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Rezension: „Der
Ungarn-Aufstand 1956“ von Paul Lendvai
Ohne ein Wissen um die
ungarische Revolution von 1956 sind viele Aspekte und Affekte der ungarischen
Gegenwart nicht zu verstehen. Aus dem reichen deutschsprachigen Angebot an
entsprechenden Büchern, das uns insbesondere der 50. Jahrestag vor drei Jahren
bescherte, ist für den politisch Interessierten vor allem das Buch des
gebürtigen Ungarn und ausgezeichneten Osteuropaexperten Paul Lendvai zu
empfehlen.
In seinem Werk geht es
Lendvai vor allem darum, das hochkomplizierte Geflecht an politischen
Interessen und interessierten Politikern zu beschreiben, das zum Ausbruch und
zum dramatischen Ende der Revolution geführt hatte. Zugunsten der Aufdeckung
von politischen Zusammenhängen hat der Autor weitgehend auf die Schilderung von
Blut, Pulverrauch und Kanonendonner verzichtet. Die bewaffneten Ereignisse
werden nur kurz angerissen und in einer Tiefe geschildert, die für das
Gesamtverständnis unbedingt notwendig ist. Umso tiefgehender widmet sich
Lendvai hingegen den Protagonisten der Ereignisse. Detailliert stellt er sie
dem Leser, harmonisch in den Textfluss eingebettet, bei ihrem ersten markanten
Auftreten vor. Dies ist umso wichtiger, da sich die Revolution und deren
Niederschlagung keineswegs so gradlinig und alternativlos vollzogen hatte, wie
es uns heute erscheint. Fast jedem ihrer Entwicklungsschritte gingen teils sehr
emotionale Debatten der treibenden Kräfte voraus.
Nach durchweg leuchtenden
Helden sucht man im Buch vergeblich. Dafür findet man umso mehr Personen, die
verzweifelt darum ringen, das ihrer Meinung nach Beste aus den mannigfaltigen Konstellationen
der Revolutionstage herauszuholen. Allen voran Imre Nagy, der wie kein anderer
bis heute geradezu als die positive Personifizierung der Revolution gilt.
Besonders aber, wenn man sein allgegenwärtiges und alle anderen Helden von 1956
überstrahlendes Bild vor Augen hat, ist man bei der Lektüre schon erstaunt, zu
erfahren, wie schwer und scheinbar widerwillig sich der spätere Held zunächst
in seine Rolle fügte. Ohne etwas zu Beschönigen beschreibt Lendvai sehr
authentisch wie zögerlich sich der behäbige, herzkranke alte Mann seiner ihm
angetragenen Rolle annimmt, dann kurz in ihr aufblüht, um wenig später –
immerhin scheinbar zufrieden, endlich eine erfüllende Bestimmung gefunden zu
haben – mit ihr unterzugehen. 
Ohne falsche
Heldenverehrung beschreibt Lendvai vor allem den Menschen Nagy. Er entwirft das
Bild eines Menschen, der am Anfang gar nicht so recht weiß, was die
aufgebrachten Volksmassen von ihm wollen und wie er mit ihnen sprechen soll.
Angesichts der immensen Eigendynamik der Ereignisse gelingt es Nagy nur quälend
langsam, sich aus den Fesseln der untergehenden kommunistischen Staatspartei zu
befreien und statt auf Direktiven seiner moskauhörigen Genossen zu warten, dem
eigenen Gewissen zu folgen.
Lendvai beschreibt aber
auch einen Menschen, der völlig überfordert ist und die meiste Zeit den
Ereignissen nur hinterherhinkt. Nicht nur einmal gibt er sich in einem Anfall
von Ohnmacht und Ratlosigkeit hemmungslos den Tränen hin.
Umso erstaunlicher ist
dann die menschliche Größe, zu der Nagy am Ende seiner Rolle findet. Statt
seinen Kopf durch einen freiwilligen Rücktritt als Ministerpräsident und die in
solchen Fällen damals übliche „Selbstkritik“ in letzter Minute aus der Schlinge
zu ziehen, reiht er sich voll entschlossen in die Reihe der tragischen Helden
der mit diesen überreichlich ausgestatteten ungarischen Geschichte ein.
Beharrlich weigert er sich beim Geheimprozess, die Legitimität des
Strafgerichts anzuerkennen und bekennt sich für nicht schuldig. Bis zum Schluss
sieht er sich übrigens auch als Kommunist, dem es neben der nationalen
Befreiungsrevolution auch um die Verteidigung der „sozialistischen
Errungenschaften“ geht. 
Bei dieser sehr
realistischen und vielleicht auch von einem Hauch an Mitgefühl getragenen
Beschreibung verwundert es nicht, dass Lendvai bei der Beurteilung der
Leistungen von Nagy schließlich auch nicht in der Härte vorgeht, wie andere
Historiker, die Nagy politische Naivität und Fahrlässigkeit vorwerfen und ihm
vorhalten, erst mit seinem taktisch unklugen Verhalten die Sowjets zum zweiten
und endgültigen Einmarsch provoziert zu haben. So bezeichnet etwa der
Historiker Ferenc Majoros in seiner in diesem Jahr erschienenen „Geschichte
Ungarns“ den von Nagy vollzogenen Austritt aus dem Warschauer Vertrag als
„verhängnisvolle Fehlentscheidung“ und „suizidären Kraftakt“. Lendvai geht
hingegen davon aus, dass die Würfel schon vorher gefallen waren und die Sowjets
ohne Nagys Ankündigungen noch große Beachtung zu schenken, fest entschlossen
waren, ihre Beute von Jalta mit Waffengewalt zu sichern. Die Paktaufkündigung –
ebenso wie die Bilder von gelynchten ungarischen Sicherheitsleuten –
erleichterten den Invasoren schließlich lediglich die Rechtfertigung ihres
Vorgehens.
Die zweite tragische
Gestalt der Revolution, die von Lendvai ebenso eingehend beleuchtet wird wie
Nagy, ist János Kádár. Wie sein Widersacher findet auch er erst durch äußere
Kräfte zu seiner Rolle. Im Gegensatz zu Nagy ist es ihm lediglich vergönnt,
nicht mit seiner Rolle unterzugehen: Mit Bravour kann er sie noch 33 Jahre lang
bis an sein Lebensende spielen. Zunächst eher ein Mitstreiter im Reformflügel
hinter Nagy, lässt sich Kádár nach einer Entführung nach Moskau – um eine
solche muss es sich laut Lendvai den Indizien nach handeln – komplett umdrehen
und zum Vollstreckungsgehilfen der Sowjets machen. Wieder zurück in Ungarn und
zunächst völlig isoliert in einer politischen Wüste agierend, gelingt Kádár das
Unvorstellbare: Mit Zuckerbrot und Peitsche baut er ein Regime auf, das rasch
ohne den vordergründigen Schutz durch russische Panzer auskommt und sich sogar
einer zunehmenden in- und ausländischen Popularität erfreuen kann.
Und was noch
erstaunlicher ist: Obwohl er dem Freiheitskampf seines Volkes in den Rücken
gefallen ist und reichlich Blut an seinen Händen klebt, ist es ihm gelungen,
sich im kollektiven Gedächtnis seines Volkes bis heute als positive Gestalt
einzuprägen. Bei einer Meinungsumfrage 2002 nach den beliebtesten historischen
Persönlichkeiten kam Kádár gleich nach den beiden großen Protagonisten der
1848er Revolution, Széchenyi und Kossuth, und knapp hinter Imre Nagy auf einen
erstaunlichen vierten Platz. Lendvai beschreibt recht nachvollziehbar und mit
vielen sozialpsychologischen Argumenten untermauert, wie sich diese
unglaubliche Metamorphosen vom Henker zum beliebten Volkstribun vollzogen hat.
Was die in ihrer Widersprüchlichkeit faszinierende Person von Kádár betrifft,
kann der Autor allerdings auch nicht umhin, auf die gegenwärtigen Grenzen der
Erkenntnis zu verweisen: „Fünfzig Jahre nach der Revolution und 16 Jahre nach
dem Tod János Kádárs wissen wir noch immer zu wenig, als dass wir ein
abschließendes Urteil über diese Schlüsselfigur der ungarischen und zum Teil
auch der europäischen Geschichte bilden könnten“, bekennt Lendvai am Ende seines
Buches freimütig.
Während die Revolution
von 1848 vor allem von selbstbestimmten,
starken Persönlichkeiten geprägt wurde, drückten der 1956er Revolution von
ungarischer Seite also eher fremdbestimmte Persönlichkeiten den Stempel auf.
Umso wichtiger war die flächengreifende, beherzte und mutige Rolle des Volkes.
Immer wieder unterstreicht Lendvai deren Bedeutung und wendet sich vehement
gegen Versuche, den landesweiten Unmutsbekundungen und Erhebungen ihren
spontanen Charakter abzusprechen. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang
Lendvais Ausführungen zu den Arbeiterselbstverwaltungen, die sich im Zuge der
Revolution spontan und landesweit gebildet hatten und den Sowjets noch lange
nach der Niederschlagung der Revolution Kopfzerbrechen bereiteten. Beinahe
Rührung überkommt einem bei der Schilderung, wie selbstbewusst die Arbeiter in
dem naiven Glauben, dass sie ja eigentlich zur herrschende Klasse gehörten, um
Partizipation an der Macht oder zumindest Akzeptanz durch das neue Regime
warben. Hunderte Tote und Verhaftete später fanden sich die Arbeiter – von den
Sowjets und den Vertretern von Kádárs Ungarischer Sozialistischer
Arbeiterpartei gemaßregelt – ernüchtert auf dem verlogenen Boden der
realsozialistischen Tatsachen wieder.
Paul Lendvai:
Der Ungarn-Aufstand 1956.
Eine Revolution und ihre Folgen
C. Bertelsmann Verlag, 2006
318 Seiten
Preis: 22,95 Euro oder in Ungarn bei Hungaropress:
5.843 Ft
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