nagys Ankündigungen noch große Beachtung zu schenken, fest entschlossen waren, ihre Beute von Jalta mit Waffengewalt zu sichern. Die Paktaufkündigung – ebenso wie die Bilder von gelynchten ungarischen Sicherheitsleuten – erleichterten den Invasoren schließlich lediglich die Rechtfertigung ihres Vorgehens.

Die zweite tragische Gestalt der Revolution, die von Lendvai ebenso eingehend beleuchtet wird wie Nagy, ist János Kádár. Wie sein Widersacher findet auch er erst durch äußere Kräfte zu seiner Rolle. Im Gegensatz zu Nagy ist es ihm lediglich vergönnt, nicht mit seiner Rolle unterzugehen: Mit Bravour kann er sie noch 33 Jahre lang bis an sein Lebensende spielen. Zunächst eher ein Mitstreiter im Reformflügel hinter Nagy, lässt sich Kádár nach einer Entführung nach Moskau – um eine solche muss es sich laut Lendvai den Indizien nach handeln – komplett umdrehen und zum Vollstreckungsgehilfen der Sowjets machen. Wieder zurück in Ungarn und zunächst völlig isoliert in einer politischen Wüste agierend, gelingt Kádár das Unvorstellbare: Mit Zuckerbrot und Peitsche baut er ein Regime auf, das rasch ohne den vordergründigen Schutz durch russische Panzer auskommt und sich sogar einer zunehmenden in- und ausländischen Popularität erfreuen kann.

Und was noch erstaunlicher ist: Obwohl er dem Freiheitskampf seines Volkes in den Rücken gefallen ist und reichlich Blut an seinen Händen klebt, ist es ihm gelungen, sich im kollektiven Gedächtnis seines Volkes bis heute als positive Gestalt einzuprägen. Bei einer Meinungsumfrage 2002 nach den beliebtesten historischen Persönlichkeiten kam Kádár gleich nach den beiden großen Protagonisten der 1848er Revolution, Széchenyi und Kossuth, und knapp hinter Imre Nagy auf einen erstaunlichen vierten Platz. Lendvai beschreibt recht nachvollziehbar und mit vielen sozialpsychologischen Argumenten untermauert, wie sich diese unglaubliche Metamorphosen vom Henker zum beliebten Volkstribun vollzogen hat. Was die in ihrer Widersprüchlichkeit faszinierende Person von Kádár betrifft, kann der Autor allerdings auch nicht umhin, auf die gegenwärtigen Grenzen der Erkenntnis zu verweisen: „Fünfzig Jahre nach der Revolution und 16 Jahre nach dem Tod János Kádárs wissen wir noch immer zu wenig, als dass wir ein abschließendes Urteil über diese Schlüsselfigur der ungarischen und zum Teil auch der europäischen Geschichte bilden könnten“, bekennt Lendvai am Ende seines Buches freimütig.

Während die Revolution von 1848 vor allem von selbstbestimmten, starken Persönlichkeiten geprägt wurde, drückten der 1956er Revolution von ungarischer Seite also eher fremdbestimmte Persönlichkeiten den Stempel auf. Umso wichtiger war die flächengreifende, beherzte und mutige Rolle des Volkes. Immer wieder unterstreicht Lendvai deren Bedeutung und wendet sich vehement gegen Versuche, den landesweiten Unmutsbekundungen und Erhebungen ihren spontanen Charakter abzusprechen. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang Lendvais Ausführungen zu den Arbeiterselbstverwaltungen, die sich im Zuge der Revolution spontan und landesweit gebildet hatten und den Sowjets noch lange nach der Niederschlagung der Revolution Kopfzerbrechen bereiteten. Beinahe Rührung überkommt einem bei der Schilderung, wie selbstbewusst die Arbeiter in dem naiven Glauben, dass sie ja eigentlich zur herrschende Klasse gehörten, um Partizipation an der Macht oder zumindest Akzeptanz durch das neue Regime warben. Hunderte Tote und Verhaftete später fanden sich die Arbeiter – von den Sowjets und den Vertretern von Kádárs Ungarischer Sozialistischer Arbeiterpartei gemaßregelt – ernüchtert auf dem verlogenen Boden der realsozialistischen Tatsachen wieder.

 

Paul Lendvai:

Der Ungarn-Aufstand 1956.

Eine Revolution und ihre Folgen

C. Bertelsmann Verlag, 2006

318 Seiten

Preis: 22,95 Euro oder in Ungarn bei Hungaropress: 5.843 Ft




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