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2008.07.07. - Ausschreitungen bei der Gay Pride Parade PDF Drucken E-Mail
Von Gergely Kispál   
Montag, 7. Juli 2008

Missbraucht

Nun denn, jetzt haben wir sie gehabt, unsere Budapester Gay Pride Parade, und sie war genau so, wie es im Vorfeld angekündigt worden war. Der Zug der Homosexuellen zog, die Polizei, deren Slogan hierzulande „Dienen und schützen“ lautet, diente und schützte, die rechtsradikalen Protestierenden protestierten, und zwar rechts und vor allem radikal.

Geworfen wurde mit Eiern, aber auch mit Pflastersteinen, Flaschen, und wenn die Polizei die leerstehende Wohnung in der Andrássy út nicht im Vorfeld aufgespürt hätte, wären auch Säure und Chemikalien zum Einsatz gekommen. So weit, so schlecht, aber letztlich überraschen die Ereignisse nicht. Denn das Drehbuch für den 5. Juli 2008 wurde schon vor längerem geschrieben, im Herbst 2006, als politische Dummheiten von Regierung und Opposition zusammen mit Unzulänglichkeiten in der Polizeiarbeit zu einer Eskalation regierungskritischer Proteste geführt hatten. Und auf Ähnliches können wir uns auch am kommenden 18. September gefasst machen, oder, falls die politische Rechte den Jahrestag ihres künstlich aufgebauschten Öszõd-Skandals zufällig vergessen würde, spätestens am 23. Oktober. Und dann wieder am 15. März. Und dann wieder bei der Gay Pride Parade 2009. Und zwischendurch vielleicht noch bei Kundgebungen von diesem oder jenem Interessenverband. Oder beim Landestreffen der ungarischen Kakteenzüchter. Oder, oder, oder...

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Homosexualität ist kein politisches Programm

Denn den so genannten Protesten gegen die so genannte Homosexuellen-Demo liegt ein großes, grundsätzliches Missverständnis zu Grunde: Man kann nicht „gegen“ Homosexualität sein (ebenso wenig wie gegen Kakteenzucht). Homosexualität ist nämlich kein politisches Programm, sondern eine Präferenz, wie die Vorliebe für eine Farbe oder eine bestimmte Musik, und vor allen Dingen eine absolute Privatsache. Selbstverständlich kann und soll man sich für die Rechte von Homosexuellen politisch stark machen; mit der Gewährung der Möglichkeit, ab dem 1. Januar 2009 eine so genannte „Eingetragene Lebensgemeinschaft“ einzugehen, hat der ungarische Gesetzgeber denn auch nachvollzogen, was derzeit in Europa auf einer allgemeinen moralischen Ebene anerkannt und politisch durchsetzbar ist.

Insofern liegt das Problem nicht hier, sondern in der verzerrten Wahrnehmung der Gegendemonstranten und ihrer weniger auffällig agierenden Mitläufer, die auf einer pauschalen Ebene „gegen“ Homosexuelle sind. In ihrer kruden Weltsicht steht die katastrophale Bilanz der Räteregierung 1919, die Schmach des Friedensvertrags von Trianon, die vier Jahrzehnte Sozialismus, die oftmals chaotischen Aktionen der Regierung Gyurcsány und die Gay Pride Parade Budapest 2008 in einer historischen Kausalkette. Und morgen könnten auch die Kakteenzüchter dort eingereiht werden, falls sich zufällig herausstellen sollte, dass etwa Ferenc Gyurcsány diesem Hobby nachgeht. Es ist die Aufgabe einer couragierten Zivilgesellschaft und integrer Politiker, leise, aber beharrlich am Weltbild der Bevölkerung zu arbeiten und die Existenz einer pluralistischen Gesellschaft, in der manche homosexuell sind und andere eben nicht, in der manche MSZP wählen und andere wiederum Fidesz, zur Normalität zu machen.

 

Veränderungen sind unabdingbar

Der diesbezügliche Versuch am vergangenen Samstag ist leider gründlich daneben gegangen. Die nicht ganz so hochkarätigen Politiker wie der in der Bevölkerung äußerst unbeliebte SZDSZ-Mann Gábor Horn, die Europaparlamentarierin Katalin Lévai sowie der ehemalige Staatssekretär Gábor Szetey vermochten es nicht, durch ihre Präsenz bei der Parade ein Zeichen für Toleranz zu setzen. Vielmehr bestätigten sie den durch die Rechtsradikalen herbeifantasierten Showdown zwischen Rechts und Links, Gut und Böse, Volk und Regierung, Hetero und Homo. Auf perfide Weise wurden die Homosexuellen zum Spielball eines auf politischer Ebene zutiefst gespaltenen Landes gemacht.

Damit nicht genug, hat Gábor Szetey auch noch ein tragisches Eigentor geschossen: Er, der sich im Rahmen der Gay Pride Parade 2007 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte und bald darauf (wohl nicht ganz freiwillig) die Regierung verließ, konnte es sich nicht nehmen lassen, zu verkünden, dass er ins Ausland gegangen sei, weil er den Ungarn keine Chance zur Veränderung zubilligt. Nun, dann hätte Szetey auch am vergangenen Samstag gescheiter wegbleiben sollen. Denn mit seiner Äußerung hat er der Öffentlichkeit klargemacht, dass es hierzulande keinen Platz für Homosexuelle gibt. Doch für die Tausenden von Ungarn, die genau wie Szetey das eigene Geschlecht bevorzugen, im Gegensatz zu ihm aber keinen millionenschwer dotierten Job im Ausland annehmen können, sind Veränderungen unabdingbar.

Und dass sie möglich sind, zeigt ein gar nicht so weit entferntes Beispiel. Das „Gesetz über die nationalen und ethnischen Minderheiten“ der Republik Ungarn ist das liberalste seiner Art in Europa, vielleicht in der ganzen Welt. Es geht von einer Grundannahme aus: Die Existenz einer Minderheit ist im Hinblick auf die territoriale und moralische Integrität des Landes vollkommen ungefährlich, und zwar aus einem einfachen Grund: Ethnische und nationale Minderheiten sind per se nicht politisch, sondern einfach „da“. Es ist wohl noch ein langer Weg zu der Erkenntnis, dass diese Prämisse (die im Hinblick auf die Nationalitäten, sogar auf die vielgescholtenen Roma, von fast allen Ungarn akzeptiert wird) auch auf „sexuelle Minderheiten“ zutrifft.

Aber es lohnt sich, den Weg der Veränderungen zu gehen. Denn am Ende des Wegs steht nicht nur für die Homosexuellen, sondern auch für die Mehrheitsgesellschaft ein Zugewinn an Gelassenheit und Selbstbewusstsein. Und das können wir alle dringend brauchen.




Kommentare (2)
1. Geschrieben von: Tobias am 08-07-2008 11:01 - Gast
 
 
Pluralismus
Aversionen gegenüber sexuellen Minderheiten gibt es nicht nur in Ungarn, doch treten sie hier offener und deutlicher zu Tage. 
 
http://www.homonauten.de/index.php/2008/07/csd-zwischen-party-und-pruegel/
 
2. Geschrieben von: Heiner am 19-07-2008 15:45 - Gast
 
 
Andersartige wie Juden Zigeuner Schwule
Viele der Elite gehören diesen Gruppen an.Ist das nicht merkwürdig? 
Wir Normalen stoßen überall auch in unserem Denken immer wieder an Grenzen ,die Anderen überschreiten diese,gut für die Menschheit und das Volk Gott erhalte Sie uns!
 

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