Ein elementarer Baustein der Gesellschaft ist der
menschliche Geist. Aus den einzelnen Teilen können vielerlei Gebäude
errichtet werden. Ein Gebäude ist die Summe seiner Teile. Doch gilt es
auch umgekehrt: Auch die Gebäude wirken auf die Teile. Gerade dies
macht Gesellschaften so vielfältig. Jede Gesellschaft ist ein auf sich
selbst bezogenes System. Wenn sich die Teile etwas verändern, wandelt
sich auch das Gebäude, das seinerseits auf die Teile rückwirkt, wodurch
das Ganze eine neuerliche Veränderung erfährt.
Welches ungarische Projekt der Gegenwart verdient es,
als Schmach in die Annalen einzugehen? Viele nennen die Metrolinie
Nummer 4. Andere wiederum schwören auf die äußere Renovierung des
Parlaments, diesem Symbol für den ewigen Kreislauf. In Anbetracht der
nicht enden wollenden Fassadenerneuerung des Hohen Hauses glauben
einige Budapester mittlerweile im Ernst, dass die Ungarn nicht von
Hunor und Magor abstammen, sondern vom Griechen Sisyphos. Doch wer
glaubt, dass es die Metro oder das Parlament ist, der liegt falsch.
Es lässt sich schwer formulieren, was genau das Problem
am Entwurf des neuen Mediengesetzes ist, da auch der einfache
Journalist das Gefühl hat, das sei so trivial, als müsste man erklären,
warum es schädlich ist ins Feuer zu greifen, Säure zu trinken oder
Volksmusik zu hören. Und doch ist gerade dieser Entwurf ein Beispiel
dafür, dass man immer und immer wieder Dinge erklären muss, von denen
wir dachten, dass sie längst verstanden worden sind. Sind sie nicht.
Immer noch nicht.
Wieder bellt der
Hund die ganze Nacht. So wie damals am Neujahrsmorgen, als im Wald Holz
gestohlen worden war, und mein Mann aufstand und sich die Stiefel anzog. Er ist
seit mindestens zwölf Jahren tot. In meinen Träumen ist er seither nicht mehr
aufgetaucht. Ich habe auch jetzt nicht geträumt. Ich musste nur von tief unten
hoch kriechen. Aus dem vergifteten Brunnen. Und immer wieder höre ich das
verfluchte Hundegebell. Es ist der rothaarige Köter von Benkő. Eine seltene
Promenadenmischung. Seine Knöchel sind auf lächerliche Weise dünn.
Die Verhältnisse
hierzulande sind für den äußeren Beobachter nicht immer nachvollziehbar. „Ihr
lebt in einem sonderbaren Land!“, pflegt mein kosmopolitischer ausländischer
Bekannter zu sagen, der selbst einmal in Ungarn gelebt hat. Und tatsächlich: Es
ist bei uns wirklich so, als würde alles andersrum laufen. Nehmen wir zum
Beispiel die Politik: Es hatte schon den Anschein, als hätten im linken Lager
das liberale Großkapital und die progressive Linke gegenüber der
nostalgisch-staatsdirigistischen Politik Kádárscher Prägung die Oberhand
gewonnen – indes ist diese Kraftprobe noch immer nicht ausgestanden. Derweil
schlägt die ungarische Rechte, die in den Ländern des Westens eher markt- und
kapitalfreundlich ist, staatsgläubige Töne an – wenngleich nicht mehr unisono.
Bei der
Nationalratswahl am 28. September haben die österreichischen Wähler in
vielerlei Hinsicht Geschichte geschrieben. Freilich nicht damit, dass sie der
Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und dem Bündnis Zukunft Österreich
(BZÖ) satte Zugewinne bescherten und dadurch all jenen, die den Neofaschismus
auf dem Vormarsch sehen, weiche Knie machen.
Auf der Konferenz
„Globale Derivate“ (Derivate sind handelbare Produkte, die aus klassischen
Wertpapieren, Devisen oder Rohstoffen abgeleitet sind. Beispiele für solche
Terminprodukte sind Optionen, Futures und Swaps) der Deutschen Bank in
Barcelona wurden die rund 500 Teilnehmer aus der Crčme de la Crčme der internationalen
Finanzwelt von den Rolling Stones bei Laune gehalten.
Vor dem
Hintergrund des russisch-georgischen Krieges hat die ungarische Außenpolitik
wieder ihr Lieblingsthema aufgewärmt: die Frage nach den zwei geplanten
Gaspipelines „Nabucco“ und „South Stream“. Es hat den Anschein, dass es in
Osteuropa kein Ereignis mehr gibt, bei dem unseren Außenpolitikern und Experten
nicht diese beiden Pipelineprojekte in den Sinn kommen. Die ungarische
Außenpolitik wurde damit um eine weitere zwanghafte Diskussion bereichert.
Der etwas
blasierte Filmkritiker steht dem Farbfilm mit demselben Argwohn gegenüber wie
der Sommelier dem süßen Rotwein. Im Grauton nimmt sich das Leben voller und
herber aus, als in jener Welt der Farbfilme, die sich im letzten Drittel des
vergangenen Jahrhunderts umfassend ausbreitete. Die alten Schwarz-Weiß-Filme
wirken sachlicher, authentischer und natürlicher. Neben der Farblosigkeit
tragen die für das heutige Auge unendlich schlichten und minimalistischen
Kulissen dazu bei, dass noch über den billigsten Melodramen und schwülstigsten
Liebesgeschichten eine ungewollte, sachliche, fast schon an Realismus grenzende
Nüchternheit schwebt.
Obwohl die
politischen Experten in den vergangenen vier Jahren wiederholt den Sturz von
Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány prophezeit hatten, blieb der Premier dennoch
stets im Sattel. Den Krisenzeichen der vergangenen Tage zum Trotz sollten die
Analysten sich nicht dazu verleiten lassen, das Wünschenswerte mit der
Realpolitik gleichzusetzen: Wenn es nicht sein muss, wird der Regierungschef
nicht die geringste Veranlassung sehen, seinen Stuhl zu räumen. Er hat sogar
ziemlich gute Aussichten, weiterhin an der Macht zu bleiben.
Wie gelangen wir
von zwei auf eins? Von zwei Ungarn auf jenes eine Ungarn, das in der
kulturellen Welt der geformten Vielfalt, in einem System der geteilten Macht
existiert, das selbst jedoch unteilbar ist: Kann das Land entlang einer herbei
geredeten und fantasierten, einer geschürten und suggerierten innenpolitischen
Konfliktlinie in „Freund“ und „Feind“ entzweit werden?
Ich sitze im
Gebäude des Bahnhofs. Genauer gesagt sitze ich auf dem Bett eines Schlafzimmers
im Bahnhofsgebäude, das Leintuch und die Pferdehaardecke sind zurückgeschlagen,
darauf liegt mein Laptop, und ich schreibe: „Ich sitze im Gebäude des
Bahnhofs…“
Ein besonders
interessantes Phänomen unter den Lesern ist der Schriftsteller. Er ist am
ehesten mit dem Literaturkritiker vergleichbar, der einst selber Dichter oder –
unter dem Motto: „Wenn alle Stricke reißen“ – Schriftsteller werden wollte.
Letzten Endes vermochte er aber der Versuchung nicht zu widerstehen, den in
Ungarn einträglichen Beruf eines Kritikers auszuüben. Oder aber er schlug die
paradiesische Laufbahn eines Literaturhistorikers ein.
In den Bädern
belieben es die Menschen, sich inkognito wohlzufühlen. An solchen Orten ist der
Körper versucht, sich der Bürden von Name, Herkunft und Geburt zu entledigen.
In einem dieser Bäder hatte Franz das Ehepaar Spach kennengelernt, deren Namen
er erst im Nachhinein erfuhr...
Das habe ich aber
nicht so gesagt“, schrie Bézs von der Terrasse in Richtung Badezimmer. „Du hast
meine Worte ziemlich verdreht und überspitzt. Aber wenn du schon um jeden Preis
streiten willst, dann möchte ich darauf aufmerksam machen, dass ich dich seit
drei Jahren darum bitte, deinen Pfefferminztee nicht in dem Küchenschrank
aufzubewahren, wo wir auch das Brot haben.
Die Király utca
badete im sanften Sonnenlicht des Frühlings. Ein Lüftchen strich sachte über
den herumliegenden Unrat. Oben auf dem frischen Himmel wurden zwei dicht
nebeneinander treibende Schäferwölkchen vom Wind gejagt. Dahinter segelte träge
eine dritte Wolke, als hätte sie die physikalischen Gesetze aufgehoben.
Es ist keine zehn
Minuten her, da der Hausbesitzer da gewesen sei, denkt die Frau und schweift
mit dem Blick über den Garten. Der Ziehbrunnen und das Alteisen neben dem Zaun
glänzen in der Märzsonne wie vor zehn Minuten. Auch die zerzausten Kater wälzen
sich noch immer auf dem nassen Boden. Ab und an verdeckt eine dunkle Wolke die
Sonne, worauf sich die Welt für kurze Zeit verdunkelt. Es ist alles genau so
wie vor zehn Minuten, und dennoch vollkommen anders.
Unter den
ungarischen Linken geht die Angst um, dass die absehbare Machterlangung des
Vorsitzenden der konservativen Oppositionspartei Fidesz, Viktor Orbán, mit
einer Reinkarnation des politischen Systems unter Reichsverweser Miklós Horthy*
(1868-1957) einher gehen könnte. Ein namhafter Journalist formulierte kürzlich
folgendermaßen: „Ich wurde während der Horthy-Ära geboren und werde, so scheint
es, in einer Horthy-Ära sterben“.
In Daniel
Golemans Buch „Soziale Intelligenz“ ist unter anderem folgende Geschichte zu
lesen: „In den ersten Tagen der US-amerikanischen Invasion des Irak suchte eine
Gruppe von US-Soldaten eine Moschee auf, um die kirchlichen Würdenträger einer
Stadt zu treffen (…) In Erwartung der amerikanischen Soldaten versammelte in
der Stadt prompt eine große Menschenmenge.
In der Vorwoche
hat Irland bei einem Referendum den so genannten Vertrag von Lissabon
abgelehnt. Laut den klassischen und politisch korrekten Mainstream-Medien haben
anderthalb Millionen beschränkte, böse Iren, die offenbar von Nationalisten,
Demagogen und anderen Bösewichten irre geführt worden waren, jenem Vertrag eine
Absage erteilt, der von allen anderen EU-Bürgern so sehr herbeigesehnt wurde. Dazu entschlüpft mir nur so viel: Blablabla.
Der Experte hat
keine einfache Aufgabe, wenn er über den Vortrag von Oppositionschef Viktor
Orbán schreiben muss, den dieser kürzlich hinter verschlossenen Türen gehalten
hat. So gibt es lediglich Informationen, die von Mund zu Mund kursieren und
mithin schwer überprüfbar sind.
Im neunzehnten
Jahr der Dritten Ungarischen Republik sehe ich den Populismus – in concreto die
Ablöse der „indirekten“ parlamentarischen Demokratie durch eine „direkte“
populistische Nicht-Demokratie – als größte Gefahr für das parlamentarisch-demokratische
System, das im Zuge der politischen Wende 1989/90 etabliert wurde.
Die moderne "Karriere“
des Begriffs "Volk“ hat keineswegs mit dem Populismus ihren Anfang genommen.
Der Populismus, der die mediatisierte, Effekt heischende Pseudopolitik
(Politainment) der Gegenwart tief durchdringt, rief vielmehr die völlige
politische Aushöhlung und das ideologische Ende des Begriffs "Volk“ hervor.
Picasso
verabscheute theoretische Ergüsse. Er verließ sich vielmehr auf seine Instinkte
und sein Gespür. Der Mensch soll eben mit der Linken zeichnen, wenn er mit der
rechten Hand nur Kitsch hervorbringt, so Picasso. Damit wollte er
verdeutlichen, dass die Dämonen der Rührseligkeit und Gaukelei ihr Unwesen in
uns treiben.
Würde man sie aus dem
Schlaf rütteln und ihnen die Frage stellen, was geschähe, wenn Viktor Orbán und
seine Partei eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit erlangten, würde das
Gros der eingefleischten linksliberalen Wähler folgendes (Schreckens-)Bild an
die Wand malen: "Der in orange Farben gehüllte Faschismus würde die Straßen
von Budapest überfluten“.
Kaum zwei Jahre
nach seiner Wahl und rund zwei Jahre vor Ablauf seines Mandats hat sich der
Regierungschef entschieden: Um des gesellschaftlichen Friedens Willen setzt er
der Reformpolitik ein Ende. "Ruhe, Ordnung und Sicherheit“ müssten nun
einkehren, sagte Ferenc Gyurcsány auf der Parteikonferenz der Sozialisten im
März.
„Gute Ideen halten
meistens bis zu jenem Zeitpunkt, da gerechnet werden muss. Spätestens dann ist
man mit seinem Latein am Ende. Es wird viel Kritik geäußert, dass das System
nicht rund genug, nicht konsistent genug sei. Von allen Seiten werden Ideen
vorgebracht, was wegrationalisiert werden muss, damit das, was bleibt,
konsistent ist.
Auf den ersten Blick scheint sich die Situation der ungarischen Printmedien
nicht von den allgemeinen westeuropäischen Tendenzen zu unterscheiden: Der
Vormarsch der Boulevardblätter, der Auflagenknick der Qualitätszeitungen, der
Erfolg der Online-Zeitungen im Internet und der wachsende Einfluss der
Inserenten infolge der finanziellen Schwierigkeiten ist hier wie dort zu
beobachten.
Es gibt Fälle,
bei denen trotz einer sehr einfachen Fragestellung jeder auf etwas anderes zu
antworten meint. Ich möchte alle davor warnen, den großspurigen Analysen über
die Volksabstimmung Glauben zu schenken. Denn je nach Analyst wurde über 300 Ft, den Stil der
Regierung, das Erstarken des Neoliberalismus oder den Sozialismus abgestimmt,
oder natürlich über Gyurcsány, Orbán und darüber, dass wir sie endlich beide
loswerden sollten.