Auf ungarischer Seite scheint es sich etwas anders zu verhalten. Hier wirkt die doppelte Zurückweisung durch die EVP nach – erst im Fall des Sargentini-Berichts und nun bezüglich der Fidesz-Suspendierung – und hat eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Das haben die westlichen EVP-Partner des Fidesz aus ihrer gewohnten Perspektive, also stets von oben herab, wohl etwas unterschätzt.

So wie sie sich gewöhnlich zur Orbán-Regierung und zum Fidesz äußerten, schien bei ihnen der feste Glauben vorzuherrschen, dass die Zukunft der EVP-Mitgliedschaft des Fidesz ausschließlich in ihrer Entscheidungshoheit liege. Es kam den westlichen EVP-Partnern nicht in den Sinn, dass hier auch der Fidesz ein Wörtchen mitreden könnte und dass auch die Ansichten der Ungarn etwas zählen.

An den bilateralen Charakter der Verbindung erinnerte der Fidesz bereits am Tag seiner Selbst-Suspendierung, als er in bewusster Analogie zum Weisenrat der West-EVPler einen eigenen Rat der Weisen kreierte. Während ersterer einen Blick auf die ungarische Praxis werfen soll, um irgendwie herauszufinden, ob der Fidesz noch oder wieder EVP-kompatibel sei, soll der ungarische Rat der Weisen wiederum die Praxis der EVP unter die Lupe nehmen, um herauszufinden, ob der nach links strebende Verein dem konservativen Fidesz überhaupt noch ein politisches Zuhause bieten könne.

Nach diesem Anfangsimpuls gibt es im Fidesz-Lager inzwischen immer mehr Stimmen, die einer Fortsetzung der EVP-Mitgliedschaft eher kritisch gegenüberstehen und die Beziehung Fidesz-EVP nicht nur unter machtpolitischen, sondern auch ideologischen Aspekten betrachten. Eine große Begeisterung hinsichtlich einer Fortsetzung der für den Fidesz immer demütigenderen Beziehung will dabei bis jetzt nicht so recht aufkommen.

Ganz im Gegenteil. Immer mehr wird die Sinnfrage gestellt und das ideologisch Trennende thematisiert. Auffallend bei den Wortmeldungen ist auch, dass immer rücksichtsloser und offener argumentiert wird. So wird etwa in einem Kommentar in einer regierungsnahen Zeitung unverblümt die Frage gestellt, was der Fidesz überhaupt noch in der Volkspartei suche. Verbunden mit der Feststellung, dass das, was von der einst konservativen Partei übriggeblieben ist, „uninteressant und ohne jeden Charakter“ sei. Das hört sich nicht gerade nach einer neuentflammenden Liebe des Fidesz in Richtung EVP an.

Alles andere als eine Liebeserklärung ist auch die gnadenlose Demontage des EVP-Spitzenkandidaten Manfred Weber durch die konservative Publizistin Mária Schmidt. Ihre Philippika gipfelt in der vernichtenden Frage: „Warum sollen wir einen nichtsnutzigen Hanswurst wie Manfred Weber, der sich wie ein Fähnchen im Wind dreht, überhaupt noch unterstützen?“

Diese beiden kritischen Stimmen sind bei weitem nicht die einzigen und sicher nicht die letzten. Es wird immer fraglicher, ob und wie es nach all dem noch einmal gemeinsam weitergehen soll. Möglicherweise haben die West-EVP-Parteien, die den Fidesz - angetrieben von einem maßlosen Sendebewusstsein - jahrelang gemaßregelt haben, unterschätzt, dass es sich beim Fidesz um eine souveräne Partei mit Politikern handelt, die durchaus eine eigene Weltsicht haben und sich ihr Denken nicht gerne vorschreiben lassen.

Außerdem hat man in Westeuropa wohl den Stolz der Ungarn außer Acht gelassen. Ab einem gewissen Demütigungsniveau kann dieser Stolz jetzt dafür sorgen, dass sich der Fidesz lieber dafür entscheidet, das sichere EVP-Lager zu verlassen und neue Wege zu gehen. Selbst, wenn dieser Schritt volkswirtschaftlich gewisse Risiken birgt.

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