Die Möglichkeit einer erfolgreichen Kandidatur haben sie nicht einmal in Erwägung gezogen. Dabei könnte bei maximalem Erfolg die knappe Mehrheit der 21 ungarischen Sitze im Europaparlament gewonnen werden – selbst dann, wenn die Opposition die vom Fidesz diktierten Voraussetzungen akzeptiert. Das ist gerade das Dramatische an der ganzen Sache.

Eine europäische Angelegenheit

Welchen anderen Sinn hätten die EU-Parlamentswahlen, als mit ihnen diese große Unterstützung sichtbar und nutzbar zu machen. Man könnte den Bewohnern und Politikern der anderen 26 Mitgliedsstaaten zeigen, dass die ungarischen Wähler ganz anders über Frieden, freundschaftliche Zusammenarbeit und europäisch-christliche Werte denken als etwa ihre Regierung und vor allem als ihr Regierungsoberhaupt.

Nach dem voraussichtlichen Sieg der chauvinistischen Bösewichte, die unter Rückgriff auf die dunkelsten Mittel versuchen, eine mitteleuropäische Hegemonie zu errichten, wird das Ansehen der Ungarns jedoch nicht besser sein als nach den Friedensverhandlungen von Trianon und Paris.

Sicher ist, die Konsequenzen werden unangenehm. Wie wird sich etwa Orbáns jüngstes Versprechen, Ungarn solle bis 2030 zu den fünf führenden Ländern Europas gehören, verwirklichen lassen, wenn wir uns am Rande der EU oder – Gott verhüte – außerhalb der EU in der Umarmung der Russen befinden?

Unsere oppositionellen Parteien haben in diesem politisch und rechtlich straffälligen System nicht die nötigen moralischen Verhaltens- und Handlungsweisen gefunden. Sie scheinen jedoch auch nicht sonderlich danach gesucht zu haben.

Frische Gesichter statt Kader

Leider werden sie – bewusst oder unbewusst – von vielen für Kollaborateure gehalten. Der Opposition selbst scheint es jedoch an Selbstwahrnehmung zu fehlen. Die jetzigen EP-Kandidatenlisten sind mit Personen gefüllt, die jegliches politisches Charisma vermissen lassen.

Statt nur ihre alteingesessenen, aber aussichtslosen Kader ins Rennen zu schicken, hätten die oppositionellen Parteien eine Liste aus herausragenden, parteiunabhängigen Persönlichkeiten aufstellen sollen, die Europa und Ungarn verbunden, allseits beliebt und für alle Parteianhänger und Unabhängige vertretbar sind. Nur so kann ein gemeinsamer Erfolg erzielt werden.

Noch gibt es Hoffnung: Wenn die gesamte Opposition von nun an von morgens bis abends nichts anderes mehr täte, als sich an der Unterschriftensammlung für den Anschluss Ungarns an die Europäische Staatsanwaltschaft zu beteiligen und nur noch darüber sprechen, nur noch dazu Fragen beantworten und nur davon träumen würde, dann wäre vielleicht noch etwas zu gewinnen.


Der Autor ist Chirurg.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 2. März auf

dem Onlineportal des linksliberalen Wochenmagazins Magyar Narancs.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow

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