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Missbraucht
Nun denn, jetzt
haben wir sie gehabt, unsere Budapester Gay Pride Parade, und sie war genau so,
wie es im Vorfeld angekündigt worden war. Der Zug der Homosexuellen zog, die
Polizei, deren Slogan hierzulande „Dienen und schützen“ lautet, diente und
schützte, die rechtsradikalen Protestierenden protestierten, und zwar rechts und
vor allem radikal.
Geworfen wurde mit Eiern, aber auch mit Pflastersteinen,
Flaschen, und wenn die Polizei die leerstehende Wohnung in der Andrássy út
nicht im Vorfeld aufgespürt hätte, wären auch Säure und Chemikalien zum Einsatz
gekommen. So weit, so schlecht, aber letztlich überraschen die Ereignisse
nicht. Denn das Drehbuch für den 5. Juli 2008 wurde schon vor längerem
geschrieben, im Herbst 2006, als politische Dummheiten von Regierung und
Opposition zusammen mit Unzulänglichkeiten in der Polizeiarbeit zu einer
Eskalation regierungskritischer Proteste geführt hatten. Und auf Ähnliches
können wir uns auch am kommenden 18. September gefasst machen, oder, falls die
politische Rechte den Jahrestag ihres künstlich aufgebauschten Öszõd-Skandals
zufällig vergessen würde, spätestens am 23. Oktober. Und dann wieder am 15.
März. Und dann wieder bei der Gay Pride Parade 2009. Und zwischendurch
vielleicht noch bei Kundgebungen von diesem oder jenem Interessenverband. Oder
beim Landestreffen der ungarischen Kakteenzüchter. Oder, oder, oder...
Homosexualität ist kein politisches Programm
Denn den so
genannten Protesten gegen die so genannte Homosexuellen-Demo liegt ein großes,
grundsätzliches Missverständnis zu Grunde: Man kann nicht „gegen“
Homosexualität sein (ebenso wenig wie gegen Kakteenzucht). Homosexualität ist
nämlich kein politisches Programm, sondern eine Präferenz, wie die Vorliebe für
eine Farbe oder eine bestimmte Musik, und vor allen Dingen eine absolute
Privatsache. Selbstverständlich kann und soll man sich für die Rechte von
Homosexuellen politisch stark machen; mit der Gewährung der Möglichkeit, ab dem
1. Januar 2009 eine so genannte „Eingetragene Lebensgemeinschaft“ einzugehen,
hat der ungarische Gesetzgeber denn auch nachvollzogen, was derzeit in Europa
auf einer allgemeinen moralischen Ebene anerkannt und politisch durchsetzbar
ist.
Insofern liegt
das Problem nicht hier, sondern in der verzerrten Wahrnehmung der
Gegendemonstranten und ihrer weniger auffällig agierenden Mitläufer, die auf
einer pauschalen Ebene „gegen“ Homosexuelle sind. In ihrer kruden Weltsicht
steht die katastrophale Bilanz der Räteregierung 1919, die Schmach des
Friedensvertrags von Trianon, die vier Jahrzehnte Sozialismus, die oftmals
chaotischen Aktionen der Regierung Gyurcsány und die Gay Pride Parade Budapest
2008 in einer historischen Kausalkette. Und morgen könnten auch die
Kakteenzüchter dort eingereiht werden, falls sich zufällig herausstellen
sollte, dass etwa Ferenc Gyurcsány diesem Hobby nachgeht. Es ist die Aufgabe einer
couragierten Zivilgesellschaft und integrer Politiker, leise, aber beharrlich
am Weltbild der Bevölkerung zu arbeiten und die Existenz einer pluralistischen
Gesellschaft, in der manche homosexuell sind und andere eben nicht, in der
manche MSZP wählen und andere wiederum Fidesz, zur Normalität zu machen.
Veränderungen sind unabdingbar
Der
diesbezügliche Versuch am vergangenen Samstag ist leider gründlich daneben
gegangen. Die nicht ganz so hochkarätigen Politiker wie der in der Bevölkerung
äußerst unbeliebte SZDSZ-Mann Gábor Horn, die Europaparlamentarierin Katalin
Lévai sowie der ehemalige Staatssekretär Gábor Szetey vermochten es nicht,
durch ihre Präsenz bei der Parade ein Zeichen für Toleranz zu setzen. Vielmehr
bestätigten sie den durch die Rechtsradikalen herbeifantasierten Showdown
zwischen Rechts und Links, Gut und Böse, Volk und Regierung, Hetero und Homo.
Auf perfide Weise wurden die Homosexuellen zum Spielball eines auf politischer
Ebene zutiefst gespaltenen Landes gemacht.
Damit nicht
genug, hat Gábor Szetey auch noch ein tragisches Eigentor geschossen: Er, der
sich im Rahmen der Gay Pride Parade 2007 öffentlich zu seiner Homosexualität
bekannte und bald darauf (wohl nicht ganz freiwillig) die Regierung verließ,
konnte es sich nicht nehmen lassen, zu verkünden, dass er ins Ausland gegangen
sei, weil er den Ungarn keine Chance zur Veränderung zubilligt. Nun, dann hätte
Szetey auch am vergangenen Samstag gescheiter wegbleiben sollen. Denn mit
seiner Äußerung hat er der Öffentlichkeit klargemacht, dass es hierzulande
keinen Platz für Homosexuelle gibt. Doch für die Tausenden von Ungarn, die
genau wie Szetey das eigene Geschlecht bevorzugen, im Gegensatz zu ihm aber
keinen millionenschwer dotierten Job im Ausland annehmen können, sind
Veränderungen unabdingbar.
Und dass sie
möglich sind, zeigt ein gar nicht so weit entferntes Beispiel. Das „Gesetz über
die nationalen und ethnischen Minderheiten“ der Republik Ungarn ist das
liberalste seiner Art in Europa, vielleicht in der ganzen Welt. Es geht von einer
Grundannahme aus: Die Existenz einer Minderheit ist im Hinblick auf die
territoriale und moralische Integrität des Landes vollkommen ungefährlich, und
zwar aus einem einfachen Grund: Ethnische und nationale Minderheiten sind per
se nicht politisch, sondern einfach „da“. Es ist wohl noch ein langer Weg zu
der Erkenntnis, dass diese Prämisse (die im Hinblick auf die Nationalitäten,
sogar auf die vielgescholtenen Roma, von fast allen Ungarn akzeptiert wird)
auch auf „sexuelle Minderheiten“ zutrifft.
Aber es lohnt
sich, den Weg der Veränderungen zu gehen. Denn am Ende des Wegs steht nicht nur
für die Homosexuellen, sondern auch für die Mehrheitsgesellschaft ein Zugewinn
an Gelassenheit und Selbstbewusstsein. Und das können wir alle dringend
brauchen.
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